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Erfahrungsbericht - Frankreich

Autor: Carsten
Projekt: Centre International Cimade
Träger: EIRENE International 

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Hier kannst du weitere Rundbriefe von Carsten laden:

2. Rundbrief - März 2007 -> Download
3. Rundbrief - Juli 2007 -> Download
4. Rundbrief - Oktober 2007 -> Download



1. Rundbrief - Dezember 2006


Mehr als drei Monate ist es nun schon her, dass mein Dienst begonnen hat. Angefangen mit dem zweiwoechigen Vorbereitungsseminar, danach die Ausreise, meine erste Woche im Projekt, der Abschied von meinem Vorgaenger und die anschlieszende Eingewoehnungsphase, all das habe ich nun hinter mir. Es gibt so vieles zu berichten. Ich werde - so gut es eben geht - auswaehlen, um nur das Wichtigste fuer euch zu Papier zu bringen.

Aber ich kenne mich auch gut genug, um zu wissen, dass selbst das nicht wenig werden wird. Deshalb moechte ich mich schon im Vorraus fuer die vielen Seiten des Lesens entschuldigen, die nun vor euch liegen.
Meine Erlebnisse hier waren fast ausnahmslos schoen und bereichernd. Hoffentlich gelingt es mir, euch daran nun ein wenig teilhaben zu lassen...

Wer oder was ist eigentlich EIRENE?
Wie ihr an anderer Stelle schon einmal erfahren hab, bin ich mit EIRENE hier in Massy. Jedes Jahr entsendet diese Organisation einen Freiwilligen in das hiesige Projekt Mit Hilfe eurer finanziellen Unterstuetzung uebernimmt sie die Kosten fuer meine Versicherung, fuehrt die Seminare durch und traegt die Haelfte meines Taschengeldes. An meine EIRENE-Referenten kann ich mich wenden, wenn ich Probleme habe. Musste ich bisher aber zum Glueck noch nicht. Aber was verbirgt sich hinter diesem Namen? "EIRENE", das kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Frieden". Bereits seit 1957 unterstuetzt EIRENE im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Projekte in Afrika und Lateinamerika durch finanzielle Hilfe und durch Fachkraefte (Suedprogramm). Im Jahr 1980 wurde das Freiwilligenprogramm in den Industrielaendern entwickelt (Nordprogramm). Mitte der 90er Jahre wurden erste Freiwillige auch in Osteuropa (Ostprogramm) eingesetzt. Bis heute haben ueber 1200 junge und aeltere Menschen einen Friedensdienst mit EIRENE in aller Welt geleistet. EIRENE ist eine von sechs in Deutschland staatlich anerkannten Personaldiensten in der Entwicklungszusammenarbeit. Alles in allem fuehle ich mich von der Organisation sehr gut betreut. Immer wieder bekommt man Mails oder Briefe aus Neuwied, in dem sich die Referenten ueber den Stand der Dinge erkundigen und auch der Ausreisekurs Anfang September war eine durch und durch schoene Zeit...

Der Ausreisekurs
Das Seminar vor Dienstbeginn nennt sich im Organisations-internen Fachjargon Ausreisekurs - kurz ARK - und dauert zwei Wochen. Auch mein Freiwiliges soziales Jahr begann also am 03. September mit einem solchen Kurs. In Neuwied trafen wir an einem Sonntagabend zusammen: 20 an der Zahl, beiderlei Geschlechts und hochmotiviert. Unsere Gruppe war die zweite dieses Jahr, die in das sogenannte Nordprogramm entsandt wurde. Unsere Einsatzlaender waren also Irland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Kanada und die USA.

Am ersten Abend mussten wir etliche Namen-Lern-Spiele ueber uns ergehen lassen. Die Tage darauf beschaeftigten wir uns mit juristischer Fortbildung oder interkulturellem Lernen und hatten auszerdem ein Gespraech mit einem Versicherungs- Vertreter, um alle gesundheitlichen Fragen im Ausland zu klaeren. Zusaetzlich gab es einen Abend zum Thema "Fremdund Selbstwahrnehmung", an dem man viel Zeit hatte, sich ueber seine eigene und andere Personen auszutauschen. Nicht zuletzt hatten wir auch genuegend Freizeit. Wir spielten Fuszball, Basketball, Volleyball, musizierten, sangen, redeten, spazierten, spielten, tranken, aen, grillten, schwammen, fuhren Kanu und taten vieles mehr... Ich wurde also bestens auf mein Auslandsjahr vorbereitet und habe dort zudem sehr nette und aufgeschlossene Menschen kennen gelernt.

