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Erfahrungsbericht - Palästina

Autor: vhokema
Projekt: Arab Educational Institute und SOS Kinderdorf Bethlehem
Träger: Weltweite Initiative für Soziales Engagement e.V.




Hier kanst du den kompletten Bericht downloaden:
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5. September

Hallo alle,
Hier kommt mein erster Bericht über mein Leben hier in Palästina.
Am Samstag sind wir angekommen, heute ist es Montag - mein Zeitgefühl scheint irgendwo während des Fluges abgesprungen zu sein, es kommt mir weder lang noch kurz vor.
Der letzte Abschied am Flughafen von meiner Familie fiel mir, wie fast alle Abschiede, relativ leicht - aber nicht, weil ich nicht an die Leute (d.h. euch) gebunden bin, sondern weil mein Hirn nicht so richtig realisiert hat, dass ich nicht in zwei Wochen wieder nach Stuttgart zurückfliegen werde. Nach einer Zeit merkt man wohl, dass man wirklich hier ist, und hier bleibt; diese Phase habe ich aber auch noch nicht erreicht. mein Hirn weiß also immer noch nicht so richtig, was genau "ein Jahr" bedeutet...
Valerie, meine mit-"Ziva" (= FSJ auf Lateinamerikanisch) war mit ihrer Familie ebenfalls in Stuttgart, sie hatte schon eher kapiert, was ein Jahr bedeutet.
Die Einreise nach Israel war wider Erwarten nicht aufregend, ich hatte mir Israel ja schon als halben Stasistaat vorgestellt der versucht, mir so viele Steine in den Weg zu legen wie er kann. Aber vielleicht waren die Beamten einfach etwas faul (morgens um 5 verstaendlich), auf jeden Fall habe ich mich nur mit einem Beamten etwas abseits gestellt und er hat mich befragt, was ich hier machen werde. Ich habe gesagt, dass ich sechs Wochen lang in Talitha Kumi (Aramaeisch: "Maedchen, steh auf!"; das ist die Schule, in der wir wohnen, und in der mein Mitzivi Philipp arbeiten wird) ein Praktikum machen werde, dass ich mich sehr für die drei monotheistischen Weltreligionen interessiere und für die alte Geschichte von Palästina, das ich kein Arabisch spreche (leider), nein, ich sei noch nie in Israel gewesen... nichts besonderes, meine kleine, so unschuldig wie moeglich klingende Geschichte wurde nicht auf die Probe gestellt. Wir haben unser Gepäck geschnappt (das übrigens mit Mordsübergewicht von einer riesig netten Flughafenschalterfrau in Stuttgart durchgewinkt wurde. Ich habe 15 Kilo Bücher dabei) und draußen den Fahrer von Talitha gesucht, er kam dann auch nach einer Stunde. Derweil kündigte sich mit einem Wahnsinnstempo der Morgen an. Die Dämmerungsphasen sind hier sehr kurz, nur etwa eine halbe Stunde.
Als der Fahrer uns dann mir einem sehr prolligen Bus, wie ihn vorzugsweise Amis fahren, abgeholt hat, konnte ich leider nicht mehr, und mein Kopf ist immer wieder in Richtung Schlaf gedriftet. Ich habe trotzdem so viel vom Land mitbekommen: Es ist hier alles eher in Brauntönen gehalten ist - es gibt eine recht dünne Erdschicht über den steinigen Hügeln, sehr oft kommen Felsbrocken durch. Die Vegetation ist vor allem braunes Gras und Nadelbäume. Es ist ziemlich dicht besiedelt, man sieht überall verstreut einzelne Häuser oder Settlements.
Jetzt hat gerade der Muezzin begonnen, zum Gebet zu rufen - er tut das 5 mal am Tag, zum ersten mal morgens um 4. Es ist ein schönes Gefühl, durch die Gesänge aufzuwachen und dann wieder bis um Sieben wegzudämmern.
Wir sind dann in Talitha Kumi (Talitha ist ein Mädcheninternat, in das aber auch sehr viele Schüler von außerhalb kommen; ein Gaestehaus ist angeshlossen) ausgeladen worden und haben eine Weile gewartet, bis Walid, der für das Guesthouse zuständig ist (wir wohnen dort provisorisch), kam. In der Zeit wurde uns ein sehr leckerer Tee serviert: Chai ma nana, Schwarztee mit Minze (wird hier ziemlich oft getrunken). Wir haben dann vorläufige Zimmer bekommen und sind ins Bett gefallen.
Den Kindern im Internat zuliebe habe ich auch den arabischen Namen Mansour adoptiert, der was bedeutet: Vinzenz! (Vinzenz = der Sieger, oder so. Mansour = "Der den Sieg von oben (= von Gott) bekommt"); das hat ihnen einen Zungenbrecher erspart. An dieser Stelle sei anzumerken, dass Hokema ein arabisches Wort ist und "die Weisen" bedeutet. Ich bin also vom Namen her schon bis zum Scheitel eingetaucht...
Danach waren wir noch Trauben klauen (sie waren nicht wirklich geklaut, sie wuchsen auf Talitha-Grund und es war uns quasi-erlaubt worden. Später haben wir gehoert, dass sie teilweise gespritzt sind und man sie besser waschen sollte... tja.). Ob es am Klauen lag oder an der Sonne: Sie waren der Hammer. Wir wollten Sterne schauen gehen, haben sie wegen diverser Halogenlampen aber leider nicht sehen können. Dafür hörten wir den Muezzin und feilten an unserer deutschen Kolonie... es sind noch 3 andere Volontaere hier, sie sind wirklich sehr nett, was besonders hier wertvoll ist. Bei so viel arabisch und (arabisch akzentuiertem) Englisch tut Deutsch sehr gut.


11. September

Seither hat sich einiges geändert.
An obigem Montag sind Valerie und ich zum ersten Mal ins Arab Educational Institute (AEI) gegangen, unsere Arbeitstelle in Bethlehem (arabisch: Beit Laham, "Haus des Fleisches" ??? ??? ). Es liegt am Ende der Milk Grotto Street, die neben der Geburtskirche beginnt und in Richtung Beit Sahour führt, wo die biblischen Hirtenfelder liegen (die angeblichen; zwei Kirchen haben sich nicht auf ein Feld einigen können, deshalb gibt’s jetzt zwei). In der Milk Grotto Street liegt, O Wunder, die Milchgrotte, wo sich Maria und Jesus vor Herodes versteckt haben (sollen). Beim Stillen fiel ein Tropfen der Muttermilch auf den Boden. Diese Stelle hat angeblich schon viele Frauen von der Unfruchtbarkeit befreit. Mythologie zum Streuen und Vorlegen, von der Geburtskirche selbst ganz zu schweigen.
Wir wurden im AEI (im Gegensatz zu Talitha Kumi, wo wir erst mal rumstanden) wunderbar warm willkommen geheißen (Ahlan wa sahlan! Ahlan wa sahlan!), uns wurden erst mal alle vorgestellt:
Fuad Giacaman (anreden als "Mr. Fuad”, das ist höflich und persönlich zugleich), der Direktor und Co-Founder des AEI, ist ein 60-(?)-jähriger Katholik, sehr idealistisch. War Geografie- und Geschichtslehrer und liebt das Unterbrechen und wortreiche Ausschmücken. Seiner Familie gehören sehr viele Souvenirshops um die Geburtskirche herum, seinen Bruder und einen Cousin grüßen wir jeden Tag beim hinlaufen.
Elias Musa Abu ‘Akleh ist ebenfalls Mitgründer und der Finanzmensch im AEI. Er ist sehr herzlich und nett, wie alle sehr hilfsbereit. Seine Zähne sind ein Steinbruch, ein Zahnarzt scheint hier nicht so erschwinglich zu sein. Elias ist Orthodox.
Anton Murra ist der Jugendkoordinator. Er ist etwa Mitte 20 und echt auf dem qui vive. Sein Englisch ist sehr gut, aber schwer zu verstehen, weil er auf arabische Art die Haelfte verschluckt; neulich hat er ein Meeting aif Arabisch simultan uebersetzt, aber so viel habe ich da auch nicht verstanden (er sagte, simultan zu uebersetzen sei mit etwas uebung "a piece of cake").
Der Housekeeper ist Tahrid, die 26 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines Sohnes ist. Sie macht eigentlich den Service, wenn man das so bezeichnen kann - sie waescht ab, kocht ab und an fuer die AEI-Leute, macht uns andauernd Tee und Kaffee, bringt uns Trauben, Pflaumen, Aepfel... sie ist eigendlich nur dazu da, um uns herumzuscharwenzeln und uns Hunger und Durst von den Augen abzulesen. Das ist nicht so angenehm, wie es sich vielleicht anhoert, weil ich mich nicht besonders wohl fuehle, wenn mich jemand bedient und ich nicht im Restaurant sitze. Arabische Rollenvorstellungen gelten auch bei den Christen.
Leider spricht Tahrid kein English, und so verstaendigen wir uns mit Haenden, Fuessen und je fuenf Woertern Arabisch und Englisch. Das klappt oefter als man denkt!

