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Erfahrungsbericht - Brasilien

Autor: Jan Kleine B?g
Projekt: Nova Vida
Träger: EIRENE International¬†



Die Arbeit im Projekt


Obwohl meine Aufgaben sich im Grossen und Ganzen nicht besonders geaendert haben, ist die Arbeit eine andere geworden. Mittlerweile habe ich das Gefuehl, mich wirklich in das Projekt eingelebt zu haben. Ich glaube alle Kinder - zumindest vom Sehen - zu kennen. Mit den sehr fremden Namen habe ich zwar noch einige Probleme, doch die der Kinder, mit denen ich hauptsaechlich arbeite, konnte ich mir schon einpraegen. Sobald ich mich dem Projekt naehere, werde ich von allen seiten gegruesst und muss den Kindern staendig Fragen ueber Deutschland, meine Familie und meine Freundin beantworten. Auch mit den Erziehern hat sich das Verhaeltnis positiv entwickelt. Die Belegschaft ist wie eine grosse Familie, und ich habe das Gefuehl, dazuzugehoeren.

In die morgentliche Arbeit mit den kleinen Kindern ist eine gewisse Routine eingekehrt. Ich hatte nie zuvor mit Kindern im Alter von zwei bis vier Jahren zu tun, die noch zusaetzlich in undeutlichem Portugisisch sprechen Doch inzwischen haben wir uns aneinander gewoehnt. Ich verstehe, was sie von mir moechten und bin Ihnen langsam vertraut geworden. Manchmal komme ich mir vor wie ein grosses Stofftier, wenn mir mehrere Kinder am Hals haengen und ihre Streicheleinheiten benoetigen. Dieses auffallend grosse Kontaktbeduerfnis dokumentiert die Situation in vielen Familien, mit denen das Projekt arbeitet. Den Kindern werden zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt, die sie sich dann haufig im Projekt abholen. Ebenfalls auffaellig ist das enorm hohe Aggressionspotential, wenn die Kleinen miteinander oder mit Spielsachen umgehen. Es gibt staendig Rauffereien und dementsprechend viele Traenen zu trocknen.

Die Arbeit mit ihnen ist sehr anstrengend. Der enorm hohe Laermpegel, die aktiven Spielchen und die vielen kleinen paedagogischen Gespraeche verlangen mir viel Energie und vor allem Geduld ab, so dass ich meine Mittagspause haeufig nur zur Regeneration in der Haengematte nutzen kann.

Am Nachmittag biete ich weiterhin dreimal woechentlich einen Deutschkurs an. Meine Schuelerschaft ist auf fuenf regelmaessig erscheinende Maedchen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren geschrumpft. Mit so wenigen Schuelern, einer kleinen Tafel und Schulheften kann man trotz einiger Probleme, die ich beim letzten Mal geschildert habe, schon eine Menge anstellen. Die Maedchen koennen z.B. schon zaehlen, sich vorstellen und sogar einfache Subjekt-Praedikat-Objekt-Saetze bilden. Es ist zwar nicht viel, aber man muss immer bedenken, dass sie diesen Kurs freiwillig und parallel zur Schule belegen. Diese Tatsache legt machmal leider auch auch Faulheit an den Tag und bremst somit das Vorankommen. An einigen Tagen kann das frustierend sein. Insgesamt bin ich mit dieser Aufgabe jedoch sehr zufrieden und glaube, dass die Maedchen gerne meinen Unterricht besuchen.

