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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Sebastian Rückel, Florian Rückel
Projekt: Strassenkinderprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



Die ersten Worte sind ja bekanntlich am schwersten zu finden. Nicht nur jetzt, wenn uns alle Erinnerungen der vergangenen zwölf Monate wieder durch den Kopf schießen, sondern auch unsere ersten Schritte in Brasilien mit nur holprigen Portugiesischkenntnissen waren eben gar nicht so einfach. Nach der Ankunft in Rio de Janeiro war es damals der berühmte Christus auf dem steilaufragenden Corcovado, der uns einlud, seinen Blick auf die Stadt zu teilen. Eine Aussicht, die wir wie Scharen an Touristen genossen. Als Wahrzeichen schaut er eben nicht nur auf das Treiben am Zuckerhut herab, sondern breitet vielmehr seine Arme über das ganzes Land aus. In den Strassen unterhalb lobt man Brasilien deshalb als "Terra de nosso Senhor" – eben als Sein Land - mit einem Sambalied. Sein Blick ist immer auf die Schönheit der Bucht von Guanabara gerichtet; aber er sieht noch ganz andere Seiten seines Landes.

Für uns ging es nach ein paar Tagen schon weiter in das gut 2000 Kilometer entfernte Petrolina im Nordosten Brasiliens. Die Straßenkinderprojekte der Diözese sollten unser Einsatzort sein. Außerdem stand auch noch Deutschunterricht für Priesterseminaristen und Portugiesischstunden für uns an. Von Bischof Paulo Cardoso wurden wir mit unseren Aufgaben vertraut gemacht. Er war uns kein Unbekannter mehr, da wir ihn in Deutschland schon bei einem Besuch kennen lernen durften. Mit deutscher Unterstützung wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte in seinem Bistum verwirklicht. Das Priesterseminar, unsere Unterkunft, zahlreiche Bildungsstätten für Erwachsene und Jugendliche und schließlich Petrape; eine Abkürzung, die für die "kleinen Arbeiter von Petrolina" steht. Speziell in letzterem sollten wir mithelfen. 1982 von einer Ordenschwester aus bescheidenen Anfängen am damaligen Stadtrand gegründet, bot es bis heute schon mehr als 8000 Jungs zwischen sechs und 18 Jahren eine betreute Unterkunft mit Verpflegung und die Möglichkeit die Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu erhalten. In den vergangenen Jahren ist auch noch ein Haus für Kleinkinder dazugekommen und ein eigener Bauernhof, der den Jugendlichen nicht nur zur Ausbildung im landwirtschaftlichen Bereich dient, sondern durch den Verkauf der Früchte und des Gemüses auch das Projekt selbst unterstützt. Die von Dom Paulo Cardoso nach Bamberg hergestellten Kontakte sollten intensiviert werden. Erstmals bekamen die Kinder von Petrape Post von ihren Brieffreunden aus Burgwindheim zu dessen Grundschule eine Partnerschaft initiiert wurde. So war unsere erste Aufgabe für die Buben und Mädchen in Deutschland Briefe von ihren brasilianischen Freunden zu schreiben. Der einfachste Weg war sicherlich ein Einzelinterview, um Hobbies, Berufswunsch und ähnliches herauszufinden und um die Kinder besser kennen zu lernen. Wir erfuhren mehr über ihr bisheriges Leben und vor allem, warum sie eigentlich hierher nach Petrape gekommen sind. Einige wurden schon mit 12 mehrmals von der Polizei beim Stehlen erwischt oder einfach von der Strasse aufgesammelt, andere aus der Verwahrlosung überforderter, alleinstehender und häufig viel zu junger Mütter gerettet. Wieder andere wurden von den Behörden an das Projekt übergeben, weil die Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind. Der Vater einiger Geschwister wurde in Salvador erschossen und niemand kümmerte sich um ihn. Wir bemerkten auch, dass es den Kindern und Jugendlichen nicht besonders schwer fiel sich für irgendwelche Dinge zu begeistern. Allerdings verflog das Interesse meist auch so schnell wieder, wie es gekommen war. Ausdauernd in einer Sache zu sein oder sich mit einem Thema intensiv zu befassen müsste stärker gefordert werden.