Unsere Arbeit ist noch recht undefiniert, auch wenn sie langsam Formen annimmt. Wir sollen bei den verschiedenen Gruppen dabei sein (High School Group, Kids -, University -, Parents Group), mitschreiben, nachher bestimmte Dinge auswerten. Momentan bearbeiten wir eine Umfrage, die die Aktivitaeten des AEI im letzten Jahr bewertet. In 2 Wochen werden wir mit Deutschkursen fuer Anfaenger beginnen, mit schwant Uebles... In der 5. Klasse habe ich mich schon geweigert, die deutsche Grammatik zu lernen, weil ich nicht eingesehen habe, wozu ich sie brauche - jetzt raecht sich das. Aber mit einem Anfaengerschulbuch aus der Talitha-Bibliothek wird uns das wohl gelingen. Und es ist ja auch ein Anfaengerkurs. Danach geben wir vielleicht noch Franzoesisch- und Computerkurse; Valerie noch Spanisch. Geschichte vielleicht noch ein paar Referate.

Wir haben auch schon ein paar Eindruecke von der politischen Situation hier gewonnen. Jessica, die hier im letzten Jahr in einem Fluechtlingslager gearbeitet hat, hat uns am Samstag eine Fuehrung durch das Camp namens Deheisha gegeben. Das Camp besteht seit der Vertreibung der Palaestinenser aus dem heutigen Israel 1948 und ist jetzt natuerlich keine Zeltstadt mehr. Es ist eher ein recht aermliches, sehr eng besiedeltes Viertel von Bethlehem. Eng besiedelt heisst ca. 12 000 Menschen auf einem Quadratkilometer.
In Karama, der Arbeitsstelle von Jessi, hat ein Mitarbeiter uns ein wenig ueber alles erzaehlt, so auch den Vorfall, der Jassir, Jessis Chef, zur Gruendung von Karama (arabisch: Wuerde) veranlasst hat:
Jassir fuhr eine Strasse entlang, als er am Strassenrand einen Jungen sah, der eine sogenannte 15-Schekel-Bomb mit brennender Lunte in den Haenden hielt. Die Dinger muessen so in Richtung Molotow Cocktail sein, oder vielleicht hat der Junge seinem Vater den Sprengstoff geklaut. Jassir sah diese brennende Lunte, rannt zu dem Jungen hin, riss ihm die Bombe aus den Haenden und warf sie weg; noch bevor sie auf den Boden fiel explodierte sie. Der Junge, ich weiss nicht wie alt, hat Jassir wohl heftig beschimpft. Ich denke nicht dass er sich umbringen wollte, vielleicht hat er nicht so ganz realisiert, dass diese Bomben auch ihn, nicht nur israelische Soldaten zerfetzen kann.
Jassir hat dann dieses Jugendhaus gegruendet, um den Kindern die Moeglichkeit zu geben, weiterhin Kinder zu sein, um sie vor dem Krieg zu retten. Aber das kann er nicht, ein kleines bisschen vielleicht, aber nicht viel. Milanya, eine Frau, die im Talitha-Internat arbeitet, hat neulich erzaehlt wie ihr Sohn waehrend der zweiten Intifada (2000-2002/3) jede Nacht heftige Fieberschuebe bekam.
Talitha liegt am Rand von Beit Jala, einem arabischen Dorf/Vorort von Bethlehem auf einer Huegelkuppe. Am Hang gegenueber ist ein israelisches Settlement, Gilo. Zwischen den beiden Orten gab es wohl lange Zeit Kaempfe, auch von Talitha-Grund aus wurde geschossen. Dass dieses Kind, er ist damals viellecht 10 gewesen, so heftig darauf reagiert ist kein Wunder. Mit Hilfe einer Psychotherapie ging das Fieber einige Zeit nach dem Ende (!) der Kaempfe wieder weg; was in diesem Jungen noch an Traumata steckt moechte ich gar nicht wissen.
Eine andere Geschichte: In Deheisha, dem Fluechtlingslager, haben wir ein Haus besucht, dessen Front ich zuerst fuer einen Rohbau gehalten habe. Dann habe ich durch ein Fensterloch die verbogenen Eisenarmierungen gesehen und den Betonschutt, der hinter der Frontmauer liegt. Ahmad, unser Fuehrer, erzaehlte dass dieses Haus zweimal zerstoehrt wurde. Ein Mann aus der Familie war von israelischen Soldaten getoetet worden. Sein Bruder hat Rache geuebt und einen Soldaten umgebracht; dafuer wurde er im Stil von 5 mal 500 Jahre ins Gefaengnis gesteckt.
Die Soldaten kamen etwa ein halbes Jahr nach der Verurteilung zu dem Haus seiner Familie, sagten, sie haetten 15 Minuten Zeit, dann wuerde das Haus gesprengt. Sie haben den Sprengstoff angebracht und das Haus zerstoert.
Die Familie hat beschlossen, sich das Haus wieder aufzubauen, sich was richtig Schoenes zu bauen. Als der Rohbau stand, kamen die Soldaten wieder und haben das Haus wieder gesprengt.

Solche Geschichten lassen einen verstehen, warum Leute anfangen, nicht nur von Politik zu reden, sondern beginnen, zu kaempfen. Und die israelische Regierung ist seit Jahrzehnten dumm genug, den Hass der Palaestinenser auf sich und alle Juden zu richten durch sinnlose Unterdrueckung und Schikanierung (bzw. Sippenhaft, die wohl gegen alle Voelkerrechte verstoesst).

Was am Strassenbild fuer mich eine grosse Umstellung bedeutet (von der arabischen Kultur, Architektur, Kleidung etc. abgesehen) sind die Soldaten. Als wir gestern in al-Quds, Jerusalem waren, haben wir uns natuerlich auch die Klagemauer angesehen. Auf dem Platz waren massenhaft Soldaten, in der Mehrzahl Frauen. Sie haben ohne Ausnahme Sturmgewehre dabei - ein Deutscher kennt die Dinger nur aus Filmen, hier sind staendig diese beaengstigenden Waffen um einen herum. An Pistolen hat man sich ja gewoehnt, die haengen bei jedem deutschen Polizisten auch am Guertel. Aber solche Teile... Besonders skurril ist, wenn ein Soldat an der Klagemauer steht und betet, an den Armen die Gebetsriemen, auf der Stirn dieses Thora-Kaestchen - und auf dem Ruecken sein Gewehr.

