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Erfahrungsbericht - Niederlande

Autor: M.H.
Projekt: Kerk & Vrede
Träger: EIRENE International 



1. Rundbrief - September 2008


Liebe Freunde und Verwandte, liebe Mitglieder meines Unterstützungskreises,
hier schicke ich Euch nun einen ersten Bericht nach fast zwei Monaten in meinem Projekt, nach verschiedenen Begebenheiten sowie Begegnungen. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

Groetjes


Ausreise und Anreise:


Mein Freiwilliges Jahr im Ausland, zu dem ich mich nach meiner Kriegsdienstverweigerung entschieden habe, begann bereits, bevor ich die Reise in die Niederlande antrat. Zu den von der Bundesregierung vorgeschriebenen Richtlinien für den Freiwilligendienst zählt nämlich u.a. ein Ausreiseseminar. So habe ich zwei Wochen in Rheinland-Pfalz zusammen mit anderen jungen, künftigen Freiwilligen unserer Trägerorganisation EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. –teils in der Neuwieder Geschäftsstelle, teils in Bad Odernheim- verbracht. Zusammen haben wir, aus verschiedensten Teilen Deutschlands kommend, uns während dieser Zeit über individuelle Erwartungen an das bevorstehende FSJ ausgetauscht. Natürlich hatten wir aber auch jeden Tag ein umfangreiches Programm: Von den rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen über Rollenspiele, Gruppenübungen und Diskussionen zu verschiedenen Spielarten interkulturellen Verhaltens bis hin zu Sport bei wunderbarem Wetter gemeinsam mit EIRENE-Mitarbeitern und ehemaligen Freiwilligen. Im Nachhinein war es eine tolle Zeit mit Menschen, die ich nun bereits mit Vorfreude wieder auf dem Zwischenseminar Ende Oktober in Nordirland erwarten kann.

Danach verblieben noch einige Wochen in Deutschland, in denen ich u.a. mit meiner Freundin noch einmal Urlaub gemacht habe, bevor ich dann am 03. August zusammen mit ihr und meiner Mutter nach Utrecht gefahren bin- meiner neuen Heimat für die kommende Zeit. Nach meiner Ankunft konnte ich bereits niederländische Offenheit erleben, da meine Vermieterin wider Erwarten zunächst nicht antreffbar war und wir über ihre Nachbarin, Schwester, Vater und Schwager doch noch Zugang zu meiner neuen Wohnung bekommen haben. Diese besteht aus einem Zimmer mit vorgelagerter Küchenzeile und nimmt den ganzen Dachboden ein. Zu meiner Vermieterin, Marieke Barnard, (sowie natürlich deren anhänglichem Kater Kamiel und den zwei Meerschweinchen) habe ich ein sehr gutes Verhältnis- Fragen beantwortet sie mir immer gern und so habe ich mit ihr auch als Erster seit dem dritten Tag meines Aufenthalts nur noch Niederländisch geredet. Unter diesenGesichtspunkten bin ich auch sehr froh, das ich nun der zweite „Eirenie“ bin, der hier in schöner und ruhiger Umgebung nahe meines Büros unterkommen kann- denn Utrecht ist nicht nur sehr zentral gelegen, sondern auch die bekannteste Studentenstadt in den Niederlanden, und somit ist Wohnraum knapp, weil begehrt.

Erste Sätze und Schritte:


Dass ich so von einem Tag auf den anderen begonnen habe, nur noch Niederländisch zu sprechen, ist aber nicht nur meiner Vermieterin und meiner Erfahrung mit dem norddeutschen Dialekt geschuldet, sondern auch dem intensiven Sprachkurs am James-Boswell-Instituut der Universiteit Utrecht, der für mich gleich am Tag nach meiner Ankunft begann. Vier Wochen lang erlernte ich in sehr internationalem Umfeld mit Menschen verschiedenen Alters aus Kanada, Spanien, Chile, Portugal, Taiwan, Polen, Pakistan, Finnland, USA und Frankreich die Grundlagen der Landesprache. Wir hatten drei verschiedene Dozenten, die den Unterricht auch immer wieder mit Anekdoten zu Eigenarten der niederländischen Kultur aufzulockern wussten. Davon abgesehen bleiben mir die sehr gute Ausstattung der Universität, die von Studentenorganisationen vielfältig durchgeführten Freizeitaktivitäten wie Museumsbesuche, Städtetrips und Grachtenfahrten sowie Parties, aber vor allem die gemeinsamen Nachmittage und Abende mit Kursteilnehmern in guter Erinnerung. Der Unterricht an sich war nicht unterfordernd, da die Teilnehmer zumeist einen europäischen Sprachhintergrund hatten und wir somit schnell vorankamen, dennoch kam ich mit der neuen Sprache auch aufgrund der großen Ähnlichkeit deutscher und niederländischer Grammatik sowie vieler Vokabeln überraschend leicht voran.
Ich habe, bestätigt durch die Berichte anderer Kursteilnehmer, die Erfahrung gemacht, dass man hartnäckig von Anfang an versuchen sollte, Niederländisch zu sprechen, da Englisch den Einwohnern noch geläufiger ist als Deutschen und sie es sofort zu sprechen beginnen, wenn jemand als „Buitenlander“ erkannt ist. Zudem schätzen die Niederländer es, wenn man sich in der ungewohnten Zunge versucht, man heimst immer wieder manches Lob ein und auf diese Weise ergattert man auch nach Geschäftsschluss schon einmal einen Tisch im Pannekokenhuis. Auch halfen mir diese ersten Kenntnisse bei Behördengang, verschiedenen Besorgungen und natürlich meinen ersten Schritten in meinem Projekt noch während der Sprachkurszeit im August.

Kerk en Vrede und EIRENE Nederland:


Seit Anfang September arbeite ich von Montag bis Freitag formal von 9 bis 18 Uhr in einem Utrechter Großraumbüro in der Obrechtsstraat. Dieses Büro beherbergt derzeit 6 Organisationen, wovon 4 auch regelmäßig mit Mitarbeitern vertreten sind, und trägt den Namen Vredescentrum 0`43.

Ich arbeite für Vereniging Kerk en Vrede, eine christlich-pazifistische Organisation, die im nächsten Jahr 85-jähriges Bestehen feiert. Kerk en Vrede beschäftigt sich in Publikationen und Kampagnen mit Konflikten und Kriegen weltweit sowie den Ursachen von Gewalt und deren Bewältigung. Mithilfe von Demonstrationen und politischer Lobbyarbeit engagiert man sich für dauerhaften Frieden und gewaltloses Zusammenleben. Dabei sollen Menschen innerwie außerhalb der Kirche angesprochen werden.

Auch bin ich für den niederländischen Zweig von EIRENE International tätig, der sich mit dem Aussenden von Freiwilligen in Partnerprojekte v.a. in Lateinamerika und Afrika beschäftigt. Dabei arbeitet man eng mit der internationalen Organisation zusammen und verfolgt die gleichen Grundsätze mit einem unterschied z.B. in der Namensgebung: So nennt sich der niederländische Zweig ökumenisch, nicht christlich. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist EIRENE Nederland auch in friedensthematischen Projekten involviert.

Meine Arbeit- Allgemein und Konkret:


Ich verrichte in erster Linie Sekretariatstätigkeiten wie das Beantworten und Weiterleiten von E-Mails sowie Telefonate und das Abwickeln von Bestellungen v.a. von Broschüren zu Themen wie kolonialer Vergangenheit und Verhältnis zum Islam, mache Öffentlichkeitsarbeit, indem ich die Websites der Organisationen aktualisiere sowie Texte übersetze, Flyer und Poster erstelle, und beteilige mich an der Vorbereitung und Durchführung von Projekten sowie dem Versenden verschiedener Mitgliedszeitschriften und Rundbriefe. Auch reise ich zu Veranstaltungen und Versammlungen in verschiedenen Teilen der Niederlande.

