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Erfahrungsbericht - Belgien

Autor: Jutta Wieding
Projekt: CAN - Climate Action Network Europe
Träger: EIRENE International 

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Hier kannst du weitere Rundbriefe von Jutta laden:

2. Rundbrief - April 2007 -> Download



1. Rundbrief - Dezember 2006


„Be realistic – demand the impossible“


Seit drei Monaten lebe, arbeite und liebe ich inzwischen in Brüssel. In meinem ersten Rundbrief habe ich versucht, ein paar Dinge aus diesem Leben einzufangen und lade euch/Sie herzlich ein, sie mit mir zu teilen.

Rahmen und Hintergrund


„Ich mache einen Freiwilligendienst im Rahmen von EVS.“ Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten paar Monaten diesen Satz gesagt habe. Doch genauso häufig kam prompt die Antwort: „Bitte...was?“. Und genau das ist eine sehr verständliche Reaktion, hier also noch mal ein Versuch, ein wenig Licht in den Dschungel von Organisationen zu bringen. Ich habe mich bei EIRENE beworben, einer Organisation für Internationale Christliche Friedensdienste e.V. Darüber habe ich den Kontakt zum Climate Action Network bekommen. CAN ist wiederum ein Projekt, das durch das Europäische Freiwilligen Programm (EVS) unterstützt wird. EIRENE fungiert in diesem Fall die Entsendeorganisation. Doch wo eine Entsendeorganisation ist, muss auch eine Empfängerorganisation sein. Das ist in meinem Fall die flämische Organisation JINT, die mich offiziell an CAN weitergeleitet hat.

Vor meinem Umzug nach Brüssel habe ich also am Ausreisekurs von EIRENE im Juli in Neuwied am Rhein teilgenommen und am Language & Orientation Camp von JINT im September in der Nähe von Gent in Belgien.

Normalerweise finden die Ausreisekurse bei EIRENE weitestgehend nach Ländern getrennt statt. Demnach hätte ich an dem Ausreisekurs der Freiwilligen teilnehmen sollen, die in frankophone Länder gehen. Leider lag der Zeitgleich mit dem Einreisecamp in Belgien, so dass ich am Ausreisekurs der anglophon orientierten Freiwilligen teilgenommen habe. Das privilegierte mich zusätzlich noch am Zwischenseminar in Irland teilzunehmen, doch dazu später mehr.

Doch, auch wenn sich das jetzt anders anhört, ich habe tatsächlich die letzten Monate auch etwas anderes getan, als an Seminaren teilzunehmen...

Climate Action Network Europe


CAN Europe,ist eine NGO (Nicht-Regierungs-Organisation), die viel Lobbyarbeit (politische Beeinflussung) macht. CAN-E hat 100 Mitgliedsorganisationen, die bekanntesten sind Greenpeace, WWF und Friends of the Earth (in Deutschland BUND). CAN versucht zwischen den verschiedenen Organisationen zu vermitteln, damit die Klimaschutzverbände eine einigermaßen klare Position vertreten und nicht 100 verschiedene. Außerdem ermöglicht das auch kleineren Organisationen, in einem größeren Rahmen zu wirken. Das macht CAN zu einem Forum, wo Gesetzesentwürfe und neue wissenschaftliche Ergebnisse und Lösungsansätze für globale Erwärmung diskutiert und trotz aller Schwierigkeiten ist das ziemlich wichtig, um politisch etwas zu erreichen.

Eines meiner Lieblingszitate von unserer Hauptversammlung ist:
„I think you're wrong, but we can disuss it...“

Konkret sieht das so aus, dass man versucht, zusammen eine Stellungnahme zu erarbeiten, mit der sich alle Mitglieder einverstanden erklären können. Diese Erklärung wird veröffentlicht, oder geht als Forderungen an Politiker. Darüber hinaus nehmen Delegationen an Konferenzen teil und stellen dort Forderungen im Namen der Mitglieder.

