Das FSJ und ADiA Informationsportal

Menu:


Login:

Name

Passwort
Registrieren

Workcamps:

- im Kinderheim
- mit Behinderten




Forum:

Freiwill...
Ecuador...
Auslands...
Freiwill...
ORGANISA...

Erfahrungsbericht - Südafrika

Autor: Manuel Ebert
Projekt: Street Wise KwaZulu-Natal
Träger: Weltweite Initiative für Soziales Engagement e.V.



Der Drahtseilakt - Leben auf den Straßen Durbans



Diesen Bericht als Hörbuch downloaden:
Download

Website des Projekts: www.street-wise.co.za



"His father's name is Siyanda; we called him and talked to him on the phone. By the time mentioning the boy's name the phone went off. We tried several times to call him but still the phone was off."

Von hier oben kann ich das Meer sehen. Nur ein Stückchen davon, weil es eingeklemmt ist zwischen zwei großen, dreckigen Betonquadern; an deren Füßen finde ich einen Obsthändler, einen Sex-Shop, zwei Polizeiwagen, etwa fünf bunte Taxis, einen Handy-Geschäft und ein SPAR-Supermarkt, der von zwei uniformierten Sicherheitskräften mit kugelsicheren Westen bewacht wird; der eine trägt eine Maschinenpistole, der andere eine Pump-gun. Von oben drückt der puderblaue Himmel auf das rechts und links grau eingerahmte Meer. Zusammen bilden sie ein "H". H wie in "Hallo, Manuel". H wie "Heimatlos". H wie "Helfen".

Ich wende meinen Blick vom Fenster ab und drehe mich um. An dem Schreibtisch in der Mitte des Büros, sichtlich eine Investition jüngerer Jahre, sitzen Sosha und Lindelani und spielen Karten. Am Computer sucht Snoopy die passende Musik für den Tag heraus. Ich bin im sechsten Stock des alten Bürogebäudes an der Ecke Point Road - West Street. "Point Road" ist bei den meisten Menschen um Durban gleich welcher Hautfarbe ein Synonym für einen Platz, in dem man angebettelt, ausgeraubt und niedergestochen wird, kurzum einer jener Plätze, zu denen man für nichts in der Welt gehen möchte, geschweige denn arbeiten. Sosha, Lindelani und Snoopy arbeiten hier. Ich arbeite hier. Es ist mein erster Tag im Büro des Street Teams, mitten in Durban, mitten in der Point Road. Es ist noch relativ früh am Morgen, nach und nach trudelt der Rest des Teams ein, zunächst Eugene, der hier das Sagen hat. Das Street Team ist eine Kooperation zwischen Street-Wise und YFC ( "Youth for Christ" ). Von hier geht die Arbeit mit den Kindern auf der Straße aus. Und oft genug kommen Kinder und Jugendliche einfach auf einen warmen Tee und ein Brot vorbei.

Am Sonntag sind fünf unserer Jungs aus dem Shelter abgehauen. Nun ist es die Aufgabe des Street Teams herauszufinden wo die Jungs momentan sind, was sie tun, und warum sie weggelaufen sind. Zusammen mit Eugene, Lindelani, Sosha und Thando machen wir uns auf, um ein paar Nachforschungen zu betreiben. Es ist ein warmer Dienstag Morgen, nur gelegentlich weht eine schwache Brise durch die Straßenschluchten; wir haben eine gute Chance, einige der Jungs am Strand schlafend zu finden.
In einem Hauseingang zwischen dem Sex-Shop und einer Spielhalle schlafen einige unter Decken liegende Kinder. Der Jüngste ist nicht älter als neun, der älteste vielleicht siebzehn. Vorsichtig heben wir einen Zipfel der Decke hoch, um ihre Gesichter zu sehen. Wir finden eine große Glasscherbe und eine Flasche Klebstoff; keiner der Jungs gehört zu der Gruppe, die wir suchen.

