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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Matthias Schmalz
Projekt: Strassenkinderprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



1. Projektbeschreibung
2. Ein gewöhnlicher Tagesablauf
3. Persönliche Rolle und Aufgaben innerhalb des Projektes
4. Negative Erfahrungen
5. Positive Erfahrungen
6. Chancen und Grenzen der Mitarbeit
7. Persönliche Veränderungen während des Aufenthaltes
8. Veränderungen bei den Betreuten
9. Vorschläge zur Weiterentwicklung des Projektes

1. Projektbeschreibung


Meinen Dienst habe ich in der Chácara Padre Michelis (= Farm des Priesters Michelis) geleistet, die von der Fundação Educacional Meninos e Meninas de Rua Profeta Elias (= Verein für die Erziehung von Straßenkindern Prophet Elias e.V.) getragen wird. Die Chácara liegt an der
Br 116, KM 144
Rua Secundária s/n°
Quatro Pinheiros
83 800-000 Mandirituba-Paraná-Brasil

Übersetzung:
Bundesstraße 116, km 144
zweitwichtigste Straße, keine Hausnummer
Stadtviertel: Vier Pinien
Plz.: 83 800-000 Mandirituba-Paraná-Brasilien
Leiter des Fördervereins ist Luis Carlos Martins, die Chácara wird von Fernando Francisco de Gois geführt.
Andere Personen, die in dem Projekt arbeiten sind:
a. Neco, Erzieher im 1. und 2. Haus und Hausmeister
b. Adilson, Erzieher im 2. Haus
c. Paulo, Erzieher im 2. Haus und Leiter der Granja
d. Margit, deutsche Volontärin, die hauptsächlich im 1. und 2. Haus arbeitet
e. Dona Ana, Köchin, zuständig für das 1. und 2. Haus
f. Adriano, ehem. Straßenkind, hilft im 2. Haus mit
g. Tatinho, ehem. Straßenkind, hilft im 2. Haus mit
h. Guto, brasilianischer Volontär (5/01 - 11/01), zuständig für Theater und die Hausaufgabenhilfe
i. andere Volontäre aus dem europäischen Ausland, die bis zu der Dauer von 13 Monaten das Projekt
unterstützen
j. Lazinho, Leiter des 4. Hauses
k. lete, Erzieher im 4. Haus
l. Beia, Erzieher im 4. Haus
m. Dona Lourdes, Köchin, zuständig für das 4. Haus
n. João Paulo, Erzieher im 4. Haus
o. Sebastian, deutscher Volontär im 4. Haus, der den Dienst fast zur gleichen Zeit mit mir geleistet hat
p. andere Volontäre aus dem Ausland, die bis zu der Dauer von 13 Monaten das Projekt unterstützen

Ziel ist, Straßenkinder aus Curitiba und Umland in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen so zu ermöglichen aus eigener Kraft ein menschenwürdiges Leben zu führen. Dazu sind sie in der Chácara untergebracht, es handelt sich also um kein Tagheim.
Formal gesehen ist Luis der President des Vereins. Fernando dient lediglich als Kassier und Leiter der Chácara. Danach kommen alle Erzieher und Volontäre, wobei deren Verhältnis untereinander nur wenig definiert ist. Lazinho ist der Vorgesetzte der anderen Personen aus dem vierten Haus.

Tatsächlich aber spielen die Mitglieder des Fördervereins nur eine Nebenrolle, der wahre Chef ist Fernando. Ihm folgt Neco als einer der dienstältesten Erzieher. Darauf kommen Margit und Guto. Adilson, Paulo, Adriano, Tatinho und die anderen Volontäre, die im 1. und 2. Haus arbeiten liegen in der untersten Ebene.

Die Mitarbeiter im 4. Haus lassen sich in diese Hierarchie nur schwer einordnen wegen der räumlichen Entfernung und der relativ geringen Beziehung der beiden Projektteile. Lazinho hat jedoch eher weniger Einfluss als Neco, ist also unter ihm anzusiedeln. Innerhalb des 4. Hauses herrscht eine flache Hierarchie, da Lazinho sich als Leiter nur schwer durchsetzen kann, weil er von Fernando fast keine Unterstützung erhält.
Das Projekt finanziert sich aus großen Teilen über regelmäßige Spenden aus der Schweiz von dem "Verein der Freunde der Straßenkinder in Brasilien". Daneben gibt der Staat regelmäßige Zuschüsse. Auch Gelegenheitsspenden spielen eine wichtige Rolle. Diese kommen u.A. vom Rotary Club und vielen privaten Spendern und Spendensammlern.