Da wie bereits erwähnt mehrere Organisationen in diesem Großraumbüro untergebracht sind, und viele Mitarbeiter nur selten, da auf ehrenamtlicher Basis, vorbeischauen, bin ich gerade vormittags oft allein bzw. nachmittags mit wechselnden Menschen an meinem Arbeitsplatz. Mein Chef ist Jan Schaake, der aber neben seiner Tätigkeit als „algemeen secretaris“ von Kerk en Vrede nicht nur Vorstandsmitglied von EIRENE Nederland ist, sondern auch in Gremien verschiedener anderer Organisationen sowie Redaktionen verschiedener Magazine sitzt, und somit oft unterwegs ist, obschon regelmäßig vor Ort. Auch arbeitet Heidi Nielssen als Office Managerin seit einiger Zeit für Kerk en Vrede und ist für mich somit zumeist die Ansprechpartnerin und Mitarbeiterin. Bei EIRENE Nederland bin ich allerdings tatsächlich als einziger fester Mitarbeiter tätig, wenngleich die Vorstandsmitglieder wie Jan für Rückfragen zur Verfügung stehen.

Bereits in der Zeit während meines Sprachkurses habe ich täglich einige Stunden im Büro gearbeitet und war somit in die Vorbereitungen für die Vredesweek, die an den 21. September als Internationalem Tag des Friedens und in diesem Jahr auch niederländischer Vredeszondag angeschlossen ist, einbezogen. Besonders in den letzten zwei Wochen waren wir fast ausschließlich damit beschäftigt, regenbogenfarbene Friedensflaggen zu bestellen und über unsere Internetpräsenz an größere und kleinere Organisationen sowie einzelne Personen im ganzen Land zu verkaufen, damit diese am Sonntag dann aufgehängt werden. In diesem Jahr haben wir zudem erstmals unser Portfolio um Flaggen im größeren Format mit dem niederländischen Wort „VREDE“ statt des italienischen „PACE“ erweitert, die wir in erster Linie an niederländische Kirchen verkauft haben. Auch haben wir Buttons mit demselben Design produziert und kleine Fähnchen an Stöckchen zum Schwenken hergestellt. Es war eine ziemlich stressige Aktion, die wir aber bereits jetzt aufgrund der großen Nachfrage als Erfolg verbuchen können. Ich werde demnächst eine differenzierte Auswertung der Verkäufe nach z.B. regionalen Kriterien anstellen und Fotos von Flaggen und Buttons in Aktion gemäß unserem Aufruf veröffentlichen.

Entsprechend gering fiel bisher der Anteil meiner Arbeit für EIRENE Nederland aus, obschon ich mich zwischendurch dieser immer wieder gewidmet hatte, um z.B. einen Ende Oktober anstehenden Informationsnachmittag für Interessierte am Freiwilligendienst in Almere mittels verschiedener Poster und Flyer, die ich an Bibliotheken, Universitäten, Studentenkirchen und Gemeinden verschickt habe, vorzubereiten. Auch habe ich zu diesem Zweck Informationsmaterialien gesammelt und teilweise vom Deutschen ins Niederländische durch Freiwillige übersetzen lassen. So hatte ich auch immer wieder telefonischen Kontakt zu EIRENE in Neuwied. Noch während meiner Sprachkurszeit habe ich den vierteljährlich erscheinenden Rundbrief, für dessen Koordination und Layout ich in Zukunft auch zuständig sein werde, zu verschicken geholfen. Demnächst steht ein neues Vorstandsmeeting in Deventer an, nachdem ich an einem solchen bereits vor einigen Wochen gemeinsam mit Jan teilgenommen habe, um den Informationsnachmittag noch detaillierter zu planen. Ich selbst kann nicht an diesem teilnehmen, obschon die Durchführung für gewöhnlich eine der Aufgaben des EIRENE-Freiwilligen ist, da ich zu diesem Zeitpunkt auf dem Zwischenseminar in Nord-Irland sein werde.

