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Erfahrungsbericht - Niger

Autor: Pia Schievink
Projekt: Mutuelles
Träger: EIRENE International 




Weitere Berichte von Pia Schievink kannst du hier Downloaden:
5. Rundbrief -> Download
7. Rundbrief -> Download
8. Rundbrief -> Download
9. Rundbrief -> Download
10. Rundbrief -> Download
11. Rundbrief -> Download


1. Rundbrief


Hallo alle miteinander,

morgen geht die grosse Reise also nun endlich los. Und damit das grosse "wann-fährst-du-denn-nun-eigentlich"-Fragen ein Ende hat, hiermit für alle schriftlich: in genau 11 ½ Stunden geht der Flieger.

Viele Vorbereitungskurse verbunden mit unglaublich viel Infomaterial liegen hinter mir, viele gute und gut gemeinte Ratschläge habe ich eingesammelt und viele Nervenstränge beim Packen gelassen; aber nun ist es soweit: vor mir stehen zwei gut verschnürte, im erlaubten Kilogrammlimit liegende Rucksäcke, die nun darauf warten, morgen in aller Herrgottsfrühe zum Köln-Bonner Flughafen gefahren zu werden.

Doch nicht nur diese zwei Rucksäcke sondern auch 16 Monate Afrika verbunden mit Ungewissheit, Fremde und einer Sprache, die ich (noch) nicht beherrsche stehen vor mir. Oft bin ich gefragt worden, was mich zu diesem Schritt bewogen hat, was mich motiviert und oft genug habe ich mir diese Frage in den letzten Wochen selbst gestellt. Mit einer kurzen und erschöpfenden Antwort kann ich auch nicht dienen, aber vor drei Tagen lief mir ein (Lied)Text über den Weg, der es ganz gut auf den (vorläufigen) Punkt bringt und der für so einen ersten Rundbrief wie geschrieben scheint....

Aufsteh´n, aufeinander zugeh´n

Wir wollen aufsteh´n, aufeinander zugeh´n,
voneinander lernen,
miteinander umzugeh´n.

Aufsteh´n aufeinander zugeh´n
und uns nicht entfernen,
wenn wir etwas nicht versteh´n

Viel zu lange rumgelegen
viel zu viel schon diskutiert.
Es wird Zeit, sich zu bewegen,
höchste Zeit, dass was passiert.

Diese Welt ist uns gegeben,
wir sind alle Gäste hier.
Wenn wir nicht zusammenleben,
kann die Menschheit nur verlier´n.

Dass aus Fremden Nachbarn werden,
das geschieht nicht von allein.
Dass aus Nachbarn Freunde werden,
dafür setzen wir uns ein.

Damit komme ich auch schon zum Ende dieses ersten Schreibens. Ich weiss mich begleitet von all´ euren guten Wünschen und Gedanken und das hilft!

Für heute seid alle ganz herzlich gegrüßt,
bis bald

pia

2. Rundbrief



Hallo alle miteinander,

wie versprochen hier also die Meldung: bin heil angekommen! Eine lange und anstrengende Reise war es; um 5 Uhr morgens ging es los -; an dieser Stelle sei ein grosses Lob an meine Nachbarin Heike B. ausgesprochen, die mich Wunderkerzen winkend an ihrem Kuechenfenster stehend verabschiedete -; zunaechst nach Paris. Dann folgten 7 Stunden Aufenthalt dort, was furchtbar lang war; schlimmer noch als die Dauer war jedoch, dass ich festgestellt habe, Franzoesisch nicht wirklich zu moegen -; das ist ein Problem...
Von Paris ging es dann weiter nach Tripolis und von dort nach Niamey. Ich bin mit Air Afriqhia geflogen; eine Fluggesellschaft, der glaube ich die ausrangierten Flugzeuge anderer zur Verfuegung gestellt werden; ob der Tatsache, dass ich meine Armlehne fast herausnehmen konnte und ueberhaupt alles in diesem Flugzeug extrem wackelte, ueberkam mich eine kleine Attacke von Flugangst -; ich bin mir allerdings noch nicht schluessig, ob ich dieses Gefuehl meiner Malariaprophylaxe oder der Normalitaet zuordnen soll...

However, ich bin schliesslich und endlich planmaessig und unversehrt hier angekommen. Bis morgen wohne ich hier im Buero- und Gaestehaus von EIRENE; gerade wohnen auch Barbara und Klara hier, Besuch aus Deutschland fuer Heide, eine Eirenefreiwillige, die seit einem Jahr hier in Niamey in einem Frauenprojekt arbeitet. Morgen wird es dann zunaechst nach Tahoua gehen, wo ein Treffen aller Eirenefreiwilligen und -;entwicklungshelfer des Landes stattfindet. Am Mittwoch geht es dann schliesslich nach Agadez, meinem endgueltigen Bestimmungsort. Christoph, Eirenelandeskoordinator und mein Chef, wird bis Sonntag dort bleiben und Heide wird auch mitkommen und noch eine weitere Woche dort mit mir verbringen -; und das ist gut so! Bis dahin habe ich hoffentlich zumindest eine latente Zuneigung zu der hiesigen Sprache entwickelt, sodass ich dort unbedenklich allein gelassen werden kann. Ansonsten bleibt noch der Kurzwetterbericht: einigermassen bewoelkter Himmel und um die 30 Grad. Ganz zum Schluss nun das wichtigste, meine Postanschrift:

ONG Takkayt
Pia Schievink
B.P. 13
Agadez
Niger

In froher Erwartung eurer Post war es das von mir fuer heute,

liebe gruesse
pia

3. Rundbrief


Hallo alle miteinander,

hier sitze ich nun in Agadez, meinem endgültigen Bestimmungsort, und habe mir vorgenommen zu (be)schreiben, was seit meiner Ankunft hier so alles geschehen ist...

