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Erfahrungsbericht - Israel

Autor: Martin Jakob
Projekt: Beit Uri
Träger: Tamli - Verein zur Förderung heilpädagogischer Heime in Israel e.V.



Ein Jahr Beit Uri - ein Jahr in Israel, ein Jahr mit ganz neuen Menschen verbringen, eine neue Sprache sprechen, eine (bzw. eigentlich mehrere) neue Kulturen kennen lernen, ein Jahr geprägt von neuen Erfahrungen, von vielen Reisen, von Freiheit, aber auch von viel Arbeit und den ein oder anderen Hindernissen, ein Jahr viel „geben“, aber auch sehr viel „nehmen“ und auch sehr viel wieder nach Deutschland „mitbringen“. Nach drei Monaten schrieb ich über die vielen Herausforderungen, die in Israel und Beit Uri auf mich warteten. Diese Herausforderungen möchte ich wieder aufgreifen und beschreiben, wie sie mir im Laufe des Jahres begegnet sind und wie ich mit ihnen umgegangen bin. Als Volontär in Beit Uri arbeitete ich im „Beit Rishon“, dem „Ersten Haus“ und im Gartenworkshop. Vor allem die Arbeit im Haus war anfangs durch Kommunikationsprobleme erschwert. Dennoch wird man erstaunlich schnell integriert, taucht so immer mehr in die Mechanismen, Regeln und Umgangsformen ein und wird schnell zum integralen Bestandteil des Hauses (und natürlich auch des Arbeitsplanes...). So arbeitete ich meistens morgens von 6 Uhr bis 8 Uhr im Haus, half meinen Bewohnern beim Anziehen, Zähneputzen, Rasieren etc und dann beim Frühstücken. Zwei meiner Bewohner nahm ich dann mit zum Gartenworkshop, wo wir mit mal mehr und mal weniger Unterstützung der Behinderten Beete pflügten, Pflanzen säten, Bäume schnitten, Rasen mähten und vieles ernteten. Meine Experimentierfreudigkeit am Anfang des Jahres verhalf mir zu einigen nachmittäglichen Aktivitäten, so fuhr ich bald regelmäßig zum therapeutischen Schwimmen und Reiten und half und lernte im Musikworkshop und im Chor. Anfangs kam dazu noch der zweimal pro Woche stattfindende Hebräischunterricht, so dass ich fast jeden Nachmittag etwas zu tun hatte. Die Vielseitigkeit meiner Aktivitäten hat mir letzten Endes sehr viele Behinderten sehr nahe gebracht und meinem Arbeitsalltag zu viel Schwung verholfen, so dass ich diesen Teil der Arbeit auf keinen Fall missen möchte. Die hebräische Sprache betrachtete ich am Anfang als eine große Herausforderung, die mich aber auch gleich sehr reizte. Hat man einmal den Einstieg in diese für uns nicht gerade einfach zu lernende Sprache geschafft und merkt man, dass mit steigenden Sprachkenntnissen der Alltag einfacher und schöner wird und das Zugehörigkeitsgefühl steigt, so kann man auch die Motivation finden, sich dieser sehr spannenden Sprache zu widmen. Für die Arbeit in Beit Uri kann schon eine sehr beschränkte Sprachbasis ausreichend sein – ich für meinen Teil hatte aber die Motivation, die Sprache so gut wie möglich zu lernen und versuchte daher, zusätzlich zum Unterricht selbständig zu lernen. Am Ende des Jahres kann ich zwar immer noch nicht richtig Zeitung und Bücher lesen und muss beim Schreiben regelmäßig Wörter nachschlagen (warum gibt es auch 3 unterschiedliche „s“???), bin aber, was Verständnis und Sprechen angeht, mit meinem Erlernten sehr zufrieden.

Auf zahlreichen anfangs meist auf (verlängerte) Wochenenden beschränkten Reisen durch das Land lernten wir viele der schönsten Stellen Israels kennen und tauchten immer mehr in die faszinierende und vielfältige Kultur ein. Neben Ausflügen zu grandiosen Städten und Ausgrabungen lernten wir auch die Natur Israels zu lieben und fuhren regelmäßig in Naturparks, sei es am See Genezareth, am Toten Meer oder in der Negevwüste. Nachdem wir uns „unser“ Land schon weiträumig erschlossen hatten, wuchs der Hunger auf mehr, so dass wir im Frühjahr zwei tolle Reisen planten: Eine einwöchige Tour führte uns von Norden nach Süden durch ganz Jordanien, durch römische und moderne Städte, Naturparks, Moscheen und Kirchen zu Naturparks und Kreuzfahrerfestungen, natürlich auch zu den großartigen Felsengräbern der Nabatäer in Petra und schließlich an die bunten Korallenriffs des Roten Meers (inklusive Panzer mitten in den Korallen!). Bald darauf brachen wir Richtung Ägypten auf und verbrachten drei Wochen in Kairo, in der Lybischen Wüste, in Assuan, Luxor und auf dem Sinai, besuchten Alexandria, die Pyramiden von Gize, den Staudamm von Assuan, einige der grandiosen Tempel entlang des Nils, segelten 3 Tage auf einer Feluke über den Nil, schwitzten in den Gräbern im Tal der Könige, erkletterten den Mount Sinai und schnorchelten im Korallenparadies des Roten Meeres.

