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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Jens Kopczak
Projekt: Strassenkinderprojekt
Träger: Brasilienprojekte der Karmeliten



Als ich mich aufmachte, um meinen "Anderen Dienst im Ausland" anzutreten - in einem Land, dass dem größten Teil der Öffentlichkeit nur durch Fußball, Karneval oder Katastrophenmeldungen bekannt ist -, wußte ich nicht so recht, was mich erwarten würde.

Auf Reisen durch Südamerika hatte ich zwar mit der Bevölkerung und auch Straßenkindern Kontakte geknüpft, doch die Fremdartigkeit und der Mangel an Verständigung sorgten für eine gewisse Distanz. Durch meine Arbeit wollte ich diese Hindernisse überwinden und die Menschen näher kennenlernen, die um ihre Existenz tagtäglich kämpfen müssen.

Die ersten Wochen waren alles andere als leicht. Umstellung und Eingewöhnung brauchten Zeit. Zu groß waren die Gegensätze zwischen meinen Lebensgewohnheiten in Deutschland und dem Alltag in der Chácara - von den anfänglichen Schwierigkeiten ganz zu schweigen.

Wie sollte ich mit den Jungen umgehen? Wie konnte es gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen: Kinder und Jugendliche, die in ihrer Vergangenheit soviel mitgemacht und durchlebt hatten, keine Liebe und Zuneigung kannten und hungrig schlafen gingen? Mißtrauisch und auch aggressiv waren sie teilweise immer noch, aber auch neugierig, hilfsbereit und ungeheuer lebendig.
Wir gewöhnten uns recht schnell aneinander. Schon bald konnte ich feststellen, dass die Kids sich von "normalen Heranwachsenden" mit Ihren Wünschen, Interessen, Hoffnungen und Problemen kaum unterscheiden. Nur mit dem - allerdings gravierenden - Unterschied, dass die geprägt waren von dem Leben in der Favela und auf der Straße.

Umso mehr war es unsere Aufgabe, sich mit ihnen intensiv zu beschäftigen, sie zu fördern und ihnen zu zeigen, dass man so manches bewegen kann, sofern man nur will und die Voraussetzungen es ermöglichen. Oft waren sie mit großer Begeisterung dabei, wenn es darum ging, sich zu bewegen, Kräfte zu messen, sich kreativ zu beschäftigen oder auch zu diskutieren. Doch immer wieder mußte ich feststellen, dass die Betreuerzahl einfach zu klein war. Zeit und Möglichkeiten fehlten, um alle anfallenden Arbeiten und Aufgaben ausreichend bewältigen zu können. Das erzeugte manchmal Frust.

Die jungen Menschen bei den begrenzten Möglichkeiten zum Mithelfen und Arbeiten zu bewegen, sie zu motivieren, sich optimistisch mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen: das gehörte zweifellos zu den schwierigsten Aufgaben. Vor allem die Älteren liebten es, in den Tag hinein zu leben, sich wenn irgendwie möglich, vor Arbeit zu drücken und nur das Nötigste zu erledigen. Es hat viel Kraft gekostet und immer zu Diskussionen geführt, wie wichtig es ist, sich in die Gemeinschaft einzubringen und dass ein geregelter Alltag besser zu bewältigen ist.

Trotz dieser Probleme wurden während meines Aufenthaltes sehr viele Erfolge erzielt. So konnte zum Beispiel in etwas mehr als einem halben Jahr die Aufzuchtstation für 9.000 Küken errichtet werden. Der Fußballplatz wurde mit Rasenmatten belegt, eine Garage für den Traktor und ein Unterstellplatz mit Futterplatz für das Pferd erstellt. Ein Anbau für die Vorratskammer konnte ebenso fertiggestellt werden wie der stark frequentierte Hobbyraum. Weiter wurde einiges Ackerland dazu gewonnen, Verschönerungen an den Gebäuden und außen herum wurden vorgenommen so wie zwei große Sickergruben gebaut.

Alle Kinder besuchen mittlerweile die Schule und erzielen dort recht gute Ergebnisse. Drei haben inzwischen eine Arbeit in Curitiba gefunden, der sie regelmäßig nachgehen. Ein großer Erfolg war das Treffen der Kinder mit ihren Familien, die sie zum Teil über Jahre hinweg nicht mehr gesehen hatten. Die Familienarbeit wird auch einer der Schwerpunkte in Zukunft sein. Die Kinder wieder in ihre Familien zu integrieren, ist eine schwierige und langwierige Aufgabe, verbunden mit vielen Enttäuschungen, aber auch Erfolgserlebnissen. Ein erster Schritt ist gemacht.

Mir selbst fiel es nicht immer leicht, mich in die brasilianische Denk- und Lebensweise hineinzuversetzen. Zu unterschiedlich sind die Kulturen, Strukturen und auch Lebensgewohnheiten. Doch sind es gerade diese Unterschiede, die es spannend und interessant machen, sich damit auseinanderzusetzen und sich um Verständigung zu bemühen. Trotz der massiven Probleme, mit denen der größte Teil der brasilianischen Bevölkerung zu kämpfen hat, zeichnet sich eine Eigenschaft aus, die wir nur bewundern und woraus wir auch lernen können: unverwechselbare Lebensfreude und Gastfreundschaft.

Dem Projekt gebe ich gute Chancen zu "überleben" und sich weiter zu entwickeln, sofern die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen gegeben sind. Unter Fernandos Leitung, einem Mann von besonderer Integrität und pädagogischen Fähigkeiten, ist ein Klima der Toleranz und des Vertauens entstanden, in dem sich die Kinder und Jugendlichen wohlfühlen können und lernen, gemeinsam den Alltag zu meisten. Denn nur gemeinsam und in Verantwortung füreinander können sie, die mit soviel negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit belastet sind, wieder Hoffnung auf ein besseres Leben schöpfen und sich auch aktiv tagtäglich dafür einsetzen.

Jens Kopczak

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