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Erfahrungsbericht - USA

Autor: Benjamin Fraas
Projekt: Franciscan House of Mary and Joseph
Träger: Verein für soziale Dienste international



Ich kam um etwas zu ändern...

Long Shift, schon wieder. Ich sitze an einem zeitlos hässlichen Schreibtisch mit einer Lampe und einigen Ordnern voller Papiere darauf. 15 Watt erleuchten einen A3 Zettel mit vielen Kästchen und 250 Namen drauf. Deren Besitzer liegen um mich herum und schlafen, die meisten jedenfalls.

Es gibt zur Zeit ca. 90000 Obdachlose im Stadtgebiet voen Chicago, IL. Dazu werden zwar auch die gerechnet, die zur Zeit im Krankenhaus sind oder, wie viele Mexikanische Immigranten, bei der Familie im Keller wohnen; Doch die Anzahl derer, die in Pappkartons, U-bahnschächten, Strassentunneln oder in Sheltern wie dem unseren leben, ist dennoch unglaublich groß. Das "Franciscan House of Mary and Joseph", bei dem ich gerade meinen Zivildienst ableiste, öffnet seit zwanzig jahren jede Nacht seine Türen um einigen Homeless der Southside eine Warme Suppe, ein Bett für die Nacht und eine Gelegenheit zum Duschen anzubieten. Unsere Guys und Ladies schlafen dicht an dicht in - natürlich getrennten - Schlafsälen einer alten Mopfabrik. Sie sind alle ziemlich erschöpft aber zumindest froh das Glück zu haben, einen Platz bei uns zu bekommen... was vor allem jetzt im Winter überlebenswichtig, jedoch nicht immer garantiert ist.

Ich kannte das "Phänomen" Obdachlosigkeit aus Deutschland wohl genau so gut wie der typische Mittelklasseamerikaner. Ein paar peinlichen Begegnungen am Bahnhof, der "Strassenkreuzer" -Verkäufer in der Innenstadt, ein zwei überflogene Zeitungsartikel, der Rest wird übersehen oder verdrängt. "In Deutschland/Amerika muss niemand draussen schlafen, der nicht will!" Jetzt liegen sie schnarchend und hustend um mich herum, nahe und real. Es hat sich nichts geändert, nur meine Perspektive.
Natürlich, als ich ankam glühte ich förmlich vor Helfersyndrom, meine ersten Smalltalks mit den Gästen waren schüchtern aber peinlich freundlich. Ich wollte helfen, den Leute wieder auf die Beine zu helfen, sie zu ermutigen und echt etwas zu verändern. Vier fünf Wochen ging das so. Ich lernte die Namen vieler Leute, mein Englisch kam wieder auf touren, ich war fasziniert von Chicago und schien palettenweise wertvolle Erfahrungen zu machen.

Dann einige "schlechte" Situationen. Ich versuchte die Hausregeln übermässig streng durchzusetzen und wurde angeschriehen. Ich musste 150 Kilo schweren, verärgerten Betrunkenen klar machen, dass sie heute Nacht nicht herein kommen könnten. Ein psychisch Kranker verstreute ein paar Tage lang seine Hinterlassenschaften auf den Gängen. Ich verstand weder den üblen Slang, die Körpersprache noch die ganze Kultur unserer übermäßig schwarzen Gäste. "Über was kann ich mich mit ihnen den schon unterhalten?" Die andauernden Nachtschichten erschöpften mich zusehends und ich begann alles zu verachten. "Die Leute sind alle gestört, undankbar, gefährlich, disziplinlos... kein Wunder" Mit meiner Deutschen Kultur und Erziehung, mit ihrer Gründlichkeit und dem Ideal alle Probleme objektiv auszudiskutieren war ich schlicht verloren. Die Leute wollten meine Argumente nicht hören, wollten alles sofort und trotzdem und ich sollte mich doch verpissen.

Da man mir als einzig wichtige Regel eingebläut hatte, die Gäste nie respektlos zu behandeln, lernte ich mitternächtlichen Schreiduelle und andere Unstimmigkeiten unter den Leuten oder auch mit mir immer mit Beschwichtigungen oder Rückzug aufzulösen. Glücklicherweise ist das, gerade am Anfang, immer gut ausgegangen! Mit den Monaten füllten sich langsam die Kulturellen Gräben und nachdem ich das zehnte mal den Krankenwagen oder die Polizei geholt hatte, wurde auch das zur Routine. Ich wurde sicherer in Gesprächen und meiner etwas seltsamen Rolle, in der ich als 20 Jähriger von 55 Jahre alten Möbelpackern als "Sir" andgeredet werde. Kurz, ich lernte die notwendige Diplomatie, um als freundlich angesehen und dennoch respektiert zu werden. Vor allem aber verstehe ich langsam die Schicksale Menschen, warum sie bei uns gelandet sind und weshalb sie so schwer wieder in die "Gesellschaft" aufsteigen koennen.

