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Erfahrungsbericht - England

Autor: Florian Auls
Projekt: Philpots Manor School
Träger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. 



MEIN "ETWAS ANDERES" JAHR IN PHILPOTS

Wer bin ich?
Florian Auls, ein "Überlebender" aus dem "Anderen Dienst im Ausland".

Wo komme ich her?
Vor mehr als 13 Monaten lebte ich in der Wetterau, nahe Frankfurt am Main, wo ich mein "Bis-Dahin-Leben" und das Abitur im Frühjahr 2001 an der "Freien Waldorfschule Wetterau" (Bad Nauheim) bestand.
Ein halbes Jahr später fand ich mich auf einer Fähre von Hamburg nach Harwich wieder; Zielort: Philpots Manor School.
Bestimmung: 13 Monate "Gutes" tun, besonders in dieser englischen Schul- und Wohneinrichtung für sog. "schwererziehbare" Kinder.
Alles in allem war ich im Begriff, der Völkerverständigung zudiensten zu sein und nebenher als Pazifist zu überleben.

Das mit dem "Gutes" tun war schon auf der Überfahrt nicht so schwer: Dank seegangbedingter Unterleibsverstimmtheiten mit unfreiwilligem Mageninhaltsverlust durch den "Eingang", seitens meines Ruhesesselnachbarn, konnte ich direkt einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten (selbst wenn es "nur" für einen Psychologiestudenten aus meinem Heimatland war).
Dermaßen beschwingt auf der "Insel" angekommen viel es gar nicht schwer "links" zu denken und auch noch so zu fahren.
Was sollte also schief gehen?

Nun, vorerst gab es nichts zu meckern. Ich kam am letzten Wochenende der Schulsommerferien in der idyllisch im grünen gelegenen Einrichtung an und fand auch bald bekannte Gesichter (im Winter 2000/2001 hatte ich, mitten im "ADiA-Platzfindungsprozess", eine kleine "Schnupperreise" nach Philpots unternommen und war auf Leben gestoßen).
Da ich einen Tag später als die übrigen "Neuhelfer" ankam hatte ich bereits einen gemeinschaftlichen Segeltrip verpasst. Doch während einer kleinen Willkommensparty lernte ich schnell all die anderen "guten Geister" aus Dänemark und Deutschland kennen.
Wir sollten also gemeinsam das kommende Jahr in dieser Waldorfeinrichtung bestehen und bereichern.

So denn, frisch ans Werk!

Am folgenden Montag fand ich mich im "Colt house", dem Haus mit den 14 – 19 jährigen Schülern/Innen und Einwohnern/Innen, wieder.
Mein Schicksal teilte (und teilt bis jetzt immer noch) Maria aus Deutschland.
Nebenher "co-existierten" da, abgesehen von den Schülern, auch noch Hausmutter, Astrid Worsman und Hausvater, John Simpson.
Der erste Arbeitstag begann am Nachmittag.
Vereinzelt trudelten die Hausbewohner/Innen aus den Ferien ein. Erste Eindrücke waren sehr relaxt und ich freute mich auf die Arbeit, besonders mit einem Autisten, der gleich auf mein Klavierspiel reagierte.
Dienstag fing dann der "harte" Alltagstrott um 7:30 Uhr an und ich durfte meinen "richtigen" Arbeitsalltag erleben:
Erste Ahnungen von der "Hausvater-Aufmunterer-Freund-Bruder-Antreiber-Pädagogen-Hausmeister-Psychologen-etc.-Tätigkeit", überkamen mich und am Nachmittag ging es ins Schwimmbad mit der Rasselbande.

