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Erfahrungsbericht - Rumänien

Autor: Marius Wolf
Projekt: Alten- und Behindertenbetreuung
Träger: EIRENE International 

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1. Rundbrief - Oktober 2008



Lieber Unterstützerkreis, liebe Freunde und Familie,
ich bin nun seit drei Monaten in Rumänien und habe in in dieser Zeit viele spannende Erfahrungen gemacht. Bei der Arbeit, im Alltag und beim Reisen, in einem für mich ja nicht ganz so neuen Land. Ich habe mich mittlerweile richtig gut eingelebt und fühle mich sehr wohl. Ich hoffe das Lesen des Rundbriefes bereitet Ihnen, Euch und Dir Freude und bietet einen guten Einblick in meine Arbeit und mein Leben hier.

Alles Gute,
Marius


Bevor ich nun meine Arbeit und meinen Arbeitsalltag konkreter beschreibe, werde ich erstmal etwas über meinen Ausreisekurs und die ersten Wochen hier berichten. Danach folgen ein paar allgemeinere Informationen zu Rumänien und Sibiu und schließlich geht es an die „Arbeit“.

Den zweiwöchigen Ausreisekurs meiner Entsendeorganisation EIRENE verbrachte ich zur einen Hälfte in Neuwied am Rhein und zur anderen in Odernheim, einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Dort bereitete ich mich zusammen mit 20 anderen Freiwilligen, meist Abiturienten, auf meine Arbeit und die neue Herausforderung vor. Einige Teilnehmer des Ausreisekurses arbeiten jetzt in Marokko, andere auf dem Balkan oder in Rumänien. Auch wenn diese Länder ganz verschieden Kulturen haben und die Arbeitsplätze der Freiwilligen unterschiedlich sind, kamen wir in der Vorbereitung immer auf einen Nenner: „Wie reagiere ich auf Rückschläge bei der Arbeit, bedingt durch Sprache oder Problemen im Projekt?“ „Wie reagiere ich, wenn es mit der Integration nicht klappt?“ „Wie gehe ich mit Einsamkeit und Heimweh um?“ „Was für ein Typ bin ich, wenn es gar nicht läuft? Geb ich auf? Werde ich gleichgültig? Geh ich nach vorn? Geh ich nach Haus...?“ Viel wichtiger als pauschale Tipps und Postkarten mit Weisheiten und Durchhalteparolen, war die bei EIRENE allseits beliebte Reflexion. Meist in Kleingruppen wurden sehr persönliche Gespräche geführt und die Ängste und Sorgen vor dem neuen Lebensabschnitt wurden so immer kleiner und die Freude immer größer.

Drei Tage nach dem Ausreisekurs setzte ich mich motiviert und mit einer riesigen Vorfreude in Köln in den Bus, kam 27 Stunden später abends in Sibiu an und begann mit der Arbeit am nächsten Morgen. Genauso schnell wie man den Satz liest, kam mir die erste Zeit hier auch vor. So vergesse ich oft, dass ich schon zwei mal umgezogen bin. Die ersten 10 Tage verbrachte ich im Haus meiner Chefin, dann fand ich für den August ein kleines Zimmer mit Küche und einem Badezimmer auf dem Flur mitten im Stadtzentrum. Anfang September wurde mein ganzes Hab und Gut, bestehend aus zwei Koffern zu insgesamt 55 Kilo auf einen alten Dacia geladen und in meine jetzige und zukünftige Wohnung gebracht. Meine Wohnung befindet sich fünf Minuten entfernt vom Stadtzentrum, direkt im Univiertel, im Erdgeschoss eines klassizistischen Altbaus. Mein Mitbewohner, ein deutscher Theolgiestudent, der in Sibiu ein Auslandssemester macht, ist seit Anfang Oktober da. Wir verstehen uns gut und abends kochen wir meistens gemeinsam. Die Wohnung ist sehr schön. Hohe Decken, Parkett, eine große Veranda. Dummerweise ist das Heizsystem genauso alt wie das Haus und funktioniert mit gashungrigen Kachelöfen. Das Bad ist zwei Räume entfernt vom nächsten Ofen. In meinem nächsten Rundbrief im Januar (Durchschnittstemperatur - 0,4 Grad) werde ich dann Berichten, auf welcher Fallhöhe das Wasser beim Duschen gefriert...

