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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Ariane Steinert
Projekt: Krankenhaus
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



In der Zeit von Juni bis September 2000 lebte und arbeitete ich mit den Schwestern "Medianeiras da Paz " in einem Krankenhaus in Araripina, einer kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens, im Sertão von Pernambuco.

Araripina hat ca. 60-70000 Einwohner. Viele Menschen leben von ihrer Arbeit in den nahegelegenen Gipsfabriken, die erst vor wenigen Jahren angelegt wurden. Einige betreiben Handel in ihren Geschäften in der Stadt, es gibt viele Lehrer und Lehrerinnen, sowie Angestellte der kleinen privaten Universität. Andere finden Arbeit im Krankenhaus, weitere versuchen, sich mit privaten Dienstleistungen wie Wäsche waschen, Reinigen, Kochen und Backen einen Verdienst zu schaffen. Es ist schwierig, in diesem Gebiet Landwirtschaft zu betreiben, da der Sertão von Trockenheit geplagt ist.

Das Krankenhaus "Hospital e Maternidade Santa Maria" wurde in den Sechzigern als Sozialinstitution des Ordens der Friedensvermittlerinnen (Medianeiras da Paz) von einem deutschen Priester gegründet und anschließend 30 Jahre lang von den Ordensschwestern geführt. Immer, wenn möglich, wurde es erweitert und ausgebaut. Heute hat das Haus 113 Betten zur Verfügung. Es gibt eine medizinische, eine chirurgische und eine gynäkologische Klinik, einen OP- Trakt, Geburtshilfe, Schwangerenvor- und Nachsorge-Einrichtungen, eine Pädiatrie und die Ambulanz. Außerdem hat ein Zahnarzt einen Behandlungsraum im Hause. Zusätzlich wurde vor drei Jahren eine Krankenpflegeschule ins Leben gerufen. Seit 1999 wird das Krankenhaus von einem Pflegemanager geführt und es leben nurmehr vier Ordensschwestern in ihrem Haus auf dem Klinikgelände, wo sie weiterhin in Koordination, Organisation und Personalwesen beschäftigt sind.

Seit einigen Jahren hält die Klinik den Titel "Amigo das Crianças" (Kinderfreund) von UNICEF, wofür sich sowohl das Personal als auch die Leistungen das Hauses jährlich neu qualifizieren müssen. So müssen eine umfassende Schwangerenvor- und Nachsorge, Bevorzugung von normalen Geburten gegenüber Kaiserschnitten, gemeinsame Zimmer für Mutter und Kind, Aufklärung über hygienische Maßnahmen, Pflege und Ernährung der Säuglinge und Unterweisung des gesamten Personals, etc. gewährleistet sein. Dafür profitiert das Krankenhaus von einigen dringend benötigten Zuschüssen von UNICEF und einem entsprechenden Ruf.

Größtes Problem ist derzeit der beständige Wassermangel, der es nötig macht, große Geldmengen für teures Wasser auszugeben, das über weite Entfernungen in Tanklastern angeliefert werden muss. Außerdem gestaltet es sich schwierig, für jene wirtschaftlich und strukturell wenig erschlossene Gegend Ärzte anzuwerben, zumal auch nur ein vergleichsweise schlechter Lohn gezahlt werden kann. So wird z.B. seit geraumer Zeit ein Orthopäde gesucht, es fehlt psychiatrische Betreuung in weitem Umkreis. Zudem gehen immer wieder Medikamente aus, denn die Zahlungen des staatlichen Gesundheitssystems sind gering und oft unzuverlässig.

Wie sah nun mein Alltag im HMSM aus?
Ich wohnte und aß mit den Ordensschwestern in deren Haus auf dem Klinikgelände. Sie wie auch der Klinikdirektor waren meine Ansprechpartner für jegliche Fragen, Probleme, etc.. Sie hatten immer ein offenes Ohr und wurden bald zu Freunden. Nach dem Frühstück um 7 Uhr 30 schlüpfte ich in meinen weißen Kittel und begab mich auf Station. Die Krankenschwestern und –pfleger befanden sich bereits bei der Arbeit; ihr Arbeitstag dauerte von 7-19 Uhr, jeden zweiten Tag. Im Laufe des Vormittags trafen die Ärzte ein, um die von ihnen eingewiesenen Patienten zu sehen und zu behandeln. Während dieser Visite begleitete ich sie, fragte und bekam erklärt, konnte beobachten und untersuchte mit. Die übrige Zeit arbeitete ich mit dem Pflegepersonal mit: Patienten waschen und kleiden, Medikamente ausgeben, Zugänge legen und Infusionen anhängen, Vitalfunktionen messen, Pflegedokumentationen schreiben, Patienten für OPs vorbereiten und anschließend versorgen, sowie andere, dem jeweiligen Bereich entsprechende Tätigkeiten verrichten. War die Arbeit getan und die Patienten bedurften zeitweilig keiner weiteren Pflege, ergaben sich stets sehr interessante und spannende Gespräche mit den Krankenschwestern und –pflegern. Sie erzählten mir von ihren Leben, ihren Schwierigkeiten und Problemen, ihren Freuden und Festen, von ihren Bräuchen, Sitten und Gewohnheiten, von der Politik, ihrer Kultur, ihrem Land. Genauso interessierten sie sich für Deutschland und hiesige Gepflogenheiten. Auf diese Art erfuhr ich viel über die Lebensweise und Mentalität im Sertão, lernte die Menschen besser kennen und gewann Freunde, die mich dann an eben Erzähltem direkt teilhaben ließen.

