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Erfahrungsbericht - Irland

Autor: Julius
Projekt: Focus Ireland Coffee Shop (Obdachlosencafe)
Träger: EIRENE International 




Weitere Berichte von Julius Klinger kannst du hier Downloaden:
2. Rundbrief - Oktober 2005 -> Download
3. Rundbrief - März 2006 -> Download


1. Rundbrief - Mai 2005


Liebe Unterstützer, liebes Eirene-Team, liebe Freunde und Familie!

Hiermit präsentiere ich Euch nun meinen ersten offiziellen Rundbrief, damit Ihr endlich mal genau wisst, wofür Ihr die Euros hinschiebt! Für die, mit denen ich länger nicht kommuniziert habe: Mir geht es gut! Vielen von Euch habe ich ja schon telefonisch oder -noch moderner- per Mail von meinen Erlebnissen hier berichtet. In diesem Brief möchte ich Euch nun noch mal einen Überblick (Ich merke gerade, dass es, nachdem ich mich daran gewoehnt habe, die Umlaute am PC auf der Arbeit immer zu umschreiben, ganz schoen schwierig ist, dass Rechtschreibprogramm meines eigenen Computers wieder zufrieden zu stellen) über die "Gesamtsituation" verschaffen, mit der ich doch entgegen dem bekannten Spruch aus dem TV sehr zufrieden bin.

Ich fange einfach mal am Anfang, also mit meiner Ankunft, an. Nachdem ich mich von zwei Wochen vegetarischer Kost auf dem Ausreiseseminar gebührend zu Hause -mit der Döner-Bude in Reichweite -erholt hatte, bin ich dann ins Flugzeug gestiegen. Soweit ich mich erinnere, bin ich am 3. Februar gut in Dublin angekommen. Von meinem Projektbesuch her war ich ja schon ein bisschen mit dem Arbeiten und Wohnen dort vertraut. Ich bin also erstmal mit in das Zimmer meiner Vorgängerin gezogen, die mir während meiner Projektreise im vorangegangen Dezember versichert hatte, ich könnte ihr Zimmer übernehmen. In der WG dort leben noch ein Ire, eine Italienerin und ein weiterer Ex-Eireni. Daniel hat seinen Freiwilligendienst bei den Belfaster Ökos von Eco-Seeds verbracht und ist deshalb jetzt selbst in Dublin strenger Mülltrenner. Er arbeitet jetzt als Zimmermann in Dublin.

