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Erfahrungsbericht - Belgien

Autor: Anonym
Projekt: Arche
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - Dezember 2004


So meine Lieben, es ist vollbracht: Mein erster Rundbrief ist geschrieben.
Wow, ich bin stolz und muss sagen, dass es mir sogar Spaß gemacht hat, ihn zu verfassen.
Tja, jetzt bin ich schon 3 Monate hier...schon oder erst? Ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall hat alles am 05. September mit dem Ausreisekurs von Eirene begonnen, der wirklich super war und mir richtig Vorfreude auf mein Projekt gemacht hat.
Jetzt sind es noch 2 Wochen bis Weihnachten und bis ich das erste Mal nach Hause fahre. Schon jetzt freue ich mich riesig und kann es kaum erwarten, alle bekannten und geliebten Gesichter wieder zu sehen. ....
Mit diesem Brief möchte ich Euch ein bisschen einen Einblick in meine Arbeit ermöglichen.
Viel Spaß beim Lesen....also los geht's....

Die Arche allgemein
1964 entstand das erste Haus der Arche, als Jean Vanier ( der Gründer der Arche) und P. Thomas Philippe in einem kleinen Dorf ( Trosly- Breuil) in Frankreich ein gemeinsames Leben mit zwei geistig behinderten Männern, die vorher in einer Anstalt lebten, begannen.
Als Antwort auf einen Ruf Gottes wollten sie ihr Leben mit ihnen teilen und im Geist des Evangeliums und der Seligpreisungen leben, die Jesus verkündet hat. Von dieser ersten Gemeinschaft, die in der römisch- katholischen Tradition entstanden war, entwickelten sich viele weitere Gemeinschaften. Inzwischen gibt es weltweit über 100 Archen in 24 Ländern.
Obwohl die Arche ihre Wurzeln also in der katholischen Kirche hat, leben Menschen vieler Konfessionen und Weltanschauungen in ihr. Die Assistenten sind Menschen verschiedener Nationalitäten ( mit oder ohne fachliche Qualifikation), die sich entscheiden, für eine begrenzte Zeit ( wie ich) oder für ihr ganzes Leben in der Gemeinschaft zu verbringen. Unterstützung im medizinischen und psychologischen Bereich erhalten sie von Fachkräften.
Die Gemeinschaften finanzieren sich durch staatliche Mittel und Spenden.

Meine Arche
Jetzt aber zu meiner Arche- Gemeinschaft hier: In Namur ist die Arche recht klein im Vergleich zu denen größerer Städte. Hier gibt es zwei Foyers, also Wohngemeinschaften mit Behinderten: "Le Tournesol" und "Bartrès", welches seit 3 Monaten mein Zuhause ist.
Die zwei Foyers liegen ca. 5 km auseinander, beide in Dörfern um Namur in einer richtig schönen Gegend.
Das Atelier (die Behindertenwerkstatt der Arche) "Le Lum’çon" (= fläm., die Schnecke) befindet sich im Zentrum von Namur, d.h. von uns aus ist es mit Bus, Auto oder Fahrrad zu erreichen.
Im Atelier gibt es verschiedene Arbeitsbereiche, die von Assistenten angeleitet werden: das ist zum einen eine Stühlewerkstatt ( canage), in der die geflochtenen Sitzflächen und Lehnen von Stühlen repariert werden.
Daneben gibt es immer Küchenarbeiten zu erledigen, da jeden Mittag im Atelier gegessen wird und alles vorbereitet werden muss.
Ein anderer Arbeitsbereich ist die sous- traitance (Zulieferindustrie), hier kleben die Behinderten ( oder "personnes" , also Personen, wie sie hier genannt werden) Etiketten auf Hefte, rahmen Fotos für Fotografen, usw. Außerdem werden oft auch Spiele und Bastelarbeiten angeboten.
Einmal die Woche gibt es eine Reit- und eine Schwimmtherapie.
In das Atelier kommen außer den Behinderten, die in der Arche leben auch welche von außerhalb, die z.B. noch bei Ihren Eltern wohnen. Insgesamt gibt es um die 10 Behinderten, die dort arbeiten und jeweils einen individuellen Arbeitsplan (je nach Möglichkeiten und Interessen) aufgestellt bekommen.

Mein Foyer
Um euch mein Leben hier ein bisschen zu beschreiben, möchte ich euch erst einmal mein neues Heim schildern.
In Bartrès leben sieben Behinderte und drei Assistenten.
Das Foyer ist zum Glück groß genug (3 Etagen), so dass jeder sein eigenes Zimmer hat.
Wohnzimmer, Küche, Bäder usw. benutzen wir alle gemeinsam wie in einer Familie. Dann gibt es noch ein chaotisches Mini-Büro, in dem die ganze Schreibtischarbeit erledigt wird und ein Oratoire, einen kleinen Gebetsraum, der in jedem Foyer existiert. Außerdem haben wir einen kleinen Garten, den ich jedoch jetzt im Herbst und Winter leider noch nicht so genießen konnte- wird aber sicher noch kommen.
Aber das eigentlich Wichtige sind ja nicht die Räumlichkeiten sondern die Menschen, mit denen ich zusammenlebe.