2. Ein gewöhnlicher Tagesablauf


Ein gewöhnlicher Tag auf der Chácara begann mit dem Aufstehen im 3. Haus. Die Uhrzeit schwankte zwischen 6:00 und 8:00. Dem folgte das Frühstück im 1. Haus. Über lange Zeiträume hinweg molk ich morgens mit einem der Kinder die Kühe (maschinell) und evtl. Ziegen (von Hand).
Der weitere Tagesablauf war wenig strukturiert. Vormittags wurden Arbeiten in der Landwirtschaft, Konstruktion, Putzarbeiten ... etc. erledigt. Um 12:00 gab es Mittagesse. Bis 13:30 war dann Mittagspause, die ich aber erst ab der zweiten Diensthälfte als solche nutzte. Davor hatte ich immer direkt nach dem Essen weitergemacht.

Auch der frühe Nachmittag diente zunächst der Erledigung von anfallenden Arbeiten. Da die Kinder nun keine Schule hatten, wurden sie ein wenig miteinbezogen. Nachdem ich 7 Monate auf der Chácara gearbeitet hatte, wurde in dieser Zeit eine Hausaufgabenhilfe speziell für die Jüngeren eingeführt, bei der ich mich stark engagierte.

Um 16:00 gab es Kaffee. In der Zeit danach hatten die Kinder Freizeit. Ich kümmerte mich oft noch um die Tiere (Futter geben, einfangen für die Nacht ... etc.). In den Zeiten, in denen es viel Arbeit gab, wurde auch nach dem Kaffee gearbeitet. Oft erledigte ich auch Büroarbeiten nach dem Kaffee. Das Abendessen lag zwischen 19:00 und 20:00. Eine Zeitlang spielten wir im Anschluss Gesellschaftsspiele mit den Kindern. Ansonsten zog ich mich nach dem Abwasch zurück ins 3. Haus.

3. Persönliche Rolle und Aufgaben innerhalb des Projektes


Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich während meines Dienstes in der Chácara fast alle Arten von Arbeiten irgendwann einmal verrichtet habe. Besonders in der ersten Zeit war meine Rolle wenig definiert. Erst später hatte ich bestimmte persönliche Aufgaben. Da Fernando selbst nicht mit Computern umgehen kann, benötigt er immer einen "Sekretär". Der war ich ziemlich bald, da ich mich nicht nur gut mit Computern auskenne, sondern auch sehr schnell schreiben kann. Ich erstellte viele Dokumente, Pläne und Listen in Word. Daneben registrierten wir alle Rechnungen in Excel-Tabellen, wobei ich einige Verbesserungen einführte. Die Datenhaltung war sehr chaotisch, als ich kam, ich unternahm einige Anläufe, dies zu verbessern, scheiterte aber, da einfach zu viele Personen den Computer benutzten. Auf der anderen Seite lernte ich so, die vielen Suchfunktionen effektiv zu nutzen, da ich ständig irgendwelche Dokumente auf der Festplatte suchen musste.

Vom Anfang bis zum Ende des Dienstes begleiteten mich die Tiere. Besonders am Anfang molk ich mit einem der Kinder die Kühe jeden Tag. Da wir eine Melkmaschine hatten, war das nicht besonders schwierig. Den Umgang mit den Kühen lernte ich sehr schnell. Später molk ich auch noch die Ziegen (von Hand), gewöhnte ihnen aber auf Dauer das Milch Geben ab, da der Ertrag den Aufwand nicht rechtfertigte. Alle Ziegen gaben zusammen etwa ein bis zwei Tassen Milch, die Melkprozedur dauerte jedoch über eine halbe Stunde. Gegen Ende des Dienstes übernahm ich die Verantwortung für fast alle Tiere des 1. und 2. Hauses. (Kühe, Pferd, Ziegen, Schafe). Ich bereitete das Futter vor, fütterte die Tiere, fing sie abends ein, falls nötig, ... etc. Wenn eine Ziege zur Welt kam, benötigte ich am Ende des Dienstes keine fremde Hilfe mehr. Auch kleinere Reparaturen an den Zäunen und Ställen führte ich selbständig durch. Dabei wurde ich von Neco angeleitet.