An den Nachmittagen, an denen ich keinen Deutschunterricht erteilt habe, bin ich handwerklich taetig gewesen. Auf dem kleinen Spielplatz des Projektes gibt es ein Stahlgestell, an dem man Schaukeln befestigen kann. Da dort jedoch lediglich alte Seile hingen, habe ich zwei kleine Holzschaukeln konstruiert und sie dem Projekt geschenkt. Das Ergebnis dieser Arbeit hat mich sehr erfreut. Zum einen stehen die Schaukeln bei den Kindern hoch im Kurs und zum anderen moechte der Projektleiter, dass ich nachmittags eine Schaukelbau-AG anbiete. Also werde ich vorraussichtlich ab dem naechsten Jahr mit drei bis vier Jugendlichen jeden Diens- und Donnerstagnachmittag Schaukeln bauen und verkaufen. Die Materialkosten fuer ein Exemplar belaufen sich auf ungefaehr fuenfzehn Reais. Auf dem Markt oder im Handel werden diese Schaukeln fuer fuenfundzwanzig Reais verkauft, so dass wir pro Schaukel einen Gewinn von zehn Reais erzielen koennen. Zehn Reais sind umgerechnet zwar nur zwei Euro fuenfzig, doch das ist hier schon ziemlich viel Geld, welches selbstverstaendlich an die Jugendlichen geht. Das Zurechtschneiden, Bohren, Streichen und Zusammenbauen ist insgesamt ziemlich arbeitsaufwaendig, so dass wir mit vier bis fuenf Leuten an zwei Nachmittagen in der Woche vielleicht fuenf Schaukeln fertigstellen koennen. Das schoene an dieser Arbeit ist nicht nur, dass die Jugendlichen zu dieser Zeit nicht auf der Strasse sind, sondern vor allem, dass sie sich ihr eigenes Geld verdienen koennen.

Die Kommunikation


Mit dem Potugisischen mache ich deutliche Fortschritte, so dass das alltaegliche Sprechen fluessiger wird und mir immer leichter faellt. Ich muss im Gespraech weniger nachdenken und kann einfach losreden. Es fehlt mir natuerlich noch eine unwahrscheinlich grosse Menge an Vokabeln, doch dieses Defizit kann ich meist mit Umschreibungen loesen. Im Moment versuche ich den doch noch sehr deutlichen Akzent zu beseitigen. Das brasilianische Portugisisch ist sehr fluessig, gesungen und emotional gesprochen, wohingegen man vom Deutschen eher harte, monotone Klaenge gewohnt ist. Aufgefallen sind mir meine Fortschritte erst, als ich mit Leuten aus dem Projekt in Recife, die zur Hochzeit des Sohnes der Direktoren nach Crato gekommen sind, gesprochen habe. Ploetzlich konnte ich mich mit Menschen unterhalten, mit denen ich vor zwei Monaten kaum ein Wort wechseln konnte. Schwierig wird es immer fuer mich, wenn die Leute undeutlich sprechen, einen Akzent haben, der nicht dem dieser Region entspricht, oder ueber bestimmte Themen mit Fachvokabular reden. Die Zeitung kann ich leider noch nicht lesen, da einfach zu viele Vokabeln fehlen, doch dafuer versuche ich mich manchmal vor dem Fernseher.

Mein Verhaeltnis zum Klima


An der wahnsinnigen Hitze und Trockenheit hat sich in Crato nicht viel geaendert. Das Thermometer erreicht taeglich vierzig Grad, so dass mir die Sonne trotz Hochsommerbraeune noch so manchen Sonnenbrand zugefuegt hat. Nachdem ich mich anfangs gerne der Sonne ausgeliefert habe, um moeglichst wenig weiss zu sein, bevorzuge ich es mittlerweile, sie zu meiden. Dieses Vorhaben faellt mir nicht schwer, weil ich den ganzen Tag nur im Haus arbeite. Da es Ende November extrem trocken war und zusaetzlich eine Wasserturbine fuer die Leitungen ihren Geist aufgegeben hat, gab es fuer eine Woche kein Wasser in meiner Wohnung. Ich konnte nicht waschen, nicht die Toilette benutzen und musste immer im Haus der Direktoren duschen, die sich fuer derartige Faelle einen Reservetank angeschafft haben. Trotz zahlreicher Beschwerden bei der Stadt wurde das Problem ganz brasilianisch erst nach einer Woche, in der mehrere Strassen vergeblich auf Wasser gewartet haben, behoben. Den ersten Regenguss, den ich in Brasilien erleben durfte, habe ich richtig genossen und mich mitten in die Traufe gestellt, da ich schon so lange Sehnsucht nach schlechtem Wetter hatte. Bis jetzt bin ich leider erst in den Genuss von vier bis fuenf Regenguessen, die stets kurz, doch sehr heftig waren, gekommen.