Die liebe Arbeit
Da dies hier ja keine Prosa, sondern ein Bericht ist, will ich das Wichtigste gleich mal vorwegnehmen: Das Projekt ist absolut großartig!!! Das liegt größtenteils daran, dass die anderen Mitarbeiter so freundlich sind. Am 7. Februar fing also mein Arbeitsalltag an. Der sieht seither folgendermaßen aus: Gegen - sprich nach - halb zehn finden sich alle Mitarbeiter im Coffee Shop ein. Bis dieser um Viertel nach Zehn öffnet, werden noch einmal die Aufzeichnungen vom letzten Tag durchgeblättert und es wird besprochen, worauf heute zu achten ist und ob irgendetwas Spezielles zu erledigen ist, sowie sinnlos im Internet gesurft. Zur Frühstückszeit von 10.15 bis 12 Uhr ist dann im Coffee Shop relativ wenig betrieb. Dies ist die Zeit, wo man sich mal zu den Obdachlosen, die hier im Allgemeinen als Customer bezeichnet werden, hinsetzt und ein paar Worte wechselt. Von 12 bis 3 Uhr gibt es dann zwei warme Mahlzeiten zur Auswahl; darunter eine vegetarische. Währenddessen ist meist ziemlich viel los, manchmal bildet sich auch eine Schlange vor der Tür, da wir nur 25 Sitzplätze haben. Um drei wird dann noch mal für eine Stunde dicht gemacht. Die letzten Customer verlassen uns aber erst 15-20 Minuten nach drei. Dann gehen wir wieder nach oben ins Office und besprechen, was der Tag bis jetzt so für Vorfälle gebracht hat. Danach haben wir noch mal von 4 bis 5.15 Uhr geöffnet. Es ist wieder ruhiger als zur Mittagszeit, in der Regel aber doch belebter als am Morgen. Hier setzt man sich dann nochmals mit den Customern zusammen und unterhält sich ein wenig. Im Folgenden sind wir dann zwischen 5.30 und 5.45 Uhr alle wieder in der obersten Etage des Gebäudes und haben ein Meeting über das, was bezüglich des ersten Teils des Tages noch nicht zur Aussprache kam und die Geschehnisse des Nachmittags. Meine Arbeitszeiten sind somit sehr geregelt und human, Montag bis Freitag und am Dienstagnachmittag frei. Der Coffee Shop hat auch am Wochenende und an Feiertagen auf, das überlasse ich aber mit vornehmer Zurückhaltung den anderen.
Ein etwas längeres Meeting findet am Mittwochvormittag statt, weshalb der Coffee Shop dann auch erst um 12 öffnet. In diesem Treffen werden interne Sachen besprochen, z.B. wer wann Urlaub haben will, Supervision hat oder sonst eine Ausrede findet, nicht ordentlich zu arbeiten. Supervision ist ein Austausch zwischen zwei Mitarbeitern, bei dem der eine der anderen halt sozusagen betreut. Es geht dabei um alle Sachen, die mit der Arbeit zu tun haben. Des Weiteren werden am Mittwoch die größeren Probleme, die mit den einigen Customern seit dem letzten großen Beisammensein auftraten besprochen und es wird diesbezüglich demokratisch über Hausverbote und andere Strafen abgestimmt. Außerdem wird bestimmt, wer an den Vor-und Nachmittagen der nächsten Woche die Position "Door" und "Float" übernimmt.
Die Float-Person ist die wichtigste im ganzen Café-Bereich. Sie sollte über alles, was abgeht, bescheid wissen. Außerdem ist dieser Kollege dafür zuständig, die Namen aller den Coffee Shop betretenden Customer zu notieren und ggf. entsprechende Notizen neben den Namen zu setzen, wenn z.B. über den Customer später im Meeting gesprochen werden sollte. Auch für das Credit-System ist die Float-Person zuständig. Jeder Customer, der uns einigermaßen bekannt ist, kann einen Kreditrahmen von 3 Euro nutzen. Das ganze ist aber mit Vorsicht zu genießen, da sich viele einfach unter einem anderen Namen anmelden, um mehr Kredit abzugreifen, den sie dann nur mit geringer Wahrscheinlichkeit irgendwann zurückzahlen. Speis und Trank ist, bis auf ein Glas Wasser, im Coffee Shop nämlich nicht umsonst, sondern für wenig Geld zu erwerben. Ein Mittagessen kostet z.B. 1,50 Euro. Das ist besonders für irische Verhältnisse sehr günstig, ich selbst gehe immer bei Lidl günstig gute deutsche Lebensmittel einkaufen. Der Mitarbeiter an der Door muss sich darum kümmern, dass möglichst keine Obdachlosen unter Drogeneinfluss den Eintritt finden. Die absolute Drogenfreiheit ist nämlich eine wichtige Grundregel des Focus Ireland Coffee Shops, ohne die die relativ gepflegte Atmosphäre nicht zu realisieren wäre. Deswegen gibt es auch eine "Rolle", die sich "Keys" nennt. Die entsprechende Person ist dafür zuständig, die Toiletten nach jeder Benutzung auf dortigen Drogenmissbrauch und Verunreinigungen jedweder Art zu checken (never say "control", it's "check"). Es ist offensichtlich nicht der schönste Job, die Toilettenschlüssel in der Hosentasche zu haben, aber es muss auch gemacht werden. In den drei Mittagsstunden gibt es einen richtigen Plan zur Rollenverteilung. Dabei kommen noch einige Funktionen hinzu. "Floor/Door" bedeutet, die Door-Person zu unterstützen, wozu natürlich auch das Tee-oder Kaffeeholen gehört, weshalb ich schon genau sagen kann, welche meiner Kollegen die ganz harten sind, und den Kaffee schwarz trinken. "Floor" meint, generell für Ruhe zu sorgen und freundlich für Fragen bereit zu stehen. "Queue" heißt, die Schlange am Counter zu beaufsichtigen. Alle, aber besonders die letztgenannten Positionen räumen auch die Tische ab und wischen hie und da mal. Alle Mitarbeiter werden dann geschickt auf die Rollen und zwei Lunch-Stunden verteilt, die übrig gebliebene hat man Mittagspause. Es gibt aber auch einen Glücklichen, der erst um 11 anfängt oder früher geht und dafür alle drei Lunches arbeitet. Neben dem Coffee Shop Team gibt es in der Eustace Street noch das Catering-Team in der Küche und das Crisis-Team. Gleich wenn man den Coffee Shop betritt, trifft man auf den Crisis Desk. Dort sitzen meist zwei Crisis-Leute, denen sich die Customer sofort anvertrauen können oder bei denen sie auch telefonieren können etc. Das Crisis-Team hat im 2. Stock auch noch Räume, wo dann auch gezieltes Keyworking mit einigen Customern stattfindet. Die Customer sind zu ca. 80% Prozent männlich, haben braune Haare, dunkle Augen... Das Erstgenannte stimmt aber wirklich. Das Gros der Customer sind Stammkunden, sodass sich das mit den Namen, wenn man schon ein Weilchen dort arbeitet, nicht so problematisch gestaltet. Ich habe mir auch schon Notizen gemacht, um sie mir besser merken zu können, bin aber langfristig zu faul, mich dauernd zu Hause noch mal hinzusetzen, was Ihr ja am nicht allzu schnellen Erscheinen dieses Rundbriefes seht. Das hat aber auch was mit meiner Wohnsituation zu tun, aber dazu später mehr. Oft sind auch Familien mit meist kleinen Kindern, für die wir auch Hochsitze haben, im Coffee Shop. Die meisten Obdachlosen leben nicht wirklich auf der Straße, sondern in Hosteln, wo sie aber in der Regel tagsüber rausgeschmissen werden. Manchmal können sie noch nicht mal ihr Gepäck dalassen, deswegen kann man bei uns im Eingangsbereich auch Gepäck für 24 Stunden abstellen. Die Customer sind auch die einzigen, mit denen ich teilweise noch ernste Verständigungsprobleme habe, wenn sie selbst noch schneller und undeutlicher Englisch sprechen als ich es im Deutschen tue. In den Meetings habe ich anfangs auch herzlich wenig mitgekriegt, aber das hat sich jetzt auch schon merklich gebessert.