Schon bald durfte ich mit einigen Kandidaten auf "Tuchfühlung" gehen und mir so einige schlagkräftige Argumente abholen, die mich prompt zum Nachdenken über meinen Arbeitsstil anregten.
Doch je mehr ich nachdachte und probierte, desto besser lief es und ich fand mich recht gut ein.
Einzig der eher zögerliche Versuch seitens der Schule, uns Neuankömmlingen die Idee und Arbeitsstile in Philpots näher zu bringen, wirkte etwas dämpfend auf mein aufstrebendes Helfersyndrom.
Nach mehreren Wochen der unabhängigen "Selbsteinführung" wurde endlich mal ein richtiger "TEAM TEACH" Kurs für uns arrangiert. Zusammen mit ein oder zwei Theoriekursen über verschiedene Arbeitsmethoden und Regelungen in Philpots hatten wir schließlich ein kleines "Notfallpaket" zur Hand.
Wie gut es doch ist, zu ahnen warum die Dinge so laufen wie sie es tun und was für offizielle Handhabungsmethoden es gibt.
Ein regelmäßiges Fortbildungsprogramm (wie vorerst geplant) kam nie zustande und die teilweise wirklich sehr "spontane" und etwas unprofessionelle Organisation der Einrichtung führte uns durch so manche emotionsgeladene Phase. Einige Mitarbeiter fühlten sich dazu bewegt, Philpots den Rücken zuzukehren.
Ich selbst überstand viele Frustrationstiefs mit Hilfe meines Schlagzeugs und einem Klavier in meinem Haus. Mit der Zeit lernte ich mir meine Lücken zu suchen und die Dinge, die sich nicht ändern lassen wollten, auf sich beruhen zu lassen. Es gab mehr als genug Gelegenheiten, um anderswo meine Energie produktiver zu verwenden.

Auf der Hausseite wuchs ich mehr und mehr in die Rolle eines "Eins zu Eins Betreuers":
Ein fünfzehnjähriger junger Herr "lud" mich mehr und mehr mit seinen autistischen Bedürfnissen ein, doch etwas genauer auf ihn zu achten.
Da er eine ungemein musikalische Begabung, gerade im Rhythmusbereich hat, war es einmal mehr von unschätzbarem Wert, dass ich meine afrikanischen Trommeln und mein Schlagzeug mitgebracht hatte. Auf alle Fälle hatten wir gleich eine Verständigungsmöglichkeit.
Kurze Zeit später durfte ich seine sprunghafte Eigenart kennen lernen: Auf unerklärliche Weise wurden ihm viele Tätigkeiten, die er ein- bis zweimal gemacht hatte, langweilig und so litt auch bald unsere "Trommelverbindung".
Glücklicherweise hatte ich da schon begonnen etwas mehr Worte aus ihm herauszulocken. So konnten wir weiter kommunizieren und "unverdrossen" an seinen kleinen "Missgeschicken" im Alltag (Stehlen, Aggressionen, Inkontinenz,...) arbeiten.
Die ständige Konfrontation mit seiner "autistischen" Weltsicht brachte mich mehr als einmal an meine Grenzen, doch nie konnte ich lange seinem natürlichen Charme widerstehen. So gab ich ihn und mich nicht auf.
Auf diesem Weg lernte ich viel über meine eigenen inneren Blockaden und eingefahrenen Sichtweisen kennen. Die übrigen Hausbewohner/Innen hielten mir ebenfalls auf die ein oder andere Art "den Spiegel" vor.
Besonders die Art und Weise wie ich die Hausbewohner/Innen, oft nicht viel jünger als ich selbst, behandeln sollte, führte mich durch interessante Prozesse. Ich musste mehrfach erleben, dass in Stresssituationen bei mir sehr leicht eine gewisse Überheblichkeit und "Lehrerhaftigkeit" an den Tag trat.
Mit der Zeit lernte ich, dass mein Weg war, mit den Hausbewohnern auf der gleichen "Ebene" zu leben und nur durch Beziehung und Vertrauen, nicht aber durch pure Machtkämpfe und Statusfragen, eine faire und sichere Atmosphäre geschaffen werden konnte. Ich behielt das im Auge und fand mich mehr und mehr relaxt im Umgang mit Problemen.

Um die Winterzeit verließ uns Hausmutter Astrid Worsman und Georgina Marshall kam von Brighton um die Lücke zu füllen.
Ich hatte einige Bedenken, wie das Haus auf den Wechsel reagieren würde, doch die Atmosphäre blieb erstaunlich ruhig und schon bald waren alle Hausbewohner/Innen auf guter Basis mit Georgina.

