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Erfahrungsbericht - Rumänien

Autor: Dorothea Striegel
Projekt: Casa Buna
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - Dezember 2003


Hallo, liebe Unterstützer, liebe Eirenies, liebe Freunde und liebe Familie!

Gerade erst habe ich Deutschland verlassen und schon liegen fast vier Monate in Rumänien hinter mir. Es ist also langsam höchste Eisenbahn für den ersten Rundbrief, in dem ich euch endlich schreiben werde, was ich hier den lieben langen Tag so mache. Nun frage ich mich nur noch, wie ich euch das alles einigermaßen kompakt servieren kann. Voll mit vielen Eindrücken hätte ich in den ersten Tagen wirklich ein Buch verfassen können und jetzt ist das Chaos in meinem Kopf noch größer. Aber was soll's? Also, gut. Setzt euch hin, nehmt euch ein wenig Zeit und schweift mit euren Gedanken einmal in Richtung Osten!

Rumänien!?

Es ist echt ein wahnsinniges Gefühl mit dem Zug durch dieses Land zu fahren, wenn gerade die Sonne aufgegangen ist. Als ich das erste Mal bei meiner Projektreise hierhin fuhr, klebte ich ganz fasziniert am Fenster und staunte, denn ich hatte irgendwie das Gefühl mitten in einem alten Film gelandet zu sein. Es hat mich so beeindruckt. Überall diese kleinen Dörfer, die wunderbare Landschaft, die vielen Pferdewagen, Menschen die mit primitivsten Geräten die Felder bearbeiteten, die farbenprächtigen Kleider der Roma und die Dacias, einfach nur viele Dacias und qualmende LKWs... Alles war so anders auf den ersten Blick, inzwischen hat sich dieser Eindruck aber relativiert.

Aber einmal ganz von vorne

So richtig los ging's für mich mit dem Ausreisekurs. Der war wirklich super und ging einfach viel zu schnell vorbei. Schlag auf Schlag hieß es nun Abschied nehmen, was mir auf meiner Abschiedsfete und die Tage vor meiner Abreise aber nicht wirklich bewusst wurde. Dass vor mir 1 ½ Jahre Rumänien lagen, wurde mir dann auf einmal klar, als ich nach dem Urlaub mit meiner Familie in Salzburg auf dem Bahnhof stand und meine Tränendrüsen ziemlich aktiv wurden. Und dann saß ich auf einmal allein im Zug Richtung Sibiu mit meinem großen Koffer und einem wahnsinnig flauen Gefühl im Magen. Es war schon komisch, alles Gewohnte zurückzulassen und in diese doch recht unbekannte Umgebung zu fahren. Dann stand ich auch schon auf dem Bahnsteig in Medias. Nur Sonja war nicht da, eine andere EIRENE -Freiwillige, die mich abholen wollte. Aber dann kam sie doch und brachte mich nach Reussdörfchen/Rusciori, das in der Nähe von Sibiu/Hermannstadt, mitten in Transsilvanien liegt. Dort platzte ich mitten ins Geschehen auf dem Kinderbauernhof und fiel nach einem kurzen Einblick, wie nun ein Tag im Sommer dort abläuft, tot müde ins Bett. Leider habe ich von den Kinderfreizeiten nur noch wenig mitbekommen, denn die Ferien waren fast vorbei und wegen einigen Hepatitis Fällen im Dorf, hatte eine Gruppe abgesagt.

Im und auf dem Lande

Einige Tage später war ich auch schon wieder in Richtung Bukarest unterwegs, um an den Treffen der dortigen Moderatoren teilzunehmen. Die Moderatoren sind Jugendliche, die auf Deutsche Schulen gehen bzw. Deutsch als Unterrichtssprache haben und im Sommer die Kindergruppen in Rusciori begleiten. Frau Jinga, die Leiterin des Bauernhofes hat dort eine Wohnung. Nichtsahnend schloss ich also die Tür auf und da blickte mir doch tatsächlich Sebastian entgegen, den ich schon vom Rumänisch Sprachkurs in Jena kannte und der Frau Jingas neuer Untermieter war. Die Welt ist ein Dorf und Rumänien erst recht. Gerade wenn man auch nur einen einzigen anderen Deutschen hier kennt, dreht man sich doch immer wieder in denselben Kreisen. Und so standen zwei Tage später zwei Jungs vor der Tür, die eigentlich Sebastian suchten, mir seltsamer weise aber auch wieder ziemlich bekannt vorkamen. Bis mir klar wurde, dass es sich bei diesen beiden nur um die zwei Bukarester Freiwilligen handeln konnte, die mir schon einmal vorher von der EIRENE Homepage entgegengelächelt hatten. So also zum Beginn mit Hilfe von ein paar "Alteingesessenen" ein kleiner Einblick in die Metropole Rumäniens.

