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Erfahrungsbericht - Nordirland

Autor: Markus Giesler
Projekt: Wishing Well Family Centre
Träger: EIRENE International 

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1. Meine Arbeit


Mein Projekt ist der Wishing Well Family Centre. In diesem Centre werden hauptsaechlich Kinder von 0 - 11 betreut, um den Eltern das arbeiten zu ermoeglichen. Ausserdem gibt es auch eine Seniorengruppe, die sich einmal in der Woche trifft und in den Sommerferien Programm fuer Jugendliche zwischen 11 und 18. Der Center steht in Ardoyne, einem Vorort im Norden von Belfast, der mit zu den aermsten dieser Stadt zaehlt. Durch Armut und Arbeitslosigkeit ist gerade in solchen Vierteln der Konflikt noch aktueller, die Paramilitaers noch staerker als sonst wo in Nordirland. Der Center versucht durch Cross-Comunity Arbeit (katholisch und protestantisch) die Vorurteile abzubauen, die durch die Trennung entstehen.
Ich habe hauptsaechlich zwei grosse Aufgaben: Vormittags die Pre-School Nursery und Nachmittags der Afterschool’s Club.

Pre-School Nursery

In dieser staatlich anerkannten Vorschule betreuen wir eine konfessionell gemischte Gruppe von Kindern im Jahr bevor sie zur Grundschule gehen. Die Kinder sind alle 3 - 4 Jahre alt. Mit mir sind wir 5 - 6 Mitarbeiter, die etwa 20 Kinder betreuen. Wir versuchen, durch gezielte Spiele und Aktivitaeten den Kindern grundlegende kognitive und physische Faehigkeiten beizubringen. Wir haben in unserem Raum verschiedene Bereiche fuer die einzelnen Aktivitaeten: Zwei Tische sind fuer das Spielen mit Knete und das Bauen mit Kloetzchen vorgesehen, einer zum puzzlen. Wir haben auch noch zwei Wannen, an denen die Kinder spielen koennen. Eine davon ist gefuellt mit Wasser, die andere mit Sand. Zusaetzlich haben wir eine Bastel- und eine Leseecke.
Die speziellen Aktivitaeten richten sich immer nach dem Monatsthema. So haben wir zum Beispiel im Oktober unter dem Thema Herbst mit entsprechenden Farben Blaetter durchgepaust und im Dezember Weihnachtsbaeume und -socken aus Papier gebastelt und dekoriert.
Einmal in der Woche sammeln wir unsere Beobachtungen ueber die einzelnen Kinder und fuellen Boegen aus, was die einzelnen Kinder koennen, bzw. nicht koennen. Das muessen wir machen, um den Kinder im Juli fuer ihre Grundschule eine Bescheinigung mit zu geben, was die Kinder fuer Faehigkeiten schon erlernt haben.
Hier ist ein typischer Tagesablauf in der Pre-School:

- 9.00 - 9.30: Die Kinder kommen an

- 9.30 - 9.45: Wecome-Corner: Die Kinder erzaehlen von ihrem vorigen Tag und kleben nach ausfuehrlicher Diskussion die entsprechenden Wettersymbole an eine dafuer vorgesehene Tafel

- 9.45 - 11.00: Aktivitaeten im Raum. Zwischendurch: Lunchpause

- 11.00 - 11.30: Draussen spielen (kleine Fahrraeder, Kletterrahmen etc.)

- 11.30 - 12.00: Lieder singen und Geschichten vorlesen

- 12.00 - 13.00: Betreuung der Kinder beim Mittagessen und/oder Mitarbeitertreffen

Afterschool’s Club

Dieser Hort ist eine rein protestantische Gruppe, da wir die Kinder direkt von der Grundschule abholen und sie da noch ihre Schuluniformen anhaben, an denen man erkennt, dass sie protestantisch sind.
Wir helfen den Kindern bei ihren Hausaufgaben und beschaeftigen sie dann mit spielen und basteln. Wir haben dafuer Gesellschaftsspiele und spezielles Bastelmaterial fuer aeltere, so wie Ofenknete. Besonders hier kommt mir mein Pfadfinderengagement in Deutschland zu gute, da ich von daher Spielideen habe und einigermassen weiss, wie man Kinder beim Spielen anleitet. Dennoch werde ich zur Weiterbildung nach Kursen fuer genau diese Arbeit suchen.

