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Erfahrungsbericht - Schweiz

Autor: Sebastian Manz
Projekt: Wohngruppe - Geigerhaus
Träger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. 

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Als ich mit meinem Paten, in dessen Auto ich sämtliche Sachen von mir gepackt hatte, am Anreisetag das letzte Stück von Scuol aus über Tarasp nach Avrona auf der einzigen durch den Wald laufenden Straße hochfuhr, hatte ich schon ein sonderbares Gefühl. Ich zweifelte, ob meine Entscheidung, den Zivildienst im Ausland abzuleisten, wirklich so gut war und freute mich andererseits auf dieses kleine Abenteuer mit Namen Avrona.

Könnte man die Zeit stoppen und ein Jahr vorlaufen lassen würde der Zuschauer ein ähnliches Bild sehen: Mein Pate, ein vollbeladenes Auto, das allerdings in die andere Richtung fährt und einen 21 jährigen jungen Mann, der ein gutes Stück gereift ist.

Avrona, benannt nach dem Weiler, in dem es liegt, ist ungefähr auf 1450m Höhe und zählt ein paar wenige Häuser. (Ein Speisesaal, Küche, 4 Wohngruppen, Werkstatt, Wohnungen / Zimmer für Mitarbeiter (Lehrer, Praktikanten ,Zivis...) einen großen Saal, einen "Löschwasser-Badesee".

Der Anfang:


Würde man zu München, der Stadt in der ich aufgewachsen bin, ein Gegenteil suchen, so würde Avrona alle Kriterien erfüllen. 3 km entfernt vom nächsten Dorf, abgelegen in einer Waldlichtung, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, mitten in den Bergen. Ein Ort der auf mich sowohl große Ruhe wie auch Eingeengtheit ausgestrahlt hat.

Von Beginn an bin ich von allen Mitarbeitern gerne und freundlich aufgenommen worden. Ich habe viel Verständnis und Hilfsbereitschaft von der Gemeinschaft und was noch wichtiger ist von den Leitern meiner Wohngruppe, der ich zugeteilt wurde, erfahren. Dies hat mir beim Hineinwachsen in meine neue Umgebung und in meine neuen Aufgaben sehr geholfen.

Der Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen war sehr unterschiedlich. Mit einigen habe ich mich ziemlich schnell gut verstanden, bei anderen dauerte es länger und mit einigen wenigen habe ich gar keine Beziehung herstellen können.

Was waren meine Aufgaben, wie,wo habe ich mich eingesetzt:


Ich war einer Wohngruppe ("Geigerhaus") zugeteilt, auf der ich mit einem Gruppenleiter, einer Mitarbeiterin und die ersten Wochen einer Praktikantin aus Deutschland 8-10 Kinder/Jugendliche im Alter von 9-15 Jahren betreut habe.
Nach einem 3/4 Jahr habe ich die Wohngruppe gewechselt, weil ich einen neuen, anderen Eindruck gewinnen wollte.

Das familienähnliche Zusammenleben war dabei der Leitsatz für alle Wohngruppen.
Wir haben gemeinsam gefrühstückt (teilweise habe ich das Frühstück vorbereitet und dann alle geweckt) und anschließend hat jeder sein "Ämtli"(Aufgabe im Haushalt )erledigt. (z.B:Staubsaugen, Tischdecken, Tischabräumen, Spülen/Abtrocknen, Zimmer aufräumen, Gang-Schuhräume putzen...)

Was mich betrifft, so war ich entweder auch für ein bestimmtes Ämtli eingeteilt oder habe anderen bei ihren Ämtlis geholfen und mitgeschaut, dass alles läuft.
Anschließend gegen 7:50 Uhr fand von Mo-Fr im großen Saalbau eine Morgenfeier statt, in der sich alle Menschen, die in Avrona leben, trafen.
Ein paar Mitarbeiter bereiten immer für eine Woche (im wöchentlichen Wechsel) die Morgenfeier vor:
- ein Musikstück (Klavier, Gitarre, Flöte, Geige...)
- ein gemeinsames Lied
- und einen Spruch

Bei der Morgenfeier habe ich mich zunehmend mehr engagiert, mitgehofen, einen längerfristigen Plan zu erstellen, in dem sich jeder, der eine Woche übernehmen möchte, eintragen kann und somit auch versucht, Kinder und Jugendlich dafür zu gewinnen beim Musikstück mitzumachen, was ihnen dann auch meistens viel Spaß machte.