Road Trip
Ich habe gleich zu Anfang erstmal eine Eirene-Grundregel gebrochen und bin Ende März schon mal nach Hause gefahren. Und das hauptsächlich, um gleich eine zweite Eirene-Grundregel zu brechen: Statt calvinistisch zu leben, habe ich mir in Berlin einen '71er Mercedes 280 S gekauft mit dem ich dann eine wunderbare Überfahrt nach Irland hatte. Besonders Wales hat mir landschaftlich gut gefallen, aber um meine Fähre nach Dublin zu kriegen, musste ich mich hauptsächlich auf die serpentinenartigen Strassen konzentrieren und konnte nur diese genießen. Ich habe auch allerlei mehr oder sehr viel weniger nützlichen Kram mitgenommen, zu erstgenanntem gehört auf jeden Fall mein Computer, auf dem ich gerade schreibe. Wer weiß, wann ich diesen Rundbrief sonst geschrieben hätte...

Wohnst du noch oder lebst Du schon?
Mein "Urlaub" in Berlin liegt nun auch schon wieder einige Wochen zurück, aber Platz, den Computer aufzubauen hatte ich erst vor kurzem, nachdem ich umgezogen bin. Wie anfangs schon erläutert bin ich erstmal bei meiner Vorgängerin eingezogen; in der Annahme, dass diese Irland bald verlässt. Ich musste dann aber erfahren, dass ihr Abreisetermin noch nicht so ganz feststand, was er übrigens auch heute noch nicht tut. Nachdem ich also aus Deutschland zurück war, habe ich mich entschlossen, die Warterei auf konkretere Angaben bezüglich dieser Angelegenheit aufzugeben und mir ein anderes Zimmer zu suchen. Anfang April bin ich dann in das Zimmerchen, das ich jetzt bewohne, eingezogen. Es ist zwar deutlich kleiner als das vorherige und hat auch nur ein Bett, dafür hat das Haus aber für irische Verhältnisse eine sehr große Küche und ein sehr großes Wohnzimmer und befindet sich in einer sehr ruhigen Gegend. Mit den Mitbewohnern komme ich auch sehr gut aus. Da sind zunächst Stephanie, die aber nie da ist, und Jimmy, ein netter Grundschullehrer; beide Iren. Dann wohnt hier noch ein weißrussisches Paar; Olga und Eugene (Es ist egal, wie man das ausspricht, er ist mit allen Varianten vertraut). Mit ihnen verstehe ich mich sehr gut; Eugene hat mir schon oft bei Sachen an meinem Merc, wie man ihn hier nennt, geholfen, er fährt selber ein 20 Jahre altes Mercedes-Coupe.