Noch eine kulturelle Geschichte: Ich war heute mit Valerie und dem AEI-Staff bei einem arabischen Leichenschmaus, oder wie man sowas nennt. Fuads Schwaegerin ist vor vier Tagen gestorben, am naechsten Tag beigesetzt worden, und die darauffolgenden drei Tage lang kommen Bekannte der Familie in deren Haus (nach Maennern und Frauen getrennt, auch bei den Christen), sprechen ihr Beileid aus, essen Reis mit Hammelfleisch und Joghurt, trinken arabischen Kaffee mit Kardamom, aber ohne Zucker - des bitteren Anlasses wegen. Die Leute erzaehlen kleine Geschichtchen, am liebsten amuesante, um die traurige Stimmung etwas zu erleichtern. Ich war etwas verloren, es ist natuerlich etwas schwierig, dem voellig fertig aussehenden Wittwer die Hand zu schuetteln und keine Ahnung zu haben, wie man sich da verhaelt. Auch sassen um mich herum fast nur Maenner ab 60, die Juengeren haben beim Essen machen und Servieren etc geholfen; denen mithelfen kann ich aber auch nicht, bin ja schliesslich Gast. Es war dann auch nicht so schlimm, weil Fuad mir ein bisschen die Braeuche erklaert hat. Er hat dann erzaehlt, dass seine Frau waehrend der ersten Intifada fuenf Kinder verloren hat - eins, nachdem seine Frau israelisches Traenengas abgekriegt hatte.
Dass Fuad nach den fuenf Fehlgeburten, die denke ich schon mit der Intifada zusammenhaengen (Heute hat er 4 Kinder und 9 Enkel, ich denke also dass es vielleicht einfach der Stress oder die Lebensumstaende waren), die Freidensarbeit weitermachen konnte - masha’allah, Respekt...
In einem Interview des AEI-Jahresberichts erzaehlt er, dass seine Ausrichtung auf gewaltfreie Aktionen eine Woche nach dem Vorfall mit dem Traenengas kam; seine Frau hat ein israelisches kleines Kind irgendwie vor dem tiefen Sturz von irgendwas gerettet - er beschreibt, sie haette aber eine Sekunde wirklich gedacht, "Die haben mein Kind umgebracht, jetzt helfe ich ihrem Kind nicht!", und habe dann einfach gehandelt und das Kind gerettet. Das habe ihn zur Non-Violence gebracht.


13. September

Gerade hatten wir unser erstes Treffen mit einem Ewig Gestrigen: Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Bethlehem sass auf der Terrasse vor dem AEI (das alles gehoert den Orthodoxen), wir haben einen Kahua arabi - arabischen Kaffee - getrunken.
Er erzaehlte uns, dass bevor das AEI hier einzog bis zum Jahr 2002 die Johanniter in diesem Haus waren. Waehrend der der Al-Aksa-Intifada wurde einer ihrer Aerzte "von den Juden" erschossen; er differenziert nicht zwischen Juden und Israelis.
Gegenueber steht ein im Jahr 2000 gebautes Pilgerhotel, das seit dem Ausbruch der Intifada leer steht. Ich habe gemeint, dass die Pilger und Touristen ja womoeglich zurueckkommen, wenn es Frieden gibt. Seine Antwort war, dass es hier nie Frieden gebe; das Problem sei, dass es zwei fanatische Gruppen gebe: Die Muslime und die Juden.
Kein Wunder, dass man damit nicht an den Frieden glauben kann. Ich denke, dass genau solche Leute den Frieden behindern - sie sind nicht gefaehrlich, bauen keine Bomben und werfen keine Schweinekoepfe in Moscheen. Aber sie sind in die Gesellschaft integriert (dieser sogar in einer einflussreichen Stellung) und verbreiten die Message, die jeweils anderen Gruppen seien fanatisch und zum Frieden unfaehig. Kein Verstaendnis, keine Akzeptanz. Stammtisch. Dumm.


14. September

Ich muss ganz kurz einen begeisterten Eintrag schreiben (eigentlich zwei):
1. Wir waren gerade mit Tahrid, der Haushaelterin im AEI, Schuhe (baboudsch) fuer Valerie kaufen. Sie spricht so gut wie kein Englisch, unser Arabisch ist fast besser. Und: Die Kommunikation klappt! Besonders Valerie geht ab, weil sie das Gelernte sofort umsetzen kann und so eine Basiskommunikation auf die Beine stellt. Was noch viel besser ist, ist dass Tahrid jetzt wegen uns anfangen will, Englisch zu lernen! Unsere Arbeitsstelle heisst Arab EDUCATIONAL Institute, Mission erfuellt!
2. Ab heute Abend laeuft ein Geschichtsprojekt an, bei dem die palaestinensische Geschichte in die High School Group und die University Group getragen wird - heute Abend (5 - 6:30) wird die High School Group mit der Balfour Declaration abgefuellt werden, mit der die britische Zustimmung zu der Errichtung eines juedischen Staates in Palaestina gegeben wurde - es ist also der erste Anlauf zur Gruendung Israels.
Dieses Geschichtsprojekt (ich denke, sie werden ueber mindestens ein halbes Jahr gehen) sind denke ich sehr sehr wichtig. In die selbe Kerbe will ich mit einem Workshop ueber den Holocaust hauen. Die Schueler hier wissen zwar, was der Zweite Weltkrieg ist, kennen aber nicht das israelische Kollektivtrauma namens Holocaust. Sie wissen gar nichts davon, der palaestinensische Bildungsplan verschweigt das systematisch. Die Shoah ist aber megawichtig, um Israel / die israelische Politik verstehen zu koennen, und so ist es eigentlich unverzeihlich, nichts davon zu wissen; noch viel mehr als Palaestinenser, die ja die Israelis nur als Killer und Unterdruecker kennen.


16. September 2005

Ein Problem ist gerade ziemlich aufreibend: Die Geld- und Unterbringungsfrage. Valerie und mir wurde heute gesagt, dass uns die 6000 Euro unmoeglich fuer ein Jahr reichen koennen. Das Hauptproblem ist, dass die Mieten viel, viel hoeher sind als kalkuliert wurde (statt ca. 95 ? im Monat werden es mindestens 240 ?). Uns wurde eine Wohnung in einem muslimischen Dorf neben Bethlehem fuer 80 ? im Monat angeboten, das ist sehr billig fuer palaestinensische Verhaeltnisse. Da es aber muslimisch ist, ist es nicht moeglich, unverheirateterweise mit Valerie zusammenzuwohnen; alleine werde ich dort nicht einziehen, da werde ich zu 100 % isoliert sein, und zum Workaholic und Depri.
Auch die Verpflegung ist nicht so billig, wie uns das vorgerechnet wurde. Wenn man alle Kosten, an denen nichts zu ruetteln ist (Miete, Transport, Flug) von den 6000 ? abzieht, bleiben 100 ? im Monat fuer Verpflegung und Taschengeld uebrig - 3,30 ? pro Tag ist nicht genug; in Palaestina ist zwar vieles billiger, aber wir sind hier auch nicht in Lateinamerika...
Das wird uns wohl noch ein Weilchen beschaeftigen, naechste Woche werde ich penibel alle Preise aufschreiben und hochrechnen. Dann schauen wir mal, wie viel ich taeglich fuers Essen brauche - mal abgesehen davon, dass ich mir vielleicht ab und an was Schoenes kaufen will, oder mal Klamotten...
Die Situation sieht also so aus, dass ich wahrscheinlich in Talitha wohnen bleibe, weil es wohl nirgendwo billiger wird. Vielleicht kann ich den Preis noch ein wenig druecken, wenn ich hier noch an einem Tag in der Woche arbeite; mal sehen. Bloed ist, dass ich dann nicht so sehr in die arabische Community eintauchen werde. Aber jetzt ist mir der Sprung in eine Familie noch zu krass; Urspruenlich hatte es mal das Angebot gegeben, bei Fuad zu wohnen, was ich ganz gerne machen wuerde. Als wir gestern ueber die Unterbringung gesprochen haben, hat er darueber allerdings kein Wort verloren, also schliessen wir, dass er da keine Lust drauf hat.

Jetzt moechte ich noch kurz eine Beschreibung meiner Mitfreiwilligen reinbringen, damit das nicht nur leere Namen fuer euch sind.

Philipp ist 20, kommt aus Hamburg und macht seinen Zivi, wie gesagt, in Talitha Kumi (Nachhilfe geben, Lehrer unterstuetzen etc.). Er ist saulustig, hat eine sehr amuesante Mimik und ist seit ein paar Tagen mein Roommate/Mitbewohner. Er ist Cineast und kennt sich mit Musik gut aus. In diesem Jahr will er unter anderem Yoga im Selbstkurs lernen.

