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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Anno Steffens
Projekt: Suchtprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



Am 19.07.1999 landete ich in Curitiba/Parana und verbrachte die ersten 2 Wochen im Karmelitenkonvent, um meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Daraufhin kam ich in das erste Haus der "Casas do Servo Sofredor" (Häuser des leidenden Dieners), wo ich ca. 4 Monate blieb. Es war ein kleines Haus mit wechselnd 10 bis 15 Servos (so werden im weiteren die Süchtigen genannt) und einem Koordinator in der Nähe des Konvents. An dieser Stelle hole ich direkt ein wenig aus, um das System zu erläutern.

Die Suchtkranken werden bevor einige dann ins Projekt kommen zuerst interniert (1.5 - 2 Monate), wobei verschiedene Geschichten Auslöser und Antrieb spielen. Diejenigen, die von der Straße kommen, kennen die Prozedur sozusagen aus der "Straßenszene"/ Mundpropaganda und die meisten harten Fälle haben zumindest schon einmal darüber nachgedacht, besonders im Winter ...
Andere werden von Familienmitgliedern überzeugt und unterstützt, andere werden aufgegabelt oder kommen von einer Polizeidienststelle. Nach dem klinischen Entzug kommen die Servos in das erste und einzige Haus des "1. Schritts". Hier bleiben sie mindestens 30 Tage, bis sie sich auf Arbeitssuche begeben möchten. Meistens beginnt letztere ein paar Wochen später, bis man sich reif genug fühlt das Haus zu verlassen, was natürlich immer Rückfallrisiken in sich birgt. So ist es auch individuell unterschiedlich, wann jemand in eines der Häuser (z.Z. 5 Häuser) des "2. Schritts" wechselt, was nach ausführlichen Gesprächen mit dem Chef (P. Chico) geschieht. Im "2. Schritt" leben die Servos unabhängig, haben einen mehr o. weniger festen Job und zahlen lediglich eine Monatspauschale von ca. 70 DM an P. Chico für Unterkunft, Strom und Wasser. Hier können sie theoretisch bis zum Tod bleiben.
Soviel erstmal zur Reihenfolge.

Jedenfalls waren die ersten 2 Monate für mich keine leichte Zeit. Das hing mit vielerlei zusammen, wie z.B. den anfänglichen Verständnisproblemen, der Respektverschaffung, Privatem und nicht zuletzt an der noch herrschenden Tagesordnung für den "1. Schritt": 5 h aufstehen, 5.45 h Messe, 7 h Frühstück, dann Hausarbeit, wie putzen, aufräumen, waschen, etc. und für den Rest des Tages (die anderen Mahlzeiten, Rosenkranz beten, abends Fernsehen und die illegale Mittagspause ausgenommen) in sich kehren und Selbstreflexion betreiben. Meiner Ansicht nach waren einige indes längst nicht mehr in der Lage dem nachzukommen, so daß statt dessen um so mehr geraucht und Chimarrao (Teeart) getrunken wurde. Aber der Chef beharrte auf dieser Theorie und duldete keinen Einwand, weil so die Rückfallquote schon minimiert wurde (angeblich!?). So unterhielt ich mich die erste Zeit viel mit ihnen, spielte Gitarre und schrieb lange Briefe und lernte die Sprache durchs Sprechen und nicht alleine auf meinem Zimmer.

Als im September die Rede von einem Neukauf eines Wäldchens, in dem Benediktinerschwestern ihre insgesamt 14 Häuser samt Kapelle hatten, die Rede war, kam kurz darauf schon mein erster Zivikollege Martin. Wir sollten bald umziehen, es war mal die Rede von Ende September, doch was heißt in Brasilien schon bald. Weitere 3 Monate sollten bis zum Umzugstag noch vergehen ...so wird man geduldig. Mit Martin verbrachte ich den Dezember auf dem Bau (ein weiterer "2ter Schritt" wurde gebaut) bis wir am 27. Dezember das Stadtviertel verließen und uns im "Paradies" einquartierten. "Mosteiro Monte Carmelo - Casas do Servo Sofredor", so hieß die Anlage (im Folgenden nur Mosteiro) und es hat sich vieles verändert, in erster Linie, weil es stets viel zu tun gab. Die Häuser befanden sich in zum Teil heruntergekommenem Zustand, der Wald und die Freiflächen waren verwüstet, so daß die ersten paar Monate allein mit handwerklichen Tätigkeiten hätten ausgefüllt werden können.

