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Erfahrungsbericht - Bolivien

Autor: SARIRY Deutschland
Projekt: Fundación SARIRY
Träger: SARIRY Deutschland e.V.

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Erfahrungsbericht als Zivi in Sariry

Von Laurenz Schmid

Im Projekt Sariry war ich der erste Zivi oder „Anderer Dienst im Ausland“ -Leistender wie es offiziell heißt. Aus diesem Grund hatte ich eigentlich keine Ahnung was mich in Bolivien erwarten würde, und was meine Aufgaben sein würden, aber ich lies mich nicht aus der Ruhe bringen und flog einfach los um mich überraschen zu lassen. Vorher hatte ich schon privat etwas Spanisch gelernt und außerdem eine zweiwöchigen Sprachkurs in Málaga gemacht, jedoch hatte ich kleine Zweifel besonders nachdem ich einige ernüchternde Erfahrungen mit Spaniern und Chilenen in Deutschland gemacht hatte, bei denen ich kaum ein Wort verstanden habe.
Aber als ich nach ca. 24 Stunden um 24:00 Uhr Ortszeit am Flughafen von El Alto/La Paz ankam war alles perfekt. Ich wurde von einer riesigen Gruppe von Müttern, Kindern, Erzieherinnen und den Leiterinnen des Projekts herzlich empfangen, natürlich erst mal mit einem Mate de Coca gegen die Höhenkrankheit, die allerdings viel unspektakulärer ausfiel als von mir erwartet (leichtes Kopfweh am nächsten Morgen, welches nach einem Aspirin verschwunden war). Wie sich herausstellte sprechen die Bolivianer ein sehr gestochenes und leichtverständliches Spanisch – ich konnte mich also schon relativ gut unterhalten.
Danach fuhr ich mit der Licenciada Vierca (eine der drei Frauen die das Projekt Sariry gründeten) zu ihr nach hause, wo ich auch zum eingewöhnen das erste Monat meines Aufenthalts wohnte. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern, ihrer Schwester ihrem Schwager, ihrem Kind und deren vier Kinder, eine typische bolivianische Großfamilie also. Als ich vom Flughafen zu Viercas Haus in Satelite (ein typisches Mittelschichtviertel und damit eines der besseren von El Alto) fuhr und aus dem Fenster schaute war mein erster Eindruck ich sei in einem ziemlich heruntergekommenen Ghetto gelandet. Dies relativierte sich jedoch sehr schnell als ich in das Haus eintrat, das sich innen kaum von einem unserer Häuser unterscheidet, immerhin waren die fünf Fernseher deutlich größer als die zwei die wir Zuhause stehen haben. Die Viertel von La Paz schauen also oft nur äußerlich so aus wie Ghettos in unserer europäischen Vorstellung mit unverputzten Häusern die immer halbfertig aussehen und Horden von Straßenhunden die rumlungern, aber so schlimm ist das eigentlich gar nicht. Ich habe mich jedenfalls schnell sehr wohl gefühlt.