Seit dem Ende des Kommunismus erlebt Rumänien wie so viele Länder aus dem ehemaligen Ostblock einen rasanten Aufschwung. Das Wirtschaftswachstum liegt bei knapp 8% . Rumänien ist nach Polen auch das flächenmäßig größte und mit 21 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der neuen EU-Staaten. Trotzdem ist Rumänien der am schlechtesten entwickelte neue EU-Staat . Die Infrastruktur hinkt stark hinterher. Es gibt nur eine 100 km lange Autobahn, zwei weitere sind in Bau und teilweise befahrbar. Der restliche Verkehr wälzt und quetscht sich auf den meist einspurigen Landstraßen von A nach B vorwärts, oder auch nicht.

Die meisten Landstraßen werden zur Zeit erweitert und so gibt es viele Baustellen. Das Ampelrot interpretieren die hiesigen Autofahrer aber meist als leichte Variation von Grün. So drängelt sich jeder durch. Ob es dadurch schneller geht, weiß ich nicht. Es ist jedenfalls sehr lustig, zu beobachten. Weiterhin existieren in Rumänien insgesamt 12 Flughäfen, von denen keiner größer als der in Dortmund ist. Große Blockanlagen und kommunistische Architektur prägen die meisten Wohngebiete. In den bis zu 12 Stockwerken hohen Blocks mit bis zu 4 Apartments pro Etage leben Professoren, Beamte, Bauarbeiter und Arbeitslose in direkter Nachbarschaft. Auch in den kleinen Dörfern wurden im Zentrum häufig die traditionellen Gebäude durch Blocks ersetzt. Das Stadt-Landgefälle ist enorm. 20 km vor Bukarest sieht man oft ältere Frauen, die einzelne Kühe am Nasenring entlang des Grünstreifens rechts und links der Straße grasen lassen. Dazu chaotische Romadörfer und leider nur noch sehr selten traditionelle Romas, die mit Pferdewagen durchs Land ziehen. Im Gegensatz dazu stehen moderne Stadtzentren wie in Bukarest, Sibiu, Cluj Napoca (zu deutsch: Klausenburg) oder Brasov (zu deutsch: Kronstadt). Breite Boulevards, Grünstreifen, chice Autos, Banken, weite Plätze mit Springbrunnen und an den Fassaden rechts und links Werbung, Werbung, Werbung; für Produkte die sich gar nicht verbinden lassen, mit dem Hirten der am Stadtrand seine Schafe durch Siebenbürgen treibt, oder den Männern, die abends in der kleinen Dorfkneipe ihr Bier trinken. Man glaubt, die Zeit sei stehen geblieben und seit Generationen, würden die Menschen so ihre Zeit verbringen. Nur, dass sie jetzt unter Stella-Artois Schirmen sitzen und das Bier im Coca-Cola Kühlschrank gekühlt wird. Die meisten Jugendlichen sind in die größeren Städte gezogen und kommen häufig nur am Wochenende zurück in ihre Heimatdörfer. Das traditionelle Dorfleben, in das schon der Kommunismus versuchte Modernität in Wohnblockform zu stampfen, wird mit der Zeit immer mehr verschwinden.