Meine freie Freizeit
Eine der ersten Sachen, um die ich mir hier gekümmert habe, war, eine Gelegenheit zum Tanzen zu finden. Seitdem tanze ich zweimal wöchentlich bei Flora Millar, angeblich die beste Tanzlehrerin in Irland. Ich mache da aber meist mein eigenes Ding. Das Ganze ist viel kleiner, als ich es aus Deutschland kenne, wir sind selten mehr als zehn beim freien Üben. Deshalb gibt es hier natürlich auch nicht so die Auswahl an Tanzpartnerinnen, wie ich sie gerne hätte. Außerdem ist es hier scheinbar üblich, das man auch viel alleine tanzt, was den Spaß natürlich ein wenig mindert und bei manchen Figuren einfach unmöglich ist. Auch von der National Concert Hall habe ich mir sofort das Programm geholt. Mittlerweile war ich schon zweimal da. Bald ist hier auch ein "Beethovenfest", bei dem alle seine Sinfonien aufgeführt werden. Da werde ich dann mit meinem Kollegen Michéal (irischer Name) hingehen, der, nachdem er mich neulich ins Museum geschleift und mir armen Freiwilligen alles Mögliche ausgegeben hat, liebevoll "Dad" genannt wird.
Ich war auch schon oft joggen. Auch mit Daniel, wenn wir mal nicht im Pub waren. Das absolut sportliche Event ist aber die Focus Four Peaks Challenge, an der wir Anfang Juni teilnehmen. Meine Kollegen Marie, Elaine, Marty und ich werden von meinem weiteren Kollegen Paolo und seinem Kumpel an einem Wochenende kreuz und quer durch Irland gefahren um dessen vier höchste Berge zu besteigen. Zum Training dafür waren wir schon zweimal in den Wicklow Mountains, südlich von Dublin gelegen, und werden morgen noch mal hinfahren. Da das Ganze eine Fund Raising-Geschichte ist, müssen wir natürlich auch ordentlich Schotter sammeln. Das haben wir größten Teils letzte Woche mit der Race Nite abgeschlossen. Wie das auch letztes Jahr bei der Four Peaks Challenge gemacht wurde, haben wir uns Pferderennen auf Video und einen Projektor ausgeliehen und einen Pub organisiert, wo das ganze stattfinden sollte. Dann haben wir alle Pferde und Jockeys verkauft, wobei die Gewinner Preise, die wir auch irgendwo erbettelt hatten, bekommen haben. Das Event hat Donnerstagabend stattgefunden und es wurde ziemlich spät. Da wir danach noch ausführlich im Pub waren, habe ich einige meiner Kollegen auch mal betrunken erlebt. Das war schon lustig... Wir gehen zwar auch öfter mal nach der Arbeit in den Pub nebenan, aber bis ein ordentlicher Ire besoffen ist, dauert es schon ein Weilchen. Wenn das nicht der Fall ist und ich auch nach der Arbeit gerade keine Tiefkühl-Pizza einkaufen muss, gehe ich oft ins Kino. Ich habe mir so eine Unlimited Card besorgt, mit der ich so oft wie ich will ins Kino gehen kann. Am Wochenende treffe ich mich ab und zu mal mit den anderen Eirenis aus Dublin.

So, wer jetzt noch Fragen hat, kann mir gerne eine Mail schreiben. In der neuen Wohnung habe ich jetzt auch einen Telefonanschluss: 00353 1 8569697. Wenn mich jemand anrufen möchte, kann er das gerne nach 22 Uhr MEZ in der Woche probieren. Wenn Ihr Glück und ich gute Laune habe, gehe ich auch ran. Ihr koennt aber auch die Eirene-Seite unter www.eirene.org aufsuchen.

Liebe Grüße
Julius Klinger

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