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Erfahrungsbericht - Belgien

Autor: Anonym
Projekt: Bouillon de Cultures
Träger: EIRENE International 



Hallo meine lieben Unterstützer!

Nun haltet ihr endlich meinen ersten Rundbrief in den Händen! Den erwartet ihr wahrscheinlich schon recht lange, aber sicherlich könnt ihr euch vorstellen, wie viel hier um mich herum passiert. Der Umzug hierher Anfang Februar, der gleichzeitig Auszug aus meinem Elternhaus war, die neue Stadt, dann noch ein Umzug in Brüssel, neue Bekanntschaften... Und natürlich die neue Arbeit in meinem "himmlischen" Projekt "Bouillon de Cultures", all das hat mich erst einmal sehr eingenommen und tut es eigentlich auch immer noch. Langsam kehrt aber auch ein bisschen Routine ein, und nun habe ich an euch gedacht, mir einen Stichtag gesetzt, und mein Sportsgeist ist erwacht.

Ich sitze hier drei Fußminuten entfernt vom botanischen Garten, in meinem riesigen Zimmer in einem alten herrschaftlichen Haus, umgeben von Büros und neben dem Finanzzentrum. Heute ist Feiertag, und meine Straße wirkt wie ausgestorben. Hier wohne ich. Jeden morgen, wenn ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, laufe ich die Rue Royale hinunter, die Straße, die das königliche Stadtschloss mit dem alten Bahnhof verbindet. Die Rue Royale führt mich nach Schaerbeek, vorbei am "Botanique". Ich biege nach rechts in die Chausée d´Haecht ab- und plötzlich schreien mich türkische Neonreklamen an, sehe ich alte Männer mit langen Bärten in weiten Kitteln und Frauen mit Kopftüchern. Die Reisebüros preisen im Schaufenster Flüge nach Istanbul und Marokko an und aus den -vornehmlich deutschen- Autos tönt orientalische Musik oder Gangster-Rap. Hier arbeite ich.

Nun hatte ich vor, in diesem Bericht ganz am Anfang anzufangen... Aber wo liegt dieser Anfang eigentlich? Waren es schon die ersten Französischstunden, vor gut und gern 12 Jahren, die mich auf diesen Dampfer gebracht haben? War es vielleicht mein Schüleraustausch, der mich nach Brasilien brachte, mit dem ich den Spaß daran, neue Umgebungen zu erleben, ebenso kennen lernte wie das Fernweh? Und welche Rolle spielte die nüchterne Überlegung "wenn noch mal raus, wenn dann, wenn nicht jetzt?" wo ich die Schule gerade beendet habe, aber noch nicht ganz genau weiß, was ich machen will...

Festmachen kann man jedenfalls Folgendes: Vor etwa einem Jahr begann ich, mich über Möglichkeiten zu informieren, meinen Zivildienst im Ausland zu machen. Dann wurde ich aber wegen meiner Fischallergie ausgemustert, doch die Idee blieb bestehen. So mache ich jetzt eben ein Freies Soziales Jahr. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Ich bewarb mich bei EIRENE, und nach einem Bewerberauswahltreffen wurde mir mein jetziges Projekt vorgeschlagen, und dann, -hastdunichtgesehn- war ich schon hier. Und das habt ihr mir ermöglicht, indem ihr meinem Unterstützerkreis beigetreten seid. Dafür bin ich euch sehr dankbar, und nun sollt ihr mein Projekt ein bisschen kennen lernen, und ich berichte, was mir bisher sonst noch passiert ist.
Also: viel Spaß beim Lesen!

Zunächst will ich ein paar Worte zu Belgien, Brüssel und Schaerbeek verlieren, wo sich mein Arbeitsplatz befindet. In Brüssel werden viele Sprachen gesprochen. Von Natur aus ist die Hauptstadtregion Brüssel zweisprachig, weil sie dicht an der Grenze zwischen den anderen beiden belgischen Regionen, Flandern und der Wallonie, liegt und weil Belgien zweisprachig ist. In Flandern spricht man Néerlandais (Niederländisch), in der Wallonie Französisch. Es gibt auch eine kleine deutsche, die Eupener Minderheit in Belgien, so dass Deutsch die dritte Amtssprache ist. Durch die EU und die vielen Einwanderer hier nimmt das Sprachgewirr babylonische Ausmaße an. Ein Satz zum Politischen: Belgien ist eine parlamentarische Monarchie. Es gibt eine flämische, eine französische und eine deutsche Gemeinschaft, in deren Aufgabenbereich unter Anderem Kultur- und Schulpolitik fallen. So existieren viele kulturelle Institutionen in Brüssel mehrmals und nebeneinander.