Valerie ist meine Mit-Ziva im AEI. Sie kommt aus der Naehe von Freiburg und kultiviert seit wir hier sind eine etwas sprachlose Freundschaft mit Tahrid, wie oben beschrieben. Sie hat momentan etwas Probleme, sich hier einzuleben, unter anderem wird an ihrem Frauenbild hier natuerlich etwas geruettelt. Aber ich denke das wird noch, kommt Zeit, kommt Rat. Man muss sich doch auch an das Leben hier gewoehnen. Weil sie blond ist, hat sie neulich beim Einkaufen ein fettes "Masha'allah!" von irgendwelchen Jungs geerntet - das bedeutet sowas wie "Respekt!".

Kerstin kommt aus Berlin, singt sehr schoen und arbeitet auch in Talitha. Sie ist sehr geradeheraus und offen. Weil sie kein Arabisch gelernt hat, bevor sie hier hergekommen ist, wurde sie am ersten Tag erstmal mit dem Alphbet abgefuellt...

Esther kommt aus einem Kuhdorf in McPomm (=Mecklenburg-Vorpommern). Sie hat viel fuer Esoterik ueber, ist dabei aber nicht abgehoben, so dass man ihr das, was sie erzaehlt auch abnehmen kann. Gerade ist sie etwas down weil sie sich bei der Arbeit in Talitha etwas ueberfluessig und unbegabt vorkommt. Da sie wahrscheinlich die meiste Erfahrung in der Jugendarbeit von allen hier hat und eine fuer Kinder glaube ich sehr gute Art hat, nehmen wir ihr das nicht so recht ab; sie will sich bloss nicht recht die Zeit lassen, hier anzukommen, will gleich was Tolles auf die Beine stellen.

Teresa kommt aus Tuebingen und geht leider auch bald wieder zurueck; sie bleibt nur 6 Wochen, jetzt noch 3; dann will sie Psychologie studieren. Sie arbeitet in der Schule und babysittet abends oft noch die beiden kleinen Kinder des deutschen Schulleiters, deshalb sehen wir uns nicht so oft.

Insgesamt sind wir eine schoene Gemeinschaft, man kann sich hier in die schoenen behaglich bekannten deutschen Umgangsformen und Braeuche zuruecklehnen. Es wird auch nicht langweilig, was sich neulich abends gezeigt hat: Der Raum in dem wir essen geht mit einer Fensterfront auf den Gang hinaus, den die Internatsmaedchen zum Abendessen gehen. Wenn wir dann grade drinsitzen kommen wir uns immer wie im Zoo vor; folgerichtig haben wir also jemanden gebeten, uns "Bitte nicht fuettern - Danke" auf Arabisch auf einen Zettel zu schreiben, haben den ins Fenster gehaengt und uns Hasenohren aus Pappe in die Haare gesteckt. Da die Maedels teilweise recht strenge Umgangsformen gewohnt sind hat das natuerlich einen gewissen Ueberraschungeffekt. Die Reaktion war entsprechend, jetzt warten sie auf Neues.

So, ich werde mich jetzt von dieser Mail trennen und sie abschicken, obwohl sie ueberhaupt nicht ausreicht, um meine Eindruecke und mein Leben hier zu schildern. Aber wir haben ja noch zwoelf Monate Zeit, das Bild zu vervollstaendigen.

Ach ja, wenn ihr mir etwas auf dem schoenen Postweg schicken wollt (macht viel mehr Spass, Briefe zu bekommen als Mails), koennt ihr das an eine Adresse in Jerusalem machen (dann dauerts statt 8 Wochen nur 4 Wochen):

Talitha Kumi
Mr Vinzenz Hokema
c/o Lutheran Church of the Redeemer
P.O. Box 14076 Jerusalem
Israel

Ich wuensche euch allen das Beste, und es wuerde mich echt freuen, von Zeit zu Zeit von euch zu hoeren, damit ich informiert bleibe, was ihr alle so macht. Wenn ihr riesiges Glueck habe schreibe ich dann auch mal eine pesroenlich Mail. Aber die hat dann keine 8 Seiten...

Ich wuensche allen eine tolle Zeit, und ich vermisse den ganzen Laden daheim

Ma’assalaama

Vinzenz


P.S.: An dieser Stelle moechte ich nochmal ganz ganz herzlich Pablo und Codula und Uta danken, die mit einem krassen persoenlichen Einsatz genau die oben beschriebenen Erfahrungen ermoeglichen. Ohne sie waere ich jetzt gerade in Deutschland und wuerde dort Zivi machen, nicht Arabisch lernen, nicht arabisch essen und weniger Erfahrungen sammeln. Ich finde es bewundernswert, dass sich Menschen so sehr fuer Andere einsetzen aus lauter Idealismus (und ohne im Geringsten dafuer bezahlt zu werden; das laeuft eher andersherum). Sie arbeiten meistens bis mindestens 1 Uhr nachts und tragen auch ein ziemlich hohes Risiko, und eine riesige Verantwortung. Ich kann euch vielleicht am besten mit den Erfahrungen die ich hier mache danken, das ist schliesslich (neben dem Die-Welt-Verbessern) 50 % eurer Intention. Ein riesiges Shukran! Ich bin froh, hier zu sein.
Wenn ich wiederkomme, werde ich euch eine Weile im Büro unterstützen - damit Fehlkalkulationen wie oben, die dann eine Finanzspritze von zuhause noetig machen werden, aus dem Programm genommen werden.


P.P.S.: Wir hatten gerade eine denkwuerdige Begegnung mit einem Taxifahrer. Waehrend er uns wie immer nach Bethlehem fuhr, schwaermte er von Deutschland, deutschen Autos usw. Zum Schluss meinte er, was er aber am allerbesten an Deutschland faende waere Hitler. Valerie fragte, ob er Hitler moege weil der die Juden umgebracht hat, weil das wohl ein paar Palaestinenser so sehen. Der Taxifahrer sagte aber, es waere nicht nur der Holocaust, auch die Art zu denken, seine Ideen...
Es ist doch toll, die schoensten Seiten der deutschen Geschichte hier so nett praesentiert zu bekommen.







Bericht Nr. 2

19.10.

Gerade fällt der erste Regen. In Beit Jala ist es kalt, in Bethlehem etwas wärmer (Talitha Qumi liegt sehr ausgesetzt auf einer Hügelkuppe - da ziehts). Auch der Regen ist erstaunlich kalt, er liegt wie ein Schleier über der Judäischen Wüste, dich ich von meinem Schreibtisch aus überblicke. Es riecht nach erstem Regen - wie nach einem langen Sommertag.



Neidisch: Indian Summer; hier wirds jetzt wirklich Herbst, ein kalter Wind zieht durch die Hügel, die Sonne verliert an Kraft. Meine kurzen Hosen habe ich eingepackt.




25.9.

heute war ich mit meinen mitfreiwilligem und dem Schulleiter von Talitha Qumi (s. bericht) am Mittelmehr, etwas nördlich vom Gazastreifen. nein, es ist völlig ungefährlich in Israel - der einzige ort, wo man bedroht sein könnte, wäre der Gazastreifen selbst - und dort komme ich jetzt sowieso nicht rein. war auf jeden fall megageil, am strand war keine sau, weil in Israel ja am Sonntag ein ganz normaler Arbeitstag ist. es war einfach urlaub, nur eine stunde von "zu hause" entfernt. habe jetzt natürlich einen leichten Sonnenbrand, gerade mit frisch geschnittener Aloe Vera behandelt.
das leben meints also gut mit mir.
die politischen aussichten sind auf jeden fall nicht so wahnsinnig rosig. man hört munkeln, dass bald die 3. Intifada ausbrechen könnte (während viele Araber sagen, dass die zweite von 2000 noch gar nicht vorbei ist). ich glaube nicht, dass die Zeichen soooo dunkel sind, aber es ist mal wieder ziemlich unangenehm. wenn sich an der israelischen Politik der wirtschaftlichen Isolation des Gazastreifens nichts ändert (bis 2008 soll kein Palästinenser mehr nach Israel zum arbeiten kommen dürfen), wird die Bevölkerung gar keine andere Möglichkeit haben, als das Geld der Hamas anzunehmen - diese Organisation (ich weis auch nicht so 100 % genau, was das für welche sind) unterstützt Leute, die arbeitslos sind usw., hat also einen sozialen anstrich. und die Leute sind teilweise davon abhängig. also hat Hamas, die ja schon extrem ist, einen großen Zulauf. und das fördert vielleicht die Suicide Bombings...
ach, je. wir werden ja sehen. ich bin auf jeden fall keiner Gefahr ausgesetzt. einer der Nachtwächter in Talitha Qumi hat eben gemeint, selbst wenn eine 3. Intifada ausbreche, wäre ich hier in Bethlehem sicher. die Leute haben wohl sehr wenig Waffen.


