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Erfahrungsbericht - Ecuador

Autor: Peter Trögel
Projekt: La Maná
Träger: Arbeiterkultur- und Bildungsverein e.V.



Vorstellung


Mein Name ist Peter Trögel und ich habe ich nach