Ankunft im Projekt
Nach einem letzten Tag bei meiner Familie und einer Fahrt voller Ueberraschungen betrat ich also am Samstag Abend, den 16. September, das Centre International. Alle zwei Monate findet dort die "fte des anniversaire" statt, bei der alle Bewohner die Moeglichkeit haben, zusammen die vergangenen Geburtstage nachzufeiern. Diese Feier war genau an meinem ersten Abend. Ich war zwar muede von der Fahrt, wollte aber trotzdem an der Feier teilnehmen. Das Fest war ein echter Gluecksfall fuer mich, denn so konnte ich mich gleich bei den Bewohnern vorstellen und diejenigen begrueszen, die ich schon im Sommer auf meiner Projektreise kennen gelernt hatte. So wussten innerhalb kuerzester Zeit alle, dass der neue Volontaire nun angkommen war...

Der Hoehepunkt des Abends war, als der aelteste der Bewohner, der kaum Franzoesisch spricht und an Pakinson leidet, seine Trommel aus einem Stoffbeutel holte. Er bat David darum, doch bitte die Musik auszumachen, um dann zu dem auf dem Tamborin geschlagenen Rhythmus arabische Lieder anzustimmen. David erzaehlte mir, er sei schon etwas verwirrt (Pakinson geht ja meist mit Altsheimer einher)... Ich war total verbluefft, wie der Mann trotz allem an diesem Abend in seinem Element war, von geistiger Verwirrung keine Spur. Lachend sang er auch das dritte Lied noch zu Ende. Die anderen klatschten oder tanzten...

Die meisten feierten noch bis spaet in die Nacht weiter, doch ich kaputt und den Kopf voller neuer Eindruecke verzog mich schon gegen 23:00 in mein Zimmer und schlief.

Die erste Woche
Mein Vorgaenger, David Laehnemann, war in meiner ersten Woche also noch da und wir erledigten gemeinsam die anstehende Arbeit. Das war eine sehr grosze Hilfe. Jeden Tag lernte ich ein bisschen mehr und schlieszlich konnte ich David mit einem guten Gefuehl an den Bahnof bringen, als sich die Woche ihrem Ende neigte. David trat die Rueck-Reise nach Deutschland an, um in Tuebingen sein Biologie-Studium zu beginnnen... Nun war ich auf mich allein gestellt. Nun musste ich Franzoesisch sprechen. Kein "petit allemand" mehr, der mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Ich fragte mich, ob ich den Erwartungen gerecht werden wuerde, die man in mich gesteckt hatte. David war der erste Freiwillige in diesem Projekt seit langer Zeit. Er hatte die Aufgaben neu definiert, das Freizeit-Programm wieder aufgebaut und Standarts gesetzt. Ich konnte nicht so routiniert mit dem PC umgehen wie er. Er sprach nach dem Jahr echt gut Franzoesisch. Es war nicht einfach, ihn ersetzen zu muessen.

Das Centre International in Massy wird von der Organisation Cimade betrieben. Seit 1939 existiert und agiert sie. Die Abkuerzung "Cimade" steht fuer "Comit Inter-Mouvements Auprs Des Evacus" (uebersetzt bedeutet das: "gemeinsame Bewegungen zur Unterstuetzung der Evakuierten"). Diese heute etwas unverstaendliche Namensgebung hat ihren Grund. Die Hauptaufgabe der "Association" bestand naemlich am Anfang vor allem darin, den Menschen zu helfen, die wegen des zweiten Weltkriegs evakuiert werden mussten. In Auffanglagern im Sueden Frankreichs versorgte man sie mit Medikamenten, Decken, Lebensmitteln und betreute sie psychologisch. Als auch aus Frankreich Juden deportiert wurden, half ihnen Cimade, durch die Berge in die Schweiz zu entkommen.

Cimade hat sich aber immer wieder weiter entwickelt und den gegebenen Situationen angepasst. Heute arbeitet Cimade mit Migranten und Fluechtlingen aus aller Welt. Sie leistet sowohl in Frankreich, als auch in den typischen Emmigrationslaendern wichtige Arbeit: "Solidaires - Ici et La-Bas" (Solidaritt - Hier und Dort).