Gegen 12 Uhr verließ ich die Klinik für eine Mittagspause und kehrte um 14 Uhr wieder zurück. Je nach Arbeit und Ereignissen blieb ich dann wieder bis 18 Uhr oder länger. Ich war jedoch frei in meiner Zeiteinteilung und konnte nach Bedarf auch früher gehen.

Nach ca. 10-14 Arbeitstagen wechselte ich die Station, um so während der drei Monate alle Bereiche kennenzulernen.
Die Ausstattung des Krankenhauses ist von recht einfacher Natur und es ist erstaunlich, wie viel mit so wenigen Mitteln möglich gemacht wird. Für speziellere Untersuchungen wie Ultraschall und Röntgenaufnahmen mit Kontrastmitteln, Endoskopien und spezifische Laboruntersuchungen müssen die Patienten jedoch an andere Stellen verwiesen werden. Wie erklärt man jedoch jemandem, der nicht lesen kann, welcher Überweisungsschein für welche Praxis gilt, und wo diese sich findet, so dass er es nicht verwechselt?

Die Geduld der Patienten ist erstaunlich, wenn im überfüllten und chaotischen Durcheinander der Warteräume kaum gemurrt wird und stundenlang auf die erhoffte Zuwendung gewartet wird. Aber was bleibt auch anderes übrig? Für den, der es sich nicht leisten kann, in private Behandlung zu gehen, wohl nichts weiter...so wird auch hier im Krankenhaus die extreme Schere zwischen Arm und Reich krass deutlich. Wer Geld hat, kann es sich leisten, mit Wegwerfspritzen und Einmalhandschuhen behandelt zu werden, kann sich alle Medikamente selbst und sofort kaufen, trinkt guten Saft, kann im Einzelzimmer mit Klimaanlage liegen. Derjenige, welcher weniger gut betucht ist, muss mit handgewaschenen und –sterilisierten Spritzen versorgt werden, muss sich, wenn die Medikamente mal wieder ausgehen, auf der Straße das Geld dafür zusammenbetteln, trinkt Wasser, wird im stickigen und heißen Sechsbettzimmer liegen, etc. Seine wenige Habe bringt er meist in einer einfachen Plastiktüte mit.

Und was tun, wenn an der Pforte noch ein unbedingt zu Behandelnder ankommt, sich auf dem Eselkarren oder zu Fuß auf den staubigen Sandpisten zum Hospital geschleppt hat, doch das vom Gesundheitssystem gesetzte Limit an Patienten, deren Behandlungskosten getragen werden, längst erreicht ist- stehen lassen, oder ohne Mittel irgendwie doch behandeln?
Erstaunlich auch die Geduld und Bereitwilligkeit, sowie die Hilfsbereitschaft aller Mitarbeiter! Ohne diese würde lange nicht soviel Unmögliches möglich gemacht werden können!

Abends traf ich mich oft mit Freunden, die kennenzulernen nicht schwer war. Manchmal gingen wir leckere frischgepresste Säfte trinken oder bei eiskaltem Bier das so beliebte gegrillte Ziegenfleisch zu essen. Oder wie wär"s mit einem halben Kilo Hühnerherzen mit gekochtem Maniok, Reis und Bohnen? Ab und zu ging ich mit den Schwestern mit zur Messe, um ihre Art, einen Gottesdienst zu feiern, kennenzulernen. Sie verpflichteten mich keineswegs dazu, doch war es durchaus interessant, den weit lebhafteren Messen beizuwohnen und die Hingabe und tiefe Gläubigkeit der Gemeinde mitzuerleben. An anderen Abenden blieb ich einfach zu Hause und schaute mit "meinen" Schwestern fern, schrieb Briefe oder versuchte, mein Portugiesisch aufzubessern.

Wochenenden waren bald gefüllt mit Einladungen zu Familien oder aufs Land. Hierin spiegelte sich die unglaubliche Offenheit und Warmherzigkeit dieser Menschen. Ich wurde stets mit einer unvorstellbaren Herzlichkeit aufgenommen. Es wurden Häuser, Essen, Zeit mit mir geteilt, so dass ich mich niemals einsam fühlte. Selbst als meine sprachlichen Fähigkeiten anfangs noch sehr spärlich waren, hatte jeder so viel Geduld mit mir und eher seinen Spaß an meinen glimpflichen Versuchen, die fremden Worte einigermaßen verständlich auszusprechen.

Allzu schnell vergingen diese drei einzigartigen Monate bei den Schwestern des HMSM, dem Personal und all den Freunden, die ich dort gefunden habe. Ganz gewiss habe ich unendlich viel mehr zurückbekommen, als ich jemals durch meine geringe Mitarbeit und meine Freundschaft geben konnte. Geprägt war diese Zeit vor allen Dingen von der warmen Herzlichkeit und der unglaublichen Lebensfreude der Sertanejos, sowie den vielen Momenten, in welchen Gefühle wie Traurigkeit und Glücklichsein, Schrecken und Freude, Angst und Neugier sich mischten.

Es war eine Zeit voller nicht immer einfacher, aber stets guter Erfahrungen, eine Zeit reich an Leben!

Ariane Steinert

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