Ab dem 3. Dienstmonat wurde die Granja wieder in Betrieb gesetzt. Das ist eine Hühnerfarm, die bis zu 9000 Schlachthühner aufnehmen kann. Die Hühner werden direkt nach dem Schlüpfen angeliefert und werden dort 7 Wochen lang gemästet. Dann werden sie wieder abgeholt und geschlachtet. Dies ist eine kleine Einnahmequelle der Chácara, jedoch wird die Rentabilität stark geschmälert, da sich die Kinder zu wenig in der Granja engagieren, so dass ein Erzieher sich eigens darum kümmern muss. Wenn man die Einnahmen der Granja mit dem Gehalt dieses Erziehers verrechnet und die restlichen Ausgaben abzieht, bleibt leider nicht viel übrig. Auch die Volontäre arbeiten dort. Jeden Tag müssen etwa 200 Futterbehälter, die je 30 kg Futter fassen, aufgefüllt werden. Außerdem muss man Wasser wechseln, die Trinkautomaten reinigen, die Belüftung und die Heizöfen kontrollieren ... etc. Am Wochenende übernahm ich manchmal die volle Verantwortung für die Granja.
Handwerkliche Arbeiten gab es immer wieder, anfangs bauten wir eine Mechanikerwerkstatt, später mussten einige Wände angestrichen werden, wir machten eine Betonstufe vor dem ersten Haus und legten Fliesen in der Küche... etc. Bei den Teilen dieser Arbeit, bei denen man nicht viel Vorwissen brauchte, half ich mit, sofern ich Zeit hatte.

Fernando war dienstlich viel unterwegs. Da Curitiba, die nächste große Stadt, etwa 50 km entfernt liegt, war das Auto oft das einzige sinnvolle Verkehrsmittel. Weil Fernando selbst keinen Führerschein hat, waren die Volontäre und einige der Erzieher seine Chauffeure. So auch ich. Anfangs hatte ich gewisse Probleme, mich an den alten VW-Bulli zu gewöhnen. Aber das legte sich schnell. Was Autofahren angeht, lernte ich eine ganze Menge dazu. Außerdem lernte ich so Curitiba wesentlich besser kennen, da ich auch in abgelegenere Viertel kam. In meiner zweiten Diensthälfte wurde eine Hausaufgabenhilfe für die Jüngeren eingeführt, da im Vorjahr sehr viele sitzengeblieben waren. Zunächst führten Adilson und ich diese Veranstaltung durch. Nach drei Monaten stieg Guto (ein ehemaliger Gymnasiallehrer aus Curitiba) mit ein. Wenn die Kinder mal verletzt waren, kamen sie oft zu mir und baten um Pflaster, Verbände oder um Ratschläge. Ich entfernte auch die Medikamente aus dem Büro und brachte sie in die Projekteigene Arztpraxis, damit die Kinder nicht wegen jeder Kleinigkeit eine Tablette nahmen. Dadurch machte ich mich ziemlich unbeliebt. Wenn ein Kind mal Medikamente brauchte, sorgte ich für die korrekte Einnahme, sofern ich davon erfuhr. (Manchmal kümmerten sich auch andere Erzieher darum.)

Ganz zum Anfang des Dienstes setzte ich etwa 9 Computer wieder in Stand, die Volvo vormals der Chácara gespendet hatte. Eine Zeit lang versuchte ich, einen Computerkurs durchzuführen, was mir aber nicht gelang. Ich hielt die Computer weiter in Stand und sie wurden immer wieder von den Kindern für Schularbeiten benutzt. Spiele hielt ich konsequent draußen, (worüber sich die Kinder anfangs ziemlich ärgerten) da frühere Versuche gezeigt hatten, dass die Spiele die Kinder süchtig und aggressiv machten. Leider gingen die Computer wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nach und nach kaputt. Am Ende waren nur noch 4 übriggeblieben. Für Hausarbeiten im 1. und 2. Haus war ich nicht zuständig, jedoch kam ich als Vertretung immer wieder an die Reihe zu kochen und zu putzen und manchmal auch Wäsche zu waschen. Das war jedoch eher seltener. Ab und zu spielte ich mit den Kindern, jedoch eigentlich viel zu selten. Das liegt daran, dass ich kein Fußball spiele und auch daran, dass ich anderweitig stark ausgebucht war. Auch war das Fernsehen leider immer wieder eine starke Konkurrenz zu anderen Freizeitbeschäftigungen.