Nun bin ich an der Reihe zu gehen und mit mir geht Hausvater John. Glücklicherweise hatte ich die Gelegenheit meine Nachfolger für ca. einen Monat einzuarbeiten. So könnte ich mit ruhigem Gewissen gehen und hoffen, dass alles weiterhin in geregelten Bahnen läuft.
Doch einen kleinen "Drücker im Schuh" gibt es: Johns Hausvaterrolle ist noch unbesetzt und in zwei Wochen beginnt das Alltagsleben in "Colt house" wieder (typisch Philpots?!).

Zurückblickend sehe ich zahlreiche schöne Momente. Fast alle waren lehrreich und es gibt auch einige unschöne Erinnerungen – wie im "richtigen Leben" eben!
Ja, war das nicht schon Teil meines "richtigen Lebens"?
In jedem Fall war es, so weit ich denken kann, mein intensivstes Jahr.

Welche "Lehren" nehme ich mit?:

- Dass Chaos produktiv sein kann?
- Wie man einen Schlips bindet?
- Dass auch Waldorfeinrichtungen Fernseher besitzen (und benutzen)?
- Dass nicht alles ist was es scheint?
- Vertrauen besser als Kontrolle sein kann?
- Ein Leben ohne Raum und Zeit für persönliche Freiräume nicht nur die Kreativität tötet?
- Ich weit zu gehen habe, bis ich mich selbst finden werde?

- Oder vielleicht doch nur, wie froh ich bin, dass es ADiA gibt und es stellenweise wichtig ist, Dinge zu tun, die man aus eigenem Antrieb nicht unbedingt versucht hätte. So findet man sich in Situationen wieder, die unter eigener "Lebensregie" wohl nie zustande gekommen währen und muss sich neu suchen und erleben.

Ich für meinen Teil suche viel Anregung und der ADiA hat mich auf den "Geschmack" gebracht. Nun gehe ich für ca. 5 Monate nach Ghana um in einem Wiederaufforstungsprojekt mehr "Gutes" zu tun. Diesmal ist es ganz aus eigenem Antrieb, doch diesen Wunsch konnte ich erst wagen, nachdem ich mich im ADiA erlebt hatte.

Ein Kommentar eines anderen "ADiAlers": "Man darf sich nichts vormachen, unter dem Strich bewirkt man doch recht wenig." ist mit mir durch die Monate gegangen und ich muss ihn für mich und meine Erfahrungen ändern:
"Jeder kann etwas bewirken. Es liegt ganz bei einem selbst wie viel es ist."

In diesem Sinne bedanke ich mich für meine "Mission" und hoffe, dass viele Menschen den Weg in gemeinnützige Projekte und Einrichtungen finden.

Es gibt so viel zu lernen, wir können uns nicht krankschreiben lassen!!!

Florian Auls, den 17.10.2002

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Tabi schrieb am 25.06.11 um 15:39 Uhr:
super Bericht! macht sehr viel Lust darauf auch ein FSJ zu machen! (:

Janet Venhaus schrieb am 16.12.10 um 23:14 Uhr:
Ein wirklich interessanter und mich sehr weiterbringender Text, ich danke dir das du deine Erfahrungen aufgeschrieben und hier reingestellt hast!! Viel Glück dir in Ghana!!

Anonym schrieb am 27.01.10 um 22:26 Uhr:
an sich ein netter einblick in das alltagsleben. aber eine frage hätte ich doch schon gern beantwortet:
warum zum teufel setzt du jedes dritte wort in anführungszeichen? das hat mich echt wahnsinnig gemacht!!!

und an denjenigen über mir:sensationell geschrieben??? was hast du denn bitte schon gelesen um solch einen text als einen sensationell geschriebenen text zu bezeichnen?

Ludger Ramme schrieb am 25.10.09 um 10:01 Uhr:
Ein ganz toller und hilfreicher Bericht. Sensationell gut geschrieben!

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