28. September

Gerade nervt mich meine Arbeit. Valerie und ich sollen einen Deutschkurs geben, dieses basic-"Hallo, ich bin, wie gehts"-Zeug. Finde ich blöd, weil, was bringt so was... Deutsch richtig zu unterrichten steht klar außer Frage, weder kann ich das, noch können "meine" Schüler so viel lernen, sie arbeiten, müssen lernen, haben gar keine Zeit sich da reinzuhängen. Aber nur so bringt es wirklich was.


29. September 2005

Wie ihr wahrscheinlich alle in den Nachrichten verfolgt, geht es im Gazastreifen gerade wohl wieder mächtig ab - ich sage "wohl", weil ich davon direkt überhaupt nichts mitbekomme. Ich verfolge das alles über die Medien, vor allem deutsche über das Internet. Wer recht detaillierte Infos will, der kann zu www.web.de gehen und dann unter "Schlagzeilen" die Rubrik "Nahost" wählen. Da kommen dann einige, zum Teil sehr knappe und absolut aktuelle Berichte. Ich habe den Eindruck dass sie Berichte eher israelorientiert sind. Bei www.gmx.de gibt es weniger, aber neutralere Berichte. Sonst sucht man Artikel eher vergeblich...
Meine Meinung zu dem ganzen Geballer ist, dass die Israelis einen extrem unglücklichen Weg gehen - sie beantworten Gewalt mit Gewalt, und reagieren damit genauso, wie die dämlichen militanten Palästinenser es wollen. Deren Macht wächst in dem Maß, wie die Gewalt zunimmt.
Außerdem lässt das ganze die Gewalt eskalieren. Wie kann Sharon von Abbas ("Abu Mazen") erwarten, radikale und terroristische Organisationen am Kämpfen zu hindern? Was hätte er den gegen so was wie die RAF gemacht? Abbas hat nicht so viel Macht wie Arafat - und das ist auch gut so.
Ich denke deshalb, dass Sharon Abbas bewusst gegen die Wand fahren lässt - weshalb, fragt man sich. Die Eskalation wird das Ganze sicher nicht einfacher machen, man hört hier was von einer dritten Intifada munkeln (was aber, denke ich, nur Gerüchteküche ist). Vielleicht will Sharon das Bild der militanten Palästinenser verstärken, um dann in Ruhe und ohne (d.h., mit noch weniger) internationalen Protest seine Mauer bauen zu können.
Aber ein einziges Mal bin ich froh, dass Sharon gewonnen hat - Netanyahu hätte den Gazastreifen wahrscheinlich gleich wieder eingenommen, oder Flächenbombardements gemacht. Das ist ein ganz rechter Sack.
Ach ja, nochmal zum Thema "Ich merke hier gar nichts": Gestern hat uns eine Palästinenserin, die hier bei Talitha wohnt, aus Bethlehem mit hochgenommen. Sie meinte, es sei gerade ziemlich schwer, irgendwo hinzukommen, die Palästinenser sind wohl gerade wieder eher stärker eingeschlossen, das schwankt wohl immer, abhängig von 'the situation'.

Ach ja, heute ist der fünfte Jahrestag des Ausbruchs der zweiten Intifada, als der gute Herr Sharon unbedingt von Hunderten Polizisten beschützt den Tempelberg in Jerusalem besuchen musste. Seither sind 1000 Israelis und 3500 Palästinenser getötet worden.


5.9.05
Gerade ist eine Holländische Studentengruppe hier, von der Uni in Twente. Sie werden eine Woche lang in den Konflikt eingeführt, reden mit vielen verschiedenen Leuten (Hamas, Fatah, Buergermeister und Governor von Bethlehem, Bischof der Epischopal Church...), sehen auch von Palästina was (Jerusalem, Ramallah, Hebron, die Mauer...), wohnen in palästinensischen Familien. Es sind zehn Leute, alle echt nett, interessiert, wissen auch was von dem ganzen.

Heute haben wir uns die Mauer angeschaut. Ich habe sie jetzt schon ein paar Mal gesehen, aber das hier ist schon krasser:
Das Haus von Claire, der Schwägerin eines meiner Chefs, steht am Rachels Tomb, dem Hauptcheckpoint von Bethlehem nach Jerusalem (wenn die Mauer dann fertig ist). Das bedeutet, dass es eine sehr unruhige Gegend ist, die Strassen sind ausgestorben, aber viele Wachtürme stehen hier, Soldaten. Und Soldaten im Krieg (egal ob israelische oder sonstwelche) sind immer gefährlich. Die Mauer schlängelt sich (neun Meter hoch) mitten durch dieses Viertel. Claires Haus wird von drei Seiten von diesen 9 Meter hohen Mauern umgeben werden, die Fundamente sind schon ausgehoben, sie laufen vier Meter vor der Haustüre entlang. Sie hat das Pech, direkt neben einem zukünftigen Checkpoint und einem Armeestützpunkt zu wohnen. Alle Geschäfte in dieser Strasse wurden geschlossen, auch ihres. Viele Leute sind weggezogen und haben ihr Haus aufgegeben (wenn man 3 Jahre lang dort nicht wohnt wird es automatisch israelisches Eigentum). Ihr Mann musste bei den Israelis unterschreiben, dass er es nicht zulässt, dass jemand aus seinem Haus heraus fotografiert. Wenn das jemand macht, wandert er für sechs Monate ins Gefängnis.
Es gab schon verschiedene Gerichtsverhandlungen, den letzten haben sie sogar gewonnen, aber irgendwie wurde ihnen die Umsetzung verboten, bara fisch (=keine Ahnung).
Ich mag Claire nicht besonders, aber sie tut mir leid. Man sieht ihr den Stress, unter dem sie ständig steht stark an, ihre Augen haben dunkle Schatten, sie ist nervös.


6.9.05
Heute morgen sind die Twentes nach Hebron gefahren. Valerie und ich haben uns abgeseilt und ausgeschlafen. Als wir dann gegen zwei Uhr losgingen und in Richtung DCO liefen, haben uns drei mittelalte Palästinenser angesprochen und mitgenommen. Sie fuhren gerade zum Beten nach ??? ??? (Bethlehem). Das ist auch ein Beispiel für die Gastfreundschaft - die Leute quatschen einen manchmal einfach an. Wir haben uns auf Arabisch "unterhalten", es kam aber schon einiges rüber. Sind dann noch tanken gefahren, und sie haben einen anderen Typ zum Übersetzen geholt. Der stand lässig rauchend neben der Zapfsäule...
Waren auf jeden Fall supernett. Wir haben natürlich gleich Nummern getauscht, wenn ich das richtig verstanden habe sind wir morgen eingeladen...
Handy heißt auf Arabisch übrigens "bilifon" - irgendeine Verunstaltung aus "talifon" (=Telefon) und "mobile"?