Da gibt es wie schon erwähnt erst mal zwei weitere Assistenten: Marie, 26 aus Belgien, die Verantwortliche des Foyers, und Vidas, 19 aus Litauen, der gleichzeitig mit mir angefangen hat und auch für ein Jahr bleibt.
Marie ist jetzt seit zweieinhalb Jahren hier und hat ursprünglich eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht. Mit ihr habe ich wirklich Glück. Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich und wir verstehen uns sehr gut und haben oft ähnliche Meinungen und Ansichten...außer was den Glauben angeht: sie ist, wie der Großteil der Archemitarbeiter, streng katholisch. Aber dies hat auf unsere Beziehung zueinander keine negativen Auswirkungen.
Leider haben wir sehr selten mal die Gelegenheit, ein persönliches Gespräch zu führen, weil entweder eine von uns frei hat und wir uns nur kurz sehen oder weil es einfach anderes zu tun gibt und die Behinderten uns in Anspruch nehmen. Ich habe aber das Gefühl dass die Beziehung zwischen uns trotzdem immer freundschaftlicher wird und sie mir auch immer mehr zutraut und mich als gleichwertig behandelt, d.h. mich auch mal zu Rate zieht und meine Meinung zu etwas hören möchte.
Für die Behinderten ist es denke ich sehr wichtig, dass neben uns beiden neuen Assistenten noch Marie da ist, die die Sprache perfekt beherrscht, die Personen schon besser kennt und ihnen Sicherheit geben kann.

Vidas ist wie gesagt mit mir angekommen. Am Anfang war es mit ihm etwas schwierig, weil er mit der Sprache große Probleme hatte- wenn er französisch geredet hat, hat es sich einfach immer wie russisch angehört. Das ist jetzt zwar manchmal auch noch der Fall, aber es hat sich auf jeden Fall gebessert und man kann sich mit ihm unterhalten. Wie kann ich ihn beschreiben?...
E (ist) oft auch sehr lustig und nett mit ihm und ich bin manchmal abends schon mit ihm zusammen gesessen und habe mich mit ihm unterhalten oder Fahrradtouren mit ihm gemacht. Manchmal fängt er sogar von sich aus an die Autos durchzusaugen, Fenster zu putzen oder hilft mir in meinem Zimmer. Und die Behinderten kann er doch recht oft zum Lachen bringen. ...
Eigentlich bin ich wirklich glücklich mit den Beiden. Ich glaube zwischen uns drei herrscht einfach ein gutes lockeres Verhältnis und ich freue mich darauf, das nächste Jahr mit ihnen zusammen zu leben und zu arbeiten und sie besser kennen zu lernen.

Aber jetzt zu den Behinderten, die ja eigentlich der Grund dafür sind, dass ich überhaupt hier bin. Ich fange mal mit unseren zwei Senioren an:

Eveline ist ein bisschen die alte Dame, die Königin des Foyers. Sie ist schon 81 Jahre alt. Ihre Behinderung beschränkt sich größtenteils auf ihren Körper. Sie hat missgebildete Beine, so dass sie nur noch sehr schwer und mit einer Gehhilfe laufen kann. Für Ausflüge usw. sitzt sie im Rollstuhl. Aber geistig ist sie wirklich noch jung geblieben und auch relativ fitt, so dass man sich mit ihr unterhalten kann, sie einem ganz genau Anweisungen geben kann was sie braucht und machen möchte und auch den ein oder anderen Witz reißt. Bei ihr habe ich gelernt, was Fingerring, Halskette und Armband auf französisch heißen (sie trägt immer viel Schmuck) und dass man nie genug Vorräte an Medikamenten und Wasser im Zimmer haben kann. Das ist so ein Tick von ihr. Ich glaube, sie fühlt sich aufgrund ihres Alters etwas verantwortlich für die anderen und wenn es Schwierigkeiten mit einer Person gab, spricht sie abends noch mit einem darüber. Ich bin immer wieder erstaunt wie gut sie das Verhalten der anderen deuten kann und wie genau sie weiß was los war. Eveline organisiert immer die Friseurtermine für alle und es kann einem passieren, dass man jemand anderen etwas fragt und sie für ihn antwortet. Sie erzählt einem gerne von ihrer Familie, zeigt Fotos und man fühlt sich wirklich ein bisschen wie bei Oma. Andererseits hat sie mir schon erklärt, dass sie"ihre kleine Schwester" jeden Tag waschen muss und wenn sie auf Toilette ist, kann man dableiben, "...weil es ja bei jedem die gleichen Geräusche macht". J