Belgien und besonders Brüssel sind von vielen kleinen Konflikten und Meinungsverschiedenheiten zwischen Flamen und Wallonen geprägt- Das sagt man mir und das liest man so, aber konkret erlebe ich recht wenig davon mit. Denn in meinen Umfeld hier wird immer Französisch gesprochen, und wenn Leute, die ich hier treffe, eine andere Muttersprache haben, so ist das meist türkisch oder marokkanisch. Es ist mir stark aufgefallen, wie wenig sich die verschiedenen Kulturen hier vermischen. Damit meine ich denn auch weniger Flamen und Wallonen, sondern vielmehr westeuropäische und arabische und türkische Ansichten und Lebensweisen.

Ich arbeite in Schaerbeek, einer eigenständigen Kommune. Die Hauptstadtregion Brüssel setzt sich aus 19 solcher Kommunen zusammen, in denen insgesamt etwa eine Million Menschen leben. Und Schaerbeek ist Europaweit die Kommune mit dem höchsten Anteil an türkischen Einwanderern. Auch hier, schwerpunktmäßig aber in anderen, nahe gelegenen oder weiter entfernten Vierteln leben dann viele Marokkaner, Einwanderer aus Schwarzafrika, z.B. aus dem Kongo, der ja bis 1960 belgische Kolonie war... Ein richtiges "kleines Afrika" gibt es auch, dass ich allerdings noch nicht ausgekundschaftet habe. Aus Nordafrika kommen viele Einwanderer nach Belgien, weil einige Länder Nordafrikas (z.B. Marokko, Algerien, Tunesien) früher französische Kolonien waren. Die Sprache schlägt die Brücke.
Ich fühle mich in Schaerbeek schon recht heimisch, wo fast alle Jungs Turnschuhe und Jogginghosen tragen, die alten Männer schon morgens um Zehn in qualmenden türkischen Cafés sitzen, und ich jeden Tag wenigstens fünf Dealer treffe. Zu unserem Projekt gehört nämlich ein Restaurant, dass sich ein paar Straßenblocks weiter befindet. Der Weg dorthin führt über einen kleinen Platz. Und dort wurde ich anfangs auf dem Weg zum Mittagessen immer angeflüstert, gegrüßt oder jemand starrte mich wenigstens ganz durchdringend an. Wenn man dann den Blick erwidert, wird man schon herangewinkt... Na ja, mittlerweile kennt man mich und ich bleibe unbehelligt. Projekt und Restaurant liegen in einem sehr belebten Teil des Viertels, zwischen der Rue Josaphat und der Chausée d´Haecht, den beiden Hauptstraßen des "Quartier Turque", des türkischen Viertels. Hier ist immer Leben in den Straßen, Supermarkt reiht sich an Supermarkt, Gemüsehändler an Gemüsehändler, und es gibt die populären "Snacks". Die sind in etwa das, was wir in Deutschland Dönermann oder so nennen, nur, gibt es zu jeder Bestellung und in jeden Döner Pommes dazu. "Frites" sind nämlich ein belgisches Nationalgericht, oder, wenigstens die Beilage dazu. Die beste Soße dazu heißt übrigens "Andalouse", für den Fall dass ihr mal nach Brüssel kommt (und von "Samurai" würde ich mich fernhalten).

Das pulsierende Straßenleben in Schaerbeek hat eine simple Ursache: Es ist sehr eng. Diese Kommune hat eine Fläche von acht Qudrat-km, und dabei etwa 110 000 Einwohner.

