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Erfahrungsbericht - Kirgisien

Autor: Lara T.
Projekt: Straßenkinderheim
Träger: VIA e.V. - Verein für internationalen und interkulturellen Austausch



1. Bericht


Das Jahr 2008 ist vorbei und damit auch meine ersten drei Monate in Kirgistan, daher möchte ich meine Erlebnisse der bisherigen Zeit hier in Bischkek zusammenfassen.

Am 26. September 2008 hatten wir zum ersten Mal kirgisischen den Boden unter unseren Füßen. Direkt nach Ankunft wurden wir von Perisat, unserer Betreuerin hier vor Ort, abgeholt. In den ersten Tagen war mir hier alles sehr fremd und ich musste mich erst einmal neu orientieren, v.a. die Sprache machte mir Schwierigkeiten, doch die Kirgisen haben sich gut um mich bemüht, sodass mir alles Wichtige klar gemacht wurde.

An unserem ersten Arbeitstag sind wir, das bedeutet Emanuel, der andere weltwärts’ler, und ich, von Perisat zum Kinderheim begleitet worden, dort wurden noch einige organisatorische Dinge, wie zum Beispiel die Arbeitszeiten, geklärt.

Wir arbeiten im Центр Реабилитации
Беспризорных Детей in Bischkek, ein Kinderheim für ‚verwahrloste Kinder’ bzw. Straßenkinder. Dort wohnen zwischen 70 und 75 Kindern, welche 3 bis 17 Jahre alt sind. Die Kinder haben entweder keine Eltern, die Eltern sind nicht bekannt, kommen direkt von der Straße, oder sie können nicht zuhause wohnen, da die Familienverhältnisse es nicht zulassen, so gibt es zum Beispiel einige Alkoholikereltern. Diese Kinder schlafen, essen, spielen, streiten, lernen und leben im Kinderheim.

Anfangs war es sehr schwierig sich an den Alltag im Kinderheim zu gewöhnen. So ist die Gewaltbereitschaft unter den Kindern sehr groß und für mich, als Europäerin, die in guten Verhältnissen aufgewachsen ist, nicht verständlich. Und so gab es noch viele andere Unterschiede, an die man sich erst einmal dran gewöhnen musste.

Doch nicht nur wir mussten uns an alles gewöhnen, sondern auch die Kinder mussten uns erst einmal kennen lernen und akzeptieren. Inzwischen haben die Kinder sich an mich gewöhnt und ich mich auch an die Kinder, kenne die meisten Kinder mit Namen und teilweise auch ihre erschütternden Lebensgeschichten.

Laut dem Chef sollen wir unser Aufgabengebiet selber suchen, sodass ich mich mit den Kindern beschäftigt habe, soweit es meine Sprachkenntnisse zuließen. So half ich einigen Kindern beim Lesen lernen und bei den Hausaufgaben. Auch habe ich versucht ihnen ein paar Umgangsformen beizubringen, sodass wenn sie etwas wollen, darum bitten oder auch, dass sie sich bei den anderen entschuldigen, wenn sie sich geschlagen haben. Kleine Erfolge zu sehen, ermuntert mich weiter, ihnen solche friedlicheren Umgangsformen zu zeigen und beizubringen.

Ich lebe hier in einer kirgisischen Gastfamilie 10 Gehminuten vom Kinderheim entfernt. Meine Familie besteht aus Vater, Mutter, sowie 3 kleinen Töchtern im Alter von 8 Jahren, 5 Jahren, sowie einer Frischgeborenen (30. Dezember 08). Meine Familie hat mich hier sehr gut aufgenommen, zeigt mir die kirgisischen Gegebenheiten und Bräuche und hilft mir immer, wenn ich Hilfe brauche. Eine Frage, welche mich sehr beschäftigt, ist die nach der Sinnhaftigkeit von Spenden. So wurden am Neujahrsfest viele Spenden, in Form von Schokolade, Spielzeug und auch Socken dem Kinderheim dem Kinderheim übergeben. Die Schokolade und die Socken haben die Kinder direkt von den ausländischen Spendern erhalten, doch das Spielzeug kam in einem großen Pappkarton an, und ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, wurde dieser Karton von den Mitarbeitern in eine Rumpelkammer gestellt, die schon voll mit Spielzeug und anderen Klamotten war. Da sieht man zwar, dass Spenden im Projekt ankommen, doch bei den Kindern eben doch nicht. Wie sinnvoll ist es deshalb zu spenden? Meine Pläne für die mir noch verbleibende Zeit ist es, noch sinnvoller mit den Kindern zu arbeiten, und sie in ihrer schulischen, sowie persönlichen Förderung zu unterstützen und zu fördern.