Hinter einer Mauer an der Strandpromenade entdecken wir Lwazi. Er ist wach und schaut abwesend und gelangweilt. Um ihn herum schlafen einige andere Kinder; ich kenne nur etwa die Hälfte. Wir sprechen kurz mit ihm. Er trägt einen roten, viel zu großen Pullover, er ist dreckig und stinkt nach Rauch. Wir bekommen keine zufriedenstellenden Antworten auf unsere Fragen und bitten ihn, hier zu bleiben, bis wir auf dem Rückweg wieder vorbeikommen. Ein paar Meter weiter treffen wir auf Richard; er ist ein Street Worker einer der Kirchen in der Umgebung. Ich hatte schon einige Male mit ihm zu tun, wenn es um Sakhile ging. Wir haben Glück, Richard hat den Jungen am Montag gesehen und meinte, er sah sauber und lebendig aus. Wir gehen noch etwas weiter, finden aber keine weiteren Straßenkinder und kehren um. Lwazi ist natürlich nicht mehr da und keiner hat eine Ahnung, wohin er gegangen sein könnte. Also klappern wir die üblichen Informanten ab.

Die Obsthändlerin vor dem SPAR erinnert sich daran, den Jungen vor einigen Minuten vorbeirennen gesehen zu haben, auch N'Jabulo, der Jüngste der fünf vermissten Kinder, sei in der Gegend gewesen. Wären wir bei drei, von Andile und Dumisani fehlt weiterhin jede Spur. Nächster Stopp ist das Tong Lok.

"She couldn't pay her rent, so these people came to hit her the other day. They forced her to become a sex-slave so she could pay her rent."

Man lebt nicht auf der Straße. Einmal dort angelangt stirbt man dort wahrscheinlich. Die meiste Zeit aber ist man irgendwas dazwischen. Dieses "dazwischen" wird umso schmaler, je mehr man sich dem Tong Lok nähert. Hinter den schweren, schief hängenden Metalltüren bleibt davon allerhöchstens ein zu hoch gespanntes Drahtseil. Auf den mehreren Etagen des baufälligen Gebäudes haben sich Straßenkinder, Obdachlose, Drogendealer und diverse andere Kleinkriminelle angesammelt. Sie bilden einen lebenden Organismus, ein hungriges System, das alles verschlingt, aber nichts herauslässt.
Früher war ein Chinesisches Restaurant hier, lange vor dem "Miracle". Heute haben eine Hand voll Erwachsene das Sagen in dem abstoßendem Haus an der Point Road. Sie bringen den Jungen bei, wie sie Taschen klauen und wegrennen, wie man Autos knackt, wo man wertvolle Sachen verkaufen kann. Das nutzen die Kinder, um ihre "Miete" zu zahlen. Niemand fragt sie danach, aber wenn sie kein Geld abdrücken, werden sie zusammengeschlagen und des Bisschens beraubt, was sie haben. Von den Mädchen wird erwartet, dass sie Sex-Sklaven werden. Vor dem Gebäude steht eines dieser Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als Ich. Ihr Bauch ist gewölbt und ihr beige-farbenen Pullover reicht nicht mehr ganz bis zu ihrem kurzen, weißen Rock. Sie wird bald gebären. Der beißende Geruch abgestandenen Urins dring durch meine Nase und frisst sich in meine Schleimhäute ein; ich habe Mühe, meinen Brechreiz zu unterdrücken. An den Wänden hängen glitzernde Splitter, die zerschlagenen Reste eines großen Designerspiegels. Eine alte, grüne Matraze liegt in einer Ecke im dritten Stock des verwinkelten Treppenhauses, daneben ein Autositz, eine zerknüllte Wolldecke und ein Strohbesen. Durch die Löcher einer aus alten Bretten gezimmerten Holztür starren mich zwei Augen an. Eine große Hand greift durch eines dieser Löcher und schiebt die Tür ein Stück zur Seite. Der Besitzer der Hand, ein etwas rundlicher Mann, vielleicht Ende dreißig, schiebt sich durch den Spalt und geht eilig und schweigend an uns vorbei. Zwei kleinere, schlanke Hände greifen von innen um die Tür und schließen sie wieder. Ich stolpere beinahe über zwei junge Katzen, die geduckt und misstrauisch zu allen Seiten schauend unseren Weg durch den dritten Stock kreuzen. Wir fragen ein bisschen rum, keiner hat die Jungs gesehen, nach denen wir suchen. Was eigentlich ganz gut so ist.