Mein Projekt



In der Rue Philomène 41, in einer alten Grundschule, findet ihr mein Projekt. "Bouillon de Cultures" ist sein Name, der einerseits die Assoziation einer wahren "Kultursuppe" weckt, andererseits aber auch Ressentiments gegenüber den Einwanderern und Eingewanderten aufs Korn nimmt: Wenn man in der Biochemie Bakterienkulturen in Petrischalen gedeihen lässt, spricht man im Französischen von "Bouillons de Cultures".
Das "Bouillon" ist ein Musterbeispiel interkultureller Zusammenarbeit: Grob geschätzt haben wir genauso viele originär belgische wie einstmals eingewanderte Mitarbeiter. Die Aktivitäten meines Projektes haben jedoch weniger direkt zum Inhalt, den Kindern und Jugendlichen interkulturelle Differenzen, Konflikte und Lernmöglichkeiten bewusst zu machen. Vielmehr geht es darum, beim erfolgreichen Schulabschluss unter die Arme zu greifen. Oder mit den Kleinen zu basteln, zu malen und zu spielen, ihnen die Möglichkeit zu geben, kreativ zu sein und soziale Fähigkeiten zu entwickeln, was nicht allen Zuhause ermöglicht wird oder werden kann. Und all das in einem Umfeld, das von der Pädagogik und den Autoritäten her nicht islamisch geprägt ist, und ihnen darum andere Rollen zuweist als die, die sie Zuhause einnehmen. Manchmal gibt es aber auch Aktivitäten, die z.B. zum Inhalt haben, zusammen mit den jungen Leuten dem Viertel für einen halben Tag den Rücken zu kehren, um in die Altstadt und in die Oper oder in den Zoo zu gehen. Ihnen die Augen zu öffnen, zu zeigen, was ihre Heimat eigentlich alles zu bieten hat.
In ihrer Konsequenz ist zuletzt jede Aktivität und alle Zeit, die man mit den Kindern aus Schaerbeek verbringt, eine interkulturelle Bereicherung.
Denn leider ist die Besucherschaft unseres Projektes nicht halb so bunt gemischt wie das Mitarbeiterteam. Geschätzte 95% sind ausländischer Herkunft, türkisch, arabisch, oder nordafrikanisch, wobei letzteres auch eine arabische oder islamische Prägung bedeutet. Es gibt schlicht zu wenige Belgier in Schaerbeek (oder zu wenig gegenseitiges Interesse im Verhältnis dazu), als dass sich eine dynamisches, interkulturelles Miteinander einfach auf der Straße entwickeln würde.
Noch kurz zur Größenordnung und Finanzierung des Projektes: Wir haben in etwa 20 Mitarbeiter (zum größten Teil auf Teilzeitbasis, vormittags ist schließlich Schule). Es kommen in etwa je 50 Kinder und Jugendliche täglich in unser Projekt. Fast alle von ihnen sind eingeschrieben, ihr Kostenbeitrag liegt bei etwa 20 Euro pro Semester.
Finanziert wird das Bouillon ansonsten aus Spenden und Subventionen.

Die Sektoren



Die Kinder und Jugendlichen kommen in unser Projekt, wenn sie mit der Schule fertig sind und zu Mittag gegessen haben. Das ist normalerweise gegen 16 Uhr, am Mittwoch schon zwei Stunden früher. Wer jünger als 12 ist, geht dann in den kleineren Gebäudeteil, in dem auch das Sécretariat, das Büro untergebracht ist. "Aurora", so der Name dieses Teils vom Bouillon, hat ein sehr vielfältiges Programm: Zunächst werden natürlich die Hausaufgaben erledigt. Das nimmt aber selten den ganzen Nachmittag in Anspruch, und anschließend geht es in die Atéliers creatives, wo gemalt und gebastelt wird. Einmal wöchentlich gibt es eine "Animation sportif", in der häufig, die Jungs sind dabei nämlich meist in der Überzahl, Fußball gespielt wird. Dieser Sport hat hier, gerade unter den Einwanderern, einen sehr hohen Stellenwert. Es werden auch Ausflüge organisiert, z.B. ins Kino um Zeichentrickfilme zu gucken, bei gutem Wetter geht's in den Park und vieles mehr. Und schließlich gibt es Vorlese- und Märchenstunden, Gesellschaftsspiele und so weiter. Circa 60 Kinder sind hier eingeschrieben.