Wieder zurück in Sibiu traf ich ganz zufällig noch jemanden vom Sprachkurs, der ein Freiwilligenseminar veranstalten wollte und mich dazu einlud. In einem Pfarrhaus, der hier so typischen Kirchenburgen, verbrachte ich mit anderen Freiwilligen aus Sibiu und Umgebung nun ein paar schöne Tage bei saukaltem Wetter mit Kachelofen, Tuika (Pflaumenschnaps), kaltem Wasser und Plumpsklos und stellte mich auf den typisch rumänischen Winter ein. Der allerdings hat mich bis jetzt wirklich enttäuscht. Bis letzte Woche haben wir noch bei Temperaturen um die 15 Grad geschwitzt und das am Rande der Karpaten im November! Seit vorgestern liegt nun aber endlich ein wenig Schnee.

Dann ging es guter letzt mit einigen Moderatoren und mit Leuten einer deutschen Partnerorganisation des Kinderbauernhofes für einige Tage in die Moldau. Erste Station war Bacau, eine vom Sozialismus sehr geprägte, nicht wirklich schöne Stadt. Doch wie überall in Rumänien werden auch dort fleißig Kirchen errichtet. Warum, das ist mir immer noch nicht ganz klar, denn die Zahl der Gläubigen ist meines Wissens nicht gestiegen und in Deutschland zum Beispiel hat man ja immer mehr Probleme, die Kirchen zu füllen. Anschließend fuhren wie in einige Klöster, die mich wesentlich mehr begeistern konnten. Es war schon imposant zu sehen, dass dort bis zu sechshundert Mönche oder Nonnen, wie in einem kleinen Dorf zusammen leben.

Nach gut einem Monat war dann Schluss mit dem Unterwegssein. Zu diesem Zeitpunkt verspürte ich langsam auch den Willen Schlafsack und Kraxe in die Ecke zu stellen und endlich einmal wieder warm zu duschen. Die Zahl der Kinder auf dem Bauernhof hatte sich inzwischen von 60 auf zwei reduziert, denn die Sommerferien waren vorbei. Aber auch Frau Jingas Enkelkinder verstanden es noch für ordentlich Stimmung und Chaos zu sorgen. Ihre Lieblingsbeschäftigung bestand eigentlich darin, den Tieren keine ruhige Minute zu lassen. Als ich an einem Tag aus dem Haus kam rutschte gerade in diesem Moment eine Gans mit lautem Geschrei die Rutsche hinunter. An einem anderen Tag torkelte einer der Hunde mit glasigen Augen im Garten herum. Diesmal lag es allerdings nicht an den Enkelkindern, die schon wieder über alle Berge waren, sondern an den weggegossenen Schnapsresten. Einmal habe ich mich dann schließlich auch im Kühe melken versucht. Nach zehn verzweifelten Minuten konnte ich als absolutes Stadtkind der Kuh etwa eine Tasse Milch abringen. Für den Stallknecht, der in der gleichen Zeit fast einen ganzen Eimer füllte, schien das aber sehr amüsant zu sein. Zusätzlich zu seinem vergnügten Grinsen fing er dann auch noch damit an, mit seinem absolut unverständlichen Dorfrumänisch auf mich einzureden. Jedes zweite Wort von mir hieß dann eigentlich nur noch: "Wie?", "Was?" und "Hä......?" Mit der Zeit wurde es immer ruhiger und einsamer auf dem Bauernhof und außer Marmelade einkochen und hier und da ein wenig mitzuhelfen, gab es nicht wirklich Arbeit für mich.