In Frankreich engagiert sich Cimade fuer Fluechtlinge auf im wesentlichen drei verschiedenen Ebenenen.
(1) Zunaechsteinmal hilft ihnen Cimade mit ihren Papieren. Jeden Montag Nachmittag gibt es bei uns im Centre Sprechstunden, zu denen Migranten unabhaengig von ihrem offiziellen Status kommenkoennen und von den Sozialarbeitern Hilfe bekommen.
(2) Zusaetzlich dazu ist die Betreuung in den sogenannten "Centres de Rtention" ein wichtiger Bestandteil des Engagements. "Centre de Rtention", das bedeutet "Zentrum der Verwahrung". Klingt nett, oder? Ist aber nichts anderes als ein Abschiebegefaengnis. In jedem solchen Gefaengnis arbeitet ein Mitarbeiter von Cimade. Er hat dort offenen Zugang und kann mit allen "Haeftlingen" sprechen. Der Cimade-Mitarbeiter versucht so auch, den entsprechenden Fluechtling wieder aus der Abschiebehaft herauszubekommen.
(3) Ebenso organisiert Cimade viele Aktivitaeten auf politischer Ebene. Zahlreiche ehrenamtliche Vereinsmitglieder sind neben ihrer praktischen Taetigkeit fuer die Migranten und Fluechtlinge auch "Militants" (so nennen die Franzosen politisch Aktive). Es werden also immer wieder Kampagnen zur Aufklaerung ueber die schlechte Situation der Migranten oder neue Migrations-Gesetze gestartet.

Etwas ganz Besonderes in der Arbeit von Cimade sind schlieszlich die beiden "Centres" in Beziers und Massy. Es sind "Centre d'Hebergement"(Wohnzentren). In Beziers handelt es sich um ein CADA ("Centre d'Accueil des Demandeurs d'Asile") ein Zentrum fuer Asylbewerber, die noch keine Aufenthaltserlaubnis haben.

Das Centre International in Massy Hier in Massy hingegen haben die Bewohner ihre Anerkennung als politische Fluechtlinge bereits errungen. Das "Centre International" ist ein CPH (Centre Provisoire d'Hbergement), also ein Zentrum zur vorlaeufigen Unterkunft. Von den vielen Bewerbungen, die hier eingehen, kann nur ein Bruchteil angenommen werden, denn auf 1000 solcher Zimmer, wie sie hier zur Verfuegung stehen, kommen 12.000 Migranten, die eine Wohnung suchen. Es wohnen hier circa 80 Fluechtlinge, und es gibt zusaetzlich fuenfzehn Familien, die in von uns betreuten Appartements auszerhalb leben. Diese 80 politischen Fluechtlinge stammen aus den unterschiedlichsten Laendern (23 Nationen habe ich neulich beim ueberfliegen der Listen gezaehlt). Vertreten sind selbstverstaendlich der Iran und der Irak, aber auch Columbien, Cuba, Tschetchenien und Bangladesch. Die meisten der Bewohner sind jedoch Afrikaner. besonders viele stammen aus Ruanda, Mauretanien und dem Sudan. Wir beherbergen sowohl Maenner als auch Frauen, doch der Anteil der Maenner ueberwiegt mit zur Zeit etwa 63%. Manche hatten waren vor ihrer Flucht in hohen oeffentlichen Aemtern oder besaszen in ihrem Heimatland ihre eigene kleine Fabrik. Andere waren Buchbinder oder Mechaniker und einige von ihnen koennen weder lesen noch schreiben. Der ganze Querschnitt der Gesellschaft ist hier vertreten.

Egal, welchem Land oder Stand die Bewohner entstammen alle werden gleich behandelt. Alle Zimmer sind indentisch: 10qm, Bett, Schrank, Waschbecken und Kuehlschrank. Das wars.

Fuer viele ist die Moeglichkeit, sechs Monate an einem Ort zu bleiben und sich fuer diese Zeit keine Gedanken darueber zu machen, wo man abends schlaeft, eine enorme Erleichterung und hilft, sich auf die Zukunft zu konzentrieren...