Morgens und teils auch nachmittags gehen die Kinder in die nahe gelegene Schule. Es geht laut zu und es scheint fast eine unüberwindbare Hürde zu sein, Ruhe in die quirlige Menge zu bringen. Mit einer kleinen Glocke und piepsender Stimme versucht es die Rektorin dennoch. Die Ausbildung und die Lernbedingungen sind wie an vielen staatlichen Schulen Brasiliens schlecht. Genervt und gestresst sind die Lehrer, die häufig noch andere Berufe ausüben, damit ihre Familie versorgt werden kann. Um das Bildungsniveau der Bevölkerung zu heben hat sich die Politik noch einen Geniestreich erlaubt. Es werden eben auch Kinder immer weiter versetzt deren Zensuren und Leistungen eine Versetzung eigentlich nicht erlauben. Die Folge: 14- und 15järige, die erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben.

Am Nachmittag bei Volleyball, Fußball oder Brett- und Kartenspielen geht es ebenfalls wieder hoch her. Bei den häufigen kleineren Kratzern oder Wunden, die beim Spielen eben nicht selten geschehen, muss auch improvisiert werden, da Mullbinden oder Pflaster wieder einmal dem Ende zugegangen sind.

In der ganzen Stadt ist vor allem die Trommel- und Trompetengruppe von Petrape bekannt. In ihren Kostümen sind sie auch bei allen offiziellen Anlässen dabei, wie den Feierlichkeiten zum Stadtgeburtstag. Dass hierfür auch viel geübt werden muss, ist klar.

In der Bäckerei sind Interessierte fleißig beschäftigt Brötchen, Kuchen und Brezeln zu backen, um sie zu verkaufen oder selbst zu essen. Ebenso in der Schnitzerei wird ständig an kleinen Booten oder Heiligenfiguren gearbeitet. Das Prinzip ist jedoch immer gleich. Die Älteren müssen sich um die Jüngeren kümmern, ihnen etwas beibringen und für sie auch Mitverantwortung tragen. Dafür haben sie aber auch das Sagen und einige Vorrechte; zum Beispiel wenn es um Ausgang oder einen freien Nachmittag in der Stadt geht.

Die gesamte nordöstliche Region als Sertão bekannt ist sehr trocken und gilt als das unterentwickelte Armenhaus Brasiliens. Wie eine Lebensader verläuft der Rio São Francisco durch dieses Gebiet. Das Tal um den Fluss ist eines der weltgrößten Anbaugebiete für Tropenfrüchte. Schier unendlich scheinen die Mango-, Bananen-, Maracuja- oder Kokosnussplantagen. Durch ein weitläufiges Bewässerungssystem sind bis zu drei Ernten im Jahr möglich und diese werden in alle Welt exportiert. Bei Besuchen auf den Bauerhöfen haben wir auch einen Eindruck von den Lebensumständen der Plantagenarbeiterfamilien bekommen. In Hütten aus Lehm und Palmzweigen hausen unter menschenunwürdigen Bedingungen kinderreiche Großfamilien, fernab medizinischer Versorgung oder einer adäquaten Schulausbildung und die Kleinkinder sind überdeckt und gequält von Mücken. Um aus der Realität zu fliehen strahlt das Fernsehen fast ununterbrochen sogenannte novelas (Seifenopern) aus. Es wird das Leben der Schönen und Reichen in den Städte nachgezeichnet. Die meisten von ihnen träumen deshalb bei einem Hungerlohn von 8 Real (2,15 Euro) pro Tag von einer besseren Zukunft in irgendeiner der Großstädte Brasiliens. Nicht wenige wagen das Abenteuer und wandern schließlich ab, um in einer favela Salvadors, Rio de Janeiros oder São Paulos eine Tagesreise vom Zentrum entfernt ihr Glück zu versuchen. Sie kommen an ohne zu wissen wo sie die Nacht mit ihren Kindern verbringen sollen und ohne einen Pfennig Geld in der Tasche zu haben. An unbewohnten Hängen versuchen sie in Pappeverschlägen eine erste Existenz aufzubauen. Die Realität aus Gewalt, Drogen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Prostitution holt viele schnell ein. Ein erschütternder círculo vicioso beginnt. Eine Realität die wir uns zuvor in Deutschland so hätten nicht ausmalen können.

Nicht nur an Wochenenden, sondern auch in der Ferienzeit haben wir dann für ein paar Tage die notwendigen Sachen gepackt, inklusive einer Hängematte und es ging auf die im Rio São Francisco gelegenen Inseln zum Camping. Mit brasilianischen Rhythmen auf der Gitarre und bei selbstgemachter Caipirinha haben wir dann den Sonnenuntergang genossen. Erinnerungen die bleiben werden.

Florian und Sebastian Rückel

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