"Arbeitslos"

Etwas machen müsste man in Rumänien eigentlich an allen Ecken und Enden. Um so unverständlicher war es für mich, am Anfang quasi arbeitslos zu sein. Nachdem die Kinder weg waren, gab es für mich lange Zeit leider nur wenig zu tun. Frau Jinga hatte gerade in den letzten beiden Monaten riesige finanzielle Probleme und kann in diesem Jahr deshalb viele Aktivitäten einfach nicht finanzieren. Außerdem ist das Büro eher ein Sprechzimmer als ein Arbeitsplatz, in dem jeder aus und ein geht und nebenbei das halbe Dorf lautstark seine Probleme debattiert. Deswegen hat sie wahrscheinlich auch nie viel Zeit, um mit mir darüber zu sprechen, was sie eigentlich von mir erwartet und in welchem Bereich ich ihr wirklich eine Hilfe sein kann. ...

Langweile kam in mir trotzdem nicht auf, als ich dann mein Quartier in die Stadt nach Sibiu verlegt habe, aber immer größerer Frust über meine "Arbeitslosigkeit". Glücklicherweise habe ich dann Arek kennengelernt, der hier als Sozialarbeiter ein Projekt zur Resozialisierung von obdachlosen Menschen aufbaut und ihm ab und zu geholfen. Nachdem ich mit Frau Jinga und EIRENE über meine Situation hier gesprochen habe, werde ich nun hauptsächlich dort arbeiten und in den Sommerferien dann auf dem Kinderbauernhof sein.

Und was mache ich nun eigentlich hier?

"Das Gute Haus" ist ein Gemeinschaftsprojekt der evangelischen Kirche Hermannstadts und einem deutschen Verein, der sich in Osteuropa engagiert. Ziel des Projektes ist es, Obdachlosen eine vorläufige Unterkunft zu bieten und diese vor allem bei der Suche nach Arbeit und einem Dach über dem Kopf zu unterstützen. Seit zwei Wochen haben wir nun dafür auch die offizielle Genehmigung, auf die wir lange warten mussten und daher erst einmal nur ambulant weiterhelfen konnten. Momentan gibt es hier 4 Bewohner.

Zu meiner Arbeit gehören von der Küche bis zum Büro ganz verschiedene Sachen. Erstens gibt es im Moment noch sehr viel Bürokratisches und Organisatorisches zu erledigen, da das ganze Projekt noch in seinen Kinderschuhen steckt. Also, zum Beispiel das Haus einrichten, die Homepage ins Englische übersetzen, den Schreiner zum sechsten Mal fragen, wann denn nun endlich die Schränke kommen etc. Alle sollen sich natürlich bei den häuslichen Arbeiten beteiligen, wobei das mit den jetzigen Bewohnern fast reibungslos verläuft, weil sie sehr motiviert und hilfsbereit sind.

Dann war ich mehrere Tage mit einem unserer Klienten bei Ärzten und allen möglichen Behörden, um einen neuen Führerschein zu beantragen, den er verloren hatte. Jetzt sucht er gerade Arbeit als Taxifahrer. Am Morgen und Abend nimmt sich dann einer von uns Zeit gemeinsam mit den Bewohnern zu essen. Durch die kleine Kapazität des Hauses geht es hier sehr familiär zu.

Als ich letzte Woche die meiste Zeit alleine im Haus war, weil Arek einen Hilfstransport der Caritas in die Moldau begleitet hat, stand auf einmal eine Frau mit ihrem kleinen Jungen vor der Tür, die von ihrem gewalttätigen Mann weggelaufen war. Eigentlich nehmen wir zur Zeit nur Männer auf, weil wir noch nicht die räumliche Möglichkeit haben, die Geschlechter zu trennen. Aber sie konnte ja auch nicht einfach auf der Strasse stehen gelassen werden. So war sie also einige Tage auch bei uns, bis wir nach einigem Suchen eine Art Frauenhaus für sie finden konnten. Vo denen gibt es hier leider nur ganz wenige.

Es war also noch mehr Leben als sonst in der Bude, mit dem Ergebnis, dass nicht nur der Hund genüsslich meine Zeitung fraß, die ich aus Deutschland bekommen hatte, sondern auch noch der kleine Junge mit dem Locher aus dem Büro fröhlich Löcher hinein stanzte. Ich kann allerdings von Glück reden, dass ich im Gegensatz zu Arek ein vollständiges Visum habe, denn seins ist auch dem Hund zum Opfer gefallen. Weniger praktisch, aber halt witzig ;-)

Ein weiteres Ziel des "Guten Hauses" ist die Unterstützung von hilfsbedürftigen Familien. Vor zwei Wochen haben Arek, Frau Jinga und ich einige Zigeuner-Familien in Rusciori besucht. Die Verhältnisse dort sind wirklich unbeschreiblich. Mit 5 oder mehr Kindern leben sie in Wellblech- oder Holzbaracken, die so groß sind wie mein Zimmer. Ohne fließend Wasser, ohne Strom, mit einem Bett, die Kinder bei winterlichen Temperaturen barfuss... .