Ein Bild, welches den Kontrast zwischen Arm und Reich für mich sehr eindrücklich beschreibt, bietet sich, wenn ich aus dem Block meines Onkels in Bukarest trete. Ein typisches Blockwohngebiet mit typischer Treppenhausdunkelheit und die Wohnungen so hochmodern oder verfallen, wie es die Finanzen der Bewohner ermöglichen. Auf den Eingangsstufen sitzen im Sommer zu jeder Tages und Nachtzeit Menschen, die im kleinen NonStop-Lebensmittelladen im Erdgeschoss alles nötige finden um einen Abend zu verbringen. Sonnenblumenkerne, Bier aus 2,5 Liter Plastikflaschen, Suc (ein rumänisches Wort, das von Limonade bis zu frisch gepresstem Orangensaft alles bedeuten kann), Zigaretten und alle möglichen Snacks. Geht man von dort zehn Meter weiter, fällt der Blick links auf einen riesigen! Supermarkt, ein glassfassadenes blau beleuchtetes Bürohochhaus und die hell angestrahlte Kuppel eines Einkaufszentrums – alles zu Fuß in fünf Minuten erreichbar. Neigt man dann den Kopf, um nicht über ein Schlagloch zu stolpern, fallen einem direkt vor der Nase die Graffitis, die Straßenhunde und unzählige Müllhaufen auf. So sah es jedenfalls aus, als ich das letzte mal vor einigen Wochen dort war, ob die Straße jetzt gemacht ist, der Müll weg ist, oder doch mit Devisen ein neues Bürohochhaus entsteht, kann ich nicht sagen. So viel zur Atmosphäre...Jetzt noch ein paar Zahlen. Am schnellsten haben sich die Preise an die EU angepasst. In den Supermärkten (z.B. Real, Plus, Kaufland, Carrefour, Cora, Auchan) gibt es Markenprodukte vom Hochlandkäse bis zur Zimbowurst. Als Importware sind sie oft noch teurer als in Deutschland. Auf dem Gemüsemarkt sind die Preise dafür wieder an den monatlichen Durchschnittslohn von 300 Euro angepasst. Dort wird auch noch gefeilscht und Romafrauen versuchen, selbst geschnitzte Holzlöffel zu verkaufen. Ein Kilo Käse kostet auf dem Markt (!) 35 Lei. Umgerechnet knapp 10 Euro. Eine der Frauen, die ich betreue, bekommt eine monatliche Rente von etwa 90 Euro. Meine letzte Stromrechnung betrug für Laptop, Warmwasserboiler, Kühlschrank mit Gefrierfach und Lampen 30 Euro. Also 10% des Durchschnittslohn. Der Liter Diesel kostet ebenso wie das Benzin etwa 1,15 Euro. Beispiele lassen sich auf viele andere Lebensbereiche übertragen und zeigen, dass die Lebenskosten im Vergleich zum Gehalt enorm sind.

Die Religion spielt in Rumänien eine große Rolle. 87% der Bürger gehören dem Orthodoxen glauben an. Fast ebenso viele Bekreuzigen sich, sobald sie im Bus oder Auto eine Kirche passieren. Bevor man eine orthodoxe Kirche betritt, führt der Weg oft vorbei, an Verkaufsstellen mit eingeschweißten kleinen Heiligenbildchen und allen möglichen anderen Dingen, die Kitsch und Christus zu einem im orthodoxen Glauben spirituell wertvollen Gegenstand verbinden. Man muss zur Erklärung sagen, dass Ikonen im orthodoxen Glauben eine sehr wichtige Rolle spielen. Hat man dann die Kirche dann betreten, trifft man auf eine unglaublich meditative Atmosphäre, gestützt durch Weihrauch und Liturgien. Ich mag diese Atmosphäre sehr gerne. Leider beschränkt sich die orthodoxe Kirche oft darauf Raum für Spiritualität zu geben und investiert wenig in Soziales. Einrichtungen wie die Caritas oder die Diakonie stecken hier noch in den Kinderschuhen. Sibiu liegt in der Mitte von Rumänien etwa 20 Kilometer nördlich der Karparten.