Das schwangere Mädchen und vier andere kommen mit uns zum Street Office. Am 2. Juni wird ein Camp für etwa fünfzehn Mädchen von der Straße stattfinden, wo sie Zeit und Raum haben, ihre Situation zu überdenken und wir ihnen helfen, etwas daran zu ändern. Zum Aufwärmen kleben wir ihnen Zettel mit Begriffen auf die Stirn, durch geschicktes Fragen müssen sie rausfinden, was sie sind. Der Ball schafft es als erste, danach Michael Jackson und die Polizistin. Sosha plant mit ihnen das Camp, da klopft es an der Tür und Sakhile schlurft herein. Richard hat ihn an der Strandpromenade getroffen und ihn hergeschickt. Er möchte zurück zu Street-Wise. Ich versuche, unsere Sozialarbeiterin Jabu anzurufen um nachzufragen, ob es in Ordnung ist, wenn er zurückkhert. Das Guthaben auf dem Pre-paid phone liegt bei 81 cent. Ich koche einen Tee für Sakhile, schmiere ihm zwei Brote, spiele ein paar Runden "Casino" mit ihm und bitte ihn, morgen früh wiederzukommen, nachdem ich seinen weiteren verbleib mit Jabu abgeklärt habe.

"He said his father abused him physically when he is drunk. (...) When the schools were about to open father didn't give him money to register at school. (...) Then he decided to go to Durban, he thought that maybe he will find someone who can help him with continuing school."

Vielleicht sollte ich hier einige Worte über das öffentliche Verkehrssystem in Durban verlieren. Man kommt schnell und günstig fast überall hin mit sogenannten Shared Taxis; VW-Minibussen, in denen bis zu 24 Menschen gequetscht zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren. Ich hocke am Straßenrand und warte auf ein Taxi, dass mich nach Durban bringt. Die meisten fahren nach Pinetown, andere sind voll. Nach langer Zeit hält eines an und lässt mich reinspringen. Es gibt prinzipiell drei Arten von Taxis: Die dezenten, neuen, mit intakten Sitzen und leisem Motor, in denen meist keine oder nur leise Musik läuft. Selten und eher langweilig. Typ Nummer Zwei ist der Klassiker: Ein Wagen, dem man sein Alter deutlich anmerkt, meist dadurch, dass die viel zu oft benutzte Schiebetür nicht mehr richtig schließt. Die Sitze sind zerschlissen und die Anlage dröhnt. Dann gibt es noch die Freak-Taxis, hochgetuned, mit stylishen Sitzbezügen und bunten Graffitis besprayed. In so einem sitze ich. Die Fußpedale des Fahrers leuchten blau, der Schalthebel glänzt metallisch. ýber dem Kopf des Fahres sind Amaturen mit dutzenden von Knöpfen, Kipp- und Drehschaltern, um den 6-fach-CD-Wechsler und die acht über den Wagen verteilte Lautsprecher und zwei im Boden eingelassene Subwoofer zu steuern. Quer durch das Vehikel werden Geldscheine und Münzen hin- und hergereicht, kommentiert von der Zahl der Leute, die an dem Geld beteiligt sind. Die Menge an Geld nimmt von den letzten Sitzen in Richtung des Fahrers zu; genauso die Zahlen. Wer neben dem Fahrer sitzt hat die leidige Aufgabe, das Geld anzunehmen und so lange herumzurechnen, bis das passende Wechselgeld bei den richtigen Leuten angelangt ist. Ich vermute, dass 95% aller diplomierten Mathematiker an dieser Stelle scheitern würden und wette um drei Tagesrationen Reis und Bohnen. Am Berea Center muss ich umsteigen. Mein Taxi fährt weiter zum Workshop; ich schaue der Aufschrift auf dem sich entfernendem Heck nach: "...something for the ladies to talk about". Auf dem Bürgersteig stehen Leute, die auf imaginäre Vögel deuten oder wirre Wellenbewegungen mit der Hand machen. Ich stelle mich daneben und male mit meinem Zeigefinger Kreise in die Luft. Ein Taxi kommt vorbei, der Fahrer streckt die Hand aus dem Fenster und spreizt die Finger. Keiner von uns hat Glück - er fährt eine andere Route. Zuerst hält ein Taxi nach Pinetown für die Leute mit den Vögeln, direkt dahinter noch eins; der Fahrer malt die gleich Kreise in die Luft wie ich, ein bisschen kleiner vielleicht, und hektischer. Ich hüpfe rein und werde für zwei Rand (25 eurocent) zu "The Wheel" gefahren werden. Die Menschen, die zu den südlichen Stränden wollen, müssen weiter warten. An der Ecke zur Point Road zeige ich dem Fahrer an, dass ich hier raus möchte. Er hält vor dem SPAR. Für die ganze Strecke von etwa 30 kilometern habe ich insgesamt sieben Rand bezahlt - einen Euro.