Weit weg ist die Dritte Welt hier nicht, sie beginnt tatsächlich gleich vor der Haustür. Selbst wenn man das Glück hat ohne Ausbildung einen Job zu haben, dann läuft das meistens schwarz mit einem Lohn von 50 000 LEI am Tag. Das sind etwa 1 Euro und 25 Cent. Wie soll dann jemand eine Wohnung finanzieren, in der er allein für die Miete 100 Euro aufbringen muss und dann noch nicht mal Anspruch auf Sozialhilfe hat. Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel und die Gegensätze zwischen arm und reich sind einfach wahnsinnig. Selbst meine Mitbewohnerin Doina verdient nur 75 Euro im Monat. Sie hat aber studiert und arbeitet jetzt als Lehrerin. Wenn man dann die Preise für Lebensmittel, Miete usw. betrachtet, dann fragt man sich wirklich, wie die Leute sich hier über Wasser halten. Die Lehrer zum Beispiel sind darauf angewiesen Nachhilfe zu geben und die Menschen in der Stadt versorgen sich zusätzlich über Verwandte auf dem Land. Irgendwie ist es doch verrückt, dass ich als Freiwillige ein Taschengeld bekomme, was über dem rumänischen Durchschnittslohn liegt.

Ich nix verstehen, was du wollen?

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, irgendwo in Deutschland zu sein. Deutsch zu sprechen ist hier leider so furchtbar einfach, gerade in Siebenbürgen. Mein Rumänisch ist dementsprechend immer noch katastrophal. Vorteilhaft ist allerdings, dass Doina auch gleich meine Rumänischlehrerin ist. Am Anfang war ich mit dem Lernen noch viel motivierter, jetzt bin ich einfach nur noch gnadenlos faul, muss aber wenigstens auf der Arbeit etwas sprechen.

Als ich letztens nach der Chorprobe wie immer mit dem Fahrrad nach Hause fahren wollte, fand ich nur noch mein durchgesägtes Schloss am Geländer. Das war insofern sehr freundlich von den Dieben, weil ich mir dann wenigstens sicher war, das Fahrrad in meiner Verpeiltheit nicht schon wieder woanders stehen gelassen zu haben. Aber ärgerlich war es natürlich auch, denn es war ja nicht einmal meins, sondern nur von Frau Jinga geliehen. So bin ich dann der ganzen Formalitäten wegen mal wieder zur Polizei getippelt, die ich durch meinen ganzen Visakram inzwischen schon recht gut kenne. Leute, die rumänische Bürokratie ist schlimmer als die deutsche! Irgendwann hat sich dann jedenfalls auch ein freundlicher Polizist gefunden. Der die Anzeige für mich geschrieben hat.

Ein paar Tage später, als ich morgens gerade total müde auf dem Weg ins Bad und echt überhaupt nicht aufnahmefähig für die rumänische Sprache war, rief mich die Polizei an. Die Frage war jetzt bloß, was die von mir wollten. Illegal im Land war ich ja "Gott sei Dank" nicht mehr, nachdem ich ein bisschen zu spät aber schließlich doch noch ein Visum bekommen hatte. Dieser nette Herr am Telefon faselte etwas von meinem Fahrrad und, dass ich am nächsten Tag gefälligst um acht auf der Wache zu sein habe. Meine Antwort war dann etwa so: "Bitte?.... Ich nicht sein aus Rumänien, was ist Problem mit Fahrrad......hä? Ja, sein geklaut. Haben sie Fahrrad? Bitte sprechen langsam...... warum?......gut ich kommen morgen....." Etwas verwundert ging ich natürlich am nächsten Tag dorthin. Etwas hatte ihnen an der Anzeige nicht gepasst und ich hatte schließlich die Ehre ein Rumänischdiktat zu schreiben, von dem ich vielleicht die Hälfte verstanden habe. Es gibt halt viele Möglichkeiten, Rumänisch zu lernen.