Die Oertlichkeiten
Es gibt im Wesentlichen zwei Gebaeude auf dem Gelaende: Das Foyer und das Chteau. In dem Chteau befinden sich alle Bueros, die Rezeption, ein Internetraum, eine Kantine und die Cafeteria, sowie ein kleiner Raum mit Buechern, die von den Bewohnern ausgeliehen werden koennen. In dem Foyer sind die Zimmer der Bewohner. Auszerdem natuerlich die Gemeinschaftskuechen, sanitaere Anlagen, ein Fernseh- und ein Sportraum, sowie ein Raum fuer den Franzoesischunterricht. Darueber hinaus gibt es einen kleinen Park, von unserem Hausmeister liebevoll gepflegt, in dem man sich auf Baenken niederlassen kann. Am Rande des Parks befindet sich auszerdem ein kleiner Sportplatz, der von der ansaessigen Jugend mitbenutzt wird.

kurze Gechichte des Centre


Schon etwas ungewoehnlich, dass aus einem solchen Prachtgelaende wie hier ein Fluechtlingswohnheim wird. "Wie kam die 'arme' NGO Cimade an eine Villa wie diese?", habe ich mich am Anfang gefragt. Die Geschichte dazu im Kurzformat: Die Villa plus Garten gehoerten einst dem franzoesischen Historiker 'Fustel de Coulanges'. Er wohnte hier mit seiner Familie, seinen Hausmaedchen und seinem Gaertner. Als dieser 1889 starb, nutzte dessen Familie das Haus noch einige Jahre weiter, doch da es zwei Generation spaeter wohl keine Nachfahren mehr gab, wurde das Chteau plus Grundstueck an Cimade gespendet. Cimade lies ein einfaches, zweckorientiertes Gebaeude mit Flachdach in den Garten bauen und machte ein Internationales Wohnzentrum fuer Studenten und Fluechtinge daraus. In den neunziger Jahren wurde das "internationale Studentenwohnheim" schlussendlich zu dem, was es heute ist: Dem Centre International fuer politische Fluechtlinge.

Die Angebote
Wie schon angedeutet, versuchen wir hier, die Fluechtlinge so weit wie moeglich zu foerdern, um sie innerhalb ihres sechs-monatigen Aufenthalts hier im Centre "Fit fuer die Integration" zu machen. Ihr findet, das klingt utopisch? Ist es auch: In der Regel bleiben die Fluechtlinge laenger als die angepeilten sechs Monate. Wir moechten sie nur dann in die "Selbststaendigkeit" entlassen, wenn sie eine Arbeit und eine Wohnung gefunden haben. Doch selbst diese zwei Punkte sind in der dicht bevoelkertern Pariser Region, in der massive Wohnungsnot herrscht, keine Einfachheit. Wie soll man einem Fluechtling eine Arbeit besorgen, wenn er saemtliche Zeugnisse und Diplome in Afrika gelassen hat? Etliche Formulare muessen benatragt werden. Die franzoesische Buerokratie hat es in sich. Sie ist fuer mich kaum zu durchblicken, obwohl ich immer dachte, ich als Deutscher sei mit Behoerdengaengen vertraut...

Die Equipe, mein Kollegium
Um jene Arbeit zu bewerkstelligen, haben wir hier eine etwa 15 koepfige Equipe: eine Direktorin, einen Buchhalter, fuenf Sozialarbeiter, einen Psychologen, zwei Sekretaire, eine Praktikantin und einen Freiwilligen, das bin ich. Hinzukommmen Ehrenamtliche, die Franzoesisch- oder Informatik-Unterricht geben, sowie das Personal der Kantine und nicht zu vergessen der Hausmeister und seine Frau, die beide ganze Arbeit leisten und so ziemlich alles erledigen, was im Centre an Instand-Haltungs-Aufgaben so anfaellt. In der Equipe herrscht allgemein eine super Stimmung. Es gibt immer jemanden, der einen aufmuntert, wenn es einem mal nicht so gut geht. Hilfreich bei unserer Arbeit ist, das beinahe jeder aus der Equipe selber Migrant ist oder ueber reichlich Auslandserfahrungen verfuegt. Sonia, die Direktorin, hat in Deutschland studiert und viele Jahre in Indien gelebt, unser Buchhalter stammt aus Rumaenien, Soul, ein Sozialarbeiter, ist Mauretanier und unsere Sekretaire kommen aus Madagaskar und der Demokratischen Republik Congo. Fast jeder spricht drei Sprachen flieszend.