Neben vielen administrativen Aufgaben im Büro, ist mein spezieller Arbeitsbereich das Climate Youth Network. Das Netzwerk ist ebenfalls eine Vernetzung von Umwelt- und Klimaschutzorganisationen in Europa. Aber hier vereinen sich Jugendorganisationen. Auch das CYN trifft sich und diskutiert die verschiedenen Positionen, aber vor allem helfen sich die Mitglieder dabei, Aktionen und Workshops zu planen. Dabei geht es weniger darum, Politiker zu beeinflussen, als einfach den Leuten zu sagen, was globale Erwärmung bedeutet und was jeder Einzelne dagegen tun kann.

It's 5 to 12 – Wake up to Climate Change!


Vom 6. bis zum 17. November fand die jährliche UN Klimarahmenkonferenz (UNFCCC) in Nairobi, Kenia statt. Der 4. November 2006 wurde deshalb zum Global Day of Action against Climate Change erklärt. Anlässlich dessen gab es gab es Demonstrationen in allen Teilen der Welt. Dabei ging es vor allem darum, anzufangen über die Nachfolgeverträge zum Kyoto Protokoll nachzudenken. Das Kyoto Protokoll ist bis 2012 wirksam, aber was kommt danach? Es hat elf Jahre gedauert, bevor das Kyoto Protokoll ratifiziert wurde, also ist es höchste Zeit, über „Post 2012“ zu reden, damit es keine Lücke zwischen den Verträgen gibt.

Das Climate Youth Network hat an dem Tag die erste gemeinsame Aktion durchgeführt. In Finnland, Tschechien, England, Serbien, Deutschland und Belgien haben wir um fünf vor zwölf hunderte von Weckern klingeln lassen, um unsere Umweltminister auf dem Weg nach Nairobi aufzuwecken, bevor es zu spät ist.

In Brüssel haben hunderte von Menschen ihre Forderungen an die Umweltminister aufgeschrieben und die zwei der vier Minister waren da, um auf die Forderungen zu reagieren. Außerdem hatten wir einen Dynamo da, auf dem jeweils drei Leute auf Fahrrädern Energie für das Soundsystem erzeugt haben.

Was das Leben sonst zu bieten hat


Das ICA (Institute of Cultural Affairs) ist mein Zuhause geworden. Zwischen vielen EU-Praktikanten gehöre ich inzwischen zu den „Oldtimern“ derjenigen, die länger als drei Monate hier bleiben. Ich genieße hier vorzügliches Essen: mit Frühstücksbüfett morgens, der Möglichkeit mir Brote zu schmieren und einem Abendessen, gekocht wie bei Muttern... Vor einem Monat bin ich von meiner kleinen Zelle in ein schönes Doppelzimmer gezogen, dass mich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Luxus eines eigenen Sofas beschert.

So lange man zur Schule geht, ist es schwer sich vorzustellen, dass man acht Stunden täglich arbeiten und trotzdem noch ein Leben haben kann, doch es istmöglich.

Zweimal in der Woche habe ich für zwei Stunden Französischkurs. Es ist eine gute Möglichkeit, trotz meinem ziemlich englischsprachigen Leben, doch noch ein wenig französisch zu lernen – und nicht zuletzt ein Ort, an dem man interessante Leute trifft.

Sonntags gehe ich häufig zu einer internationalen Quäkergemeinde, die nur sieben Minuten von mir entfernt ihren Andachtsraum hat. Auch dort habe ich gute Freunde gefunden. Ab und an treffe ich mich mit den beiden EIRENE-Freiwilligen, die mit mir zusammen nach Brüssel gekommen sind auf ein Bier oder eine Heiße Schokolade und zum Erzählen. Mit den anderen Freiwilligen vom Jint Seminar habe ich nicht mehr so viel Kontakt, obwohl ich mich mit Suse, Freiwillige in Lommel, Nahe der niederländischen Grenze regelmäßig entweder in Brüssel oder dort treffe. Ansonsten gibt hin und wieder mal eine EVS-Party, wo man sich endlich mal wieder sieht.