Ich bin bei Aurora immer gern gesehen, doch meine Aufgaben beziehen sich an sich auf die anderen Sektionen des Projekts: Für die 12-15-jährigen öffnet "@toutspossibles" täglich seine Pforten. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Wortspiel, das ich allerdings noch nicht durchschaue. Nur gut, dass ich nächsten Montag einen Französischkurs anfange. im nächsten Rundbrief kann ich euch dass dann erklären. "@toutspossibles" ist hauptsächlich eine "École des devoirs", eine "Hausaufgabenschule". Drei Festangestellte und ein paar Freiwillige, die meist an einem oder zwei Tagen pro Woche vorbeischauen, nehmen hier die Jugendlichen in Empfang und helfen ihnen bei den Schularbeiten. Das sieht ganz anders als Schule aus, die Schüler sitzen an Tischen und arbeiten für sich, oder in Gruppen, oder sie sind mit "wichtigerem als Schule" beschäftigt, oft suchen sie auch einfach ein offenes Ohr. Die Helfer setzen sich dann zu ihnen an den Tisch, und schauen, ob sie über Schwierigkeiten hinweghelfen können.
An manchen Tagen, vor allem gegen Schuljahresende, vor den wichtigen Prüfungen ist der Raum brechend voll, an anderen Tagen, wie z.B. heute, wo die Sonne scheint und die Prüfungen noch fern sind, sind manchmal die Erwachsenen in der Überzahl. Eingeschrieben sind ca. 40 Jugendliche. Außerdem werden bei @toutspossibles Workshops und Freizeitakitvitäten organisiert, allerdings in Zusammenarbeit mit dem "Maison des Jeunes", einem anderen Sektor des Bouillon, den ich gleich noch beschreiben werde. "Kreatives Schreiben" wird Samstagnachmittags angeboten, es gibt eine Theatergruppe und eine Tanz-AG und so Angebote wie "ein Tag in der Oper".
Die "Groupe d´entraide scolaire" (Ges) ist die Hausaufgabenschule für alle über 16 Jahre. Zwei feste Mitarbeiter und viele Freiwillige kümmern sich hier um den schulischen Erfolg der Besucher. Es gibt etwa 15 Freiwillige, viele von ihnen sind ehemalige Lehrer oder sonstwie gebildete Leute. Hier kommen auch recht viele Schüler und Studenten aus anderen Stadtteilen her, denn der Ruf des Ges ist ausgezeichnet, was an der Qualität der Mitarbeiter und der Freiwilligen liegt. Die Klientel des Ges ist somit sicher vielfältiger als die der anderen Sektoren. Hier sind um 100 Jugendliche eingeschrieben. Manche kommen täglich, die Mehrheit aber unregelmäßiger.
Schließlich gibt es seit kurzem noch das "Maison des jeunes" (wörtlich etwa "Haus der Jugend"). Dies ist im Prinzip das Ergänzungsstück zu den Hausaufgabenschulen, denn hier geht es um das Gegenstück zum Schulalltag: um Freizeitgestaltung. An einigen Nachmittagen ist der Raum einfach offen, ein Betreuer, oder, wie es im Französischen schöner heißt "Animateur" ist da, und wird als Treffpunkt angeboten. Erfolgreichstes Projekt ist bisher sicherlich die Rap- und Hip Hop-AG. Die ist auf die Initiative von einigen Jugendlichen hin entstanden. Vincent, im letzten September Praktikant, nahm die Sache in die Hand, weil Rap auch sein Hobby ist. Sein Praktikum ist längst vorbei, und eigentlich hat er auch viel für die Uni zu tun, aber das Projekt hat er trotzdem nicht einschlafen lassen, er kommt jetzt noch einmal pro Woche vorbei. Beim großen Frühlingsfest im nahe gelegenen Park sind sie schon aufgetreten, und waren sogar schon (in Eigenregie) im Tonstudio. Außerdem haben wir noch ein paar Fußballmannschaften in verschiedenen Altersgruppen. Die Jungs ab 19 Jahren spielen stark, momentan in der "Ségonde Provencale", dem Äquivalent zur deutschen Kreisliga. In den letzten vier Jahren ist diese Mannschaft dreimal aufgestiegen. Es handelt sich übrigens um Hallenfussball: Dass heißt, weniger Platz und schnelleres Spiel, gute Balltechnik ist viel wichtiger. Und Tore schießen an sich? -Langweilig, hier wird das eher brasilianisch ballverliebt und verspielt gesehen. Am Training dieser Mannschaft darf ich teilnehmen.