16. Oktober 2005

Ich bin gerade etwas durch den Wind, weil wir gerade Nachrichten geschaut haben (Tagesschau). Wie ihr vielleicht in der Tagesschau gesehen habt gab es "südlich von Jerusalem" heute Nachmittag zwei Anschläge, irgendwelche Vollidioten (der Islamische Jihad hat sich bekannt) haben aus dem fahrenden Auto heraus drei trampende Israelis erschossen und fünf verletzt. "Südlich von Jerusalem" bedeutet meine Gegend, es war an der Strasse zwischen Bethlehem und Hebron, die ich schon ein paar Mal gefahren bin, 10 Minuten entfernt. Ich habe die Sirenen gehört... Der DCO-Checkpoint, durch den ich jeden Morgen fahre ist jetzt geschlossen, ebenso der Checkpoint nach Jerusalem. Einer hier meinte, die würden jetzt eine Woche geschlossen bleiben, mal sehen. Zur Arbeit werde ich trotzdem kommen, das ist die privilegierte Lage von Talitha: Wir können durch das hintere Tor raus, das ist A-Zone, also palästinensische verwaltet, während das vordere Tor an der C-Zone, Israelisch verwaltet, liegt. Da fahren dann halt keine Taxis, werden mal sehen wie wir das machen.
Gerade habe ich mit Herrn Dürr gesprochen, dem Schulleiter, ein echt netter, offener, richtig hart arbeitender Mensch. Er hat mir den Hintergrund von diesem Anschlag erzählt: Vor ein paar Tagen haben die Israelis in Gaza und dem nördlichen Westjordanland zehn Palästinenser getötet, Target Killings, also "gezielte Tötung", irgendwelche Leute von der Hamas oder so. Hier wieder die Diskriminierung durch die internationalen Medien: Die Target Killings oder so was kriegt man einfach nicht mit, es kommt immer nur die halbe Wahrheit. Und das heute ist also eine Reaktion darauf. Die israelische Reaktion kam dann schon heute Abend, sie haben bei Jenin einen Führer des Jihad erschossen.
Es regt mich richtig auf, diese Idioten! Dieses Rumgeballere bringt nichts, keine militärischen oder sonstigen Erfolge - außer dem Schüren von Hass, und der Rache. Nur Emotion, nicht Rationalität. Ein Riesenfeind hier.
Das ist für mich hartes Brot, natürlich. Herr Dürr ist ganz unaufgeregt, er sagt ich soll keine Katastrophenmeldung nach Hause schicken, das sei business as usual. Nichts deutet mehr auf eine Eskalation hin, wie es nach dem Gaza-retreat kurz war.
Ich muss nach Israel, mehr mit den Menschen reden. Vielleicht mache ich ein paar Interviews oder so.


17. Oktober 2005

Gerade habe ich weitere Konsequenzen des Anschlages kennengelernt: Musa, ein 28jaehriger Accountant, musste heute morgen an einem Checkpoint zwei Stunden warten. Er sagt, das sei reine Schikane gewesen, die Soldaten hätten ihn einfach warten lassen. Die zwei Stunden haben ihn davon abgehalten, einen Englischtest zu schreiben, der sehr wichtig ist: Nur damit kann er sich für ein norwegisches Stipendium bewerben (Philosophie und nochmalwas). Bis zur nächsten Möglichkeit, den Test zu schreiben ist aber leider die Anmeldefrist vorüber. Das bedeutet, dass (zumindest für dieses Jahr) der Spatz gegessen ist, aus der Traum.
Er ist ein sehr netter Mensch, ruhig, überlegt. Er war selbst jetzt noch äußerlich entspannt. Meinte dann nur, er hasse dieses Land, er wolle hier weg.
Ist schon hart, sein Los für eine Freifahrt raus aus dem Konflikt einfach so vor seinen Augen verpuffen zu sehen.

Ein Checkpointerlebnis: Letztes Wochenende waren wir in Ramallah. Diese Stadt ist angeblich das "Paris of Palestine", ist auch moderner und reicher als andere Städte. Viele Geschäfte, man kriegt hier viel mehr als in Bethlehem. Einen schönen, großen Obst- und Gemüsemarkt gibt’s hier, mit den üblichen Marktschreiern. Besonders kleine Jungs sind laut, so um die zehn Jahre, die brüllen wie die Stiere.
Wenn man von Süden, also von Jerusalem aus, nach Ramallah will muss man den Qalandia Checkpoint passieren. Es ist ein echtes Nadelöhr, weil die beiden Städte dicht beieinander liegen und es natürlich enge Beziehungen gibt.
Die Richtung Jerusalem - Ramallah ist überhaupt kein Problem. Man läuft nur durch den von uns so genannten "Hasenkäfig", nämlich einen auf beiden Seiten eingezäunten Weg an der Kontrollstelle vorbei; was man in diese Richtung transportiert ist den Israelis egal.
Schwieriger ist die andere Richtung. Das ganze erinnert mich an eine Melkmaschine, irgendwas für Vieh. Nach einem Abschnitt des Hasenkäfigs kommt man an ein an den Seiten offenes Wellblechdach. An diesem frühen Samstagnachmittag war gerade Ramadan-Rushhour, noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang, die Leute wollen nach Hause, damit sie rechtzeitig essen können.
Es waren also viele Leute dort. Alle warten darauf, in die Kontrolle zu kommen. Man muss dafür durch eine der vier Drehkreuze durch, die drei links für Männer, eine rechts für Frauen. Vielleicht 400 Männer auf unserer Seite, sie stehen dicht an dicht gedrängt und schieben, also ob wir dadurch schneller durchkommen. Wir stehen etwa eine halbe Stunde dort, alle schwitzen, alle sind angespannt. Neben den Wartenden will ein Mann, der offensichtlich aus dem Krankenhaus kommt (Kanüle noch im Arm; Halskrause) an der Schlange vorbei und bittet einen Soldaten, der lässt ihn nicht durch. Als er nicht gehen will richtet er sein Gewehr auf den Krankenhausmenschen, dann geht der arme. Ich gehe durchs Drehkreuz, vorne stehen zwei Metalldetektoren. Ich lege meinen Rucksack zur Seite, gehe durch, der Soldat will meinen Rucksack durchsuche, aber der ist voll mit Obst und Zeug; mein deutscher Pass überzeugt ihn und er will mich durchwinken. Er stutzt, weil er (blöd, blöd) ein Armbändchen mit der palästinensischen Flagge sieht, das ich hinten an den Rucksack geheftet habe. "What’s this?" - "Well, I’m working in Palestine". Er winkt mich mit zusammengepressten Lippen durch, ich muss nicht mal zur richtigen Passkontrolle. Die Mädchen warten schon, bei ihnen gings doppelt so schnell. Kerstin, meine Mitfreiwillige, erzählt dass sie als erste aus den Kontrollen kam und dahinter gleich gewartet hat, mit einigen arabischen Frauen. Einen Soldaten muss das wohl beunruhigt haben, er scheucht die Frauen weg. Die Araberinnen machen, dass sie wegkommen, während Kerstin nicht schnell genug schaltet und erst mal stehen bleibt. Da richtet der Soldat sein Gewehr auf sie und will sie auch wegscheuchen, doch sie sagt, sie warte auf ihre Freunde in der Schlange, und auch der Soldat schaltet jetzt, dass das ja gar keine Palästinenserin ist. Er dreht sich um und geht weg.
Wir sind alle fertig, bloß weg, wir lassen den Rest vom Hasenkäfig hinter uns. Ein kleiner arabischer Junge läuft an uns vorbei und ruft "Bint Sharon!" - "Tochter Sharons", er denkt wohl wir seien Israelis und beschimpft uns damit. Ich hätte ihm hinterherrufen sollen "Iben Abbas", "Sohn des Abbas".
Dieses Nadelöhr hat sich in letzter Zeit wohl stark verändert. Erstens wurde die Mauer hier fertiggestellt, und neben den obigen Kontrollstellen wird gerade eine große Abfertigungshalle gebaut, große Parkplätze, wahrscheinlich für eine sicherere Kontrolle.
Wir nehmen hinter Qalandia einen Bus nach Jerusalem, von wo aus wir nach Bethlehem weiterfahren wollen. Wir kommen in einen mobilen Checkpoint, also einfach ein Jeep und ein paar Soldaten die irgendwo am Straßenrand stehen. Ein Soldat kommt rein und checkt die Pässe - er ist nicht älter als Anfang 18, sieht aus als ob er noch vor einem Monat sein Abi gemacht hätte. Wirkt sehr unsicher. Als einer alten Palästinenserin der Pass auf den Boden fällt bückt er sich instinktiv und hebt ihn auf - man sieht, als er sich aufrichtet, dass es ihm sehr peinlich ist, so "hoffentlich hat das mein Vorgesetzter nicht gesehen". Ein echt nett aussehender Mensch, sehr freundlich. Er steigt aus und wir fahren weiter.