Robert ist der Zweitälteste- er ist 62, sieht aber viel älter aus finde ich. Er hat eine Nervenkrankheit und ist deshalb gaaaanz langsam. Auch er kann, wie Eveline, nur mit einer Gehhilfe laufen. Eigentlich kann man Robert fast nicht als eine Person beschreiben, weil er sich von zwei Seiten zeigen kann, die ihn fast zu einem anderen Menschen machen.
Es gibt eine Phase, in der er wie ein Kleinkind ist und eigentlich die ganze Zeit Scheiß macht. Dann hat er den ganzen Tag ein Grinsen vom einen Ohr bis zum anderen, spricht einem nach, streckt die Zunge raus, versucht einen immer zu piesacken, macht Späße mit seinem Gebiss, usw. Nur macht er körperlich in dieser Zeit so gut wie nichts. Er läuft kaum, lässt sich beinahe fallen, kann nicht mal ohne Lehne sitzen und braucht eine Stunde um sich ein Brot zu schmieren. Diese Phase kann wirklich anstrengend sein, weil er eben gar nichts tut. Er ist der einzige der Behinderten, der Windeln trägt und man kann sich vorstellen, dass es nicht einfach ist ihn umzuziehen wenn er gar nichts mithilft und nicht stehen kann.
So eine Phase dauert würde ich sagen immer so drei Wochen, dann ändert er sich und kommt in die depressive Phase. In dieser Zeit macht er erstaunlich viel selbst, hilft in der Küche, steht alleine auf, kann sich fast alleine an- und ausziehen usw. Nur ist er eben depressiv, redet und lacht kaum und es kann passieren, dass er den ganzen Tag einfach nur so dasitzt, vor sich hinstarrt und den Eindruck erweckt nachzudenken. Ob er es tut weiß ich nicht...In dieser Zeit merkt man auch, dass er oft unter seiner Behinderung leidet- einmal hatte er Durchfall und ich habe ihn gewaschen und ihm einen neue Windel angezogen. Da hat er sich tausendmal entschuldigt und bedankt und gemeint, wenn es mir unangenehm ist wartet er bis jemand anders kommt. Da tut er einem dann richtig leid, weil man eben merkt, dass in seinem Kopf doch sehr vieles vor sich geht, nur der Körper nicht mitmacht. Manchmal gelingt es einem trotzdem ihm ein Lächeln zu entlocken. Das sind die wirklich schönen Augenblicke.

