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Erfahrungsbericht - Spanien

Autor: Julia
Projekt: Taller Rafae
Träger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. 



Im Moment ist es für mich etwas schwierig eine Distanz zu finden, aus der ich zusammenfassend über das vergangene Jahr berichten kann, da meine Rückkehr gerade erst hinter mir liegt. Trotzdem möchte ich versuchen einen kleinen Einblick in meine jüngste Erfahrungswelt zu vermitteln.

Ich habe das vergangene Jahr über in einer heilpädagogischen Einrichtung in Madrid gearbeitet. Das „ Taller Rafael " ist ein Zentrum , in dem 38 geistig Behinderte in verschiedenen Werkstätten arbeiten und in unterschiedlichen Bereichen je nach Möglichkeiten und Bedürfnissen gefördert werden. Im Moment gibt es eine Kerzen-, eine Textil- und eine Papierwerkstatt, wobei allerdings nur letztere richtig auf eine spätere Arbeit vorbereiten soll, dementsprechend auch Aufträge bekommt und sehr produktiv arbeiten muß. Da die Behinderten ganz unterschiedlich Hilfe benötigen und neben der geistigen Behinderung oft auch körperliche Schwächen hinzukommen, wird versucht durch verschiedene Aktivitäten den Einzelnen in seinen Fähigkeiten zu fördern und zu neuen Selbsterfahrungen durch das Erproben neuer Aufgaben anzuregen. So gibt es beispielsweise Musik-, Bewegungs- und Theatertherapien, eine Förderung des Lesens, Schreibens und Rechnens in kleinen Gruppen, eine kleine Gärtnerei, in der sich jede Werkstatt etwas beteiligt, Einzelgespräche mit der Psychologin zur Förderung der Selbständigkeit, einen Gesprächskreis für die Schwerstbehinderten um das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zu schulen und tägliche Spaziergänge für die gleiche Gruppe. Diese Aktivitäten sind von großer Wichtigkeit, da sie auf der einen Seite einen wirklich nötigen Ausgleich zur Arbeit in der jeweiligen Werkstatt geben können, auf der anderen Seite aber auch das Potential und die Kreativität des Einzelnen anregen und stärken.

Um erst einmal einen Eindruck von der Arbeit in der Einrichtung zu bekommen und mich etwas orientieren zu können, wanderte ich in den ersten drei Wochen durch die verschiedenen Werkstätten und nahm auch an den anderen Aktivitäten teil. Dies half mir ein Bild zu bekommen, bevor ich dann fest für meinen Bereich eingeteilt wurde. Im ersten halben Jahr hatte ich einen sehr breitgefächerten Tagesablauf, da es großen Personalmangel gab und eigentlich bei jeder Aktivität Hilfe gebraucht wurde. So wirkte ich in dem kommunikations-fördernden Morgenkreis, in der Musik- und Theatertherapie und in der Textilwerkstatt mit, begleitete die nachmittags Spaziergänge und auch die tägliche Busroute, die einen Teil der "chicos" am Morgen von ihren elterlichen Häusern abholt und nach verrichteter Arbeit wieder heimbringt.

Diese erste Zeit war auf vielerlei Weise sehr intensiv. Auf der einen Seite machten es mir die Behinderten durch ihre offene und herzliche Art sehr leicht sie kennenzulernen, jeden Einzelnen mit seinen Besonderheiten wahrzunehmen und mich in ihrer Gemeinschaft wohlzufühlen, aber auf der anderen Seite war ich auch mit sehr vielen neuen Aufgaben konfrontiert, auf die ich mich erstemal einstellen mußte und bei denen ich mir eine Einführung und mehr Unterstützung von Seiten der Mitarbeiter gewünscht hätte. Da es aber wegen großen Umstrukturierung für alle eine ziemlich schwierige Zeit war, fühlte ich mich etwas ins kalte Wasser geworfen, was mich allerdings auch anspornte mich autodidaktisch an die Dinge heranzutreten. Dadurch, daß mich die Vielseitigkeit meiner Arbeit sehr begeisterte und ich große Lust hatte möglichst viel kennenzulernen und aufzunehmen, konnte ich anfangs auch ziemlich viel Energie für herausfordernde Situationen aufzubringen.

Durch den Gesprächskreis, meine Therapiegruppe und die Spaziergänge begleitete ich eigentlich größtenteils die„ chicos " mit den schwersten Behinderungen, die also die meiste Hilfe benötigen. Da die Aktivitäten sehr verschieden waren, hatte ich die Möglichkeit sie ganz intensiv kennenzulernen und ehrlich gesagt sind wir in dieser Zeit stark zusammengewachsen. Dabei waren die Stunden der Therapien für mich eigentlich die faszinierendsten, da man dort so wunderbar beobachten konnte, daß gerade bei diesen "chicos ", die mit der verbalen Kommunikation sehr große Schwierigkeiten haben, Musik, Rhythmus und Bewegungen ganz andere Dinge ermöglichen und sie anders erreichen. Es war sehr bereichernd mit ihnen gemeinsam die Jahresfeste, Lieder zu den entsprechenden Jahreszeiten und kleine Schauspiele vorzubereiten, also die festliche Seite des Jahres mitzugestalten und die großen Freuden mitzuerleben.

