Erfahrungsbericht - Frankreich
| Autor: | Michael Braun |
| Projekt: | Arche Paris |
| Träger: | Eirene |
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1. Rundbrief - Januar 2008
Liebe Spenderinnen, liebe Spender, liebe Familie und liebe Freunde,
mehr als drei Monate ist es jetzt her, seitdem ich in meinem Projekt, der Arche Paris, angekommen bin. Grund genug, all denjenigen Personen, die mich unterstützt haben und fortwährend unterstützen, endlich tieferen Einblick zu gewähren in das Leben, das ich seit Mitte September führe.
Angefangen hat mein Auslandsdienst am zweiten September in Neuwied, wo der erste Teil des Ausreisekurses von Eirene stattfand. Dort und in Odernheim habe ich mit achtzehn weiteren Freiwilligen zwei Wochen verbracht, die die Vorfreude auf die bevorstehende Ausreise ins Unermessliche gesteigert haben. Insofern war ich froh, meine Ausreise direkt an das Seminar gehängt zu haben.Am vierzehnten September war es also soweit: Über Köln und Brüssel mit dem Thalys direkt nach Paris.
Für mich war, im Gegensatz zu anderen Arche-Freiwilligen, die Ankunft in Paris gewissermaßen ein Sturz ins kalte Wasser. Obwohl ich mein Projekt während meiner Projektreise im Mai bereits gut kennen gelernt hatte, hatte sich doch inzwischen einiges geändert: Das Foyer, in das ich wollte und in das ich auch geschickt wurde, hatte inzwischen nur noch eine externe Responsable, d.h. die „Verantwortliche“ lebt nicht mehr mit uns im Foyer, sondern kommt nur relativ selten und verschafft sich nur dadurch einen Eindruck darüber, ob alles in Ordnung ist. Clara und Karim, zwei Assistenten vom letzten Jahr, waren glücklicherweise da, um uns, die neuen Assistenten des Foyer Le Gué, zwei Wochen lang in die Routine einzuweisen.
Anfangen will ich mit einigen allgemeinen Worten zur Arche. Anfang der siebziger Jahre besuchte der Kanadier Jean Vanier ein psychiatrisches Krankenhaus nicht weit von Paris. Die Zustände, die er dort vorfand, waren erschreckend: Da es zu diesem Zeitpunkt in Frankreich kaum Einrichtungen für geistig behinderte Personen gab, waren viele in psychiatrischen Kliniken notuntergebracht. Die behinderten Personen, die Jean Vanier in diesem Krankenhaus antraf, hatten, so sagte er später, ganz offensichtlich das Bedürfnis nach „normalen“ menschlichen Beziehungen und Freundschaften.
Spontan entschloss er sich, mit zweien der Personen in Trosly-Breuil, einem beschaulichen Dorf im Norden von Paris, ein Haus zu beziehen und eine Wohngemeinschaft zu gründen. Viele Assistenten, also Leute, die für eine gewisse Zeit kamen, um mit der kleinen Gemeinschaft zu leben, übernahmen das Konzept und gründeten in ihren Herkunftsregionen und –ländern neue Archegemeinschaften. Heute gibt es weltweit mehr als 132 Gemeinschaften auf allen fünf Kontinenten.
Die Arche Paris wurde 1973 von Studenten, auch ehemaligen Assistenten aus Trosly, gegründet, weil sie gerade in der Großstadt Paris den Bedarf sahen, behinderten Menschen einen lebenswerten und würdigen Wohn- und Lebensraum zu schaffen.
Inzwischen besteht die Arche Paris aus vier Foyers und einem Atelier, das behinderten Personen, seien sie aus der Arche oder aus der Umgebung, tagsüber Beschäftigungen anbietet. Das Atelier ist vor allem für diejenigen behinderten Personen gedacht, denen es nicht möglich ist, regelmäßiger Arbeit in einer Behindertenwerkstatt nachzugehen, da selbst dort die Anforderungen zu hoch und das Arbeitstempo zu schnell sind.
Außerdem gibt es – eher selten innerhalb der Archegemeinschaften – den sogenannten Service de Suite, der behinderte Personen, die den Schritt gewagt haben und nicht mehr in einem Foyer leben möchten, sondern alleine in kleinen Wohnungen wohnen, administrativ und psychologisch weiterbetreut. Natürlich ist das keine Option für alle Personen, aber manche sind so selbstständig, dass einem noch unabhängigeren Leben nichts mehr im Wege steht.
All das liegt in gemütlicher Fußnähe im 15. Arrondissement von Paris, rund um die Métrostation Convention.
Nun möchte ich mehr auf das Foyer und vor allem auf die Personen eingehen, mit denen ich im Foyer Le Gué zusammenlebe.
Zwei weitere Assistentinnen, eine Französin namens Christine und eine Deutsche mit Namen Jana, leben gemeinsam mit mir und fünf behinderten Personen: Marie, Anna*, Etienne*, Paul* und Bouba* (die Namen der Foyerbewohner sind geändert!)
Marie ist 26 Jahre alt und lebt schon seit fünf Jahren in der Arche. Wenn man sie zum ersten Mal trifft, bemerkt man ihre Behinderung unter Umständen nicht.
Marie ist sehr liebenswürdig, hat eine ausgewachsene Leidenschaft für Geschichte, insbesondere für Frankreichs Monarchen. Außerdem liebt sie Musicals und alle möglichen anderen Arten von Musik. Marie geht jeden Tag in eine „Behindertenwerkstatt“, wo sie unter Anderem für große französische Telefonanbieter Post frankiert und sortiert.