Zum Ende dieses großen Beschreibungs-Rundumschlags kommt nun das "Sesam" an die Reihe: Es ist das projekteigene Restaurant, wo es liegt, habe ich ja schon weiter oben beschrieben. Jeden Tag gibt es ein Gericht (5.75 Euro), dass aus Fleisch oder Fisch und Beilagen besteht, eine Suppe (1.40 Euro) und eine Quiche (5 Eruo) für die Vegetarier. Es hat eine Leiterin, die restlichen Mitarbeiter sind durch die belgischen Behörden vermittelt: Im Moment arbeitet eine ehemalige Langzeitarbeitslose hier und ein junger Mann, dem ein Richter Sozialstunden aufgebrummt hat. Anne-Marie, die hier schon seit 18 Jahren das Heft in der Hand hat, ist mir sehr zugetan: Gleich am Anfang sagte sie mir, ihre Kinder seien schon aus dem Haus, sie sorge sich aber noch gerne um junge Menschen- So werde ich immer satt, und darf für den Nachmittag noch einen Sandwich mit zur Arbeit nehmen.
Das Sesam steht für alle offen und hat eine alteingesessene Stammkundschaft, unter ihr einige Mitarbeiter des Bouillon.

Mein Alltag im Projekt



Und was macht der David in diesem großen Orchester? Ja, manchmal weiß ich das so ganz genau selber nicht, aber ich spiele halt mit. Man muss bedenken, dass ich der allererste Freiwillige bin, der in diesem Projekt richtig, quasi Vollzeit, mitarbeitet, aber vormittags ist natürlich nicht viel los im Projekt, denn dann ist ja Schule für unsere "Kundschaft". Und es ist manchmal schwer, denn kaum jemand weiß was er von mir erwartet. Es war niemand vor mir da, an dem man mich messen könnte, dessen Aufgaben ich übernehmen könnte, ich fange eben von Null an. Ich bemühe mich, interessante und sinnvolle Aufgaben zu übernehmen, habe aber weder Qualifikationen für die Arbeit, noch ist mein Französisch vollwertig. Aber ich habe eine großartige Daseinsberechtigung als deutscher Freiwilliger in diesem Projekt (die mir nie, niemals jemand wegnehmen kann): Ich bin sozusagen die personifizierte interkulturelle Bereicherung. Ich bin gleichzeitig mehr Ausländer als die Kinder und Jugendlichen in unserem Projekt, und doch den Belgiern in vielem um so viel ähnlicher; nehme interkulturelle Konflikte und Schwierigkeiten durch diesen Freiwilligendienst in Kauf, suche sie vielleicht sogar, eben solche Konflikte und Schwierigkeiten, die den jungen Eingewanderten das Leben oft schwer machen, die sie sicherlich oft gerne wegzaubern würden, wenn sie nur könnten... Na, wenn das keine neuen Perspektiven eröffnet!
Manchmal ist es auch leichter, der Erste zu sein. Wenn ich nicht immer viel zu tun habe, heißt das ja auch, dass mein Alltag recht entspannt ausfällt. Was anstrengt, ist vor allem das Gewissen, wenn es mich fragt, ob ich mich denn heute schon genug eingebracht und angestrengt habe, ob ich mich zu eigennützig verhalte, oder ob ich mich habe ausnutzen lassen... Und der Erste zu sein heißt ja hier auch, einen Platz im alltäglichen Betrieb zu finden, eine Dienststelle für meine Nachfolger zu etablieren, es kommt also auch auf dem langfristigen Erfolg und auf Nachhaltigkeit an, diese Sichtweise tröstet mich manchmal an Tagen, an denen ich mich Abends frage, was meine Arbeit denn heute effektiv gebracht hat.