Im Laufe des Jahres erlebte ich im Endeffekt mehr, als ich je zu hoffen gewagt hätte und bringe nun einen Schatz von Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen mit nach Deutschland (das Verarbeiten wird vermutlich noch eine ganze Weile dauern..). Auch das Zusammenleben in der Volontärs-WG war am Anfang ein Herausforderung. Wir waren acht Volontäre, sieben Jungs und ein Mädchen und teilten nicht nur Wohnung, Küche und Putzplan sondern auch die Erfahrungen, Fragen und Sorgen, aber auch die Freiheit des Volontärs-Daseins, den Spaß am Leben und den neuesten Beit-Uri-Klatsch. Im Laufe der Zeit wurde so aus einer anfangs mehr oder weniger zufällig aus ganz Deutschland zusammengewürfelten Gruppe eine wirkliche „Wohngemeinschaft“, in der jeder seinen ganz besonderen Platz einnahm. Natürlich gab es auch die ein oder anderen Probleme, im Endeffekt kann man aber sagen, dass wir eine sehr gute Gruppe waren und sicher auch nach dem Ende unseres gemeinsamen Jahres nicht den Kontakt verlieren werden. Auch das Verhältnis zu den Verantwortlichen in Beit Uri war nicht immer problemlos. So mussten wir einige grundlegende Dinge wie die Auslegung des Vertrages mit der Leitung Beit Uris erst klären, konnten uns aber letztendlich meistens einigen – wobei wir unsere Vorstellungen nicht immer voll umsetzen konnten. Auch mit den Verantwortlichen in den einzelnen Häusern kam es hin und wieder zu Problemen, vor allem wenn es um die Erstellung des Arbeitsplanes ging. Vor allem anfangs ist es einfach schwierig, seine eigenen Vorstellungen und Wünsche durchzusetzen, wenn eine sprachliche Barriere besteht. Oft waren wir Volontäre auch „Notnagel“, wenn z.B. ein Arbeiter ausfiel, waren wir immer erste Ansprechstation – vor allem, da wir quasi ständig verfügbar waren. Es fällt nicht leicht, dann hin und wieder auch „nein“ zu sagen. Zu den meisten Kollegen im Beit Rishon entwickelte ich aber über das Jahr hinweg ein sehr gutes Verhältnis, sodass die Arbeit meistens Spaß machte. Im Nachhinein wurde mir klar, wie unglaublich vielfältig mein Jahr in Israel und Beit Uri war. Ich habe in so vielen unterschiedlichen Bereichen Erfahrungen gemacht und so viele verschiedene Dinge gelernt.

Nach meiner Rückkehr wurde ich nun sehr oft auch gefragt, wie ich denn nun den Israelisch-Palästinensischen Konflikt beurteile. Eine Antwort auf diese Frage muss meiner Meinung nach bei der unglaublichen Komplexität und vielfältigen Ausprägung dieses Konflikts anfangen. So lernte ich im Laufe des Jahres viele unterschiedliche Menschen und damit unterschiedliche Sichtweisen auch auf die politische Lage kennen. Ein Israeli, der Verwandte in Terroranschlägen verloren hat und dessen Kinder vom Krieg mit dem ständigen Luftalarm traumatisiert sind, ist natürlich überzeugt davon, auf der „guten“ Seite zu stehen und in voller Legitimität zu handeln. Ebenso ist ein Palästinenser, der durch die Mauer Job und Zukunftsperspektive verloren hat und täglich Demütigungen an Checkpoints und Roadblocks ausgesetzt ist, verständlicherweise nicht gut auf Israel zu sprechen. Durch die vielen persönlichen Sichtweisen wird der Konflikt zwar nicht einfacher zu beurteilen, aber transparenter und man beginnt, die Komplexität und damit die Verfahrenheit zu verstehen. Im Laufe des Jahres konnte ich mir so mein ganz eigenes Bild vom Nahostkonflikt zeichnen. Auch wenn ich mich nun nicht einer Konfliktpartei zuordnen kann und will, kann ich doch beide Seiten besser verstehen und begreifen, wie schwierig die Suche nach Kompromissen und Lösungsansätzen ist und sein wird. Im Laufe des Jahres lernte ich Israel und seine Kultur ebenso wie Beit Uri und seine Bewohner zu schätzen und zu lieben. So wie Israel ein in vielerlei Hinsicht sehr besonderes Land ist, ist Beit Uri ein sehr besonderer Platz. Sieht man das Lächeln in den Gesichtern der Behinderten, dann weiß man, dass es ihnen gut geht in Beit Uri. Ich bin froh und stolz, dass ich ein Jahr dazu beitragen konnte, aus Beit Uri so einen besonderen Ort zu machen. Ich glaube, ich kann sagen, dass mein Jahr in Beit Uri ein sehr sinnvolles Jahr war. Sinnvoll für Beit Uri und seine Bewohner, da ich hier wirklich helfen konnte und meine Kraft für etwas Gutes einsetzen konnte. Und sinnvoll für mich, da das Jahr mir persönlich sehr viel gebracht hat. Oft spricht man davon, dass man seinen „Horizont erweitert“. Ich kann sagen, dass diese Metapher auf mein Jahr in Israel voll zutrifft und ich bin glücklich darüber.

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