4. Negative Erfahrungen


Besonders am Anfang des Dienstes hatte ich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Manche verschwanden im Lauf der Zeit, sowie ich mich an die anderen kulturellen Verhältnisse gewöhnte und die Sprache besser beherrschte. Andere begleiteten mich während des ganzen Dienstes.
Am Anfang war es für mich sehr schwierig, mich in die Arbeit hineinzufinden, da ich von Seiten Fernandos keinerlei Anleitung und Rückmeldung bekam. Ich lebte in ständiger Unsicherheit, ob das was ich tat, richtig und sinnvoll war. Ich erinnere mich noch genau an den Tag - ich war bereist vier Monate im Projekt -, als Fernando das erste Lob an mich aussprach. Ich halte diese Art der Behandlung der Volontäre für falsch. Der Anfang ist sowieso eine sehr schwierige Situation, in der fast jeder nach Orientierung sucht. Indem Fernando die Arbeit nicht beobachtet, hinterher beurteilt und Hilfestellungen gibt, erschwert er die Situation eines jeden Volontärs unnötigerweise.

Da die Kinder in ihrem Leben auf der Straße keinerlei Regeln unterworfen sind, fällt es ihnen normalerweise sehr schwer, sich in die Gruppe einzufügen und die Erzieher als Autoritätspersonen zu respektieren. Deshalb haben die Volontäre besonders in der Anfangszeit große Schwierigkeiten, sich durchzusetzen. Diese Schwierigkeiten werden noch durch die mangelnde Ausdrucksfähigkeit in der portugiesischen Sprache verstärkt. Mit der Zeit verschwanden die sprachlichen Schwierigkeiten und die Beziehung zu den Kindern wuchs. Dadurch nahmen die Respektprobleme ab. Jedoch blieben sie in einem so hohen Maße, dass die Effizienz der Arbeit dadurch stark eingeschränkt war. Was fehlte waren nicht so sehr geeignete Bestrafungsmöglichkeiten, sondern eher ein Disziplinkodex. D.h. den Kindern fehlte es an Orientierung, was gut und was schlecht war, oder sie wussten es, Regelverstöße wurden jedoch einfach ignoriert und zogen keine Konsequenzen nach sich. Immer wieder testeten die Kinder die Grenzen dessen aus, was sie tun durften und unterlassen sollten. Dabei stießen sie selten auf ausreichenden Widerstand oder der Widerstand war je nach Erzieher ganz unterschiedlich. Die Folge war, dass die Kinder immer rebellischer wurden. Die Kontrolle aller Vorgänge im Projekt ist sehr stark auf Fernando konzentriert. Da er den Kindern gegenüber sehr nachgiebig und inkonsequent ist, ist es sehr schwierig, als Volontär einen konsequenten Führungsstiel zu realisieren.