Im Mosteiro befanden sich ab dato der "1. Schritt", 3 4 Servos eines "2ten Schritts", die für die Umzugsstresszeit (nicht ganz so hart), als Fahrer und Rezeptionist zur Verfügung standen und einige Brüder, auch aus Bolivien und Costa Rica, sowie uns 2 Zivis. Alle zusammen waren wir im Durchschnitt 35 Leute. Ich bekam ein tolles Zimmer, es war Sommer und wir hatten Spaß an der Arbeit. Zu Beginn steckte ich meistens in Bau-, Installations- und Reparaturarbeiten, was nach einigen Monaten etwas abflaute und ich begann Englischunterricht zu geben, Bananenbäume entlang unserer Territoriumsgrenze zu pflanzen, Chorproben auf Gitarre zu begleiten, ...wobei ich einigen erheblich näher kam und sie als Freunde bezeichnen konnte. Entweder erledigte ich etwas mit einem Servo oder mit Martin oder zusammen mit 13 Leuten (im Extremfall). Des weiteren gab es einige Werkstätten, in denen der Bruder aus C.Rica und 2 - 3 Servos jeweils Gipsfiguren anmalten, T-Shirts bedruckten, Schilder und Bilder malten, Holzschnitzereien anfertigten. Andere waren viel im Wald mit Sensen, Pflanzen, Aufräumen, Hacken, etc. beschäftigt oder widmeten sich halbtags der Religion. Auch in den pädagogischen Stunden kamen neue Erfahrungen hinzu. Die sogenannten "Gefühlsgruppen" fanden Mittwochs 4mal statt, damit die Gruppen nicht zu groß wurden. Eine Psychologin leitete sie und jede Woche abwechselnd wurde meditiert bzw. über Veränderungen, Gefühle und Hoffnungen während dieser Reintegrationszeit gesprochen. Einige konnten/ wollten in diesen Sitzungen gar nicht mehr aufhören zu erzählen oder brachten im Gegensatz dazu erstmals Worte ihres Schicksals über die Lippen. Allein für mehr Verständnis und Respekt gegenüber dem andern - gerade in so einer engen Gemeinschaft - haben sich die Gruppen als positiv für alle Beteiligten erwiesen. Die anonymen-Alkoholiker-Veranstaltungen wurden wieder eingeführt, einmal im Haus (für "1. Schrittler" obligatorisch) und einmal außerhalb. Hier sind Alkoholiker (die meisten sind Alkoholiker und die wenigen anderweitig Abhängigen nahmen auch teil, da sich die Probleme verschiedener Drogenmißbräuche ähneln) unter sich, die Leiter lesen Literatur, die gemeinsam interpretiert und diskutiert wird, immer mit viel Freiraum, um bei Bedarf weiter ausholen zu können, persönliche Erfahrungen mit einzubringen, etc. Morgenmesse um 7 und Rosenkranz um 18 h stand natürlich mit an erster Stelle der Tagesordnung und jeden Freitag wurde seit Ostern der Kreuzweg, für den ein Servo alle Stationen auf Holz gemalt und weitläufig im Wäldchen aufgehangen hat, gegangen, gesprochen und gesungen.

Dann gab es noch die Küche, in der 3 Servos eigentlich den ganzen Tag zubrachten, um 2 warme Mahlzeiten um 12 und um 19 h und Kaffee um 8 und um 16 h vorzubereiten. Der Hauptteil der Nahrung kam aus Spendenmitteln und sie machten wirklich das Beste draus, so daß dieser Part bei dezenter Bescheidenheit kein Problem darstellte. Gespült wurde reihum, jeweils zu 2 Leuten, also auch nicht die Welt. Genauso schnell war ich an das Waschen auf der Hand gewöhnt, das höchstens im Winter, der in dieser Region ziemlich rigoros ist, nicht so die Wonne war.

Doch was war schon all das im Vergleich zu einem Rückfall. Auch wenn wir diesbezüglich abgehärtet wurden und verstanden, daß die meisten es erst nach einigen Anläufen schafften, blieb die Sucht ein Kampf bis zum Lebensende, dessen man sich zu jeder Stunde bewußt sein muß.
Im Nachhinein war die Zeit für mich sehr lehrreich. Ich sah Menschen, die nicht weiter absacken konnten und schon alles verloren hatten und durch äußerst glückliche Umstände nochmal die Chance auf ein Leben (ohne Drogen) bekamen.

Ein Dank an die Karmeliten für die Ermöglichung dieses interkulturellen Dienstes, an alle Servos und besonders an Martin Geier, der mir in dieser Zeit ein guter Weggefährte war.

Um Brasilien zu beschreiben reichen Worte oft nicht aus; auch ein Schrank von Büchern wird seine Mannigfaltigkeit an Farben nur im Passivwinkel streifen ...

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