2. Bericht


Wieder sind 3 Monate vorbei und mir kommt es so vor als wären sie im Fluge vergangen, was einerseits natürlich zeigt, dass ich hier einen festen Alltag habe und gar nicht bemerke, wie schnell die Zeit eigentlich vergeht, andererseits macht es mir Angst, denn es bedeutet dass die Halbzeit vorbei ist und die Uhren für mich in Kirgistan jetzt rückwärts laufen.

Im Januar habe ich sehr an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit im Kinderheim gezweifelt, denn was machen wir außer ein bisschen mit den Kindern zu spielen? Was bringt es ihnen, dass hier 2 weltwärts-Freiwillige sind? Doch die Frage nach der Sinnhaftigkeit konnte ich mir nach mehr Abstand vom Kinderheim selber beantworten mit der Antwort, dass ich selber zuständig dafür bin, wie sinnvoll meine Arbeit ist. So habe ich jetzt angefangen Englisch zu unterrichten und mehr mit LÜK (eine großzügige Spende meines Onkels) zu arbeiten. Außerdem durfte ich feststellen, dass es für die Kinder schon schön ist, wenn man nur da ist, sich mit ihnen unterhält (was durch wachsende Sprachkenntnisse auch immer besser klappt), und Interesse für ihre Wünsche und Ängste hat.

Abstand vom Kinderheim konnte ich durch verschiedene Feiertage, den Besuch von Rike (weltwärts- Freiwillige in der Mongolei) vor und nach dem Zwischenseminar, sowie durch das Zwischenseminar gewinnen.

Das Zwischenseminar fand vom 21.-25. Januar im Dorf Орто-Сай statt, was für uns Kirgisen keine weite Anfahrt erforderte, einerseits gut, denn so haben wir uns in die Marschrutka gesetzt, sind 20min gefahren und wieder ausgestiegen und waren da, andererseits hätte man natürlich auch noch gerne ein anderes Land gesehen wie die Anderen, denn die es waren weltwärts-Freiwillige aus Kasachstan, China, der Mongolei und Georgien angereist. Es war sehr interessant, was die Freiwilligen aus den anderen Ländern erzählt haben, was sie genau machen, wie es ihnen ergeht, und es war spannend zu merken, dass es ähnliche Probleme gibt. Durch das Seminar und auch durch den Abstand zum eigenen Projekt hat man noch einmal eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge bekommen. Auch kam für mich während dem Seminar die Frage auf, wieso ich mich so sehr an die kirgisische Kultur und dessen Lebensstandard anpasse. So meinte eine andere Freiwillige, dass sie gekommen ist, um in dem Projekt zu arbeiten, aber deshalb keineswegs auf soviel verzichten müsse. Für mich war es immer klar, dass wenn ich in ein anderes Land gehe, ich auch versuchen sollte, soweit wie möglich anzupassen, natürlich ohne mich selber dabei aufzugeben. Je mehr ich über die Aussagen von der anderen Freiwilligen nachdachte, desto mehr merkte ich, dass sie einerseits schon recht hat. Ich bin schließlich hier, um im Kinderheim zu arbeiten, wieso sollte ich dann also auf eine Dusche im eigenen Haus, eine fest installierte Toilette etc. verzichten. Denn damit helfe ich dem Land ja nicht. An diesem Punkt merkte ich, dass ich mich aus reinem Egoismus an diese Kultur anpasse, um selber zu sehen, wie sie es sehen, um zu spüren, wie sie es spüren, um zu leben, wie sie leben. Für mich ist dies sehr wichtig und so werde ich mich auch noch mehr in diese Kultur einfinden, soweit ich die Möglichkeit habe, denn dadurch kann ich nur dazugewinnen. Außerdem sehen so auch die Kirgisen, dass ich mich an ihre Kultur anpassen will und so wird die gemeinsame Basis größer.