Anna ist Portugiesin und hat auch ein sehr südländisches Temperament. Sie ist in der ganzen Pariser Arche mit 23 Jahren die jüngste Person. Letztes Jahr lebte sie noch im Foyer Namasté, hat aber Anfang diesen Jahres ins Gué gewechselt, weil sie sich im Namasté nicht mehr wohlfühlte.
Anna liebt Pferde und hatte dieses Jahr mit einer wöchentlichen Reitstunde angefangen, welche sie jetzt, nach einem nicht besonders schlimmen Sturz und einem wahrscheinlich viel beeindruckenderen Gespräch mit ihren Eltern wieder aufgeben möchte. Trotzdem hat sie noch einige andere Hobbies: Anna zeichnet sehr gut und strickt und stickt sehr gerne.
Etienne ist unser mysteriöser Autist. Wenn man Etienne zum ersten Mal trifft, ist es sehr wahrscheinlich, dass er gerade eine seiner Hände anschaut. Das macht er nämlich eigentlich immer.
Etienne liebt das Automodell Citroën Picasso sowie alle Friseure dieser Welt. Er arbeitet in einer Behindertenwerkstatt, wo er sowohl kreativen Aktivitäten nachgeht als auch in der Küche arbeitet und Staub saugt. Nach der Arbeit geht er jeden Tag in einen bestimmten Friseursalon in der rue Didot, spricht mit den Friseusen über seine Venen und Haare und betrachtet sie dabei, wie sie den Kunden die Haare schneiden. Haare und Hände sind nun mal seine große Leidenschaft.
Dann gibt es Paul, der dieses Jahr seinen 50. Geburtstag gebührend auf der Spitze der Tour Montparnasse gefeiert hat. Er liebt Cola und wir müssen versuchen, ihn dazu zu bringen, dass er seinen Konsum von sich aus beschränkt. Außerdem mag er alle Sportarten, besonders Fußball, sowie alle öffentlichen Verkehrsmittel auf Rädern, insbesondere die neue Pariser Straßenbahn und natürlich die Métro. Sein Zimmer ist eigentlich ein Métro- und Colamuseum, denn alles – von der Bettwäsche bis zu den Vorhängen und natürlich allen Postern, die die Wände bedecken – ist entweder von Coca Cola-Logos geziert oder aber im dezent blassen Grün der Pariser Verkehrsbetriebe gehalten. Auch Uhren sind Paul sehr wichtig und man kann ihn des öfteren dabei beobachten, wie er die Zeit seiner Armbanduhr und seiner Stoppuhr vergleicht.
Der letzte Bewohner meines Foyers, mal abgesehen von den anderen Assistenten, ist Bouba. Er ist afrikanischer Herkunft und wurde auf einer kleinen Insel nördlich von Madagaskar geboren.
Bouba trägt meistens ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er ist sehr zuvorkommend, redet gerne und ist sehr sensibel.
Alles in allem ist er eine sehr lebensfrohe Person, die in das sowieso schon sehr lebhafte Gué noch mehr gute Laune bringt.
Er ist außerdem praktizierender Muslim. Es wahr sehr beeindruckend zu sehen, wie er während des Ramadans konsequent den ganzen Tag auf Nahrung verzichtet hat.
Die meisten behinderten Bewohner der Arche haben ein sogenanntes „projet individualisé“, also ein individuelles pädagogisches Projekt. Darin wird, in Absprache mit der Person selbst, der Leitung der Arche, den Eltern und den Referenten, festgehalten, was man kurzfristig und langfristig für kleinere oder größere Schritte gehen könnte, um der jeweiligen Person eine Entwicklung in Richtung Autonomie zu ermöglichen. Diese fallen, wie der Name schon sagt, sehr verschieden aus. Bereits sehr kleine Dinge, wie die Mäßigung von Pauls Colakonsum werden so festgehalten.
Dieses Jahr fallen für meine beiden Referenzpersonen, Bouba und Etienne, die Erstellung eines solchen Projektes an, da Bouba – wie bereits erwähnt – erst seit einigen Monaten im Foyer lebt. Etienne ist zwar schon seit circa fünf Jahren im Gué, aber der Autismus macht bei ihm eine direkte Zusammenarbeit schwerer als bei den anderen.
Mein Foyer heißt Le Gué. Das bedeutet im Deutschen soviel wie „die Furt“. Der Name erklärt sich dadurch, dass bei der Gründung des Foyers ein Schwerpunkt auf solche Personen gelegt werden sollte, die zwar noch in betreuten Foyers wohnten, aber die Perspektive hatten, selbstständig in einem kleinen Haushalt zu leben.
Die „Abhängigkeit“ des Foyerlebens befindet sich also auf der einen und die Selbstständigkeit auf der anderen Seite des „Flusses“. Mein Foyer sollte dabei helfen, diese Furt zu überqueren.
Inzwischen hat sich das Projekt des Foyers ein bisschen geändert, d.h. nicht all seinen Bewohner steht es unbedingt in Aussicht, eines Tages alleine zu wohnen. Der Name aber wurde beibehalten.
Ich bin also Assistent im Foyer. Mein Tagesablauf sieht ungefähr so aus: Wir stehen gegen Viertel nach sieben auf und frühstücken gemeinsam, bis die Personen zwischen acht Uhr und halb neun das Foyer verlassen, um arbeiten zu gehen. Einer von uns muss sich um Etienne kümmern, der verbale Hilfe beim Zähneputzen, Rasieren und Waschen braucht.