Der nächste ist Jean- Pierre mit 61 Jahren. Ich denke, er ist einer der schwierigsten Personen in Bartrès. Es ist etwas schwer seine Behinderung zu beschreiben, weil man sie auf den ersten Blick gar nicht so wahrnimmt wenn man ihn auf der Straße sieht. Außerdem kann er ( wie Eveline und Robert übrigens auch) lesen und schreiben und sogar flämisch sprechen. Er modelliert mit Ton und zeichnet sehr gut, so dass man von den Werken nie denken würde, sie seien von einem Behinderten gemacht. Aber seine Behinderung ist doch recht schwerwiegend. Erst mal hat er Angst davor wenn man lacht, dann sagt er immer "Nein, nein ich mag das nicht, nein..." und schaut einen sehr vorwurfsvoll an. Am Anfang hat mir das etwas Schwierigkeiten bereitet, aber inzwischen sage ich ihm einfach: Entschuldigung, ich weiß dass du es nicht magst ,aber das Lachen gehört zum Leben, wir wollen nicht den ganzen Tag weinen. Natürlich bemüht man sich, nicht groß rum zu schreien und seine Angst zu respektieren wenn er da ist, aber ich denke es ist auch wichtig, dass nicht das ganze Foyer unter seiner Angst leiden muss. Manchmal kann er anscheinend sehr aggressiv werden und rumschreien- dieses Erlebnis blieb mir bis jetzt jedoch erspart.
Für ihn ist es sehr wichtig, dass man die Mahlzeiten z.B. immer pünktlich zur gleichen Zeit einnimmt und auch sonst alles seine Ordnung hat. Ganz schwierig ist es für ihn, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, man spontan was macht (da bleibt er daheim) oder er auf etwas warten muss und nicht weiß warum.
Er hasst es, wenn viele Menschen zusammenkommen, Lärm machen und feiern und ist ganz schnell gestresst. Dann redet er immer so leise vor sich hin und man bemerkt den inneren Druck der dahinter steckt.
Jean- Pierre hat bestimmte Aufgaben im Foyer, die für ihn sehr wichtig sind, aber die er zum Teil schon zwanghaft erledigt. So kümmert er sich zum Beispiel um die Entsorgung des Mülls, d.h. alle Papierkörbe aller Zimmer, in die er Zutritt hat werden mind. einmal am Tag geleert und sobald eine Plastikflasche während des Essens leer ist steht er auf und entsorgt sie draußen. Und leider nimmt er auch immer den Kompost und schmeißt ihn in den Müll, weil er aus Angst vor dem Nachbarshund nicht in den Garten geht. Außerdem deckt er immer den Tisch abends und kocht den Kaffee. Das erwähnt er immer extra um gelobt zu werden: " so, ich habe jetzt den Kaffee ganz toll vorbereitet für heute Abend..." und dann muss man eben jeden Tag sagen : "Toll, Jean- Pierre, das ist nett von dir" Doch er kocht den Kaffee auch für morgens... und zwar bereitet er immer nachts den Frühstückstisch vor. Abends, wenn alle da sind verschwindet er immer ganz schnell in seinem Zimmer und steht dann nachts wieder auf wenn alles ruhig ist, um den Flur zu putzen, das Frühstück zu richten usw. Dann zieht er sich nachts an und schläft auf dem Sofa weiter bis er um 7 den Bus nimmt. Es ist komisch weil er es ja freiwillig macht mit dem Frühstück, es für ihn aber doch Stress bedeutet und er an Wochenenden am längsten schläft von allen. Bei Jean- Pierre fällt es mir, muss ich zugeben, am schwersten, ihn ins Herz zu schließen, es ist schwierig, eine Beziehung aufzubauen, wenn man nicht lachen, spielen und Spaß haben kann zusammen. Aber ich gebe mir zur Zeit Mühe, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken und das klappt ganz gut. Er hat wirklich das Bedürfnis nach Zuneigung und ich glaube ich bin dabei einen Weg zu finden, ihm diese zu geben.

Patrick ist 39 Jahre alt. Er ist wirklich keine schwierige Person und mit ihm kann man jede Menge Spaß haben beim Luftgitarre spielen oder tanzen in der Küche. Er ist erst seit Juli in der Arche und damit noch relativ neu. Aber ich habe den Eindruck, dass er sich gut eingelebt hat und glücklich ist. Die einzige Schwierigkeit mit ihm ist, dass er sehr schlecht hört und man sich so entweder anschreien muss oder mit Händen und Füßen unterstreichen muss was man meint. Aber das geht alles J Mir tut es manchmal nur so Leid, wenn ich ihn nicht verstehe und er das Gesagte 1000mal wiederholen muss. Aber er verliert nie die Geduld und lacht sogar über solche Situationen. Ansonsten ist er wohl ziemlich verwöhnt worden von seiner Tante, bei der er vorher gelebt hat. Er hat bei ihr anscheinend nicht im Haushalt geholfen, beschwert sich wenn sein Pulli nach 3 Tagen noch nicht gewaschen ist und will alles gebügelt haben. Inzwischen erzähl ich ihm einfach immer, es ist schon gebügelt, dann ist er glücklich und ich auch J ich glaube das ist vertretbar, Hosen und Hemden bügeln wir ja- aber bei Pullis und Unterhosen sehe ich das nicht ein- soviel zu meiner Verteidigung J Auch Patrick kann lesen und schreiben nur versteht er nicht immer den Sinn des Geschriebenen. Einmal hat Marie ihn gefragt was er im Foyer ändern möchte (frz: changer) und hat ihm die Frage aufgeschrieben weil er nicht verstand was sie sagte. Darauf antwortete er, er wisse nicht, dass das Foyer umzieht...Seine Behinderung bemerkt man auch daran, dass er so offen seine Gefühle zeigt- wenn er glücklich ist, singt er und wenn ihn etwas geärgert hat oder er sich mit jemandem gestritten hat weint er eben.