Eines der Highlights war meine Reise nach Irland, wo ich an einem Zwischenseminar von EIRENE teilgenommen habe. Wunderschön in einem Zimmer mit Meerblick wohnend ist mir aufgefallen, dass ich doch ein Landkind bin... Vor und nach dem Seminar hatte ich jeweils die Möglichkeit, zu sehen, in was für Projekten meine „Mit-EIRENIES“ gelandet waren. Und, ganz nebenbei, habe ich Dublin und Belfast besichtigt. Trotzdem war es gut, wieder nach Hause, nach Brüssel zu kommen und statt Guinness und Ulster-Fry, wieder richtige Fritten, knusprige Waffeln und anständiges Bier zu trinken...

Spaziergang durch Brüssel


Hässlich, grau, regnerisch, eng, vernachlässigt... Wenn man versucht, Brüssel zu beschreiben, bleibt unweigerlich ein eher negatives Bild, dieser großartigen Stadt. Als ein Wahrzeichen Brüssels gelten vor allem das Atomium und das Mannequin Pis. Das Atomium ist tatsächlich sehr touristisch, aber als solches nicht wirklich repräsentativ und das Mannequin Pis (der 50cm große pinkelnde Junge) – na ja, den erwähnt man besser nicht in der Gegenwart eines Ansässigen, weil er sonst vor Scham im Boden versinkt. Deshalb habe ich beschlossen, euch/Sie auf einen Spaziergang durch „mein“ Brüssel mitzunehmen.

Man verlasse also für einen Moment dieses Haus, trete auf die Straße, achte auf Schlaglöcher im Bürgersteig und Exkremente aller Art, die diesen verschmutzen und überquere die Straße. Dabei gelten Ampeln grundsätzlich als Empfehlung, die einen unter Umständen dazu veranlassen, sich nach einer langen Wartezeit schließlich doch in der Mitte der Straße im Durcheinander von Autos wiederzufinden. Man schaut sich also um, und überquert selbstbewussten Schrittes die Straße in dem Wissen und der Hoffnung, dass Autofahrer in Brüssel gewagt, aber doch (meistens) aufmerksam fahren. Man folge der Straße und grüße die arabischen Obst- und Gemüsehändler, die vor ihren kleinen Läden stehen und weiblichen Passanten schmachtende Blicke schenken. Als blasser Mitteleuropäer ist man hier in der Minderheit, was aber niemanden zu stören scheint.

Wichtig ist, dass man nicht die Orientierung verliert, denn die grauen Hochhäuser und die Mischung aus Gemüseläden, Kiosken, Internet Cafés, und Frisören ist in dieser Gegend überall identisch.

Hat man dennoch die Richtige gefunden, stößt man vielleicht auf eine der vielen Parkanlagen, die wie grüne Oasen auftauchen. Im Gegensatz zu den Straßen, die nie in die Richtung führen in die sie sollen, sind die Parks symmetrisch angelegt. Man setze sich auf eine der Bänke, um die schönen Jugendstil Fassaden zu betrachten. Vielleicht kommt nach einer Weile, der Mann, der einen von der Bank gegenüber aus beobachtet hat auf einen zu, um eine Zigarette anzubieten und ein Stückchen Lebensgeschichte zu erzählen. Nach einem freundlichen Händedruck gehe man weiter, an den Frauen mit Rastazöpfen und Kinderwagen, den joggenden Studenten und den heftig diskutierenden Männern in Anzügen vorbei.

Und bevor man sich dessen bewusst wird, ändert sich das Umfeld. Man fängt immer häufiger Fetzen englischer Gespräche der Passanten auf und kleine Cafés und Bistros säumen die Straße. Man merke: die meisten haben jeweils nur werktags zwischen 12 und 15 Uhr geöffnet. Dann sieht man mit Sicherheit auch schon das gigantische sternförmige Berlaymont, das Gebäude der Europäischen Kommission.

Doch der Weg führe einen weiter und nach kurzer Zeit wird der aufmerksame Deutsche in einem Augenblick des Erstaunens stehen bleiben, angesichts der Ähnlichkeit, die der Brüsseler Arc de Triomphe mit dem Brandenburger Tor aufweist. Man folge dem Menschenstrom durch das Tor und bemerke, dass man sich schon wieder in einem anderen Viertel befindet. Eine nette Wohngegend, viele gemütlich, gediegene Restaurants, Kunsthandwerkgeschäfte, Häuser mit Vorgarten.