Die Probleme wurden dadurch verstärkt, dass eine geordnete Koordination des Erzieherteams nicht möglich war, da zu wenig Besprechungen stattfanden, um die Arbeit zu planen und hinterher zu bewerten. Und oftmals wurde das Besprochene nicht in die Tat umgesetzt. Um dies zu erläutern will ich ein Beispiel anführen: Es wurde geplant, einen Videorekorder zu kaufen, um eine Alternative zum Fernsehen zu schaffen, bei der sich die vermittelten Inhalte besser steuern ließen. Man wollte gezielt pädagogisch sinnvolle Videos zeigen. Die Praxis sah so aus: Reihum durften die Jungen Videos ausleihen, die sie dann am Wochenende ansahen. Dabei hatten sie freie Auswahl und liehen vorzugsweise gewaltverherrlichende Action-Filme aus. Die Theorie wurde also nicht in die Praxis umgesetzt. Als sie dann eines Abends im Begriff waren, "8mm", einen überaus gewaltverherrlichenden Film, gemeinsam (Jungen unter 12 Jahren nicht ausgenommen) anzusehen, intervenierte ich. Ich erklärte Fernando, was ich von dem Vorhaben hielt, und er bat mich, die Kassette einzukassieren. Das tat ich und machte mich dabei äußerst unbeliebt. Zwei Tage später wurde das Video erneut freigegeben und die Jungen sahen den Film gemeinsam an. Ich hatte nichts erreicht.
Auch die Einstiegsphase der Hausaufgabenhilfe war eine äußerst unangenehme Erfahrung. Nachdem die erste Euphorie der Kinder verflogen war, hatten wir immer mehr mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Es wurde von Tag zu Tag schwieriger, die Kinder dazu zu bringen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Bei den kleinsten Schwierigkeiten sprangen sie sofort ab. Dies lag zum einen an den oben beschriebenen Problemen in der Struktur des Projekts - von Fernando war keine Unterstützung zu erwarten. Jedoch lag es auch nicht minder an dem Fehlen von Erfahrung im erzieherischen Bereich und speziell bei Adilson von fachlichen Kenntnissen in den unterrichteten Fächern. Glücklicherweise begann nach drei Monaten Guto mit der Arbeit an der Chácara. Mit seiner Erfahrung und seinem Feingefühl konnte er einiges wieder wettmachen, was uns nicht gelang.

Leider werden die Küche und die Speisekammer im ersten Haus von Dona Ana äußerst schlampig geführt. Dadurch würde das Niveau der Hygiene im unteren Teil des Projekts erhebliche Mängel aufweisen, wenn nicht Margit immer wieder in freiwilliger Zusatzarbeit dies tut, was Dona Ana unterläßt. (Ich muss jedoch betonen, dass dies ausschließlich ein Problem der ersten beiden Häuser ist und nicht des 4. Hauses, in dem die Küche von Dona Lourdes geführt wird.) Während der Dauer von ein paar Wochen stellte Margit diese Arbeit ein, um zu sehen, was passieren würde. Insgesamt wurde die Küche wesentlich dreckiger, besonders die Schränke, wodurch vor allem Fliegen angezogen wurden. Essensreste wurden schlecht gelagert, teilweise hatten die Katzen Zugang zu Essen, dass später für Menschen noch mal aufgewärmt wurde. Die Speisekammer wurde chaotischer und schmutziger. Oft blieben verdorbene Lebensmittel noch tagelang in der Speisekammer.

Im unteren Teil des Projekts würde ich davon abraten, das Leitungswasser zu trinken ohne es vorher abzukochen. Eigentlich ist das Wasser in Quatro Pinheiros trinkbar, da es aus einem dorfeigenen Brunnensystem kommt. Jedoch fließt es, bevor es aus dem Wasserhahn kommt, durch die Vorratsbehälter auf dem Dach des Waschhauses. Diese sind leider nicht ausreichend abgedeckt und daher ziemlich dreckig. Deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn auch keine direkte Lebensgefahr besteht. Ich habe das Wasser monatelang getrunken und nichts bemerkt.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft die Handhabung von Diebstählen im Projekt. Wenn einer der Jungen nach einem Diebstahl erwischt wurde, war die einzige Folge, dass er den gestohlenen Gegenstand zurückgeben musste. Eine weitere Konsequenz gab es nicht. Das ist sowohl aus erzieherischer Sicht schlecht als auch gegenüber dem Volontär. Schließlich müssen die Jungen ja dahingehend erzogen werden, dass sie sich vom Stehlen abwenden und es als etwas moralisch Schlechtes ansehen. Außerdem ist es für den betroffenen Volontär ein Zeichen von Undankbarkeit, wenn er kommt, um unentgeltlich zu arbeiten, dann auch noch bestohlen wird. Bei der derzeitigen Handhabung bekommen die Jungen den Eindruck, dass sie ruhig stehlen dürfen, sie dürfen sich bloß nicht erwischen lassen. Und die Volontäre kommen sich alleingelassen vor, frei nach dem Motto: Die reichen Deutschen haben sowieso genug Geld, wenn sie da bestohlen werden, ist es nicht so schlimm.

