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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Martin Geier
Projekt: Suchtprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



Als ich mich vor über 2 Jahren dafür entschied, einen Anderen Dienst im Ausland zu machen, konnte ich mir weder vorstellen, daß es überhaupt klappen würde, noch daß es derartig interessant und bereichernd sein würde.

So kam ich also am 8. Oktober 1999 in Curitiba, Brasilien an. Dort suchte ich gleich das Karmeliterkloster in Vila Fanny auf, das nur wenige Minuten Fußweg vom damaligen Projekthaus entfernt war. Gleich darauf traf ich Anno, den anderen Zivi, der ja schon zwei Monate im Projekt arbeitete. Innerhalb der nächsten drei Wochen wohnte ich also in einem Gästezimmer im Kloster und ging täglich zum Suchtprojekt hinüber, wo ich die Männer und auch Anno traf. Während dieser drei Wochen lernte ich unseren "Chef", Frei Chico, zunächst nicht kennen, denn er war nach Sao Paulo gereist. Dafür wurde ich aber gut bekannt mit Teodoro, dem Leiter des "Ersten Schrittes".
An dieser Stelle möchte ich kurz die Funktionsweise des Projektes erläutern:

Der Arbeit des Projektes liegt die Idee der "zwei Schritte" zugrunde.
Das Projekt steht allen erwachsenen Männern mit Drogenproblemen zur Verfügung. Je nach Situation ersuchen die Männer selbst das Projekt um Hilfe, oder Familienangehörige nehmen Kontakt mit dem Projekt auf und animieren die Männer zum Drogenentzug. Nach der ersten Kontaktaufnahme kümmert sich meistens Teodoro um eine Internierung. Das Zählt zu seinen Aufgaben als Koordinator des ersten Schrittes. Die Interierung findet in einem der Partnerkliniken statt.

Nachdem also die Männer, meist noch unter Alkohol- oder Drogeneinfluß stehend, in die Kliniken gebracht wurden beginnt die Entzugstherapie. Dabei wird mit Medikamenten, richtiger Ernährung und psychologischer Betreuung die Suchtkrankheit bekämpft. Im Normalfall dauert die Therapie um die 45 Tage. Danach kann man von Suchtfreiheit reden. Unmittelbar nach Therapieende werden die Männer abgeholt und im "Ersten Schritt" Untergebracht. Das Projekt schreibt vor, das die Männer zu ihrem eigenen Schutz 30 Tage lang das Gelände nicht verlassen dürfen. In diesen 30 Tagen wird den Männern nahegelegt, daß sie sich mit ihrem Inneren beschäftigen, die Ursachen der Sucht bewältigen und neue Perspektiven für die Zukunft bilden.
Natürlich werden sie dabei nicht alleine gelassen. Um die 30 Tage erträglich erscheinen zu lassen können sie sich auf eine Arbeit festlegen die ihnen gefällt und sie nehmen an allen Aktivitäten teil. Ausserdem gibt es psychologisch betreute Gesprächsgruppen in denen die Männer ihre Probleme aufarbeiten und über ihre Zukunftsvorstellungen reden. In betreuten Meditationsgruppen lernen sie, sich zu entspannen. Daneben gibt es dreimal die Woche Versammlungen der Anonymen Alkoholiker.

Nach den besprochenen 30 Tagen wird den Ex-Abhängigen nahegelegt, sich Arbeit zu suchen. Gelingt das, dann haben sie die Möglichkeit, weiterhin im ersten Schritt zu wohnen. Natürlich bedeutet es immer eine harte Probe, wenn sie ihr erstes Gehalt bekommen. Dann müssen sie beweisen, daß sie mit dem Geld umgehen können. Die Gefahr, daß sie auf dem Weg zur Arbeit in Kontakt mit Drogen kommen ist sehr groß. Sobald klar wird, daß sie sich ohne Rückfallrisiko frei bewegen können bekommen sie das Angebot, in den "Zweiten Schritt" zu wechseln. Wie schon erwähnt haben sie dort die Möglichkeit, in einer Art Wohngemeinschaft zu leben. Sie sind dann selbst verantwortlich für die Hauswirtschaftskosten und die Vorteile und Probleme in ihrer WG. Bei besonderen Anschaffungen, Problemen oder Anlässen hilft natürlich das Mutterprojekt mit. Ansonsten haben die Gruppen freie Hand.

Nach den ersten drei Wochen in Brasilien lernte ich dann auch Frei Chico kennen. Sein erstes Anliegen war, mich zum besseren Erlernen der Sprache, aus dem Kloster in Fanny zu nehmen und mich in einem Haus für Postulanten einzuquartieren. Mein neues Zimmer lag in Bairro Novo, ganz in der Nähe des "Zweiten Schrittes" "Frei Canéca". Mit mir wohnten nur zwei Karmeliter in dem Postulantenhaus. Zu dieser Zeit gab es keine Postulanten im Haus, so daß wir drei dort alleine wohnten. Einige Tage vergingen, in denen ich nur Portugiesisch lernte, das Haus putzte, Curitiba kennenlernte und viele Leute im Rahmen des Projektes besuchte. Später wurde ich als Helfer auf eine Baustelle für das neue Projekthaus "Frei Canéca" eingeteilt. Dort arbeitete ich dann täglich 7-8 Stunden indem ich mit Schaufel und Hacke in einem Holzkasten Beton und Putz mischte. Mein "Vorarbeiter" war ein Maurer der für einen sehr guten Preis für die Karmeliten arbeitete. Wenige Wochen später begann auch Anno bei uns mitzuhelfen.