Natuerlich gibt es bei dieser Arbeit Probleme. So koennen sich manche Eltern nicht leisten, ihr Kind aufzuziehen. Daraufhin werden die Kinder von Erzieher zu Erzieher rumgereicht, weil keiner sie richtig haben will. Die Folge sind Verhaltensprobleme, wie zum Beispiel extreme Stimmungsschwankungen und Aufmerksamkeitsschwaechen. Manche Kinder schubsen, treten und schlagen grundlos andere Kinder. Bei vielen laesst sich das sicher damit erklaeren, dass in Grossteilen der nordirischen Gesellschaft Gewalt noch vielmehr verankert ist als in anderen Laendern.
Trotz alledem macht mir die Arbeit mit den Kindern in diesem Projekt so grossen Spass, dass ich glaube, genau das richtige Projekt gefunden zu haben. Im Team herrscht eine gute Atmosphaere, sodass man viele Probleme gemeinsam angehen kann. Ich lerne aber auch viel fuer und ueber mich selbst bei dieser Art von Arbeit, was alles noch mal interessanter macht. Ein kleiner netter Nebeneffekt ist ausserdem, dass viele schoene Kindheitserinnerungen wieder hoch kommen.

2. Zu Hause


Mein Leben in Nord-Belfast

Am Anfang wurde ich oft gefragt, warum ich ausgerechnet in Nord-Belfast leben wuerde. Typische Fragen waren: Ardoyne - ist das nicht da, wo so viele Jugendliche Selbstmord begehen? Warum lebst du nicht mit all den anderen Freiwilligen im schoenen Sueden Belfasts? Faehrt der Bus abends nicht nur bis 11 Uhr - wie willst du da jemals richtig ausgehen?
Ich muss zugeben, dass der Bus wirklich nur bis 11 Uhr faehrt und man danach ein Taxi fuer das 4fache des Preises nehmen muesste, wenn da nicht der andere Freiwillige waere, der ein Auto vom Projekt hat und einen immer mitnehmen wuerde.
Auch muss ich zugeben, dass Ardoyne nicht die schoenste Wohngegend ist. Aber die Offenheit der Leute wiegt eindeutig mehr. Es ist einfach ein schoenes Gefuehl, durch die Strassen zu gehen und jedem Hallo sagen zu koennen.
Dies ist auch der Hauptgrund, warum mich inzwischen viele um diesen Wochnort beneiden: Man kommt mir den Leuten in Kontakt. Man lernt den Konflikt und die einzelnen einfachen Leute dahinter besser kennen und verstehen. Ich habe inzwischen nach drei Monaten einen Einblick in den Konflikt, den man in keinem Buch nachlesen kann. Ein ganz angenehmer Nebeneffekt davon, dass man nur "Einheimische" um sich hat, ist, dass man unter der Woche fast ausschliesslich Englisch spricht.
Weitere Nebengruende sind:
- 2 Minuten Fussweg zur Arbeit
- abends sehr ruhige Gegend
- Lidl-Supermarkt direkt um die Ecke

Mein Leben mit Jeff

Ich wohne zusammen mit Jeff Mooney. Jeff Mooney ist 34 Jahre alt, hat eine Freundin, die nicht bei uns wohnt, 4 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 7 Jahre und macht beruflich Fenster und Tueren, gestaltet Gaerten und erledigt Klempnerarbeiten. Manchmal deckt er auch noch Daecher. Spezialisierung gibt es nicht. Ausserdem ist er eines von 11 Kindern der Center-Managerin, wo ich arbeite.
Mit ihm zusammen zu wohnen macht sehr viel Spass, wenn man sich einmal an seinen typisch irischen Humor und seinen starken Belfast-Akzent gewoehnt hat. Im Gegensatz zu vielen Freiwilligen esse ich mit meinem Mitbewohner zusammen und mach auch in meiner Freizeit sehr viel mit ihm. Ausserdem ist er ein sehr guter Koch.
Durch seinen vielfaeltigen Beruf und seine Kochkuenste kann man auch mit ein wenig Interesse sehr viel rund ums Haus lernen

Im Endeffekt kann man sagen, dass ich hier in diesem Viertel und im Haus mit Jeff ein neues Zuhause gefunden habe. Ich fuehle mich hier wirklich sehr wohl und denke, dass das auch fuer den Rest des Jahres so bleiben wird.

3. Freizeit


Musik

Da ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und meiner Freizeit die Musik ist werde ich davon zuerst berichten. Ich habe inzwischen vielfaeltige Moeglichkeiten gefunden, meine Leidenschaft auszuueben und auszubauen. Das schoenste ist, dass man viele Leute darueber kennen lernt und relativ leicht eine Verbindung zu ihnen aufbauen kann.