5. Positive Erfahrungen


Neben den negativen Erfahrungen gab es zum Glück auch eine ganze Reihe von positiven Erfahrungen. Sehr vorteilhaft war, dass die Volontäre im 3. Haus separat von den Kindern untergebracht waren. Dadurch hatten wir immer einen Rückzugsraum, an dem wir ungestört sein konnten. Dieses Haus enthielt den Computerraum. Das war auch sehr gut, bald konfigurierte ich einen der Computer so, dass man damit CDs abspielen konnte. Anfangs bekam ich immer sehr viele Emails aus Deutschland. Alle in einem Internetcafé zu beantworten, wäre sehr aufwendig gewesen. Aber so konnte ich sie einfach auf Diskette abspeichern und dann zu Hause in Ruhe beantworten. Die technische Ausstattung war wirklich super für unsere Verhältnisse.

Die Benutzung von Telefon und Fax war sehr locker geregelt. Hier genoss ich eine große Freiheit. Bei Privatgesprächen nach Deutschland ließ ich mich zwar immer anrufen, um die Telefonrechnung zu minimieren, ansonsten übernahm aber die Chácara alle Gebühren. Es gab also kein endloses Auseinanderrechnen von Telefonrechnungen. In diesem Punkt bin ich sehr dankbar für die unbürokratische, großzügige Lösung.
Wenn mal etwas durch meine Schuld kaputtging, sei es eine Axt, ein Elektromotor, eine Pumpe, ein Kratzer im Auto, teils aus Fahrlässigkeit oder aus Unwissenheit, war Fernando immer der Meinung, dass ich den Schaden nicht zahlen musste. Für diese Handhabung bin ich sehr dankbar.

Im Allgemeinen herrschte unter den Erziehern ein lockeres Arbeitsklima ohne Stress und mit viel Freundlichkeit. Der Zeitdruck, dem ich in Deutschland oft ausgesetzt war, fehlte in Brasilien völlig. Wenn man beschäftigt war, wurde das akzeptiert und man bekam nicht gleich noch drei weitere Arbeiten aufgeladen. Auch dachte man nicht so perfektionistisch und kleinlich. Besonders mit Paulo arbeitete ich sehr gerne zusammen. Im handwerklichen Bereich und im Umgang mit Tieren lernte ich so eine Menge dazu. Das Verhältnis zu Fernando war anfangs ziemlich schwierig. Aber in der zweiten Diensthälfte hatte ich mich besser an ihn gewöhnt. Persönlich verstanden wir uns gut, wenn ich auch nicht immer einer Meinung mit ihm war. Auch mit den anderen Volontären verstand ich mich gut. Die Volontäre hielten sehr eng zusammen. Man half sich bei der Arbeit aus und wenn einer in Schwierigkeiten geriet, dann wurde er nicht allein gelassen.

Es dauerte sehr lange, bis ich mich mit den Kindern richtig befreundet hatte. Anfangs fiel es mir sehr schwer, sie richtig zu behandeln, besonders die sprachlichen und kulturellen Unterschiede machten mir zu schaffen. Doch als sich dann die ersten Beziehungen bildeten, war dies eine sehr schöne Erfahrung. Ich wurde mehr respektiert, über meine Heimat befragt, um Rat gebeten ... etc. Als ich schließlich ging, war ich sehr traurig, da ich einige Freunde zurücklassen musste. Am meisten Freude hat mir die Hausaufgabenhilfe gemacht, nachdem Guto mit eingestiegen war. Durch seine Hilfestellungen gelang es mir, mich dort einzubringen, wo ich meine Stärken hatte. Viele Kinder waren plötzlich motiviert und ich konnte ihnen einiges erklären und beibringen. Dabei hatten wir auch kleine Erfolge. Nachdem ich begonnen hatte, Paulo Nunes gezielt auf seine Klassenarbeiten vorzubereiten, gingen seine Noten deutlich in die Höhe. Die Hausaufgabenhilfe trug auch sehr zur Verbesserung des Verhältnisses der Kinder zu mir bei.