Es ist Mittwoch. Ich hatte am Morgen schon eine lange Diskussion mit Jabu darüber, ob die Jungs zurück zum Shelter dürfen. Sie werden sie nicht wieder aufnehmen. Ich bin frustriert wegen der Kälte, mit der sie mir das mitteilt. Im Fall von Lwazi, Andile und Sakhile kann ich dem leider nichts entgegenhalten, da jene schon das zweite mal weggelaufen sind. Zudem war Lwazi vermutlich der, der die anderen Kinder beeinflusst hat, mitzukommen. Aber ich finde es ungerecht, dass sie eine zweite Chance bekommen haben, Dumisani und N'Jabulo aber keine bekommen sollen. Jabu meint, wir müssen eine stetige Gruppe finden, schließlich blieben uns nur noch fünf Monate, um die Kinder zurück zu ihren Familien zu bringen. Ich muss mich letztlich ihrer Entscheidung beugen. Aber erklär das mal einem 11-jährigen, der in Mülltonnen graben muss, um vorm zu-Bett-Gehen satt zu werden.

Der Ozean ist nicht blau heute, er ist grau. Nicht so grau wie die Straße, aber doch sehr grau. Auch der Himmel ist grau. Die Luft ist kalt, es ist dunkler als sonst. Müll und Blätter wehen über den Bürgersteig. In der Mitte der linken Spur stehen große, gelbe Schilder, dahinter ein Mann, der mit seinem dröhnenden Presslufthammer den Rhytmus der Großstadt wiedergibt. An einem Haus in der Tyzek Street, einer schmalen und düsteren Seitengasse der Point Road, schläft ein kleiner Junge, vielleicht zehn. Ich schaue ihn an und versuche mich daran zu erinnern, ob mir meine Mutter abends vorm zu Bett gehen noch Gute-Nacht-Lieder vorgesungen hat, als ich zehn war. Ich weiß es nicht mehr, glaube aber schon. Auf jeden Fall war sie jeden Abend noch da um mir süße Träume zu wünschen und mir zu sagen, dass sie mich lieb hat. Ich schaue noch einmal dem zusammengekauert schlafenden und vor Kälte zitternden Kind ins Gesicht. Seine Lippen sind rauh. Es lächelt nicht.

Die Tage vergehen ähnlich wie jener erste. Am Freitag bringe ich zusammen mit Richard drei Jungen zu den "Containern", ein "Registrierungs Zentrum" der Stadt für Straßenkindern. Richard muss früh wieder weg zu einem Meeting, und so sitze ich mit Lwazi, Sakhile und Simphiwe mehrere Stunden da, verhandle zwischen der zuständigen Sozialarbeiterin und den Kindern, wie es weiter gehen soll. Endlich finden wir eine Lösung, die allen gefällt: Die Jungs bekommen drei Plätze in Valley View, einem sogenannten "Place of Safety"; kein Shelter mit Programm wie unseres eines ist, aber zumindest ein Ort, an dem sie sicher und umsorgt aufwachsen und zur Schule gehen können. Am Montag muss ich mit ihnen noch beim "Discrict Surgeon" vorbei, um eine kurze Routineuntersuchung wegen eventueller ansteckender Krankheiten durchführen zu lassen. Ein insgesamt erfolgreicher Tag.

"Sometimes they would stand by the road in the mornings during school days, obstructing school children from passing. They used to scare them with a knife."

