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Erfahrungsbericht - Israel

Autor: Franz Dieckmann
Projekt: Beit Uri
Träger: Tamli - Verein zur Förderung heilpädagogischer Heime in Israel e.V.



Drei Monate in Israel, drei ziemlich gute Monate, drei Monate die sehr anders waren als alle bisherigen drei Monate. Also was ist anders an diesen drei Monaten?

Erst einmal habe ich gelernt eine Waschmaschine zu bedienen. Ich bin in der Lage genießbares Essen zu bereiten und zu backen. Gut zugegeben dafür muss man nicht nach Israel fahren, aber da ist noch mehr. Zum Beispiel Beit Uri. Beit Uri kann man im Prinzip als kleine grüne Insel betrachten. Es ist eine eigene kleine Welt in der alles drum herum keine Rolle spielt und in genau dieser Welt lebe ich mitten drin. Seit drei Monaten ist Beit Uri nun mein Arbeitsplatz und mein Zuhause. Anfangs noch neu, ist mittlerweile alles vertrauter Alltag geworden. Jeden Morgen trete ich nun meist noch etwas verschlafen durch die Tür unserer Wohnung unterm Beit Schlischi, dem dritten Haus, und denke mir allmorgendlich: "Wow ist in Israel geiles Wetter". Daraufhin Wünsche ich jedem den ich sehe "Bokär tow" zu deutsch "Guten Morgen" und finde mich so viertel vor Acht am Tor ein um die "Externim" Schmoel und Sarah zu empfangen. Die Externim sind alle die Kinder die nur tagsüber in Beit Uri betreut werden. Sind die Kinder eingesammelt schlendert man Hand in Hand langsam in Richtung Schule, merkt zum zigsten Mal, dass vor um Acht noch niemand die Tür aufgeschlossen hat und setzt sich eine Runde auf die Bank. Ein paar Minuten in die Morgensonne blinzeln. Herrlich. Galina kommt. Genug sinniert. Kinder an die Hand genommen und ab in die Klasse. Jacke ausziehen, Schmoel füttern. Ich hab bis heute nicht begriffen, warum er nicht schon zu Hause essen kann. Naja egal.

Schmoels Teller ist halb leer und die restlichen vier Kinder kommen in die Klasse gelaufen. Jetzt ist Leben im Raum. Osher verteilt lautstark sämtliche Bauklötze gleichmäßig auf dem Fußboden. Nathanel auf der ständigen Suche nach Unfug, wühlt in den Schränken herum, in denen er eigentlich nix zu suchen hat. Tamir versucht mich dazu zu bringen ihm Wasser einzugießen und Chen nutzt den unachtsamen Moment um einmal kräftig mit der Hand in Schmoels Frühstück zu langen. Das hört sich jetzt nach großer Überforderung an, ist es aber gar nicht. Denn da sind ja auch noch Galina und Svetlana, die das Chaos überwachen und schon mal den "Morgenkreis" vorbereiten. Alle sind im Kreis versammelt, halbwegs ruhig, in der Mitte steht eine Kerze und wir sprechen das Morgengebet, dass ich bis heute noch nicht ganz reibungslos kann. „Wir“ sprechen ist eigentlich auch etwas übertrieben, denn im Grunde kann nur Nathanel sprechen und das tut er auch nur wenn er gerade Lust dazu hat. Also singen nur Sveta und Galina noch ein Liedchen und dann wird jeder einzeln begrüßt. Es folgen noch eine Menge anderer Lieder, von denen ich vielleicht die Hälfte maximal zu Hälfte mitsingen kann, geschweige denn verstehen. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Meine Aufgabe ist es sowieso eher dafür zu sorgen, dass alle das tun was sie gerade sollen. Zum Beispiel je nach Inhalt des Liedes den Regen oder Wind imitieren, Ohr, Nase und Bein anfassen, Hand in Hand durch den Schulflur hüpfen oder schlichtweg still sitzen. Des Weiteren lernen wir schon seit längerem die Wochentage und das Zählen bis Zehn. Es ist allerdings schwer nachzuvollziehen ob es was gebracht hat, da wie gesagt die Meisten Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren und selbst wenn wäre ich mir nicht so sicher das jemand, abgesehen von Nathanel, die Lektion begriffen hat. Ja lernen ist ein sehr sehr langwieriger Prozess, aber gerade was praktische Tätigkeiten angeht nicht unmöglich. Danach geht es zur so genannten „Tierecke“, dem Zuhause von sechs Kaninchen, mindestens genau so vielen Meerschweinchen, einem Leguan und diversen Wellensittichen. Nachdem alle Kinder auf einen Stuhl verfrachtet sind, beginnen wir Gemüse zu Salat zu verarbeiten. Besonders stolz bin ich hierbei jedes Mal auf Tamir, da er mit ein paar Hilfestellungen mittlerweile alleine schneiden kann. Ansonsten muss ich noch darauf achten, dass das Gemüse nicht in den Mündern der Kinder verschwindet, anstatt in den Futtertöpfen. Ist das getan, darf noch jeder ein bisschen die Kaninchen und Meerschweinchen streicheln. Ich möchte allerdings nicht gerne in der Haut von so einem Meerschweinchen stecken, dem gequetscht und geschlagen, Mohrrübe mit Macht ins Gesicht gedrückt wird. Ich habe sogar eine Geschichte gehört, bei der ein Member versucht hat ein eines zu essen. Ansonsten führen die Tiere aber ein ruhiges zufriedenes Leben. Haben die Kinder dann genug von den Tieren (oder umgekehrt), spazieren wir zurück in die Klasse und nehmen unser zweites Frühstück zu uns. Das heißt für mich ist es das Erste, aber ich esse ja auch nicht mit, sondern kann zwanzig Minuten Pause machen. PC an. Wasserkocher an. Milch auf die Cornflakes. Milch auf den Kaffee. Emails checken und gucken was die Tagesschau so über die Welt zu berichten hat. Zurück bei den Kindern kann ich noch ein paar Früchte abgreifen, dann sind auch sie mit dem Essen fertig. Nacheinander werden die Kinder auf Toilette gesetzt bzw. die Windeln gewechselt. Selbst hierbei sollte man gewissenhaft arbeiten, denn ist nix in der Toilette, ist es wenig später in der Hose und wer bietet sich da besser an als der Volontär um das Chaos zu beseitigen. Eigentlich hat man sich aber schon nach wenigen Wochen auch an diese Arbeiten gewöhnt.