Nur weiss ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht einfach dort, wo ich das letzte mal aufgehört habe, also im Eirene-Büro in Niamey.
Nun, wie schon gesagt ging es an meinem zweiten Tag hier im Niger mit dem Auto los nach Taouha. Das hiess ca. 500 km rauf in den Norden, 500 km eine Straße geradeaus, die für die Verhältnisse eines der ärmsten Länder der Welt wirklich gut ausgebaut ist. So bin ich also quer durch dieses Land geruckelt worden - ein Land das so unbeschreiblich fremd ist, so unbeschreiblich anders als alles, was ich vorher gesehen oder erlebt habe. Sicher war ich mir schon in Deutschland darüber im Klaren, dass der Niger ein armes Land ist, dass der Niger ein Land der Sahelzone und damit der Wüste ist, dass der Niger ein Land voller schwarzer Menschen ist...... und trotzdem hat mich all diese Andersartigkeit absolut und total aus der Bahn geworfen. Tja, man nennt es wohl auch ganz lapidar "Kulturschock".

In Taouha fand dann bereits erwähntes Treffen der Eirenemitarbeiter statt. Dazu habe ich eigentlich nicht viel zu erzählen, da alles auf Französisch ablief und ich dementsprechend wenig verstanden habe. Für mich ging es auch eher darum, alle Leute wenigstens mal zu sehen - und da ich ja nur mein Sprech- und nicht mein Sehvermögen verloren habe, ist mir dies auch gelungen.

Dann ging es weiter nach Agadez, weitere ca. 500 km geradeaus... In Agadez angekommen wurde zunächst das Gästehaus von Eirene von uns (d.h. Chrisoph, Heide, Barbara, Clara und mir) in Beschlag genommen - das sollte also mein Zuhause für die nächsten 16 Monate sein. Mit all meinen Begleiterinnen ließ es sich dort auch ganz gut aushalten. Das Häuschen liegt inmitten der wuseligen, mit engen Gässchen durchzogenen Altstadt von Agadez - den Weg zum Haus musste ich einige male mit ortskundiger Begleitung üben. Es erscheint einem wie eine Oase der Ruhe inmitten dieses lebhaften Viertels. Es gibt einen kleinen Innenhof, der von einer Mauer und einem großen Tor umgeben ist. Dort gibt es 2 Bäume und einige hübsch-violette Blumen. Sitzt man auf der Terrasse, kann man all die Menschen vor dem Tor zwar hören, aber nicht sehen und so kommt man sich ein bisschen vor, wie in einer Luftblase. Und jedes Mal, wenn man das Tor öffnet und in die "Wirklichkeit" tritt, ereilt einen erneut ein Mini-Kulturschock, zumindest ist es mir so ergangen.

Aber zunächst zum Programm der dann folgenden Tage: solange Christoph noch in Agadez war (bis zum 18. September), haben wir die Zeit genutzt, mich mit allen Menschen bekannt zu machen, mit denen ich die nächsten 16 Monate zusammenarbeiten werde. Dabei handelt es sich ausschließlich um Nigrer, hauptsächlich um Männer. Beide Tatsachen haben mir, bevor ich die Menschen kannte, doch einiges an Kopfzerbrechen bereitet - das war allerdings sofort verschwunden, als ich ihnen vorgestellt wurde und sie eine kleine Weile erlebt habe. Allesamt sind ganz arg großartig! Erstens haben sie eine Engelsgeduld mit mir und meinen dürftigen Sprachkenntnissen und zweitens verfügen sie alle über eine ordentliche Portion Humor. Und der ist der Verständigung besonders dienlich, verfügt man nicht über die gleiche Sprache! Zu meiner Arbeit kann ich allerdings noch nicht all zu viel schreiben, denn alles befindet sich im Aufbau. Doch soviel weiss ich schon: ich arbeite direkt mit zwei Kollegen zusammen - Effad und Sidian - und wir drei sollen ein Beratungsteam für die beiden in Verbindung mit Eirene stehenden "Sparkassen", bzw. "Mutuelles" wie sie hier genannt werden, bilden. Mutuelle ist auch ein passenderes Wort für diese beiden Vereine, denn wörtlich übersetzt bedeutet es "Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit". Man kann sich das ganze ein bisschen wie eine Genossenschaftsbank vorstellen, nur eben ganz am Anfang. Die beiden Mutuelles, die wir beraten sollen sind zum einen Emzigzan in Agadez und zum anderen Téguirguist in Ingall. Ingall ist ein Ort mitten in der Wüste ungefähr 200 km südlich von Agadez. Auch zu diesem Ort kann ich momentan noch wenig sagen, doch am Montag (04. Oktober) werde ich mit Effad und Sidian hinfahren und eine Woche dort verbringen - Leute kennen lernen, mich, unser Programm und unsere Pläne vorstellen und so weiter...
Das bedeutet also eine Woche nur französisch- bzw. tamachegsprechende Menschen um mich herum, kein Strom, kein fließendes Wasser und drum herum ein großes Nichts namens Wüste; on va voir! Allerdings sind sich meine beiden Kollegen durchaus bewusst, dass das ganze etwas viel werden könnte, und sie mich evtl. früher wieder nach Agadez bringen. Ich bin also auf der sicheren Seite.