Meine Arbeit


Ich denke, ihr habt nun einen ganz guten Ueberblick darueber erhalten, was das Centre so im allgemeinen ist. Nun also endlich der Versuch, die doch so oft gestellte Frage "Wast machst du denn da eigentlich?" befriedigend zu beantworten.

1. Ich arbeite an der Accueil.
Dieser Aufgabenbereich nimmt in meinem Arbeitsalltag wohl den meisten Raum ein. Accueil, das hiesze uebersetzt "Empfang", wobei der deutsche Ausdruck Rezeption dem, was es tatsaechlich ist, wohl noch am Naechsten kommt. An der Accueil laufen alle Faeden des Hauses zusammen. Man ist also im Mittelpunkt aller Ereignisse. Super fuer mich, denn auf diese Weise kriege ich trotz meiner Inkompetenz als nur schlecht Franzoesisch sprechender deutscher Halbstarker doch eine Menge von dem mit, was im Zentrum so vor sich geht. Jeden Morgen um Punkt 10:00 Uhr kommt die Post an. Ein riesiger, zusammengeschnuerter Stapel an Briefen und von Zeit zu Zeit auch Pakete fuer alle 80 Bewohner plus die Post fuer das Kollegium und die Direktion. All das muss sortiert werden. Das war gerade in den ersten Wochen nicht so leicht, denn ich musste die Namen aller lernen, um diese Arbeit ueberhaupt richtig ausfuehren zu koennen. Das kann doch nicht so schwer sein, denkt ihr? Dann verratet mir mal die Aussprache von Namen wie Henouat Gwos Ngwabije oder Medhanyie Bakhtadze Nznga. Ach! Die wisst ihr nicht? Kein Problem, dann versucht doch mal zu erraten, ob diese beiden Namen maennlich oder weiblich sind...

Seht ihr, das ist gar nicht so leicht. Hinzu kommt, dass ich in meinen Listen logischerweise nur je einen Namen zu jedem Bewohner stehen habe. Da einige waehrend des Krieges in ihrem Land jedoch mehrfach den Namen gewechselt haben, kommt es vor, dass Post mit drei verschiedenen Namen fuer eine einzige Person ankommt... Beim Briefe ordnen stosze ich also immer wieder auf kleine Probleme, aber ich habe bei dieser Arbeit auch viel Spasz, denn wer denkt bei Namen wie Ba Khadi oder Wladimir Gorbatschow schon an Fluechtlinge, als vielmehr an von innen waermende, hoch-alkoholische Getraenke... Doch ist das laengst nicht die einzige Aufgabe hier. An der Accueil gehen beispielsweise auch alle Anrufe ein, bevor sie an den ensprechenden Sozialarbeiter oder die Direktorin weitergeleitet werden.

Auch Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung rufen bei uns an, wenn sie einen Termin fuer ein Beratungsgespraech ausmachen moechten. Viele sind verzweifelt und schuettten einem erstmal ihre ganze Lebensgeschichte aus. Es liegt auf der Hand, dass sie ernsthafte Schwierigkeiten haben. Trotzdem bleibt mir oft nichts anderes uebrig, als zu sagen: "Es tut mir leid, aber alles ist voll. Es gibt kein Rendez-Vous mehr bis zum 16. Dezember. Ich kann Ihnen einen Termin fuer in vier Wochen geben." Nicolas, der nun schon seit ueber 20 Jahren hier arbeitet und selber auch mal Fluechtling war, hat in dieser Art der Abfertigung besondere Routine. Unglaublich!! Mir hat das die ersten Wochen ganz schoen zu denken gegeben! Wie kann man Menschen in dieser Lage mit einem so banalen, trockenen Satz vertroesten?? Fast moechte ich am Ende des Telefonats in meiner ironisch-zynistisch Art hinzufuegen: "Hey, macht doch nix, Alter! Vier Wochen auf der Strasze gehen schnell vorbei! Bis dahin schlaefst du halt auf der Strasze. Ist doch noch gar nicht so kalt!! Der richtige Winter steht doch noch vor der Tuer!" Fragt sich, vor welcher Tuer, denn diese Menschen haben bestenfalls einen Zelteingang mit Reisverschluss.