6. Chancen und Grenzen der Mitarbeit


Aufgrund ihres anderen kulturellen Hintergrundes können Volontäre das Projekt distanzierter sehen. Sie bemerken Probleme die ansonsten leicht verdrängt werden. Außerdem bringen sie meistens einige Qualifikationen mit, die das brasilianische Personal nicht hat, (z.B. auf Grund von Hobbies, der Schule, Berufsausbildung, ...) wodurch sie für bestimmte Aufgaben besser geeigneter sind. (Verwaltung, Übersetzung, bestimmte handwerkliche Aufgaben, Hausaufgabenhilfe ... etc.) So haben sie die Chance, Verbesserungen einzubringen und Neues ins Leben zu rufen. Der Hauptgrund für die Annahme von Volontären ist, dass sie dem Projekt als kostenlose Arbeitskraft zur Verfügung stehen und neue Spendenquellen aufdecken können.

Jedoch steht es nicht voll in der Macht der Volontäre, ob sich ihre Verbesserungsvorschläge tatsächlich durchsetzen. Es besteht die Gefahr, dass sie nur als kostenlose Arbeitskraft gesehen werden und in die Planung nicht miteinbezogen werden. Es kann auch passieren, dass sie in Bereichen eingesetzt werden, die ihren Qualifikationen ganz und gar nicht entsprechen. Es ist wichtig, niemals aufzugeben und aus der jeweiligen Situation immer das Beste zu machen. Jedoch darf man dabei nicht vergessen, die eigenen Grenzen zu sehen und sich entsprechend abzugrenzen, damit man an der Belastung nicht kaputtgeht.

Volontäre sind als alleinige Bezugspersonen für die Kinder ungeeignet, da nach ihrer Dienstzeit der Kontakt völlig abbricht. Für die Kinder ist dies eine große Belastung. Dadurch lässt sich sicherlich auch die anfangs abwehrende Haltung der Kinder erklären. Es ist also wichtig, dass ein Projekt nicht voll auf den Volontären basiert, und dass die Kinder dauerhaft bleibende Bezugspersonen haben.
Ob Veränderungen, die ein Volontär eingeführt hat, nachhaltig bestehen bleiben, liegt nicht in der Macht des Volontärs, sondern hängt voll von den bleibenden Mitarbeitern ab. Die bleibenden Personen müssen also voll von dem Sinn der Neuerungen überzeugt sein, damit sie bestehen bleiben.

7. Persönliche Veränderungen während des Aufenthaltes


Während meiner Zeit in Brasilien habe ich mich in verschiedenen Hinsichten verändert. Im Handwerklichen Bereich habe ich dazugelernt, sowie im Umgang mit Tieren. Auch im Umgang mit Kindern habe ich mich verbessert, speziell als Nachhilfelehrer habe ich viel gelernt. Als Autofahrer habe ich viele hilfreiche Erfahrungen gesammelt. Ich habe Portugiesisch gelernt und neue Erfahrungen beim Warten von Computern gemacht.
Daneben hat sich meine gesamte Lebenseinstellung geändert. Ich lebe gelassener und sorgloser, habe mehr Humor und bin optimistischer als vorher. Dadurch gehe ich z.B. seltener zum Arzt als vor dem Dienst. Lebensqualität ist mir mittlerweile wichtiger als Erfolg. So kann ich meine Zeit besser einteilen und habe nun auch in Deutschland weniger Stress. Ich hoffe, dass ich dies auch während des Studiums beibehalten kann. Insgesamt bin ich bescheidener geworden und weis den hiesigen Lebensstandard mit allem Luxus sehr zu schätzen. Mein Bedürfnis, in Gesellschaft zu sein und nicht so oft alleine, ist gewachsen. Ich bin auch nicht mehr so perfektionistisch. Deshalb hat es sich auf jeden Fall gelohnt, nach Brasilien zu gehen. Die Armut, die ich in Brasilien erlebt habe, hat mich stark betroffen. Ich habe auch die Grenzen von materialistischer Hilfe und persönlicher Mithilfe vor Ort gesehen. Noch immer weiß ich keinen Ausweg und kein Patentrezept, wie man sich demgegenüber als "Reicher" verhalten soll. Aber ich kenne die Situation nun besser, habe vieles hautnah miterlebt und habe so mehr Klarheit.