Juliana ist 46 Jahre alt und diejenige, die schon am längsten im Foyer ist- nämlich seit 25 Jahren. Sie ist denke ich die Person, mit der es am schwierigsten ist. Vor allem wenn man neu ist und sie einen noch nicht gut kennt tut sie sich schwer damit, einem zu vertrauen.
Erst mal ist es wichtig zu erwähnen, dass sie seit 4 Jahren Krebs hat. Am Anfang wurde sie noch mit einer Chemo behandelt, inzwischen nimmt sie allerdings nur noch Medikamente gegen die Schmerzen, das heißt natürlich auch ein Stück weit, dass man die Hoffnung auf Heilung aufgegeben hat. Zur Zeit merkt man auch ein bisschen, dass es ihr schlechter geht und ihre Energie langsam etwas schwindet und auch ihr mentaler Zustand wird immer etwas unstabiler und sie ist noch empfindlicher als vorher.
Es ist wirklich nicht leicht, sie zu beschreiben, weil sie einerseits ein sehr liebenswerter Mensch ist. Auf der anderen Seite muss ich mich bei ihr wirklich oft beherrschen ruhig zu bleiben.
Ihr Problem ist ein bisschen, dass sie sich immer angegriffen fühlt, auch wenn sich alle lieb um sie kümmern und ihr alle Aufmerksamkeit schenken. Dann kann sie zum Teil richtig aggressiv werden, sie schreit, beschimpft einen und weint. Einmal hat sie Vidas beinahe mit der vollen Brottüte beworfen. Es ist wohl auch schon vorgekommen, dass sie abgehauen ist nach so einer Situation und gemeint hat sie kommt nicht mehr zurück, weil sie sich im Foyer nicht wohl fühlt, keiner sie mag und sie hier keinen Platz hat.
Solche Ausbrüche sind oft Ausdruck ihrer Angst und Unsicherheit, die sie nicht beherrschen kann und unter denen auch sie leidet.
Bevor sie in die Arche kam, wurde sie anscheinend oft verlassen und herumgereicht.
Ja, Juliana....das ist morgens noch kein Wort mit ihr gewechselt zu haben und angemotzt werden, eine Zigarette nach der anderen vor der Türe zu rauchen, beleidigt zu sein wenn man ihr einen Kaffee anbietet ("ich bin ja kein Baby mehr!!") und danach alle anderen zu bedienen, weil "ich ja nett bin und weiß wie man sich in einer Gemeinschaft verhält". Das ist, immer grundsätzlich die letzte zu sein, die ins Bett geht, auch wenn sie so müde ist, dass sie den ganzen Abend auf der Couch schläft; morgens mit mir zu kuscheln, wenn ich sie wecke, zu tanzen, zu singen und einfach ein großes Herz zu haben.
Immerhin kann sie sich oft entschuldigen nachdem sie mit Marie über die vorhergegangene problematische Situation gesprochen hat. Das erleichtert die Situation schon etwas. Aber ich sage euch: schwierig. Es fordert vor allem sehr viel Energie, sie in einem gewissen Rahmen zu halten und darauf zu achten, dass die Situationen nicht aus der Kontrolle geraten. Oft ignoriert man dann Dinge oder lässt sie einfach machen, nur um des lieben Friedens Willen .. das ist oft besser als eine Eskalation.
Das Problem ist auch ein bisschen, dass man die Anspannung im ganzen Foyer spürt, wenn Juliana schlecht drauf ist, weil alle etwas Angst haben und verunsichert sind. Die anderen Behinderten machen sich natürlich auch Sorgen um ihren Gesundheitszustand. Wenn ich Robert wecke, ist das erste was er fragt: Geht es Juliana besser heute? Patrick bedient sie am Tisch ganz fürsorglich und Mary wünscht ihr jeden Abend extra lieb eine gute Nacht.
Ich hoffe einfach, dass sie noch eine Weile durchhält und wir noch schöne Momente mit ihr erleben können.

Mary und Raphael sind mit 44 und 28 Jahren die zwei Jüngsten. Ich nenne sie zusammen, weil sie beide Trisomie haben. Das heißt aber keinesfalls, dass man sie zusammen beschreiben könnte, weil sie gleich wären.
Mary ist jemand, den man ganz schnell ins Herz schließt. Sie ist einfach goldig. Eine kleine Tonne (lieb gemeint J ) mit der man sehr sehr viel Spaß haben kann beim Fangen spielen, Lachen, Sich gegenseitig ärgern, Kuscheln und Reden. Mary liebt es, Mandalas auszumalen, was sie auch wirklich sehr gut kann. Ihre Malutensilien (unzählige Stapel Papier, Stifte, Mappen, Ordner) trägt sie immer in Plastiktüten mit sich rum. Ihre wöchentliche Zeitschrift darf natürlich nicht fehlen- sie "liest" gerne Zeitung, wobei es durchaus vorkommen kann, dass sie diese verkehrt herum hält, weil sie nicht lesen kann.
Sie ist eine kleine Stubenhockerin und es grenzt an ein Wunder, wenn man sie motivieren kann, etwas zu unternehmen. Mary ist oft gut gelaunt und macht viel Scheiß. Dann kann man grundsätzlich darauf gefasst sein, jedes Mal wenn man in ihre Nähe kommt einen Klaps auf den Po zu kriegen und etwas wie "du Banane" zu hören. Es macht wirklich Spaß mit ihr zu spielen und zu lachen. Aber oft weint sie auch oder ist so schlecht gelaunt, dass sie von niemandem angeschaut, geschweige denn angesprochen werden möchte. Das kann sehr anstrengend sein, weil sie dann jeden anmotzt. Manchmal kann man sie mit einem kleinen Witz wieder aufheitern aber oft dauert es auch ewig, bis sich ihre Laune wieder bessert. Ja, was gibt es noch zu sagen über sie? Sie hat keine Zähne und isst alles- bis auf ganze Karotten J Stimmt wirklich! Und sie hat eine wunderschöne große Zunge, die sie immer wieder präsentiert. Ich weiß nicht, wie oft sie einem die am Tag rausstreckt.