KLAVIERSPIELEN BEI TIM UND APRIL

Am Anfang meines Dienstes hoerte ich mich nach einem Klavier um, wo ich drauf spielen koennte. Ich fand eines bei der inzwischen ehemaligen Sekretaerin unseres Centers und ihrem Freund Tim. Mit der Zeit wurden meine Besuche dort immer regelmaessiger und haben sich jetzt auf ein woechentliches Mass eingependelt. Ich habe zwar auch ein paar Noten hier, nach denen ich hin und wieder spiele, aber vor allem geniesse ich, in allen moeglichen Stilen zu improvisieren. Diese Besuche gehen aber ueber das musizieren hinaus. Zwischen Tim und mir findet inzwischen ein intensiver Austausch ueber Musik jeglicher Art statt und man kann auch vielleicht schon von einer Freundschaft sprechen. So hat er meine Freundin und mich am 26.12. auf ein Konzert seines Freundes eingeladen - ein grosser Gitarrist, der in seiner besten Zeit mit Van Morrisson, dem groessten Nordirischen Jazz- und Bluessaenger, in einer Band gespielt hat.

GITARRESPIELEN MIT CHRISTOPHER

Christopher, ein 16-jaehriger Neffe von Jeff, bringt sich seit einem knappen Jahr E-Gitarre selber bei. Mit ihm treffe ich mich hin und wieder, um von ihm zu lernen und ihm auch Sachen beizubringen. Es ist ganz gut, dass er E-Gitarre spielt und ich akkustische, da wir uns so mehr Sachen gegenseitig beibringen koennen.

QUAKER’S COTTAGE

Dieses Cottage ist ein anderes Projekt von Eirene, die auch mit Kindern arbeiten. Auf Anfrage haben die jetzt eine komplette Bandausruestung geschenkt bekommen, das wir Freiwilllige auch beutzen duerfen. Wir treffen uns normalerweise montags, um dann mit einem Schlagzeuger, zwei Gitarristen, zwei Saengerinnen und einem Pianisten zu spielen. Wir sind alles Deutsche Freiwillige bis auf den spanischen Schlagzeuger und Christopher (s.o.).

Wochenende

PUBS

Hier in Belfast gibt es eine schier unendliche Auswahl an guten und gemuetlichen Pubs. Das was fast alle Pubs gemeinsam haben, ist die gute Livemusik und das Guinnes. Vor allem die Livemusik macht jeden Pubbesuch zu etwas besonderem. Man findet hier jegliche Musikrichtung von Irish Folk bis hin zu Ska und Rock. Pubs haben hier eine sehr viel groessere Kultur als in Deutschland. Hier sitzt jung neben alt und jeder trinkt gemuetlich das schwere Guinnes-Bier. Sobald man alleine steht, wird man direkt von der Seite angesprochen "Are you allright?" und hat wieder mal die Chance einen weiteren nette (Nord-)Iren kennen zu lernen, der einem am Ende vielleicht sogar anbietet, mit ihm und seinen Freunden auf Klettertour in den Bergen zu gehen. Alles schon erlebt.

PARTIES

Immer wieder gibt es hier von Freiwilligen und Studenten Hausparties, auf denen sich dann sehr viele Leute aus sehr vielen Laendern treffen. Meistens aber wenige (Nord-) Iren. Dafuer umso mehr Amerikaner, Spanier, Franzosen, Basken, Polen, Letten, Portugiesen, Oesterreicher, Italiener usw.
Oft ist es wirklich einfach Multi-Kulti, was dann bedeutet, dass es umso interessanter und lustiger wird.

4. Ankunft und Einleben



Um dieses Kapitel zu schreiben, habe ich nochmal Notizen aus den ersten Wochen durchgelesen. All das was ich da aufgeschrieben habe scheint inzwischen weit weg, da ich mich jetzt schon sehr gut hier eingelebt habe. Wie alles andere ist aber auch diese wichtige Phase sehr gut verlaufen.

Es war ein schwerer Abschied auf dem Flughafen in Koeln/Bonn. Meine Freundin und meine Mutter waren mit. Es hatte etwas endgueltiges. Der Start des Flugzeuges war wie der Start in einen voellig neuen Lebensabschnitt. In spaeteren Gespraechen mit meiner Mutter hat sie mir diese Gefuehle am Flughafen auch von ihrer Seite bestaetigt. Es war der typische Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Rueckblick und Vorfreude.
Der Einstieg in meinen neuen Lebensabschnitt wurde mir von unserer Center-Managerin sehr erleichtert, indem sie am ersten Abend zu uns nach Hause kam, mir alles erklaert hat, was zu erledigen war und dafuer mir eine Woche frei gegeben hat. Ich hatte also genug Zeit, alles einzukaufen und mich einzurichten.
Nachdem ich mein Zimmer gestrichen und es damit von einem haesslich kalten blau befreit habe, kann ich es jetzt auch wirklich MEIN Zimmer nennen.
Inzwischen ist auch, nachdem ich alle Leute hier kennengelernt habe, Alltagsroutine eingekehrt und ich kann das Leben hier immer mehr geniessen.