Danach begeben sich die Kinder und Jugendlich mit ihren Lehrern in die Klassen und die Betreuer haben Zeit, für sich Sachen zu organisieren oder sich auszuruhen ...
Einmal wöchentlich fand eine Betreuerkonferenz statt, in der wir uns alle trafen um anstehende Probleme zu lösen, Feste mitzuplanen oder auf einzelne Kinder einzugehen.
Dieses Treffen empfand ich als besonders wertvoll, da man viel erfuhr, was auf den anderen Gruppen läuft und man sich regelmäßig austauschen konnte.
An einem anderen Vormittag hatten wir eine Teamsitzung auf der Gruppe, in der wir die Wochenendgestaltung gemeinsam planten und ebenfalls uns viel Zeit nahmen, über unsere Wahrnehmung der Gruppe uns regelmäßig zuunterhalten.
Einmal in der Woche war Projekttag, an dem nach dem Hauptunterricht die Kinder und Jugendlichen zusammen mit Betreuern und Lehrern in verschiedene Projekte eingeteilt wurden. (z.B. alte Stühle wiederherrichten, Betten selber bauen, Hauswirtschaft, Gartenbau, Umgebungsarbeiten...)

Da mein Berufsziel Lehrer zu werden mich mit nach Avrona trieb, besuchte ich ab und zu Unterrichtsstunden am Vormittag und habe auch manchmal den Sportunterricht selber geben dürfen.
Regelmäßig ging ich jeden Freitag mit in die Eurhythmiestunde, die ich mit meinem Klavierspiel mitgestaltet habe. Im Laufe der Zeit habe ich die Lehrerin sehr gut gekannt und selbst bei ihr Heileurythmie für meine leicht schiefe Rückenhaltung gemacht.

Ansonsten ging ich vormittags je nach Wetter und Jahreszeit gerne nach Scuol einkaufen, spazieren, erholte mich in meinem Zimmer, traf mich mit anderen Praktikanten zum Plaudern oder ich ging in die Küche und redete mit unseren Köchen (2 Köche,1 Hilfsmitarbeiter). Später hatte ich auch schon mal mitgekocht, was mir viel Spaß gemacht hatte.

Mittags haben alle Gruppen im Speisesaal zusammen gegessen und anschließend hat täglich wechselnd einen Gruppe das Abwaschen, Abtrocken und Säubern der Küche übernommen. Was Sauberkeit und richtiges Putzen angeht habe ich vom "Chefkoch" sehr viel gelernt.

Anschließend ging jeder auf seine Gruppe zur Mittagsruhe und ab 14:30 Uhr ging der Unterricht für die älteren Schüler weiter. Die jüngeren hatten meistens frei und machten ihre Aufgaben, spielten je nachdem draußen oder drinnen und ich habe sie dabei begleitet.
Ich bin beispielsweise jeden Montag nach dem Essen mit dem Schüler Uorsin (10) nach Scuol zur Therapie gegangen und habe ihn auch wieder abgeholt.

Die älteren Schüler kommen um 16:00 Uhr aus der Schule und essen auf der Gruppe ein
"Z `vieri" (4 Uhr Imbiss) bevor sie sich mehr oder weniger motiviert an die Hausaufgaben machen, bei denen ich ihnen individuell mithalf. Je nachdem wieviel auf war oder wie schnell sie arbeiteten, blieb noch Zeit, hinauszugehen und Spiele zu machen.
Vor allem im Sommer gehen viele gerne im "Löschwasseresee" baden.

Um 18:00Uhr gab es Abendessen und danach je nach Altersstufe und Absprache in der Betreuerkonferenz Ausgangszeiten für die Kinder und Jugendlichen. Wer noch nicht mit den Aufgaben fertig war, musste diese zuerst noch erledigen.

Während des Ausgangs treffen sich die Kinder und Jugendlichen aller Gruppen wieder und es besteht je nach Wetter und Jahreszeit die Möglichkeit, Billard, Tischfussball, Tischtennis, Brettspiele, Fussball, Volleyball, Eishockey auf dem See, am Feuer sitzen, Fangen, Schlittenfahren usw. zu spielen, wobei die Betreuer sie stets begleiten.
Je nach Ausgangszeit kommen alle wieder auf ihre Gruppe und die jüngeren gehen auf ihre Zimmer (natürlich Zähneputzen nicht vergessen) und bekommen regelmäßig eine gute Nachtgeschichte vorgelesen. Mit den Älteren hocken wir (Betreuer) teilweise noch in der Stube zusammen und quatschen einbißchen, bis auch schließlich sie ins Bett müssen (ca um 21:00-22:00Uhr je nach Alter u. Jahreszeit)
Wenn alles getan war ging ich auch in mein Zimmer oder habe mich mit anderen Praktikanten noch getroffen und geplaudert.

Ich hatte 1 1/2-2 Tage in der Woche frei, an denen ich aber teilweise im Ausgang trotzdem mitgespielt hatte, weil es einfach Spaß gemacht hat.

An den Wochenenden haben wir zum Teil Tagesausflüge unternommen (meistens Gruppenweise) wie Skifahren, Radtouren, kleine Wanderungen oder sind mal für ein paar Stunden Schwimmen gegangen im Avrona-See oder im Hallenbad in Scuol.
Die Kinder und Jugendlichen sollten auch lernen, sich selbstständig zu beschäftigen und wer Lust hatte konnte am Samstag oder Sonntag beim Essenkochen mithelfen.