Raphael ist eher still. Er redet nur ganz leise und zieht sich öfter in sein Zimmer zurück- um da dann lauthals zu seiner Musik zu singen. Ich habe mich schon halb kaputt gelacht mit Vidas, als wir das zum ersten Mal gehört haben. Klasse! Bei Raphael ist es toll, dass er fünf Geschwister hat, von denen oft welche vorbeikommen und bei denen er sich sehr wohl fühlt wenn er das Wochenende bei ihnen verbringt. Er ist ein sehr stolzer Onkel!
Für ihn ist es glaube ich sehr wichtig, dass Vidas da ist und er einen Mann hat, der sich mal mit ihm rauft und ihn rasiert. Raph ( wie wir ihn oft nennen) ist auch ein Künstler- von denen haben wir wirklich viele im Foyer! Er malt auch sehr viel, ganz exakte, feine Linien, die er dann ausmalt. Aber die Farben sind immer aufeinender abgestimmt und in der gleichen Reihenfolge.
Ansonsten ist es bei Raphael und auch bei Mary etwas schwierig ihnen etwas zu erklären, weil sie keinerlei Zeitverständnis haben ( was heißt: der Bus fährt in 5 Minuten? Oder: in vier Monaten gehen wir in den Urlaub?) und auch sonst vieles nicht verstehen. Man merkt manchmal richtig, wie der Kopf arbeitet und Mary dann fragt: Comment? Was? Weil sie es einfach nicht begriffen hat.

Ich hoffe ich bin mit meinen Beschreibungen den Personen mit ihren unterschiedlichen Charakteren, Stärken und Schwächen gerecht geworden. Es ist sehr schwierig....aber ich muss sagen, dass sie einfach einmalig sind- mit ihren guten und schlechten Seiten.
Aber die hat wohl jeder.

Von den Personen gehen nur Raphael und Jean-Pierre im Atelier der Arche arbeiten. Mary und Patrick gehen in eine andere Behindertenwerkstatt im Nachbarort, um ein bisschen aus der Arche raus zu kommen und bei der Arbeit andere Menschen zu sehen.
Eveline und Robert bleiben vormittags im Foyer und gehen nur manchmal zum Mittagessen in das Atelier. Und Juliana geht seit sie krank ist auch nur noch einmal die Woche in die Werkstatt mit Mary und Patrick und bleibt ansonsten zu Hause. Das heißt, dass anders als in anderen Foyers, in denen alle arbeiten gehen, bei uns immer auch Behinderte zu Hause sind.

Meine Arbeit
Das ist wahrscheinlich die Frage, die euch am meisten interessiert: Was macht sie denn da eigentlich?? Nur muss ich euch sagen, dass diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist. Erst mal: stellt es euch vor wie in einer Familie. Wir leben hier zusammen, kochen, putzen, waschen, lachen, lesen, schauen Fern, kaufen ein, basteln,... und helfen denen, die hilfsbedürftig sind. Doch damit das alles nicht zu viel wird, haben wir einen Stundenplan, der regelt, wer wann frei hat und wann im Foyer ist, also arbeitet. An dieser Stelle muss ich noch erwähnen, dass wir noch zwei Assistenten von außerhalb haben, d.h., die nicht im Foyer wohnen, aber auch fast jeden Tag kommen und helfen: Anne- Claire und Bernard. Sie sind diejenigen, die schon am längsten im Foyer arbeiten, beide so um die acht Jahre. Und ohne sie wären wir zu dritt ziemlich aufgeschmissen glaube ich und hätten keine Freizeit mehr. Eine Woche bei mir sieht folgendermaßen aus:

Montags ist grundsätzlich mein freier Tag. Das ist natürlich sehr praktisch, weil ich wenn ich am Wochenende frei habe einfach noch den Montag dranhängen kann.