Kommen wir zurück zu meiner Wohnsituation. Der eigentliche Plan war also, dass ich im Eirene-Gästehaus wohnen bleibe. Nachdem Christoph sich wieder auf den Weg nach Niamey gemacht hatte, blieben mir die Mädels noch eine Woche erhalten. Die ersten zwei Tage waren wir allerdings zunächst damit beschäftigt, wieder gesund zu werden, denn wir hatten allesamt eine Magenverstimmung - aber bekanntlich ist ja geteiltes Leid nur halbes Leid und bald schon ging es uns besser. Außerdem ergibt sich ja aus allem schlechten immer etwas gutes, wie meine weise Mama zu sagen pflegt, und so habe ich Dank dieser Magenverstimmung gleich erfahren, dass meine Kollegen sich ganz rührend um mich kümmern; relativ umgehend nachdem Christoph ihnen berichtet hatte, dass wir alle krank im Haus rumliegen, haben sich zwei von ihnen auf den Weg gemacht nach uns zu schauen - das hat doch was beruhigenden?!
Wieder gesundet und voll neuer Energie machten wir uns dann bald daran, das Haus ein wenig zu verschönern. Denn aus der Tatsache, dass es sich um ein Gästehaus handelt resultiert, dass seit ewigen Zeiten niemand darin gewohnt hat und dementsprechend eine Verschönerung durchaus angebracht war. Aus Zeitmangel haben sich unsere Verschönerungsmaßnahmen allerdings auf eines der drei Zimmer beschränkt; das wurde dafür um so schöner. Weniger schön war, dass ich beim rumräumen und entstauben des Hauses auch die Bekanntschaft mit einem Skorpion gemacht habe. Ich habe zum Glück nicht sofort geschnallt, dass es sich bei dem Tier auf meinem Hosenbein, auf das Barbara mich hinwies, um einen Skorpion handelte. Also habe ich ihn dementsprechend unhektisch auf den Boden verfrachtet, was in Anbetracht der Tatsache, das dieses gute Tier unangenehm wird, sobald es sich angegriffen fühlt, ein Glück war. Doch als die Erkenntnis über mich kam, galt es doch, ihn umzubringen. Das ist mir dann auch ohne irgendwelche Gefahren für Leib und Leben und mit Heides und Barbaras Beistand gelungen.
Schließlich kam der Sonntag - der Tag, an dem alle weg waren und ich alleine in diesem Haus zurückblieb. Und so ziemlich sofort wusste ich: das geht nicht gut! Alleine in diesem Haus, in dieser "Luftblase", zusammen mit einer Tonne von Staub, wer weiss wie vielen Skorpionen und Gottesanbeterinnen (wobei diese Tiere ja eher faszinierend anzusehen als erschreckend sind...), das war nicht die Wohnsituation, die gut für mich war. Zum Glück hatte ich bereits die Bekanntschaft mit der "deutschen DED-Enklave" hier in Agadez gemacht (DED = Deutscher Entwicklungsdienst); eine kleinen Runde von absolut netten Menschen, ohne die ich hier völlig verloren wäre! Unter anderen sind da Thomas und Sandra Wenisch, die mir sofort angeboten hatten, dass, sollte mir die Decke auf den Kopf fallen und ich vor Einsamkeit vergehen, ich bei ihnen wohnen könnte. Kurz und gut: ich wohnen nun erst mal bei Thomas, Sandra und Alina (die 11monate alte Tochter). Geplant ist, dass ich ab November in einem Zimmer im Büro des DED hier in Agadez wohnen kann, das muss allerdings noch bei offizieller Stelle abgeklärt werden. Alors, on va voir et je vais vous informer!

Alles in allem geht es mir mittlerweile ganz gut hier. Bei Familie Wenisch fühle ich mich sehr wohl, meine nigrischen Kollegen sind großartig und die Arbeit, die ich hier machen soll, finde ich in hohem Maße sinnvoll - das ist doch eine Basis, auf der sich aufbauen lässt!

Bleibt zum Schluß ein Kurzwetterbericht: 40 Grad, wolkenloser Himmel, brennende Sonne. Draußen hält man es eigentlich nur VOR 8 Uhr morgens oder NACH 18 Uhr abends aus. Dunkel wird es hier schon so gegen 18.30 Uhr, was zu dieser ansonsten für mich hochsommerlichen Stimmung irgendwie nicht recht passt...

Ganz zum Schluss noch ein technischer Hinweis: bitte, bitte schickt mir KEINE FOTOS!!!! Die Internetverbindung hier in Agadez ist wahnsinnig zerbrechlich, dementsprechend kann man froh sein, wenn sie lange genug hält, um Nachrichten herunter zu laden bzw. zu verschicken. Und Fotos sind einfach zu groß, damit ist die arme Leitung hier mal richtig überfordert und ich brauche Stunden UND ein Vermögen, bis ich an die Nachrichten komme. Also bitte, keine Fotos oder sonstige größere Anhänge schicken!!! Und alle, die mich in irgendeinem "habe-witziges-im-internet-gefunden-und-wollte-euch-dran-teilhaben-lassen"-Verteiler oder ähnlich-es haben: bitte schmeißt mich da raus. Im Voraus bereits vielen Dank!

Und ganz ganz zum Schluss noch meine Handy-Nummer: 00227 894883. Billigvorwahlen für den Niger gibt es, leider kenne ich sie nur nicht; aber da vertraue ich mal auf die Geschicklichkeit jedes Einzelnen, eben diese herauszufinden.