Gerade am Wochenende ist es wichtig, dass sich jeder Betreuer für ein bis zwei Stunden ausruhen kann und andere in dieser Zeit etwas mehr leisten. Diese Teamabsprachen haben meistens gut geklappt und ich empfand es sehr schön.

"Höhepunkte" des "Alltags":


Als Höhepunkte im Alltag kann ich sicherlich erst einmal die ganzen Feste, die in Avrona gefeiert wurden,aufzählen wie z.B.:

- Michaeli (Mutproben, ich bin auf einer Schaukel eine Schlucht hinabgeschaukelt...ich zittere heute noch, wenn ich daran denke...)
- Weihnachten mit Adventsfesten, Adventskalender und Weihnachtsspiel bei dem ich einen Wirt gespielt habe.
- Die Elterntreffen, die zweimal pro Jahr stattfinden und bei denen ich viel über die Hintergründe von manchen Kindern erfuhr.
- Fashing, wo sich in diesem Jahr jeder eine Maske zum Thema Meer bastelte (ich ging als Gestrandeter)
- Ostervorbereitung
- Johannifest mit Wettkampfspielen je nach Alter, einem gemeinsamen 3-Runden Lauf um den Schwarzsee, bei dem ich Mühe hatte mitzuhalten und einem abschließenden Johannifeuer, das mehrer Meter loderte. Das Holz dazu wird von allen Bewohnern gemeinsam gesammelt und aufgeschichtet.
- Eine Wanderwoche, bei der ich zum ersten mal am Seil über einen schneebedeckten Gletscher ging
- Eine Winterolympiade für die Schüler
- ...

Meine persönlichen "Höhepunkte" waren:


- im Freien im Schlafsack liegen und die Sterne betrachten
- Holzhacken und Feuer machen
- Gemeinsam am Lagerfeuer sitzen oder in der Stube am Kamin
- Gespräche mit Jugendlichen
- Gespräche mit anderen Mitarbeitern
- Das Lachen von Uorsin (10 Jahre)
- Die große Disziplin und "Weisheit" von Robert (12)
- Wenn Jugendliche Verantwortung übernehmen
- Fernsehabende unter Mitarbeitern
- ...

Mein Resümee:


Ich bin ein gute Stück gereift. Ein gutes Stück selbstständiger geworden. Ich habe mich selbst besser kennengelernt, und viele Sachen gelernt, von denen ich vorher nie dachte, sie zu lernen.
Das Leben in Avrona läuft geregelt ab und soll den Kindern und Jugendlichen somit Sicherheit und Schutz geben. Der starke und enge gemeinschaftliche Zusammenhalt gibt Geborgenheit. Jeder der als Betreuer oder Lehrer nach Avrona geht sollte sich überlegen, inwiefern er dieses Zusammenleben als angenehm und inwiefern als einengend empfindet.
Ich für meinen Teil betrachte dieses Jahr als sehr wertvoll. Das täglich Zusammenleben mit den Kindern und Jugendlich und Mitarbeitern war auch von vielen Reibereien begleitet, in denen ich zunehmend besser gelernt habe, mich situationsgerecht zu verhalten.

Ich habe im Umgang v.a. mit Kindern u.Jugendlichen sehr vieles gelernt, was scheinbar unwichtig ist...z.B. alle seine abgegebenen Versprechen zu halten, wahr mit ihnen zu reden (bei der Wahrheit zu bleiben v.a. in Kleinigkeiten, Konflikte nicht nachzutragen, sich vertrauenswürdig zu erweisen...)
Kinder und Jugendliche brauchen "Sparringpartners", mit denen sie sich jeden Tag ein paar mal anlegen und schauen wie diese Partner reagieren. Durch dieses zum Teil auch härtere Auseinandersetzten kommt man sich jedoch im Endeffekt näher, als wie wenn man sich täglich neu Honig ums Maul schmiert.

Eine sehr wichtige Sache habe ich erst gegen Ende des Jahres gelernt:
Nimm Auseinandersetztungen nicht grundsätzlich negativ,
- sie sind nötig um dem Kind /Jugendlichen mehr über dich in Erfahrung zu bringen,
- auch nicht zu persönlich,
- setzte dich mit aller Energie mit dem jenigen auseinander
und
- sei in der Lage 1 Minute nach dem "Streit", sofern er geklärt ist, mit dem
gleichen Menschen wieder normal, offen zu sprechen und vielleicht sogar
zu lachen.

In Abwandlung eines Spruchs von A. De Mello: Wenn wir einen Konflikt miteinander haben, wird das Band, das uns verbindet getrennt. Wenn wir den Konflikt lösen knoten wir das Band wieder zusammen und kommen dem anderen näher."

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