Wenn dann alle weg sind, fangen wir meistens an zu putzen. Die Bäder und Toiletten sowie die Küche und alle Böden müssen täglich gereinigt werden. Danach widmen wir uns all dem, was gerade anfällt: Mindestens einmal die Woche gehen wir groß einkaufen, jeden Dienstag haben wir eine Teambesprechung, in der wir Anstehendes wie Termine und besondere Besorgungen und vor allem die Personen durchsprechen.
Die Arche-Regel ist, dass man mindestens zwei Stunden Freizeit pro Tag haben sollte. Normalerweise kommt es auch dazu, oft habe ich sogar mehr als das, aber gerade an Montagen und Dienstagen kann es auch magerer ausfallen.
Jeden zweiten Dienstag haben alle Assistenten der Arche vormittags Fortbildungseinheiten zu verschiedenen Themen: das Kochen einer ausgewogenen Mahlzeit, Medikamente, Körperhygiene, Arten von Behinderungen, erste Hilfe, Brandschutz etc..
Am Wochenende arbeiten die behinderten Personen nicht und so haben wir die Gelegenheit, gemeinsam Dinge in Paris zu unternehmen. Museen, Parks, Kinos, Schwimmbäder, Theater und was Paris noch alles zu bieten hat stehen uns dann offen, insofern man es schafft, Leute zu motivieren.
Wir können uns auch mit anderen Foyers kurzschließen und spontan einen Tag am Meer oder in Versailles verbringen. Auf dem Land eben.
In Paris sitzt man, was die Arche angeht, im wahrsten Sinne an der Quelle. Im selben Gebäude, in dem sich auch die Wohnung für die Assistenten befindet (wo wir uns an freien Tagen und Wochenenden mit Distanz zum Foyer ausruhen und aufhalten können), befinden sich neben den Büros der Arche Paris auch die Hauptquartiere von L’Arche Internationale. Nur zwei Gehminuten von meinem Foyer entfernt befinden sich außerdem die Büros von L’Arche en France.
Zweimal im Jahr finden überregionale Assistentenfortbildungen statt, bei denen wir die Gelegenheit haben, die Assistenten der anderen Archegemeinschaften der Region Nordfrankreich kennen zu lernen und uns auszutauschen.
Im Oktober war ich mit drei behinderten Personen und einer anderen deutschen Freiwilligen auf einem Delegiertenwochenende in der Normandie und im November haben wir Jean Vanier angesichts einer Konferenz zur Veröffentlichung einer Biografie kennen gelernt.
Ich muss sagen, dass ich den Enthusiasmus, den ich während meiner Probewoche gefühlt hatte, immer noch fühle. Circa zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris begann sich langsam das Gefühl einzustellen, schon viel länger da zu sein als ich es eigentlich war.
Auch jetzt noch verbinde ich, wenn ich an mein Projekt denke, eine gewisse Zwiespältigkeit damit: Einerseits wundere ich mich über jede Woche, über jeden Monat, der vorbeigeht, andererseits habe ich eben dieses Gefühl, dass die Arche schon längst zu meinem, vielleicht provisorischen, aber eben doch zu meinem Zuhause geworden ist – zumindest für ein Jahr.
Es ist nicht so, als würde ich keinen Problemen begegnen. Der ein oder andere Assistent, die ein oder andere behinderte Person bereiten mir natürlich Kopfzerbrechen. Genau wie Bouba bin auch ich es nicht gewohnt, in einer Wohngemeinschaft mit sieben anderen Personen und vor allem Persönlichkeiten zusammenzuleben. Deshalb gibt es Phasen, in denen ich sehr schnell reizbar bin und eigentlich nicht angesprochen werden möchte. Gerade dass ich aber trotzdem permanent angesprochen werde, hilft mir ungemein. Denn nicht nur die behinderten Personen in der Arche lernen dazu, vielleicht lernen wir Assistenten sogar noch ein bisschen mehr, weil wir in manchen Aspekten tatsächlich mehr Lernbedarf haben.
Als Assistent in einer Archegemeinschaft werde ich andauernd dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Bügeln, Kochen, Putzen sind aber, und das merkt man schnell, zweitrangig. Unsere eigentliche Aufgabe besteht darin, Beziehungen aufzubauen und schlichtweg anwesend zu sein. So werde ich mit jedem Stapel Dreckwäsche gelassener...
Zum Abschluss noch einpaar Worte zu Eirene, der Organisation, die mir den Friedensdienst in Frankreich vermittelt hat.
Eirene ist eine gemeinnützige Organisation, die Entwicklungs- und Freiwilligendienste sowohl in Entwicklungsländern (Südprogramm) als auch in Industrieländern (Nordprogramm) vermittelt. Im Rahmen des Nordprogramms leiste ich ein sogenanntes Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland, durch das ich meinen Zivildienst ersetze.
Eirene organisiert eine angemessene pädagogische Betreuung während des Dienstes (Ausreisekurs, Zwischenseminar und Rückkehrerseminar) und kümmert sich um administrative Fragen (Versicherung etc.). Weitere Informationen können Sie von mir oder direkt von Eirene (www.eirene.org) erhalten.
So. Abschließend möchte ich mich bei Ihnen für Ihre finanzielle und ideelle Unterstützung herzlich bedanken. Hoffentlich haben Sie durch meinen Rundbrief einen ersten Eindruck bekommen, was ich im Ausland eigentlich treibe.
Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2008
Salut,
Michael
2. Rundbrief - September 2007
Liebe Spenderinnen, liebe Spender, liebe Familie und liebe Freunde,
mehr als sechs Monate sind seit meinem Dienstbeginn im September vergangen. Halbzeit. In Paris löst der Frühling langsam den Winter ab und auch in meinem Auslandsjahr bricht eine neue Jahreszeit an. Die Bewerbungsfristen der Unis rücken auf beängstigend schnelle Weise näher und langsam dämmert mir, dass es ein Leben nach der Arche geben wird. Dazu kommt, dass immer mehr Freunde mich besuchen oder besucht haben und mich daran erinnern, dass ich nächstes Jahr wieder ein vollkommen anderes Leben führen werde. Diese scheinbar banale Feststellung löst bei mir eine große Gelassenheit aus, was meine Arbeit in der Arche angeht.
Deshalb wird mein zweiter Rundbrief anders ausfallen als der erste. Mehr erzählend als Bericht erstattend soll er werden. Schnappschüsse meines Alttags. Und kürzer. Ich will weder meine Leser noch mich selbst erschlagen.
All das ändert nichts daran, dass ich hier glücklich bin und um nichts in der Welt meinen Dienst vorzeitig beenden oder tauschen würde. Die Arche ist lediglich, was meinen Wochenplan betrifft, ein Projekt, das mir kaum Zeit für mich selbst lässt. Ein freier Tag pro Woche und ein freies Wochenende im Monat klingt wenig. Ist es auch. Das Ende meines Dienstes in der Arche bringt mir eine Freiheit wieder, die ich momentan nicht habe – tun und lassen zu können, was ich will und wann ich es will.
Ich habe Marie, Anna, Etienne, Paul und Bouba ins Herz geschlossen, keine Frage, genau wie Marjorie, Jana und die anderen Assistenten und behinderten Personen der Arche Paris. Für die Personen ist es nur ein weiteres Jahr, das vorübergeht, für uns Assistenten, von denen sich momentan keiner vorstellen kann, ein zweites Jahr zu bleiben, ist es das hier und nichts anderes. Unser Jahrgang, unsere Generation, unser Jahr.
Wenn Etienne am Tisch unvermittelt anfängt, zu grinsen und manchmal sogar leise lacht, so dass wir uns alle fragen, über wen er sich gerade lustig macht oder wenn ich – wie heute – erfahre, dass er jeden Montag mit den Leuten seiner Arbeit klettern geht, er, der immer so steif dasteht und seine Hände anstarrt, dann weiß ich, wieso ich hier bin. Er ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich manche Personen mithilfe des Foyers entwickeln können.
Vor einigen Jahren, als er im Foyer angekommen ist – nicht wirklich aus freien Stücken, hat er kaum mit jemandem geredet, nur die Augen bewegt und alles beobachtet. Heute, vier Jahre später, kommt er nach Hause (gerade jetzt!), antwortet auf das freundliche Bonjour von Jana und geht erst mal die Post holen. Feierabend. Dann stellt er sich ins Wohnzimmer, holt eine Tasse aus dem Schrank, auf der Ernie und Bert abgebildet sind, und fragt, wie der Gelbe heißt. Bert hat nämlich so schöne Haare wie Etienne. Sagt er. Durch vergleichbare Sätze oder Gesten sucht er andauernd den Kontakt zu anderen Personen und Assistenten. Vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.
Auch wenn Paul mich abends mit in den Hof nimmt und mir die Sterne zeigt, weiß ich, wieso ich hier bin. Für mich. Niemand lebt so sehr in der Gegenwart wie Paul. Wenn es ihm schlecht geht, geht es ihm schlecht und es ist unmöglich, etwas daran zu ändern. Wenn es ihm allerdings gut geht, geht es ihm so gut, dass es allen anderen Foyerbewohnern schnell auf die Nerven gehen kann. Dann spricht er pausenlos und macht Witze mit dir, auch wenn du sie gar nicht witzig findest.
Und schließlich gibt es die Momente, bei denen er dir die Sterne zeigt. Ich, der Assistent, der an zwanzig Dinge gleichzeitig denken muss und der ich, was die Foyerplanung betrifft, immer eine Woche im Voraus lebe, lerne dann von ihm. Er nimmt mich mit nach draußen und hält inne. Nichts kann in diesem Moment wichtiger sein als das. Manchmal stellt er mir Fragen. Wieso bleiben die Flugzeuge am Himmel? Wo werden sie gebaut? Wer steuert sie, wenn die Piloten schlafen? Alle Selbstverständlichkeiten lösen sich bei meinen Versuchen, ihm eine plausible Antwort zu geben, im Nichts auf. Wieso eigentlich? Wo eigentlich? Ja wer eigentlich?
Einpaar Wochen später.
Jetzt sitze ich gerade an einem massiven hölzernen Tisch in der Nähe eines kleinen Dorfes in der Charente. Ich mache hier mit einer Gruppe der Arche eine Woche lang Landurlaub. Ein schöne Gelegenheit, Abstand vom Foyeralltag zu gewinnen, nachzudenken und zu schreiben.
In letzter Zeit ist viel passiert, sowohl schöne Dinge als auch weniger schöne.
An Ostern haben wir beispielsweise die Jubiläen verschiedener behinderter Personen und (ehrenamtlicher) Mitarbeiter der Arche gefeiert, die schon 10, 20 oder 30 Jahre lang dabei sind. Zusammen mit Lena habe ich ein Festtagsmenü gezaubert und wir haben Pascal gefeiert (Lena ist eine deutsche Assistentin und Pascal eine behinderte Person, beide im Foyer Viim). Pascal ist 69 und lebt schon seit 30 Jahren in der Arche Paris. Zu dieser Gelegenheit sind ehemalige Assistenten und Personen gekommen, die zusammen mit Pascal gewohnt oder gearbeitet haben, und alle haben sich an die schönen Zeiten erinnert, die sie gemeinsam verbracht haben.