Auch wenn man in Eile ist, sollte man es nicht versäumen, bei einer der Eisdielen zu stoppen und ein Spekulatiuseis zu essen. Hmmm... Vielleicht fängt es an zu dämmern, dann lohnt es sich, die Metrostation aufzusuchen. Man tauche hinein in diese stickige Röhre, widerstehe dem Geruch frisch gebackener Waffeln und werde auf dem Bahnsteig ein Teil der buntgemischten, vielsprachigen Masse, Teil der warmen nach Menschen riechenden, von Popmusik erfüllten Luft und den zweisprachigen Werbeplakaten an den Wänden.

Man fahre mit einer der zweieinhalb Metrolinien in Richtung Altstadt, um in einer der zahlreichen Bars ein wunderbar mildes Bier zu genießen. Oder man schlendere zusammen mit dem Menschenstrom in Richtung des Grand Place, dem Marktplatz, mit dem Rathaus und verschiedenen Gildegebäuden, die sich in Pracht und Größe jeweils zu übertreffen scheinen. Nachts sind die Fassaden beleuchtet und wenn die Wetterbedingungen es zulassen, kann man sich zu anderen Nicht-Touristen auf das Kopfsteinpflaster setzen und lernt garantiert lustige Leute kennen.

Wahrscheinlich jedoch, wird der Abend früher oder später mit einem plötzlichen Regenschauer enden und die ganze Stadt in ein spiegelndes und glänzendes Mysterium verwandeln: mein Brüssel...

...Und der Sinn des Dienstes?


Jeden Tag kopiere ich die neusten Klimanachrichten auf unsere Website. „Die Polkappen der Arktis schmelzen schneller als erwartet“, „Afrika am Stärksten von Klimawandel betroffen“, „Korallenriffe sterben“ Waldbrände, Überschwemmungen, Tornados, Dürre...

Deshalb arbeite für den Klimaschutz. Meinen Beitrag dazu leisten, die Welt zu retten...

Aber wie macht man das? Häufig sitze ich den ganzen Tag vor dem Computer, und beschäftge mich mit Adressen in unserer Database . Ich schreibe E-Mails und bin Sekretärin. Mit Klimaschutz hat das nicht viel zu tun. Gut, man kann sagen, dass sind notwendige Dinge, die getan werden müssen, damit unsere Mitarbeiter sich mit Politikern treffen können, Konferenzen besuchen und Stellungnahmen zu wichtigen Themen, die mit Klimawandel zu tun haben schreiben können.

Aber was ändert das?
Die UN Klimarahmenkonferenz in Nairobi war relativ ergebnislos und die USA haben immer noch keine nationalen Emissionsregelungen. Und auch China weigert sich gegen das Kyoto Protokoll. Ist da nicht eigentlich alles, was wir hier tun unnütz? Wenn man sich die Prognosen ansieht, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen sollte angesichts der Regulationsziele, die momentan gelten.

Doch was wäre die Alternative?
Noch gibt es die Möglichkeit etwas zu tun, noch ist es nicht zu spät. Tausende sind bei Klimakatastrophen umgekommen, umso mehr Grund, weiter zu machen und zu versuchen, die nächsten Millionen Opfer zu vermeiden. Das ist unsere Aussage. Dafür lohnt es sich weiter zu arbeiten, in der Hoffnung, dass kleine Schritte zum Ziel führen.

Al Gore sagte in seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“: „Lasst uns nicht von Erkenntnis direkt in Verzweiflung übergehen“, sondern die Zeit dazwischen nutzen, um etwas zu ändern.

Vielen Dank an euch/Sie alle, die mit mir die Hoffnung leben, dass Klimawandel ein Problem ist, dass anzugehen sich lohnt. Vielen Dank, dass ihr/Sie mir diese Erfahrung möglich machen und mich begleiten.

Sei realistisch und fordere das Unmögliche!

In diesem Sinne wünsche ich euch und Ihnen geruhsame Weihnachten und einen schwungvollen Start ins neue Jahr...

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