Die Stadt hat 160.000 Einwohner, von denen etwa 12.000 Studenten sind. Im Sommer ist es wesentlich heißer als in Lüdenscheid, dafür kann es im Winter auch öfters -10 Grad und kälter sein. Es gibt allerdings nur halb so viele Regentage wie in Lüdenscheid, was mich sehr freut. 2007 war Sibiu zusammen mit Luxemburg Kulturhaupstadt Europas. Das Zentrum ist komplett renoviert und lockt im Sommer unzählige Touristen an. Dass es in Sibiu früher viele Siebenbürger-Sachsen gab, zeigen die zwei komplett deutschsprachigen Gymnasien, zwei deutschsprachige Buchhandlungen, eine deutsche Bücherei, ein deutsches Kulturzentrum und ein deutschsprachiges Theaterstück pro Woche. Die Germanistikfakultät an der Uni darf natürlich ebenso wenig fehlen, wie das komplett deutschsprachige Studium der evangelischen Theologie. Es gibt noch viel Interessantes über Rumänien und Sibiu zu sagen: z.B. über die mehr als 2 Millionen Roma, die hier eine Parallelgesellschaft bilden oder die 800 Jahre alte, aber nun aussterbende deutsche Kultur der Siebenbürger-Sachsen. Lange Zeit bildeten diese die führende Schicht in Transsylvanien. Für solche Themen werde ich in den nächsten Rundbriefen vielleicht Platz finden, aber nun hoffe ich Ihnen, Euch und Dir fürs erste einen kleinen Eindruck von Rumänien gegeben zu haben, um jetzt meine Arbeit besser beschreiben zu können:

Ich betreue 10 alte bzw. kranke Leute, die zwar noch zu Hause leben, aber nicht mehr alles selbst erledigen können. Dies mache ich mit zwei anderen Kollegen von EIRENE, die schon länger hier sind und deren Dienst im November bzw. im Januar endet. Ich hoffe, dass einer von Ihnen einen Nachfolger bekommt, da sonst die Arbeit kaum zu schaffen wäre. Neben dieser Arbeit, welche den Hauptteil ausmacht, arbeite ich seit zwei Wochen vier bis sechs Stunden pro Woche in der Nachmittagsbetreuung einer Behindertenschule. Aber nun erstmal zur Struktur bei der Altenbetreung. Meinen Wochenplan kann ich mir ziemlich frei gestalten. Die Besuchszeiten, für die Menschen, die ich betreue, sind bis auf drei Ausahmen flexibel. Die Besuche mache ich meistens zu Fuß und selten mit dem Bus. Einmal pro Woche habe ich mit meinen beiden Kollegen eine Sitzung bei unser Chefin Frau Gabler. Frau Gabler kam kurz nach der Wende nach Sibiu und ist als Sozialberaterin der orthodoxen Kirche tätig. Wir berichten ihr bei den Treffen über die Neuigkeiten und Probleme unserer „Alten“. Sie hilft uns bei Fragen zu Medikamenten, empfiehlt gute Ärzte oder gibt uns Tipps, wo wir billig Dinge auftreiben können, die die Alten brauchen. Laut meinem Wochenplan besuche ich jeden nur einmal pro Woche, aber seit dem ich hier bin, hatte ich noch keine Woche, in dem der Plan nicht durch etwas Unerwartetes verändert wurde. Ein Dach durch das Regen kommt, Hausputze, dringende Arztbesuche die manchmal 5 Stunden dauern, oder dringend benötigte Medikamente, müssen dann auf die Schnelle in den Wochenplan eingebaut werden. Solche Dinge spreche ich dann meistens mit meinen Kollegen per Handy ab. Von den 10 Leuten, die ich betreue, haben drei MS und bei zwei von ihnen ist es so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr alleine das Bett verlassen können. Sie haben aber noch Angehörige, die die Pflegearbeit übernehmen. Für die drei hole ich Windeln bei der Diakonie (aus Deutschland finanziert) oder Medikamente aus einer Spendenapotheke (ebenfalls aus Deutschland finanziert). Wenn besondere Medikamente benötigt werden, schafft es manchmal meine Chefin Frau Gabler diese zu organisieren. Eine Frau, die ich betreue und deren Geschichte besonders tragisch ist, ist erst Mitte 40, sitzt im Rollstuhl und ist geistig behindert. Die Behinderungen resultieren aus einem Autounfall, den sie im Alter von 25 Jahren hatte. Bei diesem ist auch ihr Mann ums Leben gekommen. Ihre Mutter, die selbst schon fast 80 ist, kümmert sich so gut es geht um sie. Die anderen fünf Leute leben alleine und haben auch keine Angehörigen in Sibiu, die sich um sie kümmern.