Bereits während meines einwöchigen Projektbesuchs im Mai habe ich meinen Vorgänger Bertram und Jan zu einem Meeting des Internationalen Versöhnungsbundes IFOR in Alkmaar begleitet, wo junge pazifistisch engagierte Menschen in einer internationalen Friedensorganisation , der Kerk en Vrede als niederländischer Zweig angeschlossen ist, zusammenkommen. Die Bürosprache ist grundsätzlich Englisch und ich habe an diesem Tag z.B. die Bekanntschaft einer jungen Asiatin die sich in der Ausbildung von Peacebuilders in Myanmar engagiert, sowie einer Afrikanerin, die sich als Vermittlerin zwischen den Parlamenten afrikanischer Staaten einsetzt, gemacht. Bertram arbeitete zu diesem Zeitpunkt neben seiner Tätigkeit in O`43 auch in der Youth Working Group von IFOR mit, um dessen Jugendarbeit zu verbessern und bot mir an, dies ebenfalls zu tun. Bleibt also abzuwarten, was sich in dieser Hinsicht noch tut- auf jeden Fall ein spannendes Projekt.

Mein Utrecht- Leben und Sport:


Wie ich bereits erwähnt habe, ist Utrecht eine überaus vitale Stadt mit alter Architektur an wunderschönen Grachten, die von dem reichhaltig vorhandenen Studentenleben und der Lage im Herzen der Niederlande profitiert. Durch die vielen englischsprachigen Studienangebote der hiesigen Universität trifft man auf junge Menschen verschiedenster Nationalität, wie ich während meines Sprachkurses erfahren durfte. Der Kontakt zu den anderen Teilnehmern auch in der Freizeit hat zu schönen, neuen Bekanntschaften geführt, die ich über diese Zeit hinaus zu erhalten versuchen will. So war ich u.a. bei einem texanischen Ehepaar zum Dinner eingeladen und habe nach wie vor Kontakt zu den nun hier Studierenden mit Besuchen in Cafés und Clubs. Mithilfe von Festnetz, Internet-Messenger, -Telefonie und –Plattformen ist natürlich auch der Kontakt zur deutschen Heimat wesentlich vereinfacht. Abgesehen davon, habe ich bereits einmal Besuch von meiner Freundin und ihren Eltern sowie meiner Mutter bekommen, und auch andere Freunde und Verwandte haben sich schon angekündigt. Unter diesen Gesichtspunkten fällt dann immer wieder auf, dass die Niederlande zwar eine andere Spracheund Kultur beinhalten, aber eben auch nicht aus der Welt sind.

Durch den Umstand, dass ich erstmals meinen Haushalt eigenständig führe, habe ich abseits der großen Supermärkte mit vielen verlockenden, süßen, niederländischen Leckereien auch das Viertel Lombok mit türkischen Gemüseläden und surinamesischen Restaurants für mich entdeckt. Nicht nur kann man hier frisch und günstig Obst und Gemüse kaufen, sondern auch am internationalen Flair teilhaben. Für den sportlichen Ausgleich zum langen Büroarbeitstag gehe ich nun auch zum Tischtennistraining des UTTC, dem ältesten Club in den Niederlanden. Dieser bietet abseits des Sports auch verschiedene soziale Aktivitäten wie gemeinsames Bowling und ich treffe auch hier auf junge Leute, mit denen sich vielleicht auch noch tolle neue Bekanntschaftenergeben.

So kann ich mittlerweile bereits sagen, mich in Utrecht nicht nur eingewöhnt zu haben, sondern mich darüber hinaus wohl zu fühlen. Ich bin froh, die Gelegenheit zu haben, in dieser schönen Stadt vielfältige und nützliche Arbeit verrichten zu können und mir dabei eine neue Sprache und Kultur erschließen zu können.

Euch, lieben Mitgliedern meines Unterstützerkreises, wünsche ich einen schönen Herbst.
Hartelijke groet en graag tot ziens.

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