Meine Arbeit im Bouillon ist ja auch ein Einstieg in die "Erwachsenenwelt" für mich. Ich merke, wie unter den Mitarbeitern die wenigsten Konflikten offen und direkt ausgetragen werden, wie jeder auf seine eigenen Aufgaben fixiert ist, manchmal habe ich das Gefühl, alle wuseln viel beschäftigt um mich herum, und ich stehe mittendrin und weiß nicht, was ich machen soll...
Wie schon gesagt, zur Schulzeit passiert im Bouillon nicht viel. Vormittags schlafe ich erst einmal recht lange, und gehe dann um elf zur Arbeit. Dann gehe ich ins Büro, und sage allen Leuten guten Morgen, die ich dort treffe. Das sind normalerweise Fatiha, die Sekretärin, Fatih, der für alles, was mit Computern zu tun hat, zuständig ist, und Stéphane, der Hausmeister. Mit Fatiha verstehe ich mich sehr gut und wir plauschen gern mal ein bisschen. Wenn gerade viel Post zu verschicken ist, dann schreibe ich manchmal hundert Adressen auf hundert Briefumschläge, falte hundert Briefe, etc.... Ansonsten mache ich kleine Arbeiten für Stéphane (habe auch schon hundert Fenster geputzt), Malerarbeiten und ähnliches. Momentan allerdings sitze ich meist still im Büro herum und brüte über meinem Rundbrief. Aber auch dass nur an zwei Tagen pro Woche: Wie schon erwähnt wurde mir erlaubt, einem Französisch-Intensivkurs zu folgen, so dass ich nun für zehn Wochen jeweils drei Vormittage in einer Sprachschule, die zur Universität gehört, verbringe.
Mittwochs aber arbeite ich im Sesam. Dort fangen wir schon um neun Uhr an, schließlich kommen die ersten Leute um 12 Uhr zum Mittagessen. Dann wird also geschnippelt, gekocht, gefegt, dann muss das Essen auf die Teller, die Teller zu den Essern... An guten Tagen kommen 30-40 Gäste, an schlechten Tagen nur fünf. Wenn es gegen 13.30 ruhiger wird, kommt man dass selber zum Essen. Anschließend wird alles aufgeräumt, sauber gemacht... und die Arbeit ist gegen 16 Uhr zu Ende.
Nachmittags ist dann so viel los, dass es gar nicht möglich ist, alles ganz mitzubekommen, geschweige denn an allem teilzunehmen. Denn nehmen wir das Sesam aus, brummen dann alle Sektoren. Schwerpunkt meiner Arbeit sind dann @toutspossibles und das Ges. Doch häufig ist dort gerade nichts zu tun für mich: Naturwissenschaften stehen sehr hoch im Kurs, und darin kenne ich mich nicht so gut aus (Mathe ginge zwar, aber da sperre ich mich: Die Schulzeit ist eben noch nicht allzu lange her). Englisch dagegen wird nicht immer verlangt. Ich erarbeite mir aber langsam meinen Ruf, und ich weiß nicht, was mir besser gefällt: Wenn ich für einen Briten gehalten werde oder für einen Antwerpener (das ist eben naheliegend, und da ich Deutscher bin ist mein Akzent ist dem der Flamen ähnlich). Ersteres nehme ich als Kompliment für mein Englisch, letzteres freut mich, weil Antwerpener eben Belgier, (wenn auch Flamen) sind. Ist in diesen beiden Écoles de devoirs nichts zu tun, dann schaue ich im Maison des Jeunes vorbei. Vielleicht wird gerade Hip Hop gemacht, oder der Leiter, Mimoun ist da und unterhält sich mit ein paar Jugendlichen, oder er ist auf dem Weg zu einem Fußballtraining, denn er ist der Trainer unserer Mannschaften. Dann gehe ich mit, oder ich gehe hinüber zu Aurora, bastle und male mit den Kindern, schaue ihnen zu und lasse mir Geschichten erzählen. Zugegeben, manchmal gehe ich auch nach Hause, weil ich sowieso noch vorhatte, einzukaufen, Joggen zu gehen oder an einem Rundbrief zu schreiben.