Es bleibt die Frage, wie man das rechtfertigt, diese Menschen abzublocken. Die einfache Antwort ist: Man kann eben nicht allen helfen!! Das war und ist nicht leicht zu akzeptieren... Man muss aufpassen, denn man stumpft natuerlich ab. Nach dem 10. Telefonat wimmelt man auch den verzweifeltsten Anrufer ohne Bedenken ab, als sei es ein aufdringlicher Vertreter, der einem einen Staubsauger aufschwaetzen wollte... Man moechte helfen, darf aber auch nicht das Schicksal eines jeden so nah an sich herankommen lassen, denn das wuerde einen selber total fertig machen! Mit diesem Spagat habe ich noch ein wenig zu kaempfen, aber es gelingt mir von Tag zu Tag besser... Die Accueil ist natuerlich auch Anlaufstelle fuer alle: Besucher wie Bewohner. Mal stellt sich jemand vor, der bei uns ein Praktikum machen moechte. Mal ist einem Bewohner eine Gluehbirne durchgebrannt, jemand braucht eine Fotokopie oder ein Zimmerschluessel ist spurlos verschwunden. Es ist immer was los! Und wenn wirklich mal nichts los ist, hat man ja immer noch die anderen Kollegen, denen man zuarbeiten kann...

2. Ich helfe den anderen der "Equipe".
Ob Hausmeister, Sekretair oder Sozialarbeiter, jeder hat viel Arbeit. Da ist es selbstverstaendlich, dass ich, der Grand Allemand - gekommen, um "freiwillig" zu helfen den anderen unter die Arme greife. Man sagt dazu hier "donner un coup de main". Das eine Mal schickt mich Nikolas zur Post, um neue Briefmarken zu kaufen, das andere Mal helfe ich Jean beim Ausladen eines Kleinbusses angekommener Spenden in Form von Buechern oder Computern. Manchmal archiviere ich auch mit Florian die Rechnungen der vergangenen Jahre. So habe ich viel Abwechslung zu den anderen Aufgaben, die ich jeden Tag verrichten muss.

3. Ich kuemmere mich um die Animation.
Die Zeit, die verbleibt und das ist leider gar nicht so viel kuemmere ich mich um die Animation, also alles, was irgendwie mit Freizeitaktivitaeten zu tun hat. Zwei Mal pro Woche oeffne ich beispielsweise Abends die Cafteria. Dort ist Platz, um sich zu treffen, man kann einen Tee, Kaffee oder eine Cola trinken. Man hoert Musik. Es gibt die klassischen Gesellschaftsspiel wie Schach, Tabu oder Uno, eine Dartscheibe mit Feilen und am Wochenende, wenn die Bewohner selbst aufmachen, dann wird natuerlich auch getanzt bis in die Morgenstunden. Diese mannigfaltigen Nutzungsmoeglichkeiten sind der Grund dafuer, dass mein Vorgaenger diesen Raum CaFte taufte. Eine Mischung aus den franzoesischen Worten fuer 'Feiern' und "Cafteria". Die Abende dort zaehlen zu den schoensten Erlebnissen, die ich bisher hier hatte. Denn, obwohl das Arbeit ist, es bleibt viel Zeit zum Reden. Man tauscht sich ueber kulturelle Unterschiede aus oder jemand erzaehlt mir von seinen Erlebnissen im Heimatland. Das kann wahnsinnig interessant sein. Besonders die Schwarzafrikaner haben eine Art und Weise, die ich liebgewonnen habe. Sie besitzen die Gabe, lustig und gleichzeitig kritisch zu erzaehlen. Das, was ich an den Abenden in der "CaFte" erlebt habe, das ist interkulturelle Verstaendigung! Das ist es, weshalb ich hierher gekommen bin!!!

Ich versuche redlich, die Aktionen meines Vorgaengers fortzufuehren. Einmal die Woche zeige ich einen Film mit Beamer. Der Andrang ist nie genau einzuschaetzen. Mit unkalkulierbaren Schwankungen schaue ich den Film manchmal zu fuenfzehnt und manchmal zu zweit. Den Grund dafuer habe ich noch nicht ausfindig machen koennen, es bleibt mir ein Raetsel! Doch soviel habe ich mittlerweile gelernt: Afrikaner beachten keine Aushaenge! Wenn ich einen Aushang mache, dass ich am Abend die CaFte oeffne, dann reicht das nicht. Die Europaeische Zettelwirtschaft scheint den Bewohnern hier nicht vertraut zu sein. Auch wenn ich mit unter den Tuerschwellen hindurchgesteckten Flyern fuer eine besondere Aktion werbe, haelt sich das Interesse in Grenzen. Aber nun weisz ich: Das A und O ist Mund-Propaganda. An der Accueil ist dafuer der ideale Platz, denn jeder muss dort vorbeikommen, wenn er seine Post haben moechte. Wenn jemand also vorbeikommt, um seine Post zu holen, dann bleibt meist auch eine Minute fuer einen kleinen Smalltalk und man kann sie an die jeweilige Aktion erinnern. So versuche ich mehr und mehr Anhaenger fuer die gemeinsamen Abende zu gewinnen...