Eine Frau die mir sehr ans Herz gewachsen ist, heißt Frau Delch. Sie ist Siebenbürgersächsin, spricht also Deutsch und Rumänisch, ist 90 Jahre alt und wohnt ein bisschen außerhalb von Sibiu in einem Dorf. Sie hat einen kleinen Acker und einen Garten, in dem es immer etwas zu tun gibt. Sie kann sich nur noch sehr, sehr langsam bewegen, aber nimmt aus einer scheinbar unerschöpflicher Quelle die Energie ihr Haus, einen Teil des Garten und ihren Alltag ausgesprochen ordentlich und korrekt zu führen. Anfangs hat sie mir zwar nicht zugetraut, dass ich Teppiche ausklopfen oder Decken schütteln kann (denn das ist ja schließlich Arbeit für Frauen!) aber mittlerweile, darf ich das auch machen. Gleich in der dritten Woche hat sie mir allerdings zugetraut auf einen 10 Meter hohen Baum zu steigen und oben mit der Axt einen großen Ast abzuschlagen. Da musste ich sie aber leider enttäuschen... Als ich vor einigen Wochen Besuch von Johannes Hermann aus Deutschland bekommen habe, haben wir mit meinem Kollegen Jochen zusammen bei Fr. Delch den rumänischen Schnaps tuica gebrannt. Dieser wird eigentlich aus Pflaumen gemacht, aber meistens besteht er aus allen Früchten, die die Leute grade finden. Frau Delch wurde, wie so viele Siebenbürger-Sachsen, nach dem 2. Weltkrieg in ein sowjetisches Zwangsarbeiterlager deportiert und musste dort 5 Jahre arbeiten. Ich persönlich wusste bis dahin nicht, dass so viele deutschstämmige aus ganz Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg in russischer Zwangsarbeit waren. Sie erzählt von sehr traurigen Erlebnissen, Unverständnis, grausamen Strafen und Arbeitsbedingungen. Beispiele für so etwas, muss ich, denke ich, nicht genauer anführen, da wir Ähnliches schon aus Büchern, Reportagen und Filmen kennen. Sie erzählt aber auch von den schönen Erlebnissen, wie zum Beispiel, wenn sie abends von der Kohlegrube kam und ihre Freundinnen sie mit der Siebenbürger-Hymne im Lager empfangen haben.

Letzte Woche Freitag haben wir mit den Leuten, die noch das Haus verlassen können einen Ausflug gemacht. Mit dem Bus der Diakonie ging es in den städtischen Zoo und abschließend in ein Restaurant. Es hat sehr viel Spaß gemacht und ich habe die Leute selten so strahlen sehen. Vor allem die älteren Frauen haben sich sehr schick gemacht. Als ich sie morgens abgeholt habe, wollte jede wissen, ob sie denn auch gut aussieht.