Zum Schluss

Ich könnte noch so viel schreiben, aber das hat ja auch noch in den nächsten Rundbriefen Platz. Noch zwei grundsätzliche Dinge.

1. Als ich noch in Deutschland eine EC-Karte beantragen wollte, fragte mich doch tatsächlich die Frau von der Sparkasse, ob es denn in Rumänien wirklich Bankautomaten geben würde. Ja, ich kann ihr jetzt versichern, dass diese tatsächlich existieren. ;-)

2. Die Rumänen scheinen ein sehr gelassenes Völkchen zu sein. Es sei denn, sie sitzen im Auto. Als Fahrradfahrerin erlebe ich hier echt keinen Tag, an dem ich nicht angehupt werde bzw. irgendwelche Flüche an den Kopf geschmissen bekomme. Aber da reagiere ich einfach mal ganz rumänisch, immer schön relaxed bleiben.........

Besonders danken möchte ich vor allem meinen Unterstützern, die es mir ermöglichen, hier sein zu können. Aber auch allen anderen, die ab und zu etwas von sich hören lassen und geduldig auf meine Anwort warten, auch wenn sie mal wieder länger braucht.

Euch allen eine schöne Adventszeit und liebe Grüße aus Rumänien,

eure Dorothea


Rundbrief - Oktober 2004


Liebe Unterstützer, liebe Freunde, liebe Familie,

die ersten Blätter fallen von den den Bäumen, es wird langsam aber sicher Herbst.
Dass ich nun mehr als ein Jahr in Rumänien bin und zu den "alten Hasen" hier gehöre, ist mir bewusst geworden, als es im August quasi zum Schichtwechsel der deutschen und österreichischen Freiwilligen in der Stadt kam. Inzwischen ist die nächste Generation längst angekommen, nur wenige vom letzten Jahr sind geblieben.
Die Wochen scheinen nur so zu fliegen. Nach langer Pause will ich euch nun endlich vom warmen, erlebnisreichen Sommer hier erzählen.
Im Büro des "Guten Hauses" sitzend versuche ich, die Eindrücke der letzten Monate gedanklich zu sortieren.

Kinder, Kinder und noch mehr Kinder ...
Ab Mitte Juni ging es zurück aufs Land, auf den Kinderbauernhof nach Reussdörfchen/Rusciori, wo ich nun den größten Teil der dreimonatigen Sommerferien verbringen sollte.
Nach der langen Zeit in Sibiu, fiel mir das gar nicht mehr so leicht. Und doch war es im nachhinein abwechslungsreich, zusammen mit einer so großen Kinderschar, mal wieder richtig gute Landluft zu schnuppern.

In jeder Serie kamen zwischen 50 und 60 Kinder an der Zahl, die Bauernhof und dem kleinen, verschlafenen Nest für jeweils zehn Tage ordentlich Schwung brachten. Danach folgte jeweils ein Tag Pause und der ganze Spaß ging wieder von vorne los. Vom Programmablauf kann man sagen, dass er von kleinen Abweichungen einmal abgesehen, eigentlich immer gleich strukturiert war und im wesentlichen drei Zielsetzungen verfolgte:

1. Kennenlernen des Landlebens
2. Förderung des sozialen Verhaltens
3. Vermittlung von deutschen Sprachkenntnissen, besonders auf Kultur und die Geschichte der Siebenbürger Sachsen bezogen.

Der erste Tag begann für alle mit dem Erkunden des Dorfs. Das geschah in Form eines Spieles. In kleinen Gruppen ging es also nun los, das Haus Nr. 43 zu suchen, herauszubekommen, wie denn nun der Pfarrer heisst, wo Frau Mariechen wohnt usw.
Rätsel wurden gelöst und Mitbringsel vom Wegrand gesammelt.