Wie Mama in den Sechzigern, oder: Wohnungsfragen



Zu Beginn des Dienstes habe ich eigentlich nichts getan, außer zu arbeiten und zu schlafen. Die Gründe hierfür sind einerseits, dass ich mich im Bouillon oft wohler gefühlt habe als in meinem Zuhause, andererseits, dass ich, wenn ich nach Hause kam, gleich in meinen Schlafsack kriechen musste. Denn es war Winter, und die Heizung funktionierte nicht gut. Ich teilte mir die kleine Zweizimmerwohnung mit einem arbeitslosen Hobbymusiker. David, ein Namensvetter, war sehr nett, aber auch eigen. Hm, man könnte sagen, zu Beginn meines Dienstes habe ich nur gearbeitet, geschlafen und mich bemüht, die Küche sauberzuhalten. Außerdem gab es kein warmes Wasser: Zum Duschen war ich im Schwimmbad. Das war recht teuer und unpraktisch, zumal ich dort gar nicht schwimmen durfte: Dazu braucht man hier eine hautenge Badehose und eine Badekappe, Ausrüstungsgegenstände, über die ich damals noch nicht verfügte... Letztendlich war es aber auch ein gute Erfahrung, mal so einfach zu leben. Und ich musste doll schmunzeln, als meine Eltern in meinem neuen Zimmer standen, und Mama sagte: "Das ist ja wie zu Heidelberger Studentenzeiten!"
Aber nach einigen Wochen lernte ich andere Brüsseler EIRENE-Freiwillige kennen: Die ersten waren Lennart und Daniel. Ersterer arbeitet in einem Projekt, das dem meinem sehr ähnelt, letzterer betreibt mit dem "Climate Action Network" Lobbyarbeit für den Klimaschutz. Schnell stellten sich die Weichen für meinen Wohnungswechsel: In Lennarts Wohngemeinschaft war noch ein Zimmer frei. Es handelt sich übrigens nicht um eine "normale" WG: Noch vor 25 Jahren wurde das Haus nahe dem Stadtzentrum, nur 15 Minuten zu Fuß von der "Grand Place" entfernt, von einer katholischen Schwesternschaft bewohnt. In dem großen, vierstöckigen Gebäude wurden irgendwann auch weniger religiöse Mieter aufgenommen und so entstand langsam die jetzige "Communauté du 22" (Gemeinschaft von der 22), benannt nach der Hausnummer. An einem Abend, an dem alle Bewohner anwesend waren, stellte ich mich vor, und durfte schon drei Tage später einziehen. Seitdem bewohne ich ein riesiges Zimmer, habe warmes Wasser, und die Heizung... meinte es nun plötzlich zu gut und ging nicht mehr aus! Das war aber natürlich immer noch die komfortablere Alternative, und mittlerweile ist das Problem behoben. Ich habe halt immer bei offenem Fenster geschlafen (die Müllabfuhr kommt hier immer Mittwochs- und Samstagmorgens, dass weiß ich nun wirklich im Schlaf). Wie schon erwähnt, mein Zimmer hat fürstliche Ausmaße: 27qm Fläche und 4.50m Deckenhöhe, all das wunderschön mit Stuck verziert. Das Haus ist nämlich ein hochherrschaftliches, hat sogar eine Bedienstetentreppe und muss einmal sehr prunkvoll gewesen sein. Leider wird es nun langsam "zerwohnt", mal geht hier ein Spiegel zu Bruch, mal wird dort eine Schraube in den Stuck gedreht... Übrigens hat meine Zimmernachbarin Giosella, eine Übersetzerin aus Italien, ein Klavier: Dass ist klasse, weil ich darauf manchmal spielen darf. Giosella übt seit drei Jahren, mit Hingabe. Ich höre ihr immer dabei zu, denn die Wände sind nicht dick.
Wir bewohnen das Haus momentan mit 11 Personen, jeder hat sein eigenes Zimmer, Küche und Bäder werden gemeinschaftlich genutzt und gepflegt. Der Altersschnitt der Bewohner ist übrigens höher, als es das Kürzel WG allgemein vermuten lässt: Zwei Damen um die 50, ein Herr von etwa 60 Jahren, der sein Zimmer nie verlässt, der Rest der Bewohner ist eher um die 30 als 20. Bleiben noch Lennart und ich, wir bilden die junge dynamische deutsche Partei im Hause.
Zur Miete: Der Verein Communauté du 22 fungiert als Mieter. Eigner des Hauses ist die Stadt Brüssel. Ich glaube, wir wohnen hier noch zu den gleichen Konditionen wie dereinst die katholischen Schwestern. Die Miete ist für hiesige Verhältnisse nämlich unglaublich niedrig.