Ach ja, noch was: meine "Päckchenwunschlist" für alle die vorhaben, mir Nettigkeiten zu schicken. Über folgendes würde ich mich irre freuen: Herbstlaub, Schnee- und Regenfotos, Kamillen- und Pfefferminztee, Bepanten-Lippensalbe, Tütensuppen (besonders fränkische Grünkernsuppe von Maggi) oder sonstige Tütenfertigprodukte, für die man nur Wasser braucht (Salatsaucen z.B.), Haribo, Musik (hier ein Aufruf an alle ÖHCler: bitte schickt mir eine Kopie vom Elias!), Bücher oder sonstiges Lesematerial, hübsche Postkarten, Brausepulver oder anderes, mit dem man pures Wasser irgendwie schmackhafter machen kann......hm, mehr fällt mir für den Moment nicht ein. Briefe sind auch immer toll und dabei fällt mir ein, dass Ende November Brigida (Afrikareferentin von Eirene) hier in den Niger kommt. Sie könnte also für Briefe die Postbotin spielen; die Adresse lautet: EIRENE, z.H. Brigida Ferber, Engerserstr. 81, 56564 Neuwied.

Also, das war es für heute von mir, freue mich TOTAL über Antworten (ob Post oder e-mail, wie auch immer), leider kann ich nur nicht versprechen, jedem einzeln zurückzuschreiben, aber ich hoffe, das sieht mir jeder nach...


liebe Grüße
pia

4. Rundbrief


Hallo alle miteinander,

Wirklich lange Zeit ist seit meinem letzten Brief nicht vergangen, aber es passieren hier so viele Dinge, dass es mir ein Bedürfnis ist zu erzählen. Ich habe versucht eine gewisse Struktur hereinzubringen - hoffe, es ist gelungen und ich werde niemanden verwirren mit meinem Bericht.
Und nun: viel Spaß beim Lesen!

Land und Leute

Da ich aufgrund der so rapiden Internetverbindung hier nicht die Möglichkeit habe Bilder zu verschicken, werdet ihr nun also auf meine Beschreibungen angewiesen sein. Tja, wo soll ich anfangen?! Ich lebe hier in einer Stadt, die maßgeblich aus Einstöckigen, aus Lehm gebauten Häusern besteht. Fast alle Häuser sind von einer Mauer umgeben, so dass es immer eine Art Innenhof gibt. Dort gibt es meist einen oder zwei Bäume und natürlich Ziegen und Hühner, manchmal auch Hasen oder andere Kleintiere.
Agadez verfügt über eine Teerstraße und eine gepflasterte Straße, alle anderen Straßen sind nichtbefestigte Sandpisten - es ist also recht holprig hier. Die Fortbewegungsmittel der Menschen variieren; die Palette reicht von Esel bis Auto, wobei die Esel deutlich in der Mehrzahl sind. Daneben sieht man Kamele, Pferde, Holzkarren mit Eseln davor und vor allem Motorräder. Ich bin hier meistens zu Fuß unterwegs oder aber einer meiner Kollegen nimmt mich auf dem Motorrad mit bzw. organisiert irgendjemanden, der mit mitnimmt. Man könnte sagen, ich habe meinen privaten Hol- und Bringdienst, es ist eigentlich nie ein Problem, wenn ich sie bitte mich zu Hause abzuholen oder nach Hause zu bringen, auch wenn es ein Umweg ist. Diesen Dienst nutze ich all zu gerne während der Mittagszeit. Dann brennt die Sonne schon recht arg und es ist furchtbar ermüdend, zu Fuß unterwegs zu sein. Morgens und Abends gehe ich allerdings sehr gerne zu Fuß; die Temperaturen sind dann recht angenehm (so um die 30 Grad) und außerdem tut die Bewegung gut - aufgrund der Hitze bewegt man sich während des Tages nämlich nur soviel, wie unbedingt nötig. So habe ich am Ende des Tages schon so manchen verständnislosen Blick geerntet, wenn ich die Frage "Est-ce que je peux te passer ? la maison?" verneinte.

Wenn ich auf der Dachterrasse meines derzeitigen Domizils stehe und meinen Blick über die Stadt schweifen lasse, muss ich immer wieder feststellen, wie schön Agadez von oben betrachtet aussieht. Der warme Rotton der Gebäude, die oft mit einfachen aber doch hübschen Verzierungen und Ornamenten versehen sind und die mit Bäumen und ganz manchmal auch Blumen versehenen Innenhöfe ergeben ein schönes Bild, besonders bei Sonnenauf- bzw. Sonnenuntergang - und da ich auf eben dieser Dachterrasse nächtige (im Haus ist es definitiv zu heiß), komme ich fast jeden Tag in den Genuss, einen Blick auf Agadez bei Sonnenaufgang zu erhaschen. Wenn dann auch noch die Muezzine zur Gebetszeit die Stadt beschallen, kommt man sich ein bisschen vor wie in 1001 Nacht (allerdings nur, wenn man nicht gerade schlafen will.....). So sieht es ÜBER den Dächern von Agadez aus.
Befindet man sich auf dem Boden der Tatsachen, wird viel der Schönheit relativiert. Eine der verbreitetsten "Baumdekorationen" in Agadez sind z. B. schwarze Plastiktüten. Am Anfang dachte ich erst, es seien Raben oder so, die in den Bäumen rumsitzen und kam mir schon vor wie in "Die Vögel" von Mr. Hitchcock. Doch bei genauerem Hinschauen habe ich dann schnell gemerkt, dass es sich um Plastiktüten handelt. Landläufig nennt man sie deshalb auch die schwarze Blume Afrikas - la fleur noir d´Afrique. Doch nicht nur auf den Bäumen findet man Müll, er ist überall. Wird der Müll nicht irgendwo in den Straßen deponiert, verbrennt man ihn - das führt zu einem gar interessanten Geruchsgemisch in den Straßen Agadez´, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es hier keine Kanalisation gibt. Die Abwässer der Häuser werden entweder durch ein Rohr direkt auf die Straße geleitet bzw. die Eimer und Gefäße, die besagtes beinhalten, werden auf die Straße entleert. Man tut also gut daran, beim Wandeln durch die Straßen Agadez´ nicht all zu oft den Blick zu heben und Abends stets eine Taschenlampe bei sich zu tragen. Ganz anders wird mir immer, wenn ich sehe wie die Kinder in diesen Kloaken spielen und herumspringen.