Interessant und leicht befremdlich wirkte für mich dabei vor allem die Struktur dieses kleinen, vergessenen Dorfes. War es ursprünglich eine Ansiedlung der deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen, vermischten sich seine Bewohner im frühen Mittelalter mit den Bogomilen[1]. Diese zogen über die Karpaten aus Bulgarien Richtung Siebenbürgen. Gemeinsame Sprache wurde einfachhalber das Rumänische.
Heute findet man in der 500-Seelengemeinde drei Ethnien vor, die stark separiert voneinander leben. Sachsen gibt es noch an die 30, dann einige Rumänen. Die Mehrheit stellen die Zigeuner, bzw. werden sie als solche bezeichnet.
Ein Ethnologiestudent hat mir letztens erklärt, dass diese Bezeichnung nicht für alle Gruppen passend sei. Darauf möchte ich aber nicht weiter eingehen, denn dieses Feld ist unglaublich weitläufig.
Reussdörfchen hat seinen Ruf als "Zigeunerdorf" jedenfalls weg. Viele Eltern, die ihre Kinder aus den Städten auf den Kinderbauernhof schicken, haben es überhaupt nicht gern, wenn ihre "geliebten, wohlerzogenen kleinen Engelchen" diesen Teil des Dorfes betreten.
Entschuldigt den ironischen Unterton, doch dieses stereotype Denken vieler Rumänen, ist nervig. Der Kontakt wird auf das Nötigste beschränkt bzw. vermieden.
Erleichtern tut es, den auf alle Fälle nicht unproblematischen Umgang mit den weniggeliebten Zigeunern, nicht wirklich.
Vielmehr hat das eine Verschärfung der sozialen und kulturellen Differenz zur Folge.

Aber nun wieder zurück zum Kinderbauernhof! War das Dorf erst einmal bekannt, folgte in den Tagen darauf ein Programm, in dem die Kinder mit allen Sinnen das Landleben tiefer erfahren konnten.
Einmal drehte sich alles um das Feld. Die ganze Horde machte also einen kleinen Spaziergang, auf dem Roggen, Weizen, Mais und Co. inspiziert wurde. War dies geschehen, ging es mit dem Brot weiter. Gemeinsam wurde gebacken und die Kinder erfuhren dabei, wie viel Arbeit in einem Brot tatsächlich steckt. Auch auf die Symbolik des Brotes wurde näher eingegangen.

Weiter ging es mit der Käseherstellung oder der genaueren Betrachtung eines Bienenstaates.
Ein anderes Mal erforschte man hautnah ein geschlachtetes Schwein oder ein kleines Kälbchen. Der Schlachter oder ein Tierarzt sezierten das tote Tier und Frau Jinga, die Leiterin des Bauernhofes nahm interaktiv die Organe und ihre Funktionen mit den Kindern durch.

Für einen Städter sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber eine klasse Methode, um Kinder damit vertrauter zu machen.
Allabendlich, bei Sonnenuntergang ging es schließlich in kleinen Gruppen zum Melken.

Sonntags wurde gemeinsam Gottesdienst, mit der kleinen deutschsprachigen, evangelischen Gemeinde, gefeiert und danach ein paar deutsche Kirchenlieder zum Besten gegeben.
Apropos Lieder! Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Sommer die Gitarre in den Händen hatte, um die Klassiker der deutschen Kinderlieder im großen Chor, in allen Oktaven zu schmettern. Eins ist klar, waren sie wirklich ganz weit hinten im Gedächtnis vergraben, werden sie mir so schnell nicht wieder aus den Ohren gehen. Aber auch bekannte rumänische Weisen wurden gern und viel gesungen.
Traditionell konnten die Siebenbürger Sachsen, in ihrem Minderheitendasein, über die Jahrhunderte viel an deutscher Kultur bewahren, was mit den verbliebenen alten Leuten nun wohl verschwinden wird.

Frau Jinga, eine sehr engagierte, ältere Frau, hält die Fäden bei der ganzen Sache in ihren Händen. Saisonal angestellte Hilfen in Küche und Stall, kümmern sich um Haus und Hof. Den Inhalt mit Spielen, Themen und zugehörigem Wortschatz bestreiten weitestgehend die Moderatoren, Jugendliche, die auf deutschsprachige Schulen gehen.
Meine Aufgabe lässt sich vielleicht ganz gut als Koordination der Moderatoren bezeichnen, wovon ich im Nachhinein ein geteiltes Fazit ziehe.
In manchen Gruppen kam ich mir recht überflüssig vor, in anderen wiederum, war es wichtig zur Stelle zu sein, um die Jugendlichen bei der Stange zu halten, ihnen Tipps zu geben und ihnen bei Bedarf unter die Arme zu greifen.