Dienstags muss ich um 8Uhr aufstehen und Robert wecken, d.h. gegebenenfalls die Windeln wechseln und ihm aus dem Bett helfen. Morgens kommen alle einfach zum Frühstück, je nach dem wann sie aus dem Haus müssen. Dann frühstückt man mit ihnen und kümmert sich darum, dass jeder seine Medikamente nimmt. Um 10.00 haben wir dann jeden Dienstag "réunion d’equipe", d.h., wir ( Marie, Vidas, Bernard, Anne-Claire und ich) setzen uns zusammen und bereden die Lage im Foyer. Was hat sich im Foyer zugetragen? Was steht alles an für die nächste Woche? Wie geht es den Personen? Das ist sehr gut, weil man so erstmal alle Informationen bekommt, die wichtig sind und auch die Gelegenheit hat, über einzelne Personen zu reden, Fragen zu stellen und über schwierige Situationen zu reden, die aufgetreten sind. Einmal im Monat ist bei dieser Réunion auch die Psychologin der Arche dabei.
Ebenfalls einmal im Monat wird die réunion d’equipe durch ein Forum ersetzt. Das ist eigentlich dasselbe, nur in groß, mit allen Assistenten und Verantwortlichen- von Bartrès, Tournesol, Atelier, Büro. Hier gibt es öfter bestimmte Themen, das letzte Mal haben wir z.B. eine Zeichensprache für die Behinderten gelernt, die einfach das gesagte mit den Gesten unterstützt und ihnen so außer der Sprache noch andere Zugänge ermöglicht, das Gesagte zu verstehen. In den Foren ist es nur leider oft für uns schwierig auch etwas beizusteuern, weil so schnell und durcheinander geredet wird, dass wir damit beschäftigt sind, alles zu verstehen.
Nach den jeweiligen Réunions habe ich dann nachmittags ab 13.30 frei und muss erst wieder um 17.30 im Foyer sein. Dann wird Abendessen vorbereitet und um 18.30 gegessen. Wichtig ist in der Arche, dass man nach jeder Mahlzeit den Abwasch gemeinsam mit den Behinderten macht. Die Abende sind eigentlich relativ ruhig und es ist wirklich wie in einer Familie, man macht eben das wozu man Lust hat und was getan werden muss- Medikamente richten, Einkaufszettel schreiben, backen, fernsehen, sich unterhalten, usw. Die Behinderten gehen dann so ab 21.00 ins Bett. Eveline und Robert brauchen Hilfe und die anderen sind recht selbstständig. Raphael muss man rasieren und ihm die Zähne putzen, aber ansonsten können sie alles selbstständig machen. Diejenige, die grundsätzlich als letzte ins Bett geht ist Juliana, sie schließt auch immer die Türe ab und fühlt sich dafür irgendwie verantwortlich.

Mittwochs mach ich den ersten Weckdienst um 7.00, das heißt, erst Jean- Pierre seine Medikamente geben, Raphael wecken, Mary wecken (was gar nicht so einfach ist, weil sie das frühe Aufstehen ungefähr so liebt wie ich...) und mit ihnen frühstücken. Alle anderen stehen alleine auf und es ist eigentlich nur wichtig dazusein. Wie jeden Tag kommt so gegen 9.00 die Krankenschwester um Robert, Eveline und Juliana zu waschen und anzuziehen. Das ist uns wirklich eine riesengroße Hilfe, dass wir das nicht tun müssen. Dann nehme ich mit Raphael den Bus zum Atelier und arbeite dort mit. Erst mache ich Spiele mit den Behinderten und dann arbeite ich in der Stühlewerkstatt. Den Nachmittag habe ich wieder frei und der Abend läuft wie immer, wie immer unterschiedlich.

Donnerstags mache ich wieder den 8-Uhr Weckdienst und gehe dann alle zwei Wochen vormittags mit dem Atelier Brot backen, das ist eine schöne Abwechslung und macht wirklich Spaß- außerdem ist das Brot lecker J Donnerstagabends ist alle zwei Wochen eine veillée, entweder bei uns oder im tournesol. Das ist einfach ein Abend, an dem die zwei Foyers und Freunde der Arche zusammenkommen, eine Messe feiern (mit einem Priester der Arche) und danach gemeinsam essen.

Freitags habe ich vormittags frei und kann ausschlafen, juhu! Dann bin ich den ganzen Tag im Foyer.

An den Wochenenden sind immer zwei Assistenten anwesend. Einmal im Monat hat das Foyer geschlossen und alle gehen weg- sowohl die Behinderten als auch die Assistenten. Die Personen gehen entweder zu ihrer Familie (soweit diese noch vorhanden ist), zu Freunden, oder zu ihren "Patentanten" von der Arche. Manchmal ist es etwas schwierig für alle eine Unterkunft zu finden, aber es klappt immer und eigentlich hat die Arche auch wirklich viele Freunde, die bereit sind einen Behinderten für ein Wochenende aufzunehmen.
Da Anne-Claire und Bernard auch jeweils ein Wochenende im Monat im Foyer schlafen ist es möglich, dass ich im Durchschnitt alle zwei Wochenenden frei habe. Wenn ich im Foyer bin, versuchen wir meistens irgendetwas zu unternehmen- einen Kinobesuch, einen Spaziergang,... um nicht den ganzen Tag daheim zu sitzen.