Die Weihnachtszeit


Trotz dieser eben beschriebenen klimatischen Verhaeltnisse, zelebrieren auch die Brasilianer im Moment die Weihnachtszeit. Ich habe sowohl das Projekt als auch das Haus der Direktoren mit Weihnachtsschmuck, der dem deutschen aehnelt, dekoriert. Es war wirklich ein ganz neues Gefuehl, mit Sambamusik und nacktem Oberkoerper Palmengewaechse mit Lichterketten und Lametta zu schmuecken. Die Brasilianer singen genau die gleichen Weihnachtslieder, natuerlich dann auf Portugisisch. Heiligabend mietet die grosse Familie der Direktoren des Projektes ein Haus. Wir werden im Garten feiern, Samba tanzen und verschwitzt Weihnachten unter freiem Himmel verbringen. Diesen Kulturschock wuerde ich mir gerne ersparen und statt dessen ueber einen verschneiten Weihnachtsmarkt spazieren.

Aktionen und Veranstaltungen


Einige Kinder im Alter von zehn bis vierzehn Jahren haben im Projekt Motive fuer Weihnachtskarten entworfen. Wir haben diese Karten drucken lassen und ungefaehr dreihundert Stueck verkauft. Der Erloes ist an die Kinder gegangen.

Der Bischof der Dioezese hat an einem Morgen im November das Projekt besucht. Seine Visite ist gross angekuendigt worden, so dass neben den Kindern auch viele Erwachsene ins Projekt gekommen sind. Obwohl er lediglich eine kurze Ansprache gehalten und sich die Raeumlichkeiten angeschaut hat, war es fuer die Menschen ein besonderer Tag. Es ist das erste Mal gewesen, dass ein so hochrangiger Geistlicher das Projekt besucht hat. Die Menschen fuehlten sich irgendwie be- und geachtet in ihrer Armut.

Da Pater Beda zur Zeit durch Brasilien reist und alle Projekte besucht, die durch ihn unterstuetzt werden, ist er auch nach Crato gekommen. Neben vielen Gespraechen und Visiten, die auf dem Programm standen, haben wir mit ihm fuer sechzehn Kinder des Projektes die Erstkommunion gefeiert. Diese Veranstaltung hat mir aufs Neue gezeigt, wie mittellos die Menschen hier sind. Die Messe haben wir auf der Strasse vor dem Projekt gefeiert. Die Stuehle, auf denen die Leute sassen und die Kleidung der Kommunionskinder, gehoerten dem Projekt. Saemtliche Lampen, Dekorationen und Messuntensilien hat auch das Projekt leihen muessen.

Es war irgendwie schoen, auf der Strasse zwischen heruntergekommenen Haeusern unter Lichterketten zu sitzen. Was mich sehr erschrocken hat, war, dass mehrere Maenner offenbar sturzbetrunken waren und dennoch kleine Kinder auf dem Schoss hatten. Nach der Messe sind alle gemeinsam ins Projekt gegangen. Es war ein Fotograf bestellt, da niemand eine Kamera besitzt. Er fotografierte die Kommunionskinder und jeder bekam ein Stueck Torte sowie ein Getraenk im Plastikbecher, was ebenfalls durch das Projekt finanziert wurde. Als das "Fest" nach zwei Stunden zu Ende war, sind alle nach Hause gelaufen. In keinem Haus gab es Zusammenkuenfte oder Festessen mit der Verwandschaft. Meine Kommunion ist damals ganz anders gewesen, und das hat mich sehr traurig gemacht.
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Jan Kleine Büning

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