Inhaltlich am meisten abverlangt hat mir das Nachtreffen der Moderatoren, in dem ich völlig selbstständig mein Programm gestalten konnte. So habe ich täglich ein paar Spiele mit ihnen ausprobiert, da davon in den Serien bis jetzt leider nur wenig Gebrauch gemacht wurde.
Ich glaube, die Square-Tänze, die ich von den Kinderwochen meiner Kirchgemeinde aus Deutschland kenne, sind dabei super angekommen. So hoffe ich, dass bis zum nächsten Jahr einiges hängen bleibt und manchmal noch mehr Schwung in die Sache kommt.

Mir persönlich hat diese Zeit in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einige Erfahrungen gebracht. Hier konnte ich einfach mal ein wenig experimentieren und neues ausprobieren.

Und eins ist ebenso sicher. Voller Stolz kann ich sagen, dass ich nicht nur gelernt habe, zu Melken und dabei mehr als eine Tasse zu füllen, wie beim ersten Scheitern vor einem Jahr. Nein, ich habe eine Menge andere praktische Dinge mitnehmen können, bin nun quasi ein ganz kleines bisschen zum Landei geworden.
Waren mir Hunde, Schafe, Kühe und Büffel zu Beginn doch etwas suspekt, sind inzwischen alle Berührungsängste gewichen.
Ich werde das dörfliche Leben ein wenig vermissen, mit seinem morgendlichen Glockenläuten, dem klaren Sternenhimmel, die Ruhe, den Duft, die Herde von Ziegen, Kühen und Büffeln, die bei Sonnenuntergang von der Weide zurückkommt und die Menschen, die ihre Tiere allabendlich am Tor erwarten.

..... und dann ordentlich Erholung

Irgendwann nach Wochen voller Kinder, kam dann endlich der lang ersehnte Urlaub. Freunde waren da und mein Bruder Sebastian, mit dem ich viel Zeit hatte, Land und Leute weiter kennenzulernen.

Natürlich musste ich mal wieder feststellen, dass es nichts bringt, großartige Pläne zu schmieden. Denn ich bin ja schliesslich mitten in Rumänien, wo auf Verkehrsmittel nicht wirklich Verlass ist.
Also aufstehen, Wetterprognose erstellen, zum Bahnhof gehen und schauen, ob der Zug überhaupt noch existiert. Oder man nehme sich einen Bus, was auch nicht immer wesentlich besser funktioniert.

Gerade die Maxitaxis fahren, wo und wann es ihnen beliebt. Vollgestopft mit Menschen, Hühnern, Hunden und Gepäck, frei nach dem Motto: Einer geht noch...

Methode Nummer drei ist das Trampen und wie ich festgestellt habe, die beste und kommunikativste Art des Reisens. Also Schildchen malen, Daumen raus, keine zehn Minuten gewartet und schon bist du mitten im facettenreichen, rumänischen Leben.

Vom LKW zum Pferdewagen, über knatternde Dacias, mitgenommen wird man von jedem. Auch von Besitzen tiefergelegter Autos, mit getönten Scheiben und einer Maneledisko[2] an Bord, die einen quasi hinausschleudert und wenn nicht sie, dann der Fahrer, der mit 120 über die Landstraße düst.

Auf ging es also mit Methode Nummer drei in Richtung Berge. Die geplante Kammwanderung im Fagaraser Gebirge, konnte auf Grund schlechten Wetters nicht vollständig in die Tat umgesetzt werden. Einige Kilometer haben Sebastian und ich in den drei Tagen trotzdem geschafft.
Der Negoiu, zweithöchster Berg Rumäniens wurde erklommen, nicht ohne vorher für uns echt herausfordernde Stellen zu überwinden. Umso schöner war es dann, nach einem Tag Wandern das Zelt an einem Bergsee in 2300 m Höhe aufzuschlagen und die obligatorischen Nudeln mit Heißhunger zu vertilgen.
Mit Bären haben wir glücklicherweise keine Bekanntschaft schliessen müssen, auch wenn hier die abenteuerlichsten Geschichten erzählt werden und es in diesem Jahr allein schon im Kreis Sibiu mehr als 20 Attacken gab. Auch aggressive Schäferhunde blieben uns erspart.

Es sind die Menschen und ihre Gesichter, die mir als Erinnerung durch den Kopf gehen. Der wild gestikulierende, italienisch geprägte "Exil-Rumäne"; die Sächsin, die uns auf der Straße ansprach; die alte, traurige Rumänin in ihrer Wohnung voller glitzernd, bunter Heiligenbilder; der kleine Zigeunerjunge auf dem Markt; zwei junge Israelis, die uns im Auto mit in die Berge nahmen, die zwei ausgewanderten jungen Sachsen den Weg zurück.