Dann nach ein paar Tagen war es endlich so weit und ich fuhr zusammen mit Vierca zum ersten Mal zum Projekt Sariry nach Tilata. Tilata ist etwa 45 Minuten mit dem Auto von Viercas Haus entfernt und gehört eigentlich gar nicht mehr zu La Paz bzw. El Alto. Dieses Viertel ist erst in den letzten Jahren durch den Zuzug von Bauern in die Stadt entstanden und eines der ärmsten Viertel von La Paz, es gibt beispielsweise nicht einmal fliesend Wasser und viele Häuser sind nur aus ungebrannten Lehmziegeln gebaut, die bei starken Regenfällen in sich zusammenbrechen. Aber dass kein falscher Eindruck entsteht, Tilata ist keines von den brasilianischen Favelas von denen wir oft hören, in denen es täglich Schießerein zwischen Drogenbossen gibt. Tilata ist eigentlich ein ganz ruhiges etwas verschlafenes Plätzchen in dem jeder jeden kennt, wie ein kleines Dorf eben.
Als ich dort also zum ersten Mal ankam, stürmten mir gleich alle Kinder entgegen und begrüßten mich ganz herzlich schon am Eingang. Im Projekt wurde ich dann nochmals von den Eltern und den Erzieherinnen, die ich schon vom Flughafen kannte begrüßt. Sie zeigten mir alle Räume und erklärten mir ein wenig den täglichen Ablauf in Sariry. Nachdem wir dann ein paar Geschenke ausgetauscht und eine Brotzeit gegessen hatten, spielte ich noch den Rest des Tages mit den Kindern Fußball, wo ich trotz der Atembeschwerden in 4000 Metern Höhe eine absolute Glanzleistung hinlegte (na ja meine Gegenspieler waren auch nur halb so groß wie ich). Ich fühlte mich also vom ersten Moment an willkommen. Am nächsten Tag durfte ich dann die Jugendlichen im Projekt kennen lernen, denn die Gruppen sind in Sariry so aufgeteilt dass am Vormittag die ca. 12 bis 16 jährigen kommen, während am Nachmittag Kinder zwischen 5 und 11 kommen. In der Gruppe am Vormittag sind ca. 15 Jungs und Mädchen, die Nachmittagsgruppe wird wiederum in zwei geteilt, die ganz kleinen, eine Gruppen von ca. 25 Kindern die derzeit von der Educadora Eli betreut werden, und die etwas größeren ca. 35 die von Olga betreut werden. Zentrale Person im Projekt ist Felipa, sie organisiert alles und arbeitet am Vormittag mit den Jugendlichen. Außerdem arbeitet Nati zwei Tage in der Woche mit den Vätern und Müttern, es soll nämlich die ganze Familie im Projekt engagiert sein. Für die Eltern werden insbesondere Nähkurse und Alphabetisierungskurse angeboten. Es ist schwer das Projekt Sariry in einem Wort zusammenzufassen, es ist wie ein Kindergarten, Kinderhort, Jugendzentrum, Fortbildungszentrum und Gemeindehaus in einem. Das tolle an Sariry als Zivi ist, dass das Projekt sehr klein und damit familiär aufgebaut ist. Man kann völlig frei entscheiden, was man tun und wie man sich einbringen will. Es gibt keinen Chef der einen nervt, sondern nur nette Kollegen die sich gegenseitig helfen. Ich habe mir damals überlegt, dass ich am besten Englisch und Grundkenntnisse am Computer unterrichten könnte und ab und zu ein bisschen Erkunde, denn die Geographiekenntnisse sind bei den meisten Bolivianern sehr beschränkt. Auch beim Englisch ist das so eine Sache, es wird zwar in den Schulen unterrichtet, aber auch bei denen, die es schon drei oder mehr Jahre hatten, sind praktisch überhaupt keine Englischkenntnisse vorhanden. Ich war sogar mal in einer Schule im Englischunterricht zu Besuch, wobei die Lehrerin, die ihnen eigentlich Englisch bebringen sollte, selber nur drei auswendiggelernte Sätze sprechen konnte. Das Schulsystem in Bolivien ist also sehr bescheiden. Aber auch ich musste sehr schnell meine Illusionen begraben, den Kindern in einem Jahr englisch beibringen zu können - mehr als selbstständig ein paar Sätze mit to be zu bilden und die üblichen Standartphrasen sind wohl in einem Jahr nicht drin.
Ich kam also Montag bis Freitag um 9:00 Uhr ins Projekt. Vormittags unterrichtete ich an zwei bis drei Tagen in der Woche Englisch ca. 1 bis 1 ½ Stunden, danach gab es immer eine kleine Brotzeit wie zum Beispiel Milchreis. Wenn dann noch Zeit war, spielten wir meistens ein bisschen Fußball. An den restlichen Tagen beschäftigte sich Felipa mit den Jungendlichen und ich half entweder mit, oder suchte mir jemanden aus, mit dem ich beispielsweise Zehnfingerschreiben am Computer übte. Bis 12:00 Uhr mussten alle wieder nach Hause. Dann hatte ich eine großzügige Mittagspause, in der ich zusammen mit Felipa das Mittagsessen zubereitete und mir auch öfter mal eine kleine Siesta gönnte. Zwischen 14:00 und 14:30 Uhr kamen dann die beiden anderen Educadoras Eli und Olga und die Kleineren, mit denen ich wieder ungefähr das gleiche wie mit den Jugendlichen machte, also Englisch, zeichnen am Computer, bei Hausaufgaben helfen, malen, spielen, oder einfach nur beaufsichtigen. Um 17:00 gab es dann wieder Brotzeit, danach Zähneputzen eventuell noch ein bisschen Fußball und um 18:00 Uhr mussten alle wieder nach Hause. Manchmal machten wir auch ganztägige Ausflüge wie in den Zoo oder ins Schwimmbad. Aber natürlich war ich nicht von Anfang an so in das Projekt eingegliedert, ich musste auch erst mal schauen, wie alles läuft, zumal mein Spanisch anfangs auch nicht das beste war. So wie ich es oben beschrieben habe, hat es sich dann mit der Zeit eingependelt.

Nach einem Monat Eingewöhnungsphase, in der ich bei der Familie von Vierca wohnte, habe ich mir dann eine eigene Wohnung gesucht und bin von El Alto in die Stadt La Paz hinuntergezogen. La Paz ist ein bisschen reicher als El Alto und es gibt dort für Jugendliche wie mich einfach mehr Freizeitmöglichkeiten. Der einzige Nachteil war dass sich meine tägliche Fahrt zum Projekt etwas verlängerte. Am Morgen brauchte ich etwa eine Stunde hinauf und am Abend 1 ½ Stunden um wieder hinunter in die Stadt zu kommen. Das war auf die Dauer schon auch ziemlich anstrengend, jeden Tag um acht Uhr morgens aus dem Haus zu gehen und erst um halb acht wieder nachhause zu kommen, und es gibt in Bolivien nur einmal im Jahr Schulferien in denen dann auch Sariry geschlossen hat. Aber ich konnte mir von den Sariry-Leuten in Deutschland aus, auch mal für drei Wochen frei nehmen, in denen ich durch Südamerika gereist bin.

In den 11 Monaten in denen ich in Bolivien war habe ich so viele neue Erfahrungen gemacht und Menschen kennen gelernt, dass ich Deutschland kaum vermisst habe (außer vielleicht während der Fußball WM). Natürlich muss man sich darauf einstellen dass vieles dort anders ist, aber dadurch dass die Menschen dort viel offener und freundlicher gegenüber fremden sind, ist man selten allein und es fällt einem leicht sich in eine etwas andere Kultur einzuleben. Ich kann nur jedem empfehlen auch nach Bolivien zu gehen und sich im Projekt Sariry zu engagieren. Meine Nachfolger können sich meines Neides jedenfalls sicher sein, dies alles noch vor sich zu haben.

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