Auch das Einarbeiten ist insegesamt sehr positiv verlaufen. Am Anfang war ich noch sehr passiv und musste viel lernen. Das schwierigste dabei waren das spezielle Vokabular und die hier in Nordirland sehr strikten Regeln im Umgang mit Kindern.
Ich habe es aber nach einiger Zeit jetzt geschafft, mir bei den Kindern einen Status zu verschaffen, der Freund und Respektperson weitgehend vereint.
Die Ablaeufe sind inzwischen in Fleisch und Blut uebergegangen und die verschiedenen Eigenheiten der Sprache der Kinder sind mir jetzt auch bekannt.
Im letzten Monat habe ich dann auch immer mehr angefangen, Aufgabenbereiche zu uebernehmen und eigene Ideen einzubringen. So habe ich z.B. den Adventskranz im Center eingefuehrt.

5. Zwischenseminar




Vom 14.-20.11. war Eirene-Zwischenseminar im Kilcranny House an der wunderschoenen Nordkueste angesagt. Das heisst, dass sich fuer eine Woche alle Eirene-Freiwilligen aus Nordirland und der Republik getroffen haben, um ueber ihren Dienst zu reflektieren und Kraft fuer die naechste Zeit zu sammeln. Die dafuer vorgesehenen Einzel- und Gruppengespraeche hat Ralf Ziegler von Eirene gestaltet und geleitet.
Ein Tag war reserviert fuer Belfast, um die Stadt und den Konflikt besser kennen zu lernen. Dafuer haben wir als erstes eine der Belfaster Polizeistationen besichtigt, um einen Einblick in die Arbeit der oft verhassten Polizei zu bekommen. Wir wurden von einem Polizisten durch das Gebaeude mit seinen Verhoerraeumen und Zellen gefuehrt und erfuhren eine Menge ueber die Methoden und Arbeit der Polizei. Das Highlight dieser Besichtigung waren sicher die Crimestoppers, die gepanzerten Polizeiwagen.
Den Nachmittag verbrachten wir arbeitend in dem Belfaster Eireneprojekt "Tools for Solidarity". Dieses Projekt sammelt alte Werkzeuge in Belfast, repariert sie und verschifft sie nach Afrika, wo den Menschen oft nicht die Faehigkeit, sonder die Werkzeuge fehlen.
Einen anderen Tag verbrachten wir damit, einen Ausflug auf die verschneite Halbinsel Inishowen zu unternehmen. Wir fuhren zur Kinnagoe Bay, einem der wohl schoensten Straende Irlands und zum noerdlichsten Punkt Irlands Malin’s Head, wo einen nur noch 300 km rauher, windgepeitschter Atlantik von den schottischen Hebriden trennen.
Mir hat dieses Zwischenseminar sehr gut gefallen, was auch daran liegt, dass ich so viel gelacht habe, wie lange nicht mehr. Ueber Weihnachten werden wir mit einigen Freiwilligen dorthin fahren, um die Schoenheit der Landschaft und die Ruhe zu geniessen.

Am Ende bleibt mir nur noch, allen zu danken: Dem Unterstuetzerkreis fuer die finanzielle und meiner Familie und meinen Freunden fuer die ideelle Unterstuetztung. Der gute Kontakt zu Freunden und Familie und das Wissen, dass man von vielen Menschen aus Deutschland gut und gerne unterstuetzt wird, ist fuer mich die halbe Miete, um hier ein wunderschoenes Jahr in Belfast zu verbringen und vieles zu erleben, was mich sicher mein Leben lang praegen wird.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Hannah schrieb am 29.09.11 um 21:35 Uhr:
Ich bin gerade dabei meine Bewerbung für Eirene zu schreiben und mich nach Projekten in Irland umzusehen, und da sehe ich dies hier:
1. Dein Projekt hört sich total cool an und 2. Ich kann mich gerade unglaublich mit dir identifizieren (ich bin Pfadfinderin und mache ganz viel Musik:-) ) und will unbedingt in dein Projekt... Wie ist das mit den Konflikten zwischen den Protestanten und den Katholiken. Bekommst du davon viel mit?

lilalisa schrieb am 18.06.11 um 15:10 Uhr:
klingt interessant und spannedn! danke für den bericht!
lg lisa

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