Hier begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Es beeindruckt mich immer wieder

Typisch?!

Neben rumänischen Mythen, waren unter anderem die Mentalitätsunterschiede Thema auf einem Seminar für Rumänienfreiwillige vor einigen Wochen.

Hin ging es zusammen mit Freunden im Bus, der mal wieder rammelvoll war. Hätte der Mensch nicht die Angewohnheit zu atmen, würde der Busfahrer einen sicher auch noch im Kofferraum unterbringen. So sitzt, steht oder legt Mensch sich halt irgendwo hin und hofft nun darauf, im entscheidenden Moment den Bus auch wieder verlassen zu können.
Über den Köpfen kreist eine 2 l Plastik-Bierflasche der billigsten Sorte, dunkelbraune Typen werfen uns zweideutige Kommentare zu.

Nach einer Stunde Fahrt im Überlandbus steigen wir endlich aus und machen uns auf dem Weg zum Seminar. Endlich dort angekommen, ist weder jemand anzutreffen, noch liegt der Schlüssel, wie vereinbart unter dem Fußabtreter. Da es ordentlich frisch draußen ist, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als die Dorfkneipe aufzusuchen und ein Feierabendbierchen zu trinken.

Vor der Kneipe ein geduldiges Pferd, auf seinen angetrunkenen Besitzer wartend, ein Schäfer schläft auf seinen Stab gestützt. Drinnen ein paar Dorfzigeuner mit langen Bärten, heitere Rumänen und ein paar Manelefreaks.

Wir betreten mit unseren Kraxen im Wanderoutfit also das Szenario, verwunderte Blicke liegen im Rücken, man tuschelt ein wenig... wir amüsieren uns nicht weniger.

Sofort, als wir die Kneipe verlassen und etwas planlos in Richtung Kirchenburg marschieren, bietet uns eine rundliche alte Dame an, doch bei ihr zu übernachten. Überdies ist sie fasziniert, dass wir mit ihr Rumänisch plaudern.

Egal, wie gut man am Ende die Sprache beherrscht, viele Leute sind einfach über die Tatsache begeistert, dass du dich als Ausländer bemühst. Manche mögen gar nicht erst glauben, dass du weder hier geboren bist, noch deine Eltern ausgewanderte Sachsen sind.
Wie oft ist mir inzwischen passiert, dass ich meinen Mund noch gar nicht aufgemacht habe und schon werde ich im Internetcafe oder auf der Strasse von wildfremden Personen auf Deutsch angesprochen.
Dabei würde ich gerne viel mehr Rumänisch sprechen. Das nächste Mal behaupte ich einfach, ich wäre aus Reykjavik. Denn Isländisch beherrscht man doch, trotz aller Sprachbegabungen, hier hoffentlich nicht!

Letztens liegt mal wieder ein kleiner Zettel im Postkästchen, dass ich auf der Post zu erscheinen habe, um etwas abzuholen. Gut, ich marschiere zur vorgegebenen Zeit also dahin. Und was überreicht man mir?
Eine Brief, der an der Seite aufgeschnitten, wieder fein säuberlich mit Tesa zugeklebt und noch in eine ganz tolle Plastikfolie eingeschweisst war. Dazu ein Beipackzettel, auf dem kurz und knapp gesagt, etwa folgendes stand.:

"... Sehr geehrter Kunde, dieser Brief hat in diesem Zustand den Zustellbereich der Posta Romana erreicht. Um ihn vor weiteren Beschädigungen zu schützen, haben wir ihn im Interesse unserer Kunden in einen Schutzumschlag eingeschweisst. Wir bitten Sie um Ihr Verständnis Mit freundlichen Grüssen, Ihre Posta Romana..."

Ich werde nie verstehen, warum die Menschen privat so freundlich und offen sind, es auf der anderen Seite aber im Dienstleistungsbereich oft noch hapert.

Das eine oder andere macht dieses Land eben aus. Ich jedenfalls freue mich auf die letzten Monate hier, mit allen ihren Seiten!

Seid alle ganz lieb aus Sibiu gegrüsst, eure Dorothea

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