Ich hatte einen Traum. In meinem Traum stehe ich am Fuß der Treppe in dem Haus meiner Kindheit und Jugend, "daheim", in Deutschland, in Bielefeld. Ich öffne die weiße Haustür mit den zwei viereckigen Glasscheiben, trete hinaus und stehe mitten auf der Point Road. Zwischen dem SPAR und einem Fast-Food-Restaurant sehe ich den Parktplatz unseres Gemeindehauses, die angrenzende grüne Wiese, die großen Fenster in der braunen Ziegelwand. Ich drehe mich um meine eigene Achse, die Straße erstreckt sich zu beiden Seiten ins Unendliche; ich stehe nicht am Anfang, nicht am Ende, nicht in der Mitte, ich stehe einfach irgendwo da drin. Etwas aber irritiert mich und ich brauche einige Momente, um zu realisieren, was es ist: Ich bin der einzige Mensch hier. Kein Auto ist auf den sechs Spuren zu sehen, keine Händler, die Tomaten und �„pfel verkaufen, keine Kinder, die in Mülltonnen nach Essensresten suchen, keine Geschäftsleute, die auf ihre Uhr schauen, während ihre Krawatte vom Küstenwind über ihre Schulter geweht wird. Kein Geräusch, keine Bewegung. Nur ich. Ich möchte zum Strand, möchte das Meer sehen, und laufe ein Stück bis zur Smith Street, die steil über einen kleinen Hügel zur Küste führt. Ich biege links in die kleine Straße ein, rechts von mir erkenne ich das Tong Lok. Ich habe das Gefühl, die grauen, in ein massives Gitter eingelassenen Türen würden sich bewegen, wippen fast unbemerkt nach vorne und hinten, deuten mir an, herzukommen. Ich ignoriere sie und laufe weiter die Smith Street entlang. Schon von der nächsten Kreuzung würde ich den Ozean sehen können. Ich fühle mich beobachtet, angestarrt von tausenden von Augen, die mir meine Hautfarbe bewusst machen, aber es ist niemand hier. Die Straße ist unerwartet steil und ich komme schnaufend an der Kreuzung an - und bin wieder in der Point Road, im Eingang zum Nedbank Circle, dem Gebäude, in dem auch das Street Office ist. Mir fällt nichts besseres ein als hineinzugehen und im Büro vorbeizuschauen. Die beiden billigen weißen Repliken römischer Säulen wirken ungewohnt groß und pompös. Links vom Eingang sitzt Pinky, die rundliche Angestellte der Sicherheitsfirma, die streng Protokoll führt über Jeden, der das Gebäude betritt und verlässt, aber sie sieht mich nicht. Sie sitzt nur da wie eine obligatorische Dekoration, unbelebt, ewig abwesend. Statt der üblichen vier Fahrstühle stehen mir unzählbar viele zur Verfügung, aber ich weiß, das keiner von ihnen in der Etage des Street Office hält. Alle werden sie irgendwo hingehen, aber sicher nicht dorthin, wo ich hin möchte. Mit einem Klingeln öffnen sich die Türen der ersten zwei, in dem verspiegelten Innenraum sehe ich mich mehrmals selbst. Es klingelt wieder, mehr Fahrstuhltüren öffnen sich, das Klingeln wird lauter und scheint schließlich aus einer Richtung zu kommen, aus der Richtung meines Schreibtisches, der langsam in dem Gang auftaucht, während die Fahrstühle verschwinden, um mein Zimmer im Shelter zurückzulassen. Der Wecker klingelt erneut, und ich rolle mich schlaftrunken vom Bett. Es ist Montag. Meine Waden schmerzen bei jedem Schritt, bein Nacken ist noch Steif von dem Festival auf dem wir Samstag Nacht waren. Fünf Uhr dreißig. Draußen ist es noch dunkel. Guten Morgen, Afrika.