Ein paar muslimische Mädchen aus dem Flüchtlingslager Al-Arroub bei Hebron haben uns für einen kompletten Tag eingeladen - von Donnerstagabend bis Freitagabend, mit Fasten, mit Moschee, mit Fastenbrechen am Abend. Das wäre echt interessant, eine Erfahrung - einen ganzen Tag nicht trinken... "Wäre", weil das Drive-By-Shooting 500 Meter von Al-Arroub entfernt war, also ist es jetzt wohl eher problematisch, da hinzugehen. Es ginge wohl schon, aber es könnte Stress geben, zum Beispiel wenn wir bei einer Razzia im Camp entdeckt werden. Wirkt sich auf unser nächstes Visum sicher nicht gut aus. Außerdem, wenn die Soldaten rausfinden dass die Mörder aus Arroub kommen gibt es Vergeltungsaktionen, d.h. sie kommen mitten in der Nacht und zerstören oder demolieren Häuser, schießen rum, erschrecken die Kinder. Wenn wir dabei sind wird uns unser Pass nicht beschützen. Das ist die Einschätzung des Schulleiters von Talitha Qumi, der auch schon in Namibia Schulleiter war, zur Zeit der Revolution


19.10.

Gerade war Womens Group Meeting. Claire, ich habe von ihr erzählt, war auch da, ihre Stimme ganz rau und heiser, sehr bedrückt. Valerie hat sie gefragt wie es ihr geht. Sie antwortet "They are building the wall", und Tränen laufen ihr die Wangen hinunter. Ihr gehört das Haus am Rachels Tomb Checkpoint. Wenn sie heute Abend nach Hause kommt wird ihr Haus von neun Meter hohen Betonwänden umgeben sein. Es ist wie ein Schlag in den Magen. Die Besatzung, die Mauer ist real, ich kann sie jetzt auch direkt spüren, nicht nur durch einen Fernsehbildschirm erfassen.

Kathrin: Fakten schaffen: Mauer, Settlements

Israels Politik: Geschichte des Rabbis mit den Hühnern, Ziegen, Pferden.
"A man came to the Rabbi and complained. He said that his house was too small for all his children and grandchildren, that it was too loud and crowded for him to get rest and to live.
The Rabbi told him to take one sheep out of the stable and hold it inside the house. The man was wondering how this could help, but did so.
After a week, the man came to the Rabbi again and complained. With the sheep inside his house, it was so noisy that he couldn't talk to his wife anymore. The Rabbi advised him to take a goat from the stable and to tie it inside the house. The man was not happy, but did what the Rabbi told him.
He came back after four days and complained, the goat was messing up the whole building, crashing furniture and precious family inheritance. The Rabbi advised him to go to the stable and lead the horse inside the house.
After two days, the man came back again and complained to the rabbi that he couldn't sleep at night anymore, if this situation continued, he would not survive the next week.
Then, the Rabbi told the man to take the horse, the goat and the sheep from his house and lead them back into the stable, and then the house would seem very nice and quiet, and not at all as loud as before."



Man kann sehr viel sehen, wenn man nur will, und danach sucht, einfach nur im Internet. Die zwielichtigen oder illegalen Dinge, die Staaten einfach so machen - in Russland Chodorchowski (jetzt in Sibirien), oder Tschetschenien...
Man verliert hier sein Vertrauen in die Medien, weil sehr häufig Meldungen von der palästinensischen Seite nicht durchdringen. Viele Journalisten scheinen offizielle Meldungen einfach so zu schlucken, obwohl Lügen oder Nicht-Antworten zum Job eines jeden Armee- oder Regierungssprechers gehört. Da muss man nur mal in die Nachrichten schauen. Meldung: Israelische Armee (IDF) erschießt drei bewaffnete Palästinenser, die ein Bombenattentat auf einen Checkpoint verüben wollten. Ein paar Stunden später kommt dann, dass die Palästinenser doch nicht bewaffnet waren, sondern nur mit einer Plastiktüte in der Hand am Checkpoint vorbeirobben wollten - um Arbeit in Israel zu suchen. Die lieben Soldaten haben laut Augenzeugen aber nicht die Prozedur mit Rufen - Warnschuss - gezieltem Schiessen durchgemacht, sondern gleich mal draufgehalten.
Das Problem ist, dass die zweite, kleine Meldung nicht so häufig gelesen wird.