Sind alle Kinder soweit, geht es zum Musikunterricht mit Alina. Der läuft meistens folgendermaßen ab. Die ersten zehn Minuten der Musikstunde, wohne ich einer Unterhaltung in russisch bei, bei der, wie ich vermute, der neuste Klatsch von Beit Uri ausgetauscht wird; aber wer kann das schon so genau sagen. Danach setzt Alina sich ans Klavier und wir singen wieder verschiedenste Lieder, je nach Jahreszeit oder anstehendem jüdischen Feiertag. Wie sich das mit dem Singen verhält, habe ich ja schon weiter oben erwähnt. Aber den Kindern gefällt es glaub ich trotzdem. Gerade Sarah, die nicht sehen kann, tut Musik sehr gut. Osher dagegen fällt lange stillsitzen äußerst schwer und freut sich um so mehr über das anschließende Tanzen. Als Kreis, in einer Schlange oder in kleinen Gruppen wird sich zur Musik gedreht und gelaufen. Sehr einfach aber lustig. Schmoel versteht allerdings oft den Umstand falsch und meint beide Beine anklappen zu müssen, sowie seine beiden Hände von jemand anderem gehalten werden. Sonst wäre Arbeit auch zu leicht. Dann ist die Musikstunde auch schon zu Ende und wir gehen ein paar Runden durch Beit Uri. Fast immer enden wir am Spielplatz. Hier gibt eine Schaukel die Kinder- und Arbeiterwünsche gleichermaßen befriedigt. Vier Kinder können gleichzeitig schaukeln, was auch heißt sie können nicht weglaufen. Damit bleiben nur noch Osher und Nathanel. Da Osher tendenziell draußen eher keinen Unfug macht, bleiben sechs wachsame Augen für Nathan. Da kann man schon mal ein Auge etwas entspannen. „Ach ist in Israel geiles Wetter“. Nach einer Weile müssen wir dann auch wieder zurück. Diesmal jedoch nicht in die Klasse, sondern in die „Dira Jelladim“ übersetzt „Kinderwohnung“, denn es ist inzwischen schon halb eins und gibt Mittag.