Was sonst sieht man, wenn man durch die Straßen Agadez´ läuft?! Ziegen, Hühner, Geckos, Kinder, teetrinkende und plaudernde Männer unter Bäumen, Radios, Motorräder, Esel, Autos, über die sich Angestellte des TÜVs entweder amüsieren oder aufregen würden, Frauen, die alles mögliche auf dem Kopf transportieren, Kamele mit und ohne turbanverhüllten Reitern, Kokosnüsse, grüne Orangen und vieles, vieles mehr.
Zu den Motorrädern und den plaudernden Männer unter Bäumen ist zu sagen, dass es sich bei der Kombination beider Umstände meist um einen Taxistand handelt. Denn in Agadez gibt es die sog. "Mototaxis"; man heizt also auf dem Rücksitzt eines Motorrads sitzend durch die Stadt; zwischendurch wird immer mal angehalten, um einen Freund oder Kollegen nach dem Weg zu fragen. Also, Taxifahren in Agadez ist ein Erlebnis! Und je nach Fahrstil des Fahrers auch ein Wagnis....

Wenn ich an die Menschen hier denke, denke ich an Freundlichkeit, Humor, Hilfsbereitschaft und Geduld; aber auch an Verschmitztheit. Vieles, um nicht zu sagen fast alles, funktioniert hier nach dem Motte "versuchen kann man´s ja mal". Vor allem, wenn es um einkaufen und das hier dazugehörende Verhandeln geht. Bisher habe ich mein Verhandlungsgeschick aber noch nicht oft geübt bzw. ich glaube, ich muss es überhaupt erst noch entdecken...
Auf jeden Fall fällt mir auf, wie geduldig und bemüht alle sind, wenn sie merken, dass ich nicht gut französisch spreche. Und wie gut die Kommunikation auf Basis von Gesten, Mimik und Humor funktioniert - gelacht habe ich schon recht viel mit den Nigrern, und das hilft sehr, mit all dem befremdlichen zurecht zu kommen.
Eine besonders auffallende Kategorie Mensch sind hier die Kinder. Ich glaub, der erste Satz, den Kinder hier auf Französisch lernen ist "Nasara, donne-moi un cadeau!" - also: Weiße, gib mir ein Geschenk. Das kommt quasi reflexartig, sobald ein Kind mich erblickt. Noch ist es ziemlich anstrengend, aber ich werde mich wohl daran gewöhnen.
So viele Kinder auf einmal habe ich auch bisher selten gesehen. Die Statistik sagt, dass auf 1 Mann hier im Niger 2 Frauen und ca. 10 Kinder kommen. Man kann sich also vorstellen, das es hier nur so von Kindern wimmelt. Auffallend für mich ist, wie winzig sie oft sind. Viele Kinder würde ich allein von der Körpergröße ausgehend für nicht viel älter als ein Jahr halten; doch wenn ich dann sehe, das diese Kinder munter durch die Gegend rennen und "Nasara" rufen, müssen sie doch älter sein. Sandra erzählte, das ihr, als sie schwanger war, von den nigrischen Frauen immer gesagt wurde: das Beste für Kinder ist Hirse, und mehr brauchen sie eigentlich nicht. Auch meine Kollegen sagen, dass die allgemeine Ernährung der Kinder leider eher schlecht als recht ist - Kinder kriegen halt das, was übrig bleibt; und Hirse! In Anbetracht dessen scheint mir die tendenziell kleine Körpergröße nun nachvollziehbar...

Meine Arbeit

Langsam aber sicher entwickelt sich so etwas wie ein Arbeitsalltag hier. Wobei kein Tag wie der andere ist - ich bin eben in Afrika! Und hier habe ich die Dinge einfach nicht in der Hand; ich kann zwar planen und denken, wie mein Tag verlaufen wird, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Eine Lektion, die ich hier bereits gelernt habe: man muss die Dinge "geschehen lassen".