26. Oktober 2005

Sarah ist eine Volontärin aus Australien, 32 Jahre alt, die einen Master of Arts in Labour Relations und English Literature hat. Sie hat in den verschiedensten Berufen gearbeitet und in vielen Ländern gelebt und gearbeitet, die letzten fünf Jahre in Amsterdam, wo sie von der Touristenführerin in die Logistik der Herald Tribune aufgestiegen ist. Sie hat also schon einiges gesehen und gemacht, und hat jetzt wohl die Nase voll davon: Sie will nach Australien zurück und dort scheuen was sich so bietet.
Davor ist sie aber für zwei Monate hier und arbeitet teilweise im AEI, teilweise beim ISM, dem International Solidarity Movement. Ich kannte es bevor ich sie traf nicht. Die Soldaten an der Grenze kennen es sehr wohl: Wer im Verdacht steht, da dazuzugehören (z.B. weil er etwas alternativ aussieht, also unrasiert oder mit Rastas) kriegt kein Visum für Israel, auch kein Touristenvisum.
Das ISM ist mit den Palästinensern solidarisch. Die Freiwilligen beschützen Palästinenser dadurch, präsent zu sein.
Sarah wollte letztes Wochenende eigentlich zu einer bekannten israelischen Familie gehen, doch die hatten dann doch keine Zeit. Also ist sie arbeiten gegangen, der ISM-Einsatz war in Hebron. Hebron ist den Juden heilig, weil dort Abraham samt Frau begraben liegt (In der Abrahamsmoschee). Das ist der Grund, warum es hier eine Siedlung gibt, mitten in der Altstadt leben in einem eingezäunten Viertel 400 Siedler, beschützt von 2000 Soldaten, ich habe es schon beschrieben.
Die Siedler von Hebron sind in Israel als sehr radikale Siedler bekannt. Sie sind wohl sehr religiös; hierher ziehen die Leute nicht aus finanziellen Gründen, wie das in vielen anderen Siedlungen oft ist (die Mieten sind nur halb so hoch wie in Israel, und die Häuser sind wohl richtig schick - die Regierung weis, wie man es Leuten schmackhaft macht, am Ende der Welt zu wohnen). Die Radikalität dieser Siedler misst Sarah an ihren Kindern: Sie hat gerade arabische Schulkinder zur Schule begleitet, als zwei israelische Schulmädchen, total süß und etwa zehn Jahre alt, einen kleinen arabischen Jungen gestoßen und bespuckt haben, aber richtig - nicht nur Spucke, sondern richtig aus der Nase hochgezogen. Das gleiche, als sie nachmittags die Kinder wieder abgeholt hat: Eine Horde von Mädchen ist den arabischen Mädchen hinterhergerannt und hat sie gestoßen und bespuckt. Am anderen Ende der Gasse standen israelische Jungs und haben Steine auf Sarah und die Gruppe geworfen. Voller Hass, gewaltbereit, ohne einen Funken Bewusstsein dafür, dass Araber Menschen sind.
Am Montag ist Sukkot, das Laubhüttenfest, zuende gegangen. An diesem Tag gibt es Umzüge der Juden, die tanzen und feiern.
Um zu zeigen dass sie da waren, aber um nicht den Umzug zu stören, haben sich Sarah und ein anderer Freiwilliger an den Straßenrand auf eine Treppe gesetzt. Der Umzug kam vorbei, und ein paar junge Israelis haben die zwei tanzend zur Strasse hin abgeschottet. Gleichzeitig tauchten oberhalb zehn Kinder auf und fingen an, die beiden zu bespucken. Sie muss von oben bis unten vollgewesen sein, ihre Hose hat noch Flecken, weil sie hier gerade keine Wechselklamotten dabeihatte.
Die meisten der Leute haben sich gar nicht um die zwei Volos gekümmert, aber ein paar kamen her und wollten sie in einen Streit verwickeln, "Why are you here?" - "I'm protecting human rights" - "What about my human rights? Why don't you protect mine?" - "You are protected by all those soldiers around" - "Would you also protect me if I was attacked by Arabs?" - "Yes, sure, if I could" - dass hat er wohl erst recht nicht verstehen können, dass jemand für die Menschenrechte, und nicht für die eine oder die andere Seite sein kann. Er wollte sie dazu überreden dass sie das ganze nur macht weil sie tief in ihrem Innern Juden hasst, und dass Araber wertlos sind, dass dieses Land ihres sei, von Gott gegeben, dass die Volos Antisemiten seien, all dieses Geschwätz.
Ein kleines Mädchen hat sie beschimpft. Es konnte überhaupt kein Englisch, außer: "Fuck you, I hate you, I will kill you, You stupid, All Arabs to Gas Chambers" (sie hat das wirklich gesagt!)... Und das Mädchen war keineswegs allein, sondern an der Hand ihrer Mutter - und die fand das ganz normal. Diese Kinder kriegen den Hass beigebracht. Sie bespucken arabische Kinder einfach so - das bedeutet, dass sie keinen, null Respekt vor dem anderen haben, dass sie sich nicht in ihn hineinversetzten, weil sie offensichtlich nicht davon ausgehen, dass der andere ein Mensch ist. Die Erwachsenen sind vergiftet, woher auch immer, von den Kriegen, vom Holocaust, von der eigenen Engstirnigkeit. Und sie vergiften aktiv und bewusst ihre Kinder auch, treiben ihnen jedes Mitgefühl aus. Sarah hat das an Lord of the Flies erinnert, wo Kinder unmenschlich werden.
Das sind wirklich schlechte Menschen in der Hebroner Siedlung. Das ironische ist, dass Sarah an diesem Wochenende eigentlich zu israelischen Freunden gefahren wäre, und dort sicher eine schöne Zeit mit ihnen gehabt hat. Stattdessen ist sie nach Hebron gegangen und hat die creme de la creme des echten Siedlertums gesehen. Daran sieht man, wie gespalten die israelische Gesellschaft ist. Ich glaube nicht, dass es in vielen Gesellschaften so etwas gibt - völlig säkulare Teile, und große ultraorthodoxe und sehr religiöse Schichten. Und alle heißen "DIE Israelis", ob nun positiv oder negativ gemeint: Alle Stereotype zersplittern an diesem Beispiel.
Beim Drive-By-Shooting hier am 16.10. wurde übrigens gezielt auf Leute geschossen, die an einer Stelle standen, die nur von Trampern nach Har Hebron genutzt waren - ich bin mir nicht sicher, doch wenn Har Hebron die Siedlung in der Altstadt von Hebron ist, leuchtet das Anschlagsziel ein. Offensichtlich werden die Menschen hier wirklich krass erniedrigt. Wenn es normal ist, das kleine Kinder einander anspucken, kann nicht das Geringste an Respekt für die arabischen Menschen in den israelischen Menschen stecken.

Vor sieben Stunden ging in einer israelischen Stadt im Norden eine Bombe hoch, ein Selbstmordattentäter. Ich habe davon während der Arbeit erfahren, ich saß im Employees Meeting, als eine Programmänderung bekanntgegeben wurde: Wir würden jetzt über die Bezeichnungen Suicide Bomber und Märtyrer sprechen, und was wohl das bessere Wort sei. Einleitend zur Diskussion kam dann ein kurzer Beitrag einer Frau Mitte 20, die erzählt hat was dort passiert ist: Mindestens fünf Tote, mehr als dreißig Verletzte, Zerstörung.
Seltsam zu wissen, dass dieser Anschlag auch auf mich Auswirkungen haben wird: Die Kontrollen werden wahrscheinlich weiter angezogen. Ich habe kein Problem damit, ich bin Ausländer, ich komme überallhin. Aber ich werde sehen was sich verändert. Da merkt man, dass man im Konflikt lebt, die Nachrichten haben Spürbare Auswirkungen.

Beides zusammen, Sarahs Erzählungen und der Anschlag, machen mich fertig. Ich gehe ins Bett.


Hier ein Auszug eines Artikels aus der Ha’aretz vom 26.10.:

"Die Hamas hat ihre Politik gegenüber Israel nicht geändert, auch wenn sie an den Wahlen zum palästinensischen Parlament im Januar 2006 teilnehmen will.
In einem Interview mit der Zeitung Haaretz sagte der Hamas-Führer in Gaza, Dr. Mahmud Azahar: die Hamas könnte zwar kurzfristig politischen Regelungen zustimmen, wird aber nicht ihre Grundposition ändern: "Die Grenzen von 1967 sind nur eine Stufe im Kampf. Ganz Palästina - vom Jordan bis zum Meer - ist islamischer Besitz".
Das Interview war das erste in der israelischen Presse seit der Tötung der Hamas-Führer Ahmad Yassin und Abed Al-Aziz Rantisi im vergangenen Jahr.
Azahar drohte mit weiteren Entführungen von Israelis. Die Hamas werde einer Verlängerung der Ruhephase im kommenden Jahr nicht zustimmen, wenn die Palästinensische Autonomiebehörde die Parlamentswahlen verschieben sollte, und wenn Israel keine weiteren palästinensischen Gefangenen freilasse. Die Ruhephase wurde einseitig zwischen den palästinensischen Organisationen mit der Autonomiebehörde und Ägypten verhandelt.
Azahar erklärte, dass die Hamas nicht bereit sein wird, ihre Waffen abzugeben."

Zum Thema hier noch ein Link zu einem Artikel in der ZEIT: http://www.zeit.de/2005/44/Hamas
Ist ziemlich interessant, ich stimme mit ihr überein, dass die Hamas bei den Wahlen unbedingt mitmachen muss - und hoffentlich verliert. Haben schon echt abgedrehte Ziele. In einer Diskussion mit einem Repräsentanten der Hamas in meiner Arbeitsstelle haben wir über die Sinnhaftigkeit von Gewalt diskutiert. Als er rauskriegte dass ich Deutscher bin hat er gleich auf den Stammtisch gehauen und gemeint, ich könnte ja grad was sagen, mit zwei Weltkriegen... Hab ihn ablaufen lassen, sei erst 1985 geboren worden. Idiot. Israel hat übrigens selber Schuld, dass sie Hamas so populär ist - ihre Sozialsysteme, die sie so populär machen, wurden in der ersten Intifada aufgebaut und dazu benutzt, die Lohnausfälle bei monatelangen Streiks zu überbrücken - die Menschen haben Essenspakete bekommen. Auch Leute, die einen Angehörigen im (israelischen) Knast hatten haben Unterstützung bekommen.
Außerdem sind die Menschen durch die Lebensumstände, die wirklich grauenhaft sind, sehr frustriert, und das ist der Nährboden für die Gewalt. Niemand sprengt sich in die Luft, wenn er nicht denkt es sei wirklich nötig. Das ist auch die Gemeinheit, die Sharon begeht wenn er sagt: Es werde erst Gespräche oder sonstwas geben wenn der Terror aufhört. Dabei sind es doch die harschen Lebensumstände, die radikalen Organisationen den Zulauf gewähren. Es ist frustrierend...

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