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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Carmen Schmidt
Projekt: Strassenkinderprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten

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Trockenheit, Heilige, Politik, Kinder, Glaube, Tropenfrüchte, Lebensfreude - 10 Monate im Nordosten Brasiliens -


Neue Erfahrungen wollte ich sammeln, eine fremde Welt kennenlernen: Lange Zeit hatte ich schon den Traum geträumt vom Lateinamerika-Aufenthalt nach meinem Abi.

Im Frühjahr 98 fand ich durch die Bamberger Karmeliten endlich eine Möglichkeit, ihn zu verwirklichen: die Zeit von Oktober 98 bis Juli 99 sollte ich in Brasilien verbringen dürfen. Genauer gesagt im Nordosten, Bundesstaat Pernambuco bei Bischof Dom Paulo Cardoso in der Diözese Petrolina.

Ich war voller Vorfreude und Spannung auf das, was mich wohl erwarten würde. Ganz genau konnte es mir vorher niemand sagen, denn wir (Uli Weber, die fast gleichzeitig mit mir ankam, und ich) waren die ersten "Missionarinnen auf Zeit". die in der Diözese Petrolina mehrere Monate lang bleiben und helfen wollten. Es sollte ein sehr interessanter und erlebnisreicher Aufenthalt werden.

Den ersten Monat verbrachten wir - um die Sprache zu verbessern - im Grundschulunterricht einer Privatschule, in der wir fast ausschließlich mit Kindern sehr wohlhabender Familien zu tun hatten. Wir hatten uns vielleicht etwas anderes erwartet und hätten dort eventuell weniger Zeit verbringen können, aber wir gewannen auf diese Weise einen unmittelbaren Einblick in den Lebensstil der Reichen: Im Haushalt der Gastfamilie (oberste Mittelschicht) mehr als 5 Hilfskräfte, davon eine mit auffallend dunkler Hautfarbe, die quasi rund um die Uhr in Küche und Umgebung zu Dienste stand; in der Schule pompöse Feste zu jedem Anlass.

Ich weiß nicht, ob unsere Gastfamilie ganz verstehen konnte, wieso wir so viel Freude daran hatten, ab dem zweiten Monat mehr und mehr das Straßenkinderheim "Petrape" zu besuchen und dort mitzuhelfen. Die wilden, lauten Jungs zwischen 6 und 18 begrüßten uns jedes Mal mit leuchtenden Augen. Wir hörten ihnen zu, bewunderten ihre waghalsigen Kunststücke (Salto rückwärts ohne Hilfestellung von der Betonmauer zum Beispiel), lernten ihre Schule kennen, die sich, wie alle staatlichen Schulen um Welten von der Privatschule unterscheidet, gaben Nachhilfeunterricht und bemerkten, wie gut es den Kindern tat, im Arm oder auf dem Schoß einer "Leihmama" aus Deutschland sich ein wenig auszuruhen.


Im Dezember trennten Uli und ich uns für einen Monat und wurden von Dom Paulo, dem Bischof, jeweils in ein Dorf vermittelt. Meines hieß N11 und ist - wie der merkwürdige Name schon ahnen lässt - nicht natürlich gewachsen, sondern Teil eines landwirtschaftlichen Plantagenprojektes. D. h.: ca. 100 Häuser, davon je eines plus 6 Ha Tropenfrucht-Plantage für jede Familie, die per Los aus vielen, vielen armen Bewerbern ausgewählt wurden.

Ein konkreter Arbeitsauftrag für dort wurde mir nicht gegeben. Ich wohnte und lebte in einer Bauernfamilie mit. In vielen Begegnungen und Gesprächen lernte ich das Leben, die Denkweise und den Glauben dieser einfachen Menschen kennen. Dass die "reiche Deutsche" wie selbstverständlich beim Abspülen mithalf (was eine reiche Brasilianerin, glaube ich, als völlig unter ihrer Würde liegend empfinden würde), rief Verwunderung hervor. Bewunderung brachte mir ein, dass ich alles, wonach sie mich fragten, geduldig zu erklären versuchte, vom Sonnensystem über den Golfkrieg bis zu der Tatsache, dass Deutschland von Brasilien aus nicht mit dem Omnibus zu erreichen ist.

Nach dem heißen und amerikanisch-kitschigen Weihnachtsfest (tut mir leid, diese Tatsache so offen zu sagen) mit meiner sehr netten Gastfamilie im N 11 und einer Ausflugswoche an den Strand des 800 km entfernten Fortaleza mit dem Lehrerkollegium der Privatschule, begann ein neuer Abschnitt unseres Aufenthaltes: die Mission. Dom Paulo hatte uns schon kurz nach unserer Ankunft zweimal auf Fahrten ins Hinterland der Diözese mitgenommen, wo er große Firmgottesdienste feierte.