Um Acht Uhr wollte ich mich mit den drei Jungs treffen, um sie zum zuständigen Arzt zu begleiten. Es wird halb neun, neun, zehn Uhr. Niemand kommt. Haben sie es sich übers Wochenende doch noch anders überlegt? Scheint mir eher unwahrsceinlich, da die Nächte immer kälter werden. Also gehen wir raus und schauen, ob wir sie nicht irgendwo finden. Es dauert gar nicht lange, da kommt uns Dumisani entgegen. Er berichtet, dass die drei letzte Nacht von der Polizei geschnappt und nach Ottawa gebracht worden seien. Von anderen Kindern hören wir das gleiche. Ottawa ist auch einer dieser "Places of Safety", mit dem Unterschied, dass dieser staatlich ist, und dass es dort fast so rauh und brutal zugeht wie im Tong Lok. Erfarungsgemäß bleiben Kinder nicht lange dort. Wie bitte soll man unter diesen Bedingungen denn arbeiten? Und es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass die Polizei Kinder gegen deren Willen in irgendwelche Shelter verschleppt. Gerade vor größeren Touristen-Events wie dem diesjährigen "Indaba" versuchen die Stadtväter, die Kinder regelrecht von den Straßen zu wischen. Nicht nur, dass es absolut kontraproduktiv ist zu dem was wir tun und wollen, in meinen Augen ist es auch eine krasse Verletzung der Menschenrechte. Aber es hört hier ja nicht auf. Letzte Woche wurden drei ältere Jungs von einem Polizisten verprügelt, weil sie von dem Place of Safety, zu dem sie gebracht wurden, wieder fortgelaufen sind. Thando ist mit ihnen zu einer Polizeistation gegangen, um Anzeige gegen den betreffenden Officer zu erstatten. Zunächst mussten sie fast vier Stunden warten. Als sie endlich ihre Anzeige aufgeben konnten, war die Nacht schon angebrochen. Als Thando am nächsten Tag wieder zur Polizeistation ging, waren, oh Wunder, die Fallnummern verschwunden, und keiner konnte sich an irgendetwas erinnern. Natürlich haben weder der Beamte, gegen den Anzeige erstattet wurde, noch der, der sie aufgenommen hat Dienst. Man könne sie auch nicht einfach herbei ordern und beschuldigen, dafür müsse erst eine Gegenüberstellung mit allen Bematen, die an dem entsprechenden Tag Dienst hatten, arrangiert werden, und so verläuft sich die Sache im Sand der schönen Südstrände.

Ich arbeite lang und es dämmert bereits, als ich das Büro verlassen. Ich schnappe mir ein Taxi zum Markt, von wo ich mir ein zweites nach KwaNdengezi erhoffe. Nachts allein als Europäer über den Markt laufen - wenn man das einem Südafrikaner erzählt, fängt er an, an Gott zu glauben. Die pinken und blauen Leuchtstoffröhren des Woza Nawe erhellen die Stände der Händler, die zwischen abfahrenden und ankommenden Taxis Vorhängeschlösser, Erdnüsse, Kartenspiele und Rasierklingen veräußern. Von hinten ruft mir jemand "Unjani, Mlungu" nach - "Wie geht's dir, Weißer"?. Ich drehe mich um. An einem Laternenpfahl lehnt ein junger Mann, ein paar Jahre älter als ich, seine Freundin im Arm. Ich antworte schnell und entschieden. "Moja, moja! Wena, usaphila na?". Er nickt. "Sharp, bro'er". Er akzeptiert, dass ich hier genau so hin gehöre wie er. Die Gegend ist dir nur so gefährlich, in wie weit du die Unsicherheit und Fremde, die du in dir trägst, auf sie projezierst. Ich schwimme mit dem "Vibe" der Straße.

Es gibt noch viel Arbeit, bis es eine rettende Hand für jeden gibt, der auf dem Rand der Gesellschaft balanciert. Etwa eintausend Straßenkinder in Durban und Umgebung. Korrupte und ungerechte Plizisten. Eine reaktionäre und opportunistische Stadtregierung. Ein florierender Babystrich. AIDS-Infenktionsraten von über siebzig Prozent. Allein in der Point Road elf schwangere Mädchen. Der jüngsten habe ich am Freitag zum Geburstag gratuliert. Sie wurde vierzehn.

In Gedanken versunken starre ich aus dem Fenster im sechsten Stock. Ein Schiff fährt den Querbalken des großen "H" entlang. H, wie in "Hoffnung".


Mehr gibt es auf meiner Homepage:
redsdesk.de

Ein Kommentar zu diesem Bericht schreiben

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Marie schrieb am 16.04.11 um 16:27 Uhr:
Hey

Super toller Bericht!
Es ist toll dass es Leute gibt, die sich sowas trauen!!!

Lisa schrieb am 17.08.10 um 12:29 Uhr:
Hey

krass das du das aushälst mir sind schon beim lesen die Tränen gekommen. aner troztdem gut das du das alles so offen sagst damit auch andere dei Wahrheit wissen.

Einen Kommentar zu diesem Bericht schreiben