Man muss jedoch sagen, dass die Tage hier nie gleich ablaufen, weil sehr oft Freunde vom Foyer zu Besuch kommen, ehemalige Assistenten vorbeischauen, Feste in anderen Archen in Belgien gefeiert werden, usw.

Meine Freizeit
Meine Freizeit...von der habe ich zum Glück genug! Braucht man jedoch auch, um wieder mit neuer Motivation an die Arbeit zu gehen. An meinen freien Montagen unternehme ich fast immer was mit Susanne, der Deutschen aus dem Tournesol, mit der ich mich sehr gut verstehe. Da ich ja zum Glück das Auto dabeihabe können wir ein bisschen die Umgebung erkunden und Ausflüge machen. Abends haben wir dann gemeinsam einen Französischkurs. Meine freien Nachmittage nutze ich meistens zum schlafen, lesen, einkaufen (das kann man hier einfach zu gut...), ausruhen und manchmal raffe ich mich sogar auf Fahrrad zu fahren oder schwimmen zu gehen. Einmal die Woche habe ich abends frei und mache bisschen Sport. Das tue ich auch gemeinsam mit Susanne an der Uni.
Ansonsten komme ich an den Wochenenden relativ viel rum, worüber ich sehr glücklich bin. Ein Wochenende bin ich in Brüssel bei Freunden, die ich von Eirene kenne, das nächste in Paris bei Miriam, ein anderes in Belgien am Meer, in Amsterdam...das ist wirklich toll und jedes Mal sehr erholsam und wohltuend. Und wenn ich heimkomme freue ich mich auch wieder auf die Behinderten und kann mit neuem Elan und vor allem mit neuer Geduld an die Arbeit gehen.

Mein Befinden
Ja, wie geht es mir denn eigentlich hier?
GUUUUUUUT! Um nicht zu sagen: sehr gut!
Ich habe mich hier vom ersten Tag an wohl gefühlt. Ich hatte gar kein Heimweh und das soll schon was heißen J Nein im Ernst, mir macht die Arbeit hier sehr viel Freude und ich bin sehr ,sehr froh, dieses Jahr hier zu verbringen. Es ist einfach eine tolle Erfahrung mit den Behinderten zu leben und zu lernen, dass es auch andere Maßstäbe im Leben gibt als Leistung und Intelligenz.
Ich bin immer wieder begeistert von der Atmosphäre der veillées, die ist einfach klasse, wenn alle Behinderten singen (manchmal auch ohne Text- und Melodiekenntnisse J) und wenn sie Lust haben etwas zu sagen, das eben tun. Die anderen Leute, die hier arbeiten sind auch alle sehr nett und man wird sehr herzlich aufgenommen.

Natürlich gibt es viele Umstellungen für mich. Abends weggehen gibt es eigentlich nicht, der Bus fährt nur bis 21.00 Uhr. Außerdem habe ich ja gar keinen Abend frei. Auch für den Haushalt verantwortlich zu sein ist neu für mich. Es gibt jetzt eben Arbeiten, die einfach nicht gemacht werden, wenn ich sie nicht erledige.
Manchmal würde ich gerne mehr unternehmen und aktiver sein mit den Behinderten, aber oft haben diese gar keine Lust und ziehen es vor, nichts zu machen. Oft muss ich mir sagen, dass das für die Behinderten ja ihr Zuhause für immer ist und nicht ein Jahr wie für mich. Und jedes Jahr kommt wahrscheinlich ein neuer Assistent, der viel tun und bewegen will. Also verstehe ich, dass sie keine Lust haben, animiert zu werden. Marie hat einmal gemeint, hier lernt man, einfach zu sein. Und das stimmt wohl zum Teil.
Ich mag einfach das Leben in der Gemeinschaft hier, das Zusammensein mit den Behinderten und die vielen schönen Momente mit ihnen.
Natürlich gibt es auch genug schwierige Situationen, Stress und den Fall, dass ich richtig genervt bin von ihnen. Aber auch diese Situationen lassen mich Erfahrung sammeln und sind wichtig.
Deshalb möchte ich euch jetzt ein riesiges Dankeschön schicken, dafür, dass Ihr mir dieses Jahr hier ermöglicht- Euer Geld ist gut investiert J DANKE!!

Liebe Grüße

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