Ab Dezember schlug ich Frei Chico vor, daß ich die elektrischen Installationen des Hauses übernehmen könnte, womit er auch einverstanden war. Damit hatte ich eine Aufgabe, die ich nach meinen Vorstellungen lösen konnte, was natürlich sehr aufbauend war.

Weihnachten 1999 zogen wir in das ehemalige Benediktienerkloster "Mosteiro Monte Carmelo" um. Das ist ein Gelände mit 60000 qm und 14 Häusern. Heute stellt dieses Kloster den neuen Mittelpunkt, quasi die Zentrale, des Suchtprojektes dar.
Wegen meiner Aufgabe als Hausmeister wohnte ich im zweiten Schritt "Santo Alberto", so daß ich näher an den Häusern um das Haupthaus herum wohnte. Vor allem für Notfälle war das praktischer. Ich hatte aber auch mit einem der Bewohner des zweiten Schrittes eine sehr intensive Freundschaft. Deswegen kam mir dieser Umzug in sein Haus sehr gelegen. Marco Antonio leidet nämlich an Multipler Sklerose weswegen er ab und an auch pflegerischer Hilfe bedarf. Besonders in akuten Situationen wollte ich in seiner Nähe sein.

Trotz meiner offiziellen Arbeit als Hausmeister kümmerte ich mich viel um die Männer im Projekt. Oft lud ich sie ein, mir zu helfen, und dabei z.B. etwas über Elektrizität zu lernen. Aber sehr oft kam ich auch gar nicht zu meiner eigentlichen Arbeit weil ich mich lange mit den Männern unterhielt und mit ihnen über ihre Probleme reden konnte. Wann immer ich mit ihnen sprach versuchte ich ihnen ein bißchen zu erklären wie das Leben in Deutschland abläuft, wie die Menschen sind, und was der Unterschied zu den Brasilianern ist. Ich hatte den Eindruck, daß einige meiner Freunde im Projekt anhand des Einblicks in eine andere Welt sich andere Ziele zu stecken begannen. Teilweise konnte ich sogar etwas von der deutschen Sprache vermitteln.
Häufig kam es auch zu Situationen in denen ich direkt mit der Sucht konfrontiert wurde. Wenn ich beispielsweise versteckten Schnaps entdeckte oder mich um depressive Süchtige kümmern mußte. Frei Chico weihte mich eigentlich immer in die Probleme der einzelnen Männer ein, so daß ich gezielt reagieren konnte. So gab es z.B. einen jungen Mann der an AIDS leidet. Da versuchten wir immer, ihm so viel wie möglich Perspektiven zu bieten, denn er war durch seine Krankheit und seinen geistigen Zustand suizidgefährdet.

Bei meiner Arbeit als Hausmeister kümmerte ich mich im "Mosteiro Monte Carmelo" um Telefon, Elektrizität, Wasser und Reparaturen der Infrastruktur. Beispielsweise mußte ich in 26 Zimmern eine Steckdose, eine Lampe an der Decke und Schalter montieren, denn die alten Vorrichtungen waren defekt oder ungünstig positioniert. Ein andermal waren die Gasöfen für die Duschen im Haupthaus defekt, so daß wir uns entschieden, Elektroduschen zu installieren. Dafür war die Verlegung von ca. 200 m Kabel nötig. Ausserdem gab es Licht im Wald, Telefon im Saal des zweiten Schrittes, etliche Steckdosen, zwei Bäder, eine Kreissäge, eine Tonanlage in der Kapelle, Neumontage von 8 Zimmern, ca. 50m Fußbodenleisten, die Beleuchtung von Korridor im Haupthaus und viele weitere Dinge zu montieren. Insgesamt muß ich etwa um die 1000m Elektrokabel verlegt haben. Die ganzen Arbeiten habe ich schriftlich nicht festgehalten, aber es war viel. Kein Dachboden blieb verschont, denn dort befinden sich die ganzen vorhandenen Installationen.

Im Laufe der Arbeiten zur Renovierung des Komplexes half ich noch eine ehemalige Bäckerei umzubauen. Daraus entstand das Haus von Frei Chico. Auch die Installation des Bades, Telefons und Dusche war meine Angelegenheit.
Oft waren auch Sonntags und Nachts Notfälle die repariert werden mußten. Z.B. schlossen Wasserhähne nicht mehr oder aus unterschiedlichen Gründen schalteten die Sicherungsautomaten ab. Ständig traten Defekte an der 40 Jahre alten Originalinstallation auf.

Abschließend möchte ich feststellen, daß ich sehr zufrieden mit meinem Umfeld und meiner Arbeit war, und ich glaube, daß das umgekehrt genauso war.

Martin Geier

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