Brüssel



Zu Brüssel möchte ich in diesem Brief noch nicht viel schreiben. Es ist eine Stadt mit viel Geschichte, was sich auch an der vielen beeindruckenden Architektur ablesen lässt. Aber ich lerne die Stadt nicht als Tourist, sondern von innen heraus kennen, und dass braucht Zeit, mein Bild ist noch sehr unfertig. Doch eines kann man sagen: Hier lässts sich's Leben, in allen Belangen und ich fühle mich wohl. Es gibt auch recht viel Grün, nur sieht man leider meist grau, wenn man in den Himmel schaut. Dabei hatte ich immer gedacht, norddeutsches Schmuddelwetter wäre nicht zu toppen.

EIRENE



Um diesen Brief zu komplettieren, fehlen nur noch ein paar Zeilen zur deutschen Organisation, die mir diesen Freiwilligendienst ermöglicht hat. "Eirene" ist griechisch und heißt Frieden. EIRENE ist ein ökumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des sogenannten "Anderen Dienstes im Ausland" (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist. 1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten.
Jährlich leben und arbeiten circa 100 Eirene-Freiwillige (darunter verstehen wir die Friedensdienstleistenden und die EntwicklungshelferInnen) in verschiedenen Projekten und Ländern, um ihre Solidarität mit Menschen in Not zum Ausdruck zu bringen. Diese Freiwilligen haben die Erfahrung gemacht, daß die klassische Entwicklungshilfe ebensowenig wie die Sozialarbeit in Europa ausreichende Mittel sind, um ungerechte Strukturen in unserer Welt an ihrer Wurzel zu packen. Darum geht es heute nicht mehr nur vorrangig um Projektunterstützung, sondern um die Unterstützung von Partnergruppen, die sich in ihrem Umfeld - in der Zwei-Drittel-Welt ebenso wie in der nördlichen Erdhälfte - für gerechtere Strukturen einsetzen. (Diesen Abschnitt habe ich der Homepage www.eirene.org entnommen)

Und was mit euren Spenden passiert, erkläre ich auch schnell noch einmal:
Euer Geld geht an Eirene, und kommt da in einen großen Topf. Daraus werden dann alle Freiwilligen unterstützt. In meinem Fall zahlt Eirene Miete (ca.150 Euro) und Taschengeld (90 Eruo). Fürs Essen sorgt mein Projekt hier, das mir, neben den kostenlosen Mahlzeiten im Sesam, noch 125 Euro monatlich für die Verpflegung auszahlt.
So, dies war nun mein erster Rundbrief- ein wohl etwas unpräziser, aber hoffentlich umfassender Rundumschlag, um euch zu zeigen, was ich hier so treibe und wobei ihr mich genau unterstützt. Dafür möchte euch noch einmal Danke sagen, ganz herzlich, denn es bringt viele Bereicherungen für alle Seiten. Für das Projekt und für mich, und ich denke, spätestens mit diesem Rundbrief auch für euch!
Ich hoffe auch, ihr habt ein Bild gewonnen von meiner Arbeit hier. Ich freue mich natürlich immer, wenn ihr euch bei mir meldet und stehe gerne für Fragen zur Verfügung. Und schließlich ist dies nicht der letzte Rundbrief. Den nächsten kann ich umso interessanter für euch gestalten, desto mehr Rückmeldungen ihr mir gebt.
Noch einmal ein großes Dankeschön und seid alle gegrüßt, euer

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