8. Veränderungen bei den Betreuten


Die Veränderungen bei den Betreuten waren zu meiner Dienstzeit leider sehr gering, was sicher auch an den Mängeln in der Organisation des Projekts liegt. Nach der Einführung der Hausaufgabenbetreuung verbesserten sich einige der Jungen in der Schule und die Noten gingen wieder hoch. Manche der Jungen wurden ein wenig disziplinierter, ruhiger und reflektierten ihr Handeln mehr. Die Gruppe der Jungen wurde insgesamt ein wenig disziplinierter, was wahrscheinlich mit dem Abgang einiger besonders schwieriger Jugendlicher zusammenhing. Leider wurden jedoch bisher durch die Arbeit keine sichtbaren Erfolge erzielt. Die Abgänger (insgesamt rund 20 Personen) lassen sich in zwei Gruppen teilen. Die große Mehrheit hat es nicht geschafft, eine bessere Existenz aufzubauen. Mit wenigen Ausnahmen sind alle auf die schiefe Bahn geraten und/oder drogenabhängig. Derzeit befinden sich mindestens 3 der Abgänger im Gefängnis. Bei zweien ist noch unklar, ob das Projekt ihnen wirklich helfen konnte oder nicht. Bei keinem lässt sich also sicher sagen, dass er es "geschafft" hat.

9. Vorschläge zur Weiterentwicklung des Projektes


Bei der derzeitigen Situation halte ich es für sinnvoll, wenn Volontäre offene Freizeitangebote schaffen, bei denen die Jungen freiwillig und unverbindlich teilnehmen können. Dies ist Kursen oftmals vorzuziehen, da sich eine Anwesenheitspflicht nur schwer durchsetzen lässt. Konkret könnte man zu bestimmten Zeiten anbieten, mit einigen der Jungen Brettspiele zu spielen, zu tonen, zu schreinern, Puzzle zu machen, ... etc. So schafft man attraktive und sinnvolle Alternativen zum Fernsehen und Video.

Es fehlt leider sehr stark eine konsequente Erziehung für die Kinder. Oft ist man sehr nachgiebig, und teilweise auch ungerecht. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach darin, dass Fernando die Arbeit über den Kopf gestiegen ist, da sich das Projekt stark vergrößert hat. Um dies wieder in den Griff zu bekommen, ist es nötig, dass Fernando sich mit vielen Aufgaben nicht mehr selbst befasst, sondern sie delegiert. So könnte Neco z.B. voll als Hausmeister fungieren und die Landwirtschaft voll übernehmen. Paulo könnte sich voll um die Granja kümmern. Für die Büroarbeiten, PR und Buchhaltung würde ich möglichst bald eine ausgebildete Fachkraft einstellen. Um die pädagogische Qualität der Arbeit zu garantieren, halte ich die Aufnahme von einem erfahrenen Pädagogen pro Haus für unumgänglich. Viele Fehler geschehen auf Grund der niedrigen Ausbildung der Verantwortlichen.

Der wichtigste Stützpfeiler eines funktionierenden Projekts ist eine regelmäßige Absprache und Diskussion unter den Mitarbeitern. Dies wurde leider sträflichst vernachlässigt. So fand in der ersten Diensthälfte fast keine Mitarbeiterbesprechung statt. In der zweiten Diensthälfte fanden zwar mit gewisser Regelmäßigkeit Besprechungen statt, jedoch wurden die Vereinbarungen oftmals nicht in die Tat umgesetzt. Dies muss sich dringend ändern. Daneben empfehle ich, insgesamt mehr Wert auf Hygiene zu legen. Neben einer besseren Sauberkeit in der Küche und Speisekammer, sollte man die Kinder anleiten, wie sie sich effektiv reinigen und gesund halten können. (z.B. Hände Waschen vor dem Essen, Füße gründlich Abtrocknen wegen Fußpilz, täglich Duschen, auf welche Art Duschen ... etc.) Zur Ergänzung halte ich regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen für wichtig. Auch der Stand der Impfungen sollte systematisch überprüft werden.

Matthias Schmalz

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