Obwohl ich gerade in der ersten Zeit sehr motiviert war, waren die langen Arbeitszeiten und die sehr zeitige Übernahme von Verantwortung über einzelne Gruppen eine sehr starke Belastung, zu der natürlich auch noch sprachliche Hürden dazukamen. Ich lebte mich relativ schnell ein und durch einige Vorkenntnisse kam ich auch sprachlich einigermaßen zurecht und trotzdem habe ich mich von bestimmten, schwierigen Situationen oft überfordert gefühlt.

Ab der Mitte des Jahres war ich dann überwiegend in der Textilwerkstatt, was für mich noch einmal eine ziemliche Umstellung war. Mir fiel es anfangs etwas schwer die neue Arbeitssituation anzunehmen, da ich in den anderen Aktivitäten gerade so schön Fuß gefaßt hatte, allerdings stellte es sich dann bald auch als eine Chance heraus, mich stärker in einem einzigen Bereich einzubringen. In der Textilwerkstatt wird gewebt, genäht, gestickt und gestrickt und die Dinge, die entstehen werden auf den Basaren, eingebettet in ein Weihnachts- oder Sommerfest, zweimal im Jahr verkauft. Für die„ chicos " sind das ganz besondere Momente, weil sie darin den Wert ihrer Arbeit selbst besser schätzen und ein Stück ihres Alltags mit Angehörigen teilen können.

Teilweise ist es schwer bei der Arbeit in der Werkstatt jedem Einzelnen die beanspruchte Zuwendung zu geben, da die Gruppe aus den verschiedensten Niveaus zusammengewürfelt ist. So haben wir gemeinsam versucht den Arbeitstag immer so zu gestalten, daß jeder Einzelne Aufgaben bekommt, die ihm auf der einen Seite neue Abstöße geben, auf der anderen Seite aber mit einigen Hilfestellungen zu bewältigen sind. Dabei ist es ganz wichtig, daß man im oft entstehenden Chaos den Kopf behält und jeder Einzelne auch lernt zu warten. Im letzten halben Jahr habe ich dadurch sicherlich noch viel mehr an Geduld und Ausdauer gewonnen und gelernt, die Zeit des Vormittags in der Werkstatt, die leicht in eine Monotonie verfällt, abwechslungsreicher zu gestalten und somit besser einzuteilen. Das war mir eine sehr große Hilfe und hat wieder mehr Leben in den Alltag hineinbringen können.

Im Großen und Ganzen muß ich sagen, daß ich mit der Arbeit an sich ziemlich zufrieden war und sehr dankbar bin, so enge und herzliche Beziehungen mit den „ chicos " gewonnen zu haben, da ich sehr viel aus ihnen schöpfen kann und jeder Einzelne mir durch seine kleine Welt so viel Liebe gegeben und meine Wahrnehmung erweitert hat. Allerdings haben mich die Dinge, die in der Einrichtung an sich und unter den Mitarbeitern nicht funktioniert haben, das ganze Jahr über auch stark belastet und ich hätte mir wirklich eine gemeinschaftlicher Arbeit mit einem besseren Arbeitsklima gewünscht. Ich bin innerlich mit sehr vielen Sachen in Konflikt geraten, die zu ändern letztlich nicht in meinen Möglichkeiten lag. Wahrscheinlich gibt es immer Dinge, die nicht ganz den eigenen Vorstellungen entsprechen, die einen aber gerade anregen sich produktiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Rückblickend haben sie genauso ihre Wichtigkeit, weil daran eigene Vorstellungen und Ideen erwacht sind.

Neben den neuen Erfahrungen, die mir die Arbeitswelt ermöglichte, habe ich natürlich auch Land und Leute ganz anders kennenlernen können und habe jede Möglichkeit genutzt, um die Halbinsel etwas zu erkunden. Besonders schön fand ich vor allen Dingen auch die beiden Seminare mit den anderen Freiwilligen, weil man sich auf diesen so genial austauschen und anregen konnte und gleichzeitig die Möglichkeit hatte, von so vielen verschiedenen Projekten und Ecken Spaniens zu erfahren.

Für mich war es ein ganz besonderes Jahr, da es mir in so vielen verschiedenen Bereichen Neues gebracht hat, mich vieles anders erkennen lassen hat und ich das Gefühl habe, durch diese reichen Erfahrungen ein Stück gewachsen zu sein. Es war eine Zeit wichtiger Begegnungen, die mir nicht nur mehr Einblick in die Kultur Spaniens gegeben haben, sondern mich zu neuen Gedanken angeregt, neue Impulse gegeben haben und mir Ihre Offenheit, ihr Vertrauen und ihre Freundschaft geschenkt haben.

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