Pascal, soviel muss man wissen, spielt jedem Streiche. Und sagt dann, wenn man ihn dafür zur Verantwortung ziehen will, mit einem breiten Grinsen: „Das war ich doch gar nicht! Das war Etienne!“ „Das war Michael!“ „Das war Lena!“ Und das seit 30 Jahren. Da gab es einiges zu erzählen.
Pascal hat, als eine ehemalige Assistentin und eine mit ihm befreundete Person gemeinsam eine Rede für ihn gehalten haben, sogar einpaar Tränen wegdrücken müssen. Für ihn ist die Arche ein Teil seiner Familie geworden.
Vor zwei Wochen hat es bei uns im Foyer gebrannt. Marie und Bouba waren alleine im Foyer geblieben. Das ist kein Problem, kommt zwar nur selten vor, aber beide sind sehr selbstständig. Außerdem hatte Marjorie ihnen bereits das Essen vorbereitet, sodass es nur in der Mikrowelle aufzuwärmen war. Dummerweise sind sie allerdings auf die Idee gekommen, den ganzen Tisch voller Kerzen zu stellen (obwohl sie genau wissen, dass sie das nicht dürfen, wenn kein Assistent in der Nähe ist), wobei eine Serviette Feuer gefangen hat. Die beiden haben Angst bekommen, sind aus dem Foyer heraus zum Sammelplatz (für Evakuierungen) gerannt und der Feueralarm ist losgegangen. Glücklicherweise hat Isabel Marjorie, die nicht weit weg war, angerufen und alles hat ein gutes Ende genommen. Wir haben allen Personen wieder und wieder erklärt, dass es nur ein Unfall war, aber dass es unter keinen Umständen erlaubt ist, den Ofen, den Herd oder das Bügeleisen zu benutzen oder Kerzen anzuzünden, wenn keine Assistenten da sind. Gleichzeitig haben wir ihnen auch gesagt, dass sie an sich sehr gut reagiert haben: Schnell raus und Hilfe holen. Das beweist, dass sich unsere regelmäßigen Evakuierungsübungen auszahlen. Letzten Endes hat wirklich „nur“ die Serviette gebrannt.
Trotzdem ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Bouba hat die ganze Sache scheinbar wesentlich mehr mitgenommen, als ich anfangs dachte. Am nächsten Abend hat er angefangen zu weinen und zu sagen, dass er nicht mehr im Foyer bleiben möchte und zu seinen Eltern will. Er konnte mir jedoch nicht erklären, aus welchen Gründen. Später hat er mir zugestimmt, dass es noch mit dem Ereignis des Vortages zusammenhing. Obwohl wir ihm mehrmals erklärt hatten, dass es ein Unfall war und jedem hätte passieren können, hat er sich unheimliche Schuldgefühle eingeredet und konnte das scheinbar nicht mehr mit seiner Anwesenheit im Foyer vereinbaren. Nachdem Véronique, unsere Responsable, Jana und ich mit ihm geredet hatten, hat er sich wieder beruhigt.
Es war nicht einfach zu ertragen, Bouba in einem solchen Zustand zu sehen. Er, der er eigentlich immer lacht oder grinst, weinte und schrie vor Verzweiflung. Das tut weh. Nicht nur ihm und nicht nur mir. Immerhin wohnen wir alle zusammen.
Es ist noch etwas relativ Wichtiges passiert: Christine hat die Arche Paris verlassen, da sie sich in der hier gelebten – nicht exklusiv katholischen – Spiritualität nicht wiederfinden konnte. Ersetzt wurde sie durch Marjorie, eine sehr nette und lebhafte 20-jährige Kolumbianerin, die schon seit längerer Zeit in Frankreich lebt. Leider habe ich noch nicht besonders viele Photos von ihr, das nächste Mal bestimmt. Aber soviel sei gesagt: Sie ist toll und die Teamarbeit macht mit Jana und ihr viel Spaß.
Diese vielen Momente, gute und schlechte, die wir gemeinsam in der Arche durchleben, schweißen zusammen. In diesem Jahr teile ich mein Leben in einer solchen Intensität mit Menschen, wie es vielleicht nie mehr der Fall sein wird. Ich denke, dass man sogar in Familien mehr Abstand hat, als es hier der Fall ist. Aber umso besser, eine echte Lebensschule.
Salut,
Michael
PS: Damit Sie Ihre „Wartezeit“ abschätzen können: Ich werde versuchen, einen weiteren kurzen Rundbrief im Juni zu schreiben und einen letzten, wahrscheinlich etwas längeren, im August oder September.
Die beiden Photos zeigen Etienne und Lena bei einem Spaziergang auf den Champs-Elysées und Paul, Anna und mich bei der Kostümprobe für unsere Mardi Gras-Feier.
3. Rundbrief - Juli 2008
Liebe Spenderinnen, liebe Spender, liebe Familie und liebe Freunde,
mein dritter Rundbrief kommt – natürlich – mit Verspätung. Groß angekündigt für Juni, hat mir doch die Zeit gefehlt, mich hinzusetzen und zu schreiben. Denn viel ist passiert seit April und ich will versuchen, mit Hilfe des Papiers in meinem Kopf Ordnung zu schaffen.