Wie schon angeklungen ist, lebe ich hier in kirgisischen Verhältnissen, was für mich persönlich bedeutet, dass ich wohl in der besten kirgisischen Familie gelandet bin, die ich mir vorstellen kann. Was auf keinen Fall bedeutet, dass andere Familie schlechter seien, aber sie sind eben nicht meine. Wir bringen uns gegenseitig viel bei, so helfe ich meiner größten Gastschwester, sie ist 8 Jahre alt, und meiner Gastmutter Englisch zu lernen, bringe ihnen bei europäisch zu kochen und zu backen, v.a. Kuchen, und wenn sie mal einen Babysitter für meine kleinste Gastschwester (3 Monate) brauchen, helfe ich auch aus. Im Gegenzug bringen sie mir Russisch und inzwischen auch Kirgisisch bei und zeigen mir, wie man kirgisische Gerichte zubereitet. Es passiert fast täglich, dass ich mit meiner Gastmutter stundenlang in der Küche sitze, wir Tee trinken und sie mir über kirgisische Eigenheiten, Sagen, Bräuche, Traditionen und Geschichte erzählt und ich ihr über Deutschland, Europa und Chile.

Woran ich mich noch nicht gewöhnt habe, ist der ständige Wechsel der Kinder im Heim. So kommen ständig neue Kinder und bevor man sich versieht, sind sie wieder weg, meistens ohne das man weiß, wohin sie sind und was sie jetzt machen. Als mein Chef das letzte Mal Kinder nach Tokmok ins Kinderheim gebracht hat, meinte er zu mir, dass es traurig sei, er habe schon viele Kinder Kommen und Gehen sehen, doch so sei das eben, wir sind nur ein Rehabilitationszentrum, sprich: ein Heim auf Zeit für die Kinder, danach gehen sie wieder nach Hause, auf ein Internat oder in ein richtiges Kinderheim. Aber es ist schwer, wenn man sich immer an Kinder gewöhnt und auf einmal sind sie wieder weg.





In meiner Freizeit hier treffe ich mich mit Freunden, meist kirgisische, oft deutsche und manchmal russische. Mit ihnen gehe ich in den Park, shoppen oder wir besuchen uns gegenseitig, so werde ich z.B. zu kirgisischen Feiertagen eingeladen oder aufs Land eingeladen. Was mir dabei öfters auffällt ist, dass es für Kirgisen sehr schwer ist ein Visum für ein europäisches Land zu erhalten und das finde ich teilweise nicht ganz fair. So will z.B. meine Gasttante auf einer Universität in Deutschland ihren Master machen, sie hat die Zusagen von einer staatlichen Universität, an der sie 1 Semester lang Deutsch lernt, sowie die Zusage von der privaten Universität, an der sie dann studieren wird, außerdem hat sie genügend Geld auf dem Konto, sowie einen spanischen Sponsor, und trotz alledem muss sie ihren Flug immer und immer weiter rausschieben, da die Botschaft ihr das Visum immer noch nicht gibt. Und wenn man überlegt, wie einfach die Deutschen ein Visum für Kirgistan und auch sonst eigentlich die meisten Länder bekommen, beruht das ja sicherlich nicht auf Gegenseitigkeit. Aber ich selber verstehe wahrscheinlich einfach zu wenig von der Visa-Politik. Würde es aber begrüßen, wenn mehr Menschen das gute Studium in Deutschland in Anspruch nehmen könnte, um damit ihrem Land weiter zu helfen.

Um mein erstes halbes Jahr zu beschreiben, würde ich sagen, dass es Höhen und auch Tiefen gab, und zwar nicht zu wenige. Doch als es mir in der Gastfamilie so schlecht ging und ich dann umgezogen bin, haben die Kinder im Heim meine Stimmung immer wieder hochgezogen, andersrum war es dann, als ich an dem Sinn meiner Arbeit gezweifelt hab, da hat meine Gastfamilie meine Stimmung hochgezogen, sodass meine Stimmung nie den ganzen Tag am Boden lag. Doch jetzt gerade, ist das Leben einfach nur super.

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