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Erfahrungsbericht - Belgien

Autor: L. Driller
Projekt: Arche
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - April 2005


Ich betrachte die Menschen in der Arche und ich frage mich was es heisst "Mensch zu sein"?

Heisst "Mensch sein" sich in die Gesellschaft einzugliedern?
Heisst "Mensch sein" sich hinter Masken?
Heisst "Mensch sein" seine Meinung von Vorurteilen abhaengig zu machen, Meinungen anzunehmen ohne sie zu hinterfragen?

Ich denke, dass "Mensch sein" viel mehr das ist was man fuehlt, was man gibt.
"Mensch sein" kann man nur mit dem Herzen, von Innen, dabei spielt der Status keine Rolle.

In der Zeit hier in der Arche, in meinem zu Hause auf Zeit, habe ich gelernt das die Bewohner mit all ihren Besonderheiten, eine Randgruppe der Gesellschaft, soviel mehr vom "Mensch sein" versteht als viele von den reichen Geschaeftsleuten die taeglich in der Metro sitzen; den Kassierern hinter der GB Kasse; den Fritten Verkaeufern in der Imbissbude, die so oft zu viel mehr vom Leben erwarten und dabei vergessen sich ueber die kleinen Sachen im Leben zu freuen.

Ich mag J‘s Lachen und seine einzigartigen Handbewegungen wenn er Musik hoert, wie er im Fruehling Weihnachtslieder singt, in Mitten einer von Menschen ueberfuellten Einkaufsstrasse.

Ich mag es wenn sich V. ohne jeglichen Grund an einen kuschelt und einem "je t‘aime" ins Ohr fluestert.

Ich mag es wie sich J.L. ueber jede Kleinigkeit freut. Wie er in der Supermarktschlange jeden mit einem breiten Lachen und einem "Bonjour" begruesst.

Ich mag es den Geschichten von M.L. zuzuhoeren, ihre Stimme zu hoeren, sie bei dem Alltaeglichen zu beobachten.

Ich mag es mit Y. herumzualbern wie mit einem Kind, sie beim Malen zubeobachten, jeden Tag etwas neues von ihr zu lernen.

Ich bewundere I., mit wie viel Courage er die Kleinigkeiten im Leben meistert, wie viel Freude er am Leben hat.

Ich weiss nicht in wie weit ich "Mensch bin", da ich mich doch zu stark an die Gesellschaft anschliesse, zu oft meine Meinung durch Vorurteile leiten lasse. Doch ich denke, dass ich mittlerweile viel mehr vom "Mensch sein" dazu gelernt habe.

Ich bin jetzt fast 6 Monate hier, die Halbzeit ist erreicht. Die Zeit scheint hier irgendwie anders zu laufen, in meiner kleinen fabelhaften Welt. Einerseits scheinen die Monate wie im Flug vergangen zu sein und anderseits habe ich das Gefuehl, dass ich schon seit Ewigkeiten hier bin.

Ich geniesse die Tage die immer laenger werden, den Fruehlingsanfang bei dem alles zum Leben erwacht.

Vielleicht liegt es daran das ich weiss, dass mein Aufenthalt nur begrenzt ist, dass ich weiss, das ich fuer ein Jahr ein anderes Leben kennen lernen darf?

Auch wenn es nicht immer einfach ist, da ich merke wie anstrengend es ist ruhig zu bleiben (was bestimmt daran liegt, das mein Franzoesisch immer mehr Fortschritte macht).
Wenn J. beim Spazierengehen ploetzlich seine Blockaden bekommt und sich nicht mehr von der Stelle ruehrt, oder wenn J.L. einem innerhalb von 10 Minuten 8 Mal die gleiche Frage stellt.

Ich konnte mir vorher eigentlich nie wirklich vorstellen wie viel Kraft benoetigt wird um sich um einen Menschen zu kuemmern. Wie viel Geduld man aufbringen muss, wie viel Staerke man zeigen muss.
In den ein oder anderen Momenten war es nicht einfach. Es ist eine Herausforderung wenn einem ohne jegliche Vorkenntnisse die Verantwortung fuer sechs behinderte Menschen anvertraut wird. Auch wenn mit mir noch vier andere Assistenten/innen hier in der Arche sind, merke ich gerade in der letzten Zeit, dass ich immer mehr Verantwortung uebernehmen muss (trotz meiner "Sprachbehinderung"). Was daran liegen mag, dass ich mit A. mittlerweile diejenige bin, die schon ueber 6 Monate hier ist.

Wenn ich nicht an den Muell denke, steht er eine Woche im Garten herum. Wenn ich nicht uebers Wochenende genug Gemuese kaufe, haben wir am Sonntag keines mehr. Wenn ich nicht die Medikamente vorbereite, fehlen sie fuer die naechste Woche.
Es sind halt die kleinen Sachen, die jeden Tag anfallen.

Doch obwohl Verantwortung oft ganz schoen viel Kraft und Energie kostet, bin ich doch auch stolz darauf, dass ich in dieser Zeit soviel Verantwortung anvertraut bekommen habe. Das ich viele Dinge die das Haus uns das Leben betreffen mitbestimmen darf und auch das mein Rat von Anderen in Bezug auf die Bewohner eingeholt wird.

Ich denke das ich durch diesen, doch etwas anderen Lebensstil, etwas mehr vom Leben und vom "Mensch sein" gelernt habe und auch noch viel lernen werde.

Ein ganz, ganz lieben Dank an all meine Unterstuetzer, die mir diese Erfahrung moeglich machen und mir das Gefuehl geben, das diese Arbeit nicht umsonst ist.... Danke!

L. Driller

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