Mitte Mai bin ich, gemeinsam mit Felix und Philipp, den beiden anderen Eirene-Freiwilligen aus der Pariser Umgebung, zum Zwischenseminar nach Südfrankreich gefahren. Zum ersten Mal seit acht Monaten habe ich alle Frankreich- und Belgienfreiwilligen, die ich auf dem Ausreisekurs im September kennen gelernt hatte, wiedergesehen. Außerdem waren noch drei Marokkofreiwillige mit dabei. Seit einigen Jahren findet das Zwischenseminar in einem Haus einer Gemeinschaft der „Arche“ nach Lanza del Vasto in der Nähe von Béziers statt. Diese „Archegemeinschaft“ hat nichts mit meiner Arche, also der Arche nach Jean Vanier, zu tun. Lanza del Vasto war ein Schüler Gandhis und die Lebensgemeinschaften, die er vor allem in Südfrankreich gegründet hat, versuchen bis heute, im Sinne der Gewaltfreiheit Gandhis zu leben. Einige dieser Gemeinschaften widerstehen bis heute der Versuchung nach Elektrizität und leben auch sonst relativ autark. Die Mitglieder bestellen ihre Felder selbst, melken Kühe, backen Brot und stellen Butter und Käse her. Dieses Leben, sehr abgeschieden auf dem Land, hat mich sehr beeindruckt. Es kann nur gut tun, einen Großteil dessen, was man zum Leben braucht, mit den eigenen Händen herzustellen und zu merken, dass man letzen Endes nur sehr wenig braucht, dafür aber von einer Gemeinschaft abhängig ist. Einen halben Tag lang haben wir in der Gemeinschaft mitgearbeitet, hatten aber auch noch andere Gelegenheiten, zum Beispiel bei einem Abend mit traditionellen Tänzen, mit den Mitgliedern der Gemeinschaft in Kontakt zu kommen. Mindestens genauso wichtig war es für mich, die anderen Freiwilligen, von denen doch fast alle mal einen Zwischenstop in Paris eingelegt hatten, wiederzusehen und gemeinsam über unsere Projekte zu sprechen. Außerdem standen auch eine Tageswanderung zu einer ehemaligen Roquefort-Grotte und viel Freizeit auf dem Programm.
Nach dem Seminar war ich noch einpaar Tage mit Hannah, Kolja, Philipp und Katrin unter nicht nur gutem Wetter am Mittelmeer zelten, bevor ich für eine knappe Woche nach Mainz gefahren bin.
Tja. Und dann war ich wieder hier. Es ist wirklich schön, nach zwei Wochen wiederzukommen und zu merken, dass man immer noch seinen Platz hat. Was bei dem großen Verschleiß, den die Arche an Assistenten nun mal hat, nicht so selbstverständlich ist.
Zwei Wochen später hat mich meine Mutter besucht und es war wirklich schön, ihr zu zeigen, wie ich dieses Jahr lebe und mit wem.
Inzwischen kommen immer mehr Kandidaten für das nächste Jahr vorbei, um ihre Probewochen zu absolvieren. Es ist seltsam, alles erklären zu müssen, wo man doch selbst erst knapp zehn Monaten da ist. Außerdem erinnert es umso dringlicher an das nahende Ende meines Dienstes. Heute Morgen bin ich aufgewacht und es war der erste Juli. Was bedeutet, dass ich in drei Wochen Sommerferien habe und Ende August noch mal für drei Wochen wiederkomme, um dabei zu helfen, die „Neuen“ einzuweisen. Insgesamt bin ich also noch sechs Wochen hier.
In unserem Team läuft alles weiterhin sehr gut. Im Sommer werden Marjorie, Jana und ich zum Abschluss eine Woche gemeinsam in Barcelona bei Marjories Tante verbringen. Immerhin haben wir fast ein Jahr zusammengelebt. Das muss ein gebührendes Ende finden.
Den Personen geht es momentan auch sehr gut. Jeder (sowohl Assistenten als auch Personen) hat natürlich immer mal seine Probleme, doch insgesamt merkt man auch, wie schade es ist, dass, gerade jetzt, wo alles wirklich eingespielt ist, das Jahr bald zu Ende ist und neue Assistenten kommen. Wenigstens Marjorie wird, als Einzige aus unserem Jahrgang, mindestens noch bis Januar bleiben, da sie auch erst im Januar diesen Jahres angekommen war.
Wie Sie sehen, alles deutet Richtung Ende. Wir fangen an, die Jahresevaluationen der behinderten Personen zu schreiben (über eine eventuelle Entwicklung ihrer Autonomie) und suchen die Bilder aus für unser Photoalbum „Le Gué 2007-2008“.
Übrigens hat die Arche Paris eine brandneue und wirklich gute, auch auf Deutsch übersetzte Internetpräsenz, die Sie sich unbedingt mal anschauen sollten: www.archeaparis.org
Ich hoffe, dass Sie wieder einen kleinen Einblick in mein Leben in der Arche gewonnen haben. Ein letztes Mal werden Sie (zumindest auf dem Weg eines „Rundbriefs“) auf jeden Fall noch von mir hören, dann auch wieder ausführlicher. Am 14. September komme ich zurück nach Deutschland, wo ich dann in Neuwied am Rückkehrerseminar von Eirene teilnehmen werde.
Bis dahin wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer!