Ein schönes Beispiel dafür ist meine Fahrt nach Ingall. Wie bereits im letzten Brief erwähnt, war ich für 4 Tage "en mission" in Ingall, um die Mutuelle und die Mitarbeiter dort kennen zu lernen. Außerdem war es auch eine "Mission der Revision" - es galt, die Arbeit der Mutuelle des letzten Monats zu kontrollieren, also den Kassenbestand und die Buchführung zu überprüfen, Inventur des Materialbestandes durchzuführen usw. Eine solche "Revision" findet für beide Mutuelles einmal monatlich statt. Ich werde also in meiner Zeit hier in recht regelmäßigen Abständen nach Ingall kommen.
Nun aber zum typisch-afrikanischen Ablauf meiner Reise: Effad, mein Kollege sagte mir, es würde am Montag "trés tôt le matin" losgehen. Ich dachte also so an 6 - aber nein, um 8 war der Plan. Ich war also, ganz nach deutscher Manie und insbesondere nach Schievink´scher Art, pünktlich um 8 Uhr startklar. Ich hatte jedoch einen afrikaerfahrenen "Mitwartenden", der schon am Abend vorher sagte: "Das wird bestimmt später!" Dieser weise Mitwartende war Matthias aus der Schweiz, der gerade ein paar Tage Urlaub in Agadez machte und uns als Mitfahrgelegenheit nach Ingall nutzen wollte; er selbst war 2002/2003 für ein Jahr mit dem DED in Cameron. Wie er also schon richtig vermutete, ging es später los; zunächst kam so gegen 9 Uhr eine Nachricht auf meinem Handy an, dass meine beiden Kollegen mich um 10 abholen würden. Dem war dann auch so, doch los fuhren wir noch nicht. Sie luden Matthias und mich an der Mutuelle ab und fuhren zunächst ihr Gepäck zu Hause holen und dann auf den Markt, Lebensmittel kaufen. In der Zwischenzeit wurde Matthias von Fatima und Fatima (die beiden Mitarbeiterinnen bei Emzigzan) die Mutuelle gezeigt und wir verbrachten einen recht vergnüglichen Vormittag dort - denn Effad und Sidian tauchten erst so gegen 12 Uhr wieder auf. Zu dem Zeitpunkt befand sich dann Matthias gerade auf dem Markt, um etwas zu essen zu besorgen, denn unsere Mägen fingen an zu knurren. Also mussten wir zunächst auf seine Rückkehr warten, aber so gegen 12.30 Uhr stiegen wir dann ins Auto und fuhren los. Doch bevor es wirklich nach Ingall losging, wurde noch einige Male gestoppt; natürlich wurde uns nie mitgeteilt, aus welchem Grund und Matthias und ich waren bei jedem Halt auf´s neue gespannt, was nun passieren würde. Zuerst ging es zum Gästehaus von Eirene, um Geschirr und Küchenutensilien zu holen. Bei der Gelegenheit konnte ich Matthias auch mein eigentlich geplantes Zuhause zeigen - er war ganz angetan von dem Haus, was auch mich dazu brachte, es mit anderen Augen zu betrachten...
Bei der Weiterfahrt wurde dann erst mal ein kleiner Schnack von Autofenster zu Autofenster mit einem vorbeifahrenden Bekannten gehalten, bis ein weiterer Wagen kam und durchwollte. Dann wurde noch bei einigen Ständen gehalten, um die noch fehlenden Kleinigkeiten zu besorgen. Kurz vor Stadtausgang wurde dann noch Fleisch gekauft und dann verließen wir Agadez tatsächlich. Ich machte es mir also soweit wie möglich bequem, da ich hundemüde war - doch nach ein paar Hundert Metern hielten wir schon wieder an, mitten im Nirgendwo. Es hieß also aussteigen und im Schatten der Bäume - oder besser gesagt Sträucher - einen kleinen Mittagssnack bestehend aus Fleisch, Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Danach war dann der Plan, nach Ingall zu starten, doch nach einigen Hundert Metern kam uns ein Auto, welches von 5 Männern geschoben wurde, entgegen - Panne! Wir hielten natürlich an, um zu helfen. Ihr könnt euch vorstellen, wie Matthias und ich gelacht haben und uns fragten, ob wir wohl jemals in Ingall ankommen würden. Die Pannenhilfe war jedoch schnell erledigt, die Jungs brauchten nur Wasser und schon war ihr Motor wieder zufrieden. Schließlich und endlich fuhren wir also los und - Wunder oh Wunder - der nächste Halt war tatsächlich Ingall.

Tja, Ingall, ein beschaulicher, ruhiger, kleiner Ort mitten in der Wüste. Wasser aus der Leitung gibt es zwar, allerdings so salzig, dass man es nicht trinken kann. Wir hatten jedoch gut vorgesorgt und einen 40l-Kanister gutes, klares Agadez-Wasser mitgenommen. Strom gab es auch - ab ca. 17 Uhr bis ca. 1 Uhr nachts.
Was man in Ingall sieht: Staub, Steppe, Palmen (es gibt einige Gärten in der Gegend), Frauen mit Wasserbehältern auf dem Kopf, Esel, Kamele, Ziegen, Hühner, Buschtaxis (eines war ein alter Kleintransporter von "Willi Reinhard - Heizung und Sanitär in Sins"; und man glaubt kaum, wie viele Leute da auf einmal reinpassen; ich habe 25 gezählt), ein paar Wasserstellen und Nomaden, die ihre Herde zum tränken bringen und das beste: mitten auf dem Marktplatz steht ein Kicker - ich frage mich, wer einen Kicker warum und wann gerade in diese Einöde verfrachtet hat?!