In der Dira kommt mir auch gleich Marcelle entgegen und fragt ob ich mit ihr heute den Müll wegbringe. Auch wenn ich diese Frage verneine, weil ich nur bis vier arbeite, werde ich sie noch öfter hören. So wie einige andere Standardsätze, wie „Du bist schön“ abgewechselt von „Bin ich schön?“, „Ist morgen Schule?“ und „Ich bin hier“. Ansonsten ist Marcelle vergleichsweise selbstständig und hilft schon mal beim Tisch decken. In großen Schüsseln kommt ein immer zerkochtes, vegetarisches und selten leckeres Mittagessen auf den Tisch. Sowie Svetlana das OK gibt, werden denen, die eins brauchen Lätzchen umgebunden, ein Tischgebet gesprochen und die Schlacht kann beginnen. Ich sitze mit Tamir, Marcelle und Juwal an einem Tisch. Während Marcelle noch halbwegs zivilisiert essen kann, schaufelt Tamir fünf Zentimeter über dem Teller, sich das eine Ohr zuhaltend, sein Essen in den Mund. Es geht zwar einiges neben den Teller, aber selber bleibt er vergleichsweise sauber. Juwal dagegen kann zwar die Gabel einigermaßen treffsicher zum Mund führen, neigt allerdings dazu in kurzer Zeit eine möglichst große Menge zu essen und gleichzeitig noch Sprechversuche zu unternehmen. Außerdem vergisst sie manchmal ihre guten Manieren und fängt an mit den Fingern zu essen. Das Resultat des ganzen ist gerade wenn es Rote Bete gibt, im ganzen Gesicht zu betrachten. Danach gibt es für jeden noch die Wahl zwischen Tee und Kakao, es wird ein weiteres Tischgebet gesprochen und die Aktivitäten des Nachmittags geklärt. Ist das getan müssen alle auf Toilette, Zähne putzen gegebenenfalls duschen und ins Bett. Ich bin dabei für die vier Externims und Tamir zuständig. Sofern Gilbert, die Hauschefin, arbeitet bekommt man danach noch einige andere Aufgaben aufgedrückt, doch heute kann ich, unter dem Vorwand aufzupassen, ins Zimmer der Kindern entfliehen. Da außer Tamir und Sasha dort mittlerweile alle in den Schlaf gesunken sind, fallen auch meine Augen schnell zu und ich sinke für eine Stunde in einen unruhigen Schlaf, durchbrochen von vereinzelten Schreien Tamirs. Nicht das er irgendein Problem hätte oder vorhatte mich zu wecken, sondern ich glaube er hört sich einfach nur gerne mal schreien. Um kurz vor drei kommt Ali rein, weckt mich und danach die Kinder. Ich muss feststellen das Tamir die Stunde mal wieder nicht durchgehalten hat und einen großen nassen Fleck auf dem Bettlacken hinterlassen hat. Während ich Hose und Bettlaken wechsle, beginnt Ali sich auf einem Handtuch nieder zu knien und Richtung Mekka zu beten. All das ist ziemlich alltäglich und auch ich schenke dem keine große Beachtung mehr. Nach dem Schlafen gibt es einen kleinen Fruchtimbiss und bis auf die die zu den Werkstätten müssen, gehen alle zum spielen ins Wohnzimmer. Jeder tut jetzt das was er kann und mag. Die Möglichkeiten reichen da von gar nix, über wild mit dem Armen fuchtelnd im Zimmer umherzulaufen, bis zu den deutschen Freiwilligen dazu zu bringen „Bruder Jakob“ zu singen. Aber man kann die Zeit auch damit vertreiben sich wie Sasha die Schuhe ständig an und aus zu ziehen oder wie Osher alle Bauklötze der Packung in exakt einer Reihe anzuordnen, um sie dann wieder in den Karton zu tun und von vorne anzufangen. Es gibt auch etwas komplexere Spielsachen wie Puzzle, doch gibt es nur drei Kinder die damit was anfangen können (Wenn man davon ab sieht das für einige noch zerreißen und drauf herum kauen in Frage kommt). Jetzt stellt sich natürlich noch die Frage was ich in der ganzen Zeit neben „Bruder Jakob“ singen noch so mache. Erst einmal natürlich aufpassen, dass keiner aus dem Zimmer rennt oder irgendwelche Einrichtungsgegenstände zu Bruch gehen. Ansonsten noch „Hoppe hoppe Reiter“, Osher kräftig durchkitzeln, Tamir kräftig durchkitzeln, Juwal mit Kissen bewerfen und „Hi Five“ mit Marcel. So in der Art geht es noch bis Vier, dann gehen die Kinder zur Musikstunde und ich nach Hause. Ich löse mich mit meinem Mitfreiwilligen Lukas ab, der seit Mittag frei hatte und jetzt noch bis 20 Uhr arbeiten wird.
So oder so ähnlich sehen meine Arbeitstage aus. Es gibt einen sehr geregelten, sich wenig verändernden Alltag und nach dem ersten Monat dachte ich hätte alles gesehen in Beit Uri. Interessant war dann aber festzustellen, dass dem nicht so ist. Die Veränderungen sind nach dem ersten Schwall an neuer Erfahrung einfach nur kleiner geworden. Nach und nach verwächst man immer mehr mit dem Heim. Man lernt die Arbeiter und vor allem seine Kinder immer mehr kennen. Man erkennt ihre Macken, ihre Vorlieben und Fähigkeiten und stellt fest, dass man in ihrem Leben nicht nur eine Person ist, die sie duscht oder ihnen das Essen bereitet, sondern auch immer mehr eine Rolle als Freund spielt.

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