Salut,
Michael
4. Rundbrief - September 2007
zum letzten Mal sitze ich vor dem Bildschirm und frage mich, wie ich meinen Rundbrief einleiten soll. So viele Bilder sind in meinem Kopf, so viele Erinnerungen an das, was fast schon Vergangenheit ist. Fast, aus zwei Gründen. Wir schreiben den 15. August. Am 24. August werde ich noch ein letztes Mal für drei Wochen in die Arche Paris zurückkehren, um meinen Dienst – nach vier Wochen Sommerpause – standesgemäß abzuschließen. Aber der zweite Grund ist noch wichtiger: Wenn man ein ganzes Jahr lang mit sieben anderen Menschen auf engstem Raum gelebt hat, kann man nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden und das will man auch nicht. Aus den Begegnungen, die ich in diesem Jahr gemacht habe, sind Freundschaften, teilweise sogar sehr gute Freundschaften, geworden, die ich mir, das ist wenigstens der Plan, so lange wie möglich bewahren möchte. Da wären sowohl die Assistenten und behinderten Personen der Arche zu nennen als auch einige andere Eirene-Freiwillige.
Im Moment bin ich jedenfalls im Urlaub. Rückblickend merkt man schnell, dass die Arche eben doch ein in sich relativ abgeschlossener Mikrokosmos ist. Wenn ich jetzt – außerhalb des Foyers – banalen Dingen nachgehe, Nachrichten schauen, mich mit Freunden treffen, bin ich überrascht, wie sehr einen das Gemeinschaftsleben in gewisser Weise eingeschränkt hat. Kurz zusammenfassen kann man diese Überlegungen so, dass ich letzten Endes außerhalb der Arche nur für mich selbst verantwortlich bin, innerhalb derselben aber für mich und ein ganzes Foyer, fünf behinderte Menschen inklusive. Das ist – so betrachtet – schwer zu verdauen. Aber auch eine Wahnsinnserfahrung.
Ich habe dieses Jahr in der Arche mit Sicherheit eines der schönsten und intensivsten Jahre meines bisherigen und – ohne pessimistisch klingen zu wollen – wahrscheinlich gesamten Lebens verbracht. Schon das gemeinschaftliche Zusammenleben mit sieben anderen Menschen, völlig gleich, ob mit oder ohne Behinderung, in einer Wohnung ist eine Herausforderung. Aber da hört es schließlich nicht auf: Unser Foyer stellt nur einen kleinen Teil der über 120-Mann starken Pariser Archegemeinschaft dar. So viele Menschen, so viele Lebensgeschichten, dass es manchmal anstrengend, immer aber bereichernd ist.
Wie bereits gesagt, einfach abhauen geht da nicht. Der Beweis: Alle, ausnahmslos alle Assistenten vom letzten Jahr sind dieses Jahr bereits einmal oder sogar mehrmals in Paris vorbeigekommen. Oft ist es so, als sei man nie fort gewesen. Immerhin lebt die Arche von stark geregelten Tagesabläufen und Strukturen und man sitzt schnell lachend zusammen, wenn man merkt, dass Paul immer noch jeden Abend zur selben Zeit vor die Tür tritt, um an der Farbe des Himmels das Wetter des nächsten Tages vorauszusagen – genauso wie er es wahrscheinlich seit seiner Ankunft im Foyer Le Gué, also vor 25 Jahren, immer gemacht hat. Dazu hat Jana mir neulich etwas gesagt, wozu ich ihr nur zustimmen kann: Solche kleinen sympathischen Rituale oder sogar Macken fehlen nichtbehinderten Menschen. Für sowas haben wir keine Zeit, weshalb ich froh bin, mir wenigstens ein Jahr meines Lebens für genau das Zeit genommen zu haben.
Was erwartet mich in meinen letzten drei Archewochen? Die erste der drei Wochen wird mit Sicherheit relativ entspannt, da die meisten behinderten Archebewohner noch im Urlaub sind und dementsprechend nur zwei von vier Foyers geöffnet sind. Die doch noch Anwesenden schlafen aus (so hoffen es zumindest die Assistenten) und ansonsten hat man – wie im Urlaub – relativ viel Budget, um in Paris und Umgebung Ausflüge zu machen und gut zu essen.
Danach allerdings kommen die Neuen an. Wenn ich nochmal für so kurze Zeit nach Paris zurückfahre, dann liegt das auch daran, dass alte Assistenten benötigt werden, um den Übergang zu den neuen herzustellen. Das heißt für mich, dass ich Anfang September die Menschen, denen im nächsten Jahr meine Aufgaben, mein Zimmer, mein Leben zufällt (so fühlt es sich wenigstens an!), auch noch einarbeiten muss. Eine ganz schöne Zumutung.
Nein, ganz so sehe ich die Sache nicht. Es ist zwar wahr, dass es ein sehr komisches Gefühl sein wird, zu sehen, wie jemand innerhalb dieser zwei Wochen exakt meine Rolle übernimmt, aber ich habe mich freiwillig dazu entschieden, diesen Übergang noch mitzumachen. Einerseits spielt dabei jedenfalls mein „Beschützerinstinkt“ eine Rolle, der mir sagt, dass es gut ist zu wissen, wer denn da nächstes Jahr das Foyer Le Gué zusammenhält (und dass sie es bitte auch so tun, wie ich das für richtig halte), andererseits will ich auch für mich wissen, wen ich denn da am Hörer habe, wenn ich demnächst telefonisch den Kontakt zur Arche suche. Insofern freue ich mich, ein bisschen Zeit zu haben, um die neuen Assistenten kennen zu lernen.
Außerdem sind wir im September letzten Jahres auch in den Genuss gekommen, Clara und Karim bei uns zu haben. Denn am Anfang ist man überfordert.
Jana ist schließlich schon weg und Maryuri bleibt sowieso noch bis Januar, weil sie auch verspätet ihr Jahr begonnen hatte. Also doch eine beruhigende Konstante.