Im Januar durften wir zu ersten Mal an einer Missionswoche teilnehmen: Nach stundenlanger Fahrt über Straßen voller Schlaglöcher kamen wir in einer Kleinstadt an, wo der volksnahe Bischof bereits mit Freudenchören und Spruchbändern erwartet wurde. Während der nächsten Tage fanden täglich früh um fünf eine Prozession mit anschließendem Gottesdienst statt, vor- und nachmittags verschiedene Treffen, z. B. für Firmlinge, Ehepaare, Gruppenleiter und Kinder, und abends noch ein großer, gemeinsamer Gottesdienst für alle.

Dom Paulo fuhr jeden Tag in ein anderes kleines Dorf in der Umgebung, um auch dort einen Gottesdienst mit Firmung zu feiern für die Menschen, die wegen Priestermangels und fehlender Verkehrsanbindung an die nächste Stadt nur sehr selten Gelegenheit haben, einer Messe beizuwohnen. Uli und ich konnten einmal mitfahren und die Freude der Dorfbewohner über den ersehnten Besuch am eigenen Leib erleben.

An den anderen Tagen brachten wir uns im Kinderprogramm ein. Das übersetzt "Singt mit uns und klatscht in die Hände" fand große Begeisterung, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Leuten einschließlich dem Bischof selbst, denen wir es mit einer Kinderschar von Tür zu Tür ziehend vorsangen.

Den Monat Februar verbrachten wir unter der Leitung von Karmeliten-Missionsschwestern in der Umgebung eines Ortes namens Santa Maria da Boa Vista: Jede Woche in einem anderen Dorf machten wir vor allem mit den Kindern Programm. Es war eine Herausforderung, die uns weiter brachte, fast wie die Schwestern mit den Leuten zusammen Wortgottesdienst und Treffen zu veranstalten und dabei deren Leben und Probleme kennenzulernen.
Wir kamen dabei auch in Kontakt mit der großen Landlosenbewegung MST, die jede Woche Schlagzeilen macht durch Besetzungen und Enteignungen unrechtmäßig erworbener Fazendas von Großgrundbesitzern. Sie ist eine der wenigen Organisationen in Brasilien, die zugunsten der Armen schon beträchtliche Erfolge erzielt hat. Die Menschen, die jetzt in den Ansiedlungen wohnen, die wir auch besucht haben, lebten früher in völliger Abhängigkeit von Reichen und wären auf andere Weise niemals zu eigenem Landbesitz gekommen.

Im März, bis zu Ulis Heimreise begleiteten wir Dom Paulo auf zwei weiteren Missionsfahrten, die im Großen und Ganzen der Mission vom Januar glichen. So lernten wir wieder viele interessante Menschen und Orte kennen. Es würde den Rahmen sprengen, hier von einzelnen Erlebnissen zu erzählen, auch wenn es davon viele gäbe.
Leider hatte ich kein Jahresvisum beantragt, weil ich den großen Aufwand scheute. Spätestens als ich erfuhr, dass es aber nicht ohne weiteres funktioniert, das Visum nach der Einreise beliebig zu verlängern, bereute ich es. Die Folge? Den April musste ich in Argentinien verbringen.

Die letzten 3 Monate nach meiner Rückkehr von dort waren von weiteren Missionsfahrten und persönlichen Besuchen bei verschiedenen Familien und Freunden geprägt, auch in das Straßenkinderheim kehrte ich regelmäßig zurück. Die Leute sind so gastfreundlich, dass ich mich vor Einladungen kaum retten konnte.
In Nordost-Brasilien ist der Höhepunkt des Jahres nicht etwa Weihnachten wie bei uns, oder Karneval wie im Süden des Landes, sondern es ist das Johannesfest am und um den 24. Juni. Dank meiner bis dahin zahlreichen Freunde und Tips von Dom Paulo, wo die Feiern am besten seien, erlebte ich es in seiner ganzen Pracht. Seine Tänze und Novenen (Antonius, Johannes und Petrus) im Juni und die große Wallfahrt der Diözese Petrolina Mitte Juli kurz vor meinem Heimflug, zu der Tausende einfacher Menschen aus dem Hinterland zusammenströmten, bildeten die letzten Höhepunkte meines Aufenthaltes.
Zehn abwechslungsreiche Monate waren es. Dank brasilianischer Spontaneität wusste ich nie, was mich am nächsten Tag oder im nächsten Monat erwarten würde. Ich wusste nur, dass es ein neues Erlebnis sein würde.
Es war eine Zeit, in der ich neben einer neuen Sprache auch sehr viel im menschlichen Bereich lernen durfte. Ich bin um viele Erfahrungen reicher und ich denke, ich habe durch meine Gespräche auch anderen Menschen weitergebracht.
Ich bin mir sicher: Nie werde ich diesen Aufenthalt bereuen.

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