Darueber hinaus habe ich noch die Moeglichkeit, sportliche Aktivitaeten oder Ausfluege mit den Bewohnern zu realisieren. Aber auszer ein paar Stunden des gemeinsamen Fuszballspielens, einem ischtennismatch und ein wenig Bewegung im Sportraum habe ich noch nichts organisieren koennen. Mir ging es aehnlich wie den Fluechtlingen. Ich hatte Sprachprobleme und kannte die Gegend nicht. Schwer, da irgendwas auf die Beine zu stellen. Es hat zum Beispiel zwei Monate gedauert, bis ich rausgekriegt habe, dass die Auto-Versicherung auch bei mir als Fahranfaenger bezahlt. Hoffentlich kann ich nun endlich mal den Kleinbus nutzen. Ich wuerde mit den anderen hier gerne mal einen Ausflug ins Schwimmbad oder in ein Museum machen...

Freizeit
Die ganze Zeit arbeitet man freilich nicht. Zwei freie Tage in der Woche sind mir gegoennt. Sonntag und Montag. Auszerdem laesst sich auch Abends einiges anderes veranstalten, wenn ich nicht die Cafteria oeffne. Meine eigenen vier Waende sind nun echt schoen eingerichtet, ich fuehle mich sehr wohl und heimisch. Etliche Buecher und Gitarrennoten warten nur darauf, von mir angemessen gewuerdigt zu werden. Tatsaechlich komme ich immer wieder dazu, Gitarre zu spielen, und darueber bin ich sehr froh. Doch oft will ich am Wochenende einfach nur aus dem gewohnten Umfeld ausbrechen. Denn, wenn man die Arbeitstage immer nur an ein und demselben Ort verbringt, hat man schlieszlich das Berduerfnis, auch mal etwas anderes zu Gesicht zu kriegen. Die ersten Wochen war ich reichlich damit beschaeftigt, Massy zu erkunden. Radfahrend, joggend oder einfach nur spazieren gehend habe ich mir mein neues Umfeld erschlossen. Grosze vorstaedtische Wohnbloecke wie in den Banlieues, aber auch kleine, alte Ein-Familien- Haeuser... Massy hat vieles zu bieten.

Darueber hinaus habe ich natuerlich als Ausweichmoeglichkeit Paris direkt "vor der Haustuer". Eine Metropole, die ich schon jetzt in mein Herz greschlossen habe und die unendlich viele Freizeitmoeglichkeiten bietet. Mit dieser Groesze und Masse an Angboten war ich anfangs echt ein wenig ueberfordert. Ich habe eingesehen, dass man selbst nach diesem Jahr nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt kennen gelernt haben wird. Mit den anderen Freiwilligen von EIRENE, die hier in Paris gelandet sind, verstehe ich mich praechtig. Sie sind mir treue Kumpanen geworden und zeitweise vergesse ich sogar, dass ich der einzige maennliche Freiwillige unter ihnen bin... Gemeinsam entdecken wir Stadtviertel fuer Stadtviertel und haben auch schon so manchen Konzertbesuch hinter uns. Als weitere Beschaeftigung habe ich den "Tea-Time-hoir" nahe des Gare du Nord gefunden. Mein Vorgaenger nahm mich in die Probe mit. Es gefiel mir und nun bin ich regelmaeszig dabei und hatte sogar schon einen Auftritt. Schlussendlich und darueber mit ich maechtig stolz habe ich einen Sprach-Partner gefunden. Wir treffen uns einmal die Woche, unterhalten uns eine Stunde auf Franzoesisch und eine andere auf Deutsch. So profitiert jeder vom anderen. Alles in allem habe ich also eine Menge Moeglichkeiten. Mir ist nie langweilig.

Ende
Machts gut, hoffentlich bis bald und "Bon Courage" bei allem, was ihr gerade so vorhabt!
Viele Gruesze,
carsten-in-paris.blogspot.de

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