Mit Jana und Maryuri habe ich eine letzte gemeinsame Woche in Barcelona verbracht. Der Abschied von Jana ist mir wirklich sehr schwer gefallen und wir mussten beide unsere Tränen wegdrücken. Immerhin war das Gemeinschaftsleben für mich genauso von Vorteil wie für die Behinderten, die in der Arche leben: Immer war jemand da, wenn es mir schlecht ging, immer konnte ich mich irgendwo ausweinen, und immer war es ganz seltsam, wenn Jana im Urlaub oder auf Seminaren, jedenfalls nicht anwesend, war. Danke, Jana, für das wunderschöne Jahr, das ich mit dir verbringen durfte, egal, wie schnulzig das für alle anderen Leser klingt. Du weißt, was ich meine. Lass uns für immer in Kontakt bleiben. Jeden Donnerstagabend um 23 Uhr auf Skype oder so. Ja?
Für eben diese anderen Leser noch eine kurze Erklärung: Ein Jahr lang war Jana das erste, was ich morgens nach dem Aufstehen gesehen habe, und das letzte, was ich vor dem Schlafengehen gesehen habe. Trotzdem haben wir uns fast nie gestritten (und wenn, dann lag es an mir). Unsere Zimmer lagen einander direkt gegenüber und so haben wir uns wirklich so gut wie jeden Abend mit Bises einander „Bonne nuit!“ gewünscht. Das prägt. Jana, ich werde dich wirklich vermissen.
Ich habe noch eine andere Art und Weise gefunden, mit der Arche in Kontakt zu bleiben. Ich werde mich weiterhin engagieren. Seit einigen Jahren haben ehemalige deutsche Assistenten der Arche Paris in Berlin ein Netzwerk aufgebaut, welches den Kontakt zu den Parisern aufrecht erhält. Zu den wichtigsten Aktionen gehören stetige Kommunikation über den Arche-internen Blog und regelmäßige Besuche und Treffen. Am wichtigsten jedoch ist, dass das deutsche Netzwerk jedes Jahr einen Assistenten und zwei behinderte Archebewohner zu sich für ein langes Wochenende nach Berlin einlädt. Das wird schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich so gemacht. Ich werde – entgegen Ihren Erwartungen – diesem Netzwerk nicht beitreten.
Stattdessen haben Jennifer, eine englische Mitassistentin und sehr gute Freundin, die nächstes Jahr in London studieren wird, und ich uns angeboten, ein solches Netzwerk auch für Großbritannien zu gründen (da ich die nächsten beiden Jahre dort verbringen werde). Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen, würde aber vermutlich einen so schön klingenden Namen wie „Le Réseau Britannique de l’Arche à Paris“ tragen. Unser Ziel ist es, neben dem permanenten Kontakt mit den Parisern, es dem deutschen Netzwerk so schnell wie möglich gleich zu tun und ein paar Leute für ein langes Wochenende nach Großbritannien einzuladen.
Wie geht es sonst bei mir weiter. Berechtigte Frage, die Sie sich (vielleicht) stellen. Am 14. September geht es, wie gesagt, zum letzten Mal mit dem superpraktischen ICE direkt vom Pariser Ostbahnhof zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter nach Mainz, wahlweise mit der S8 oder der S9.
Nach zehn Tagen in Mainz geht es für eine Woche zum Rückkehrerseminar von Eirene nach Neuwied, wo ich endlich alle Frankreich- und Belgien-Freiwilligen sowie die seit dem Ausreisekurs längst überfälligen USA-Freiwilligen wiedertreffe.
Anfang Oktober dann werde ich nach England fliegen, wo ich englisches und französisches Recht studieren werde. Es handelt sich hierbei um einen Doppeldiplomstudiengang zwischen der Universität Cambridge und der Universität Paris II Panthéon-Assas. Wenn alles gut geht, verbringe ich die nächsten zwei Jahre in England und die darauffolgenden zwei Jahre in Frankreich. Deutschland wird mich also weiterhin nur in den Ferien sehen. Soviel dazu.
Vor allem, ja vor allem möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Unterstützung bedanken. Soviel ist klar: Wenn Sie mir nicht dabei geholfen hätten, die erforderliche Summe für meinen Spenderkreis aufzubringen, wäre es nie zu meinem Jahr in der Arche Paris gekommen. Was für mich aber noch viel mehr zählt, ist das Vertrauen, das Sie auf diese Weise in mich gesetzt haben und das mir Rückhalt gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Das macht für mich den wahren Unterschied. Wenn ich Rundbriefe geschrieben habe, habe ich dadurch, dass ich versucht habe, Ihre Sichtweise anzunehmen, eine Distanz zu meinem Projekt aufbauen können, die mir eine große Stütze war. Besonders habe ich mich dementsprechend auch über die große positive Resonanz gefreut. Es ist schön zu wissen, dass es daheim Menschen gibt, die mit Interesse verfolgen, was ich erlebt habe und erlebe.
In diesem Sinne möchte ich auf meine obenstehende Adresse verweisen, da ich, auch wenn es ab jetzt keine regelmäßigen Rundschreiben mehr gibt, nicht aus der Welt bin. Meine E-Mail-Adresse funktioniert immer und sobald ich in Cambridge ankomme, habe ich auch eine eigene Adresse.
Bei der ganzen Abschiedsstimmung möchte ich eins allerdings klarstellen: Ich verabschiede mich von der Arche (und auch das nur sehr bedingt), nicht von Ihnen. Deshalb will ich mich hüten, Ihnen alles Gute zu wünschen, und wünsche Ihnen stattdessen vorübergehend einen schönen Restsommer!
Bis bald, Michael
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