Was man in Ingall hört: Hahnengekrähe, Muezzine, Hundegebell und Celin Dion - wenn irgendein Sender sie spielt; doch ich habe den Eindruck, es gibt immer einen Sender der sie spielt. Überhaupt habe ich selten erlebt, dass so viel Radio gehört wird wie hier. Die Menschen hier vergöttern ihr "Post-Radio", das gehört quasi zur Grundausstattung eines jeden Nigrers. Es würde mich nicht wundern, wenn man selbst in der einsamsten Wüste einen Menschen mit Radio treffen würde, der gerade Celin hört.
Alles in Allem hat mir Ingall den Umständen entsprechend gut gefallen; allerdings waren 4 Tage so ziemlich das äußerste an Zeit, die ich dort verbringen möchte, vor allem bei gleichbleibender Unterkunft; wir haben in einem Haus "gecampt", welches gerade der Bruder des Präsidenten der Mutuelle gebaut, jedoch noch nicht bezogen hat. Sprich: ein leeres, viereckiges, einstöckiges Betongebäude mit Eisentüren und -fenstern - es hatte irgendwie den Charme einer Lagerhalle. Umgeben war das ganze, wie hier üblich, von einer Lehmmauer; der hiesige Innenhof war allerdings noch nicht, wie üblich, in irgendeiner Form bepflanzt - kein Baum, kein Strauch, keine Blume, nur Erde... meine Umgebung war also recht trostlos. Doch da das Haus wohl in nächster Zeit bezogen werden wird, bin ich mal gespannt, wie die Unterkunft bei meinem nächsten Aufenthalt dort aussehen wird. Soviel also zu meiner ersten Dienstreise.

Allgemein gesprochen gibt es zwei Dinge, die ich bisher vor allem mit meiner Arbeit assoziiere: Réunions (= Versammlung/Teamsitzung) und mein Wörterbuch.
Die Nigrer lieben Réunions! Ich bin zwar erst 4 Wochen hier und "arbeite" erst seit 3, aber habe bereits an 7 Réunions teilgenommen. In Anbetracht meiner dürftigen Sprachkenntnisse war das zwar etwas anstrengend, aber dennoch lohnend. So habe ich viel über die Strukturen und Arbeitsweisen der Mutuelles erfahren und einen Einblick in die Art und Weise, wie hier Réunions ablaufen gewonnen. Alles ist hier viel offizieller und man redet die Menschen, mit denen man gerade noch rumgeblödelt hat plötzlich mit "Monsieur le Président" an. Das Wort wird immer ganz offizielle vom Versammlungsleiter erteilt bzw. erbeten und so viele Höflichkeits- und Formfloskeln wie hier habe ich selten bei einer Réunion gehört. Bei der Réunion in Ingall hätte ich dann eigentlich noch ein Schlusswort sprechen sollen. Mir als weiße und neue Kolligin usw. galt es, die Réunion gebührend zu beenden; leider habe ich diese Aufforderung aber aufgrund meiner Sprachschwierigkeiten nicht verstanden und habe nur erschrocken geguckt, als mich plötzlich so erwartungsvoll ansahen - na ja, war aber nicht schlimm, der gute Sidian ist dann eingesprungen.
Zum Wörterbuch ist zu sagen: das gehört hier zu meiner Grundausstattung, sobald ich das Haus verlasse. Allerdings sehne ich schon den Tag herbei, an dem ich es endlich mit gutem Gewissen zu Hause lassen kann. Und da ich nun einen Französischkurs begonnen habe, bin ich auf dem besten Wege, diesen Tag zu erreichen. Mein Lehrer wurde mir von Madigou vermittelt. Madigou ist Mitglied des Verwaltungsrates der Mutuelle in Agadez. Hauptberuflich ist er ebenfalls Lehrer, die Arbeit bei der Mutuell macht er ehrenamtlich - wie alle Mitglieder der verschiedenen Komitees; eine Beschreibung der genauen Organisationsstrukturen der Mutuelles gibt es an dieser Stelle jedoch nicht; um diese Beschreiben zu können, brauche ich selber noch etwas mehr Durchblick.
Zurück zu meinem Französischkurs: mein Lehrer, Idi Abdu, ist also ein Kollege von Madigou und mein erster Eindruck ist sehr gut. Er scheint ein guter Lehrer zu sein und ich bin überzeugt, dass ich viel lernen werde! Madigou habe ich übrigens auf einer der Réunions kennen gelernt; er saß neben mir und da er gut englisch spricht, kamen wir ins Gespräch - wozu Réunions doch gut sein können! Ich werde also nun zweimal die Woche je zwei Stunden Französischunterricht genießen. Zunächst bis Ende November und dann schauen wir weiter.

Allgemein finde ich die Arbeit vor allem total spannend. Immer wieder stelle ich fest, dass es hier um den Aufbau von etwas geht, was für mich bzw. in Deutschland längst zur Routine bei der Arbeit im Bankwesen gehört - und das ist höchst interessant! Z. B. ist ein Problem der Mutuelles, verlässliche Informationen über Neukunden zu erhalten; Infos über evtl. vorhandene Vermögens- und Einkommensverhältnisse z.B., die ja sehr wichtig sind für die Entscheidung bei der Vergabe von Krediten. Oft wohnen die Leute jedoch irgendwo im Busch, man kennt sie nicht und sie können einem alles mögliche über sich erzählen.
In Deutschland gibt es da die Schufa und bei jeder Kreditvergabe ist im Vertrag eine "Schufa-Klausel" enthalten (also die Einwilligung des Kreditnehmers, dass die Bank bei der Schufa Informationen über ihn einholen darf). Man macht sich gar keine Gedanken mehr über das Problem, was entsteht, wenn man keine zuverlässige und verlässliche Informationsquelle hat.
Bei meiner bzw. unserer Arbeit geht es also hauptsächlich um den Aufbau von grundsätzlichen Regeln und Normen, Verträgen und Rahmenbedingungen, von Strukturen und Strategien, die den Mutuelles eine autonome Existenz, ohne die Hilfe und Unterstützung von Eirene und Bot für die Welt (der momentane Hauptgeldgeber) möglich machen. Zur Zeit höre ich hauptsächlich zu, versuche zu verstehen und beobachte - und damit bin ich voll und ganz ausgelastet! Dabei habe ich jedoch festgestellt, dass meine beiden Kollegen hier wirklich sehr kompetent, sehr innovativ, sehr kreativ sind; sie haben interessante Ideen und Pläne, von denen wahrscheinlich vieles auch bei meiner Abreise noch Plan und Idee sein wird; aber ich habe das Gefühl, wir drei zusammen können doch einige dieser Pläne und Ideen während meiner Zeit hier umsetzten - alors, on vera!