Das Stressigste, aber im Nachhinein sehr lustige, war ein Besuch mit Fr. Stieger beim Augenartzt. Frau Stieger ist eine der drei Sächsinnen, die ich betreue und hat eine relativ große Rente, so dass sie sich einen elektrischen Rollstuhl leisten kann. Allerdings hat sie keine Ahnung von Verkehrsregeln und sehen kann sie auch nicht mehr besonders gut. Deshalb ja auch der Besuch beim Augenarzt. Auf den Nebenstraßen war noch alles in Ordnung, aber als es dann in die Innenstadt ging, wurde mir manchmal mulmig. Sie war der festen Überzeugung, dass man auf der Rechtsabbiegerspur auch geradeaus fahren kann. Da ich sie nicht auf der Schnelle mitten im Straßenverkehr eines anderen belehren konnte, bin ich kurzfristig in die Rolle eins Verkehrspolizisten geschlüpft. Ich hab dann die Rechtsabbieger an Frau Stiger vorbei gewunken und mich vor die geradeaus fahrenden gestellt, damit sie ganz gemächlich über die dreispurige Kreuzung fahren konnte. Da sie nicht nach links und rechts guckt, hat sie von alledem auch nichts mitbekommen. Später, als mein Angstschweiß langsam getrocknet war, hat sie gesagt: „Guck, ich wusste doch, dass man dort geradeaus Fahren kann.“ Auf dem Rückweg hab ich Frau Stiger dann auf die richtige Spur verdonnert.

Mit den Behinderten arbeite ich erst seit zwei Wochen und kann also nur von meinen ersten Eindrücken berichten. Jeden Montag, Dienstag und Mittwoch gibt es nach dem regulären Unterricht zwei Stunden Nachmittagsbetreung. Bei diesen helfe ich. Montags singen wir in der ersten Hälfte und kochen einfache Gerichte in der zweiten. Dienstags malen oder basteln wir und am Mittwoch gibt es Spiele und Theater. Wir sind etwa 10 Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren, zwei Lehrer und ich. Ich habe in Deutschland kaum Kontakt mit Behinderten gehabt und konnte mir nie ein richtiges Bild machen. Von meinen Jugendlichen bin ich begeistert. Ich habe noch nie Menschen erlebt, die so herzlich und fürsorglich miteinander umgehen. Sobald jemand etwas richtig macht, umarmen sie sich oder klatschen. Sie helfen sich gegenseitig wo sie können und gucken immer, dass es den anderen gut geht. Auch wenn sie wegen ihrer Einschränkungen nicht viel machen können, sind sie immer sehr stolz auf sich und andere und freuen sich über jeden kleinen Erfolg.

Als erstes Fazit zu meiner Arbeit kann ich sagen, dass es interessant ist und viel Spaß macht. Die Besuche bei den Alten sind schon Routine geworden. Mal gibt es Aufgaben, die aufregender sind und mal welche, die sich länger hinziehen und auch nervig werden können. Mit den Behinderten ist alles noch sehr neu und es macht viel Spaß mit ihnen zu arbeiten.

Mein Leben als Freiwilliger ist ebenfalls sehr aufregend. Durch einen zweiwöchigen Sprachkurs in Bukarest und ein Wochenendseminar mit anderen Freiwilligen, ist hier ein sehr großes Freiwilligennetzwerk entstanden. In jeder größeren Stadt, und in vielen kleineren, gibt es deutsche oder englischsprachige Freiwillige, die man Besuchen kann. Bei mir haben schon einige übernachet und ich habe die letzten drei Wochenenden in Bukarest, Cluj und Brasov verbracht. Da man in Rumänien sehr gut trampen kann, ist es auch nicht sehr teuer zu reisen. Dieses Wochenende werde ich wohl wieder weg sein oder vielleicht Besuch bekommen. Auf diese Weise lernt man sehr schnell viele Leute kennen. Ich speichere mir die Handynummern, der Leute, die ich neu kennenlerne immer mit der zugehörigen Stadt ein. Sonst würde ich den Überblick verlieren.

So, das war der erste Bericht von mir. Ich möchte mich nochmal ganz herzlich bei allen bedanken, die mir den Dienst hier ermöglichen! Wenn jemand mehr über ein Thema wissen möchte, Anregungen, Fragen oder Kritik hat, dann schreibt mir einfach. Per Mail oder spätestens im nächsten Rundbrief, werde ich versuchen darauf einzugehen.

Ich hoffe der Rundbrief hat Ihnen, Euch und Dir gefallen und ich bedanke mich fürs Lesen.
Viele Grüße,
Marius

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