Viele unserer Jungs sind psychisch und/oder physisch krank. Sie haben schwere Drogenprobleme, Paranoia, Flashbacks in den Tschungel Vietnams oder kaputte Hüften und sind so nicht in der Lage selbst die schlechtbezahltesten Jobs zu bekommen. Sie geben ihre monatlichen 400 Dollar aus Governmentchecks in vier Tagen in Hotelzimmern und Liquorstores aus und kommen danach wieder zu uns. Andere haben nie Lesen und Schreiben gelenrt, sind vorbestraft oder alt und mit kaum Rente entlassen worden und können deshalb kaum wieder ins Arbeitsleben einsteigen.
Ein nicht unbedeutender Teil der Leute arbeitet jedoch auch, manchmal bis zu 70 Stunden pro Woche. Jedoch reicht ihr "Minimum Wage" von derzeit knapp über 5 Dollar/Stunde kaum aus um ihre Alimente, Tilgungen oder Medikamente zu bezahlen. Arbeit oder nicht, Chicago ist extrem teuer. Und wer die horrenden Mieten nicht bezahlen kann, landet, vor allem als Single, schnell auf der Strasse. Wer erst mal dort ist resigniert, erfährt aktive und passive Gewalt, wird anfälliger für "weiche" und harte Drogen und Krankheiten. Er sieht sich von einer massiv Erfolgsorientierten Gesellschaft verachtet und vom Staatsapparat (seinen Beamten), der hier neuerdings selbst das Betteln und Herumhängen in Einkaufsgegenden verboten hat, alleingelassen. In unserem South- Dorm, wo die Regulars schlafen kommen einige seit mehr als Zehn Jahren... jeden Tag. Die erstaunlich vielen Kinder in unserer Gegend in ghettoähnlichen Wohnblocks leben, werden auf dieses Leben geprägt und landen später oft im Knast oder bei uns.

Natürlich haben wir einige Psychologen und Casemanager, die Hilfesuchenden mit Formularen und bei Behördengängen helfen und versuchen, sie in Drogenenzugsprogramme oder Heime zu bekommen. Diese Programme sind jedoch chronisch unterfinanziert, die Counselors kaum mit Ressourcen ausgestattet und im Arbeitsvolumen völlig überfordert. So wie die meisten Shelters und Sozialen Rettungsanker hängen sie am Tropf von reichen Spendern und Volunteers, die durch die Kirchen animiert und organisiert werden. Der Staat handelt strikt nach dem Kosten/Nutzen Prinzip, schiesst nur das Nötigste zu, schweigt das Problem sonst lieber tot und wird auch von den Medien nicht zum handeln gezwungen... der Irakkrieg ist spannender!

Die Situation der Leute scheint, bis auf Wenige ausnahmen, ziemlich aussichtslos und oft schlicht tragisch. Jedoch muß ich zugeben, ich arbeite hier nicht im Tal der Tränen. Unsere Gäste sind eigentlich immer zum scherzen aufgelegt und meistens freundlich. Die wenigsten beklagen sich. Sie erzaehlen zwar alle gern von ihrem hard-life, aber nur in laengeren Gespraechen. Wenn ich vor die Tuer gehe, rede ich meistens ein paar Minuten mit unseren Hardcoreobdachlosen, die sich nicht mal ein Busticket zur naechsten Suppenkueche / Bibliothek leisten koennen und an der Mauer entlang auf ihren Plastikkisten auf bessere Zeiten (= unser „Opening" um 8.30 Uhr) warten. Sie erzählen dann immer von irgendwelchen Ex-abenteuern (z.B. alls einer einen Gutschein fuer ein All-you-can-eat in der Muelltonne fand), natürlich von der Frauenwelt, und geben mir immer ernst gemeinte Lebensgestalltungstipps.

Ich denke, dass ich mich im letzten halben Jahr schon ganz schön verändert habe. Ich bin nicht mehr so sicher ob meine Arbeit hier wirklich etwas zum Positiven verändert, obwohl ich natürlich weiß, dass sie notwendig und richtig ist. Frustriert bin ich aber überhaupt nicht. Mir hat sich ein völlig neuer Kulturkreis erschlossen... nicht nur die Amerikaner, sondern vor allem ärmere Menschen. Und ich fühle mich jetzt unter ihnen genau so wohl wie in meiner deutschen Umgebung. Ich kann mich ohne Zwang mit ihnen unterhalten, ihre Probleme zumindest teilweise nachvollziehen und habe gelernt, materielle Werte für personliches Glück als weitgehend unwichtig einzuschätzen. Dann habe ich auch einige seltsame, manchmal gefährliche, Situationen durchlebt und so einiges an Selbstvertauen und Ruhe gewonnen. "Alles schon mal erlebt!"

Benjamin Fraass

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Özkan alkasi schrieb am 17.03.12 um 20:10 Uhr:
Es scheint sich ja nicht viel verändert zu haben. Sind bert und Nancy noch da? Und father Jim? War 1994-1995 dort.
*deleted*

anonym schrieb am 02.04.09 um 21:17 Uhr:
wow du scheinst ja einiges erlebt zu haben. Ich finde, dass echt spannend, besonders auch, weil ich selber ein fsj in den USA machen möchte und ich gehe davon aus, dass ich genau so viele gute wie auch schlechte Erfahrungen machen werde.

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