Sonstiges...

Nach wie vor wohne ich hier noch bei den Wenischs; doch ein Dauerzustand ist es nicht, denn erstens verlassen die drei den Niger Ende diesen Jahres (was unglaublich schade ist!) und zweitens ist man bei einer Familie doch irgendwie immer ein bisschen Störenfried. Die Idee, das ich das Zimmer von Christoph (dem anderen NFPler hier) im DED-Büro übernehme, sobald er im November ausreist, wird wohl nicht verwirklicht werden können; die offizielle Stelle, die das hätte absegnen müssen, hat leider nein gesagt.
Und so überlege ich gerade, wo ich denn nun meine Rucksäcke endgültig und vollständig auspacken werden... Vielleicht doch zurück ins Eirene-Haus? Das letzte mal, als ich dort war, vermittelte das Haus schon eine ganz andere Stimmung; das lag wohl aber hauptsächlich daran, das es von ca. 12 Musikern samt Ausrüstung belagert wurde. Dabei handelte es sich um eine Gruppe bestehend aus Tuareg und Peul (zwei der Hauptethnien hier im Niger) deren Namen ich leider vergessen habe. Übersetzt hießen sie auf jeden Fall: traditionelle Sterne. Die Gruppe kommt aus Niamey und machte gerade eine Tournee durch die Region Agadez. In Niamey arbeiten die Musiker eng mit Sandra van Edig, der Frau von Christoph, zusammen und so kam es, dass sie während ihrer Zeit in Agadez natürlich im Eirene-Haus residierten. Sandra lud mich zum gemeinsamen Essen ein und so kam es, dass ich diesen verrückten Haufen kennen lernte. Es war ganz arg herrlich, denn endlich war etwas nicht fremd sondern wunderbar vertraut - Musiker sind eben Musiker, egal wo auf der Welt. Das Konzert hier in Agadez hatte ich leider verpasst (da war ich noch in Ingall), aber ich war dann bei einem Konzert, das die Gruppe in einem kleinen Dorf 10 km von hier gegeben hat. Die hiesige Musik ist ehrlich gesagt etwas gewöhnungsbedürftig und hat für meine Ohren einen eher asiatischen als afrikanischen Touch, aber dennoch war es ein tolles Erlebnis. Vor allem hat mir die traditionelle Kleidung der Musiker gefallen; ich konnte keinen einzigen mehr wieder erkennen: die Peul nicht, weil sie so wundervoll geschminkt waren und die Tuareg nicht, weil sie alle ihre Turbane trugen. Aber gut sahen sie alle aus!
Das ganze fand natürlich Open Air statt, mitten in der Steppe unter einem richtig schönen Sternenhimmel. Das ganze Dorf war versammelt; am Anfang waren alle noch etwas verhalten, aber mit der Zeit fingen sie dann an zu klatschen und zu tanzen und am Ende des Konzerts übernahmen die Frauen des Dorfes die "Bühne", um ein sog. Tam-Tam zu machen: Dabei stehen alle Frauen im Halbkreis, eine oder zwei von ihnen trommeln, die andern klatschen und singen. Aufgabe der Männer ist es dann, dazu zu tanzen - und zwar Einzeln. Es sieht ein bisschen aus, wie man sich das Rumpelstielzchen vorstellt, das um´s Feuer tanzt... Traditionsgemäß dient das Tam-Tam der Brautwerbung. Die Jungs präsentieren sich und die Mädels können sich in aller Ruhe anschauen, welcher ihnen gefällt; irgendwie eine ganz nette Idee.

Insgesamt merke ich, dass ich mich so langsam aber sicher einlebe und das Fremde den Schrecken verliert und statt dessen an Faszination gewinnt.
Nächste Woche kommt Christoph aus Niamey hoch, weil am Wochenende - na, ratet mal?! Richtig: eine Réunion ist. Danach fahre ich dann mit ihm zusammen zurück und werde so ca. eine Woche dort sein. Visum verlängern, mich beim DED vorstellen und so weiter.
Kommen wir also zum Kurzwetterbericht: zwischen 30-35 Grad, meistens weht ein angenehmer Wind (der allerdings auch ganz schön viel Staub aufwirbelt) und man kann es sogar schon am Nachmittag draußen gut aushalten. Nachts habe ich sogar schon ein paar mal gefröstelt und brauchte doch ein Laken als Zudecke.

Ganz zum Schluss ein großes Dankeschön für alle mails, Briefe und Anrufe, die mich hier erreichen. Es ist wirklich eine wahnsinnig große Hilfe zu wissen, dass ihr da drüben an mich denkt! Also schreibt bzw. wählt fleißig weiter, ich freue mich!

Für heute war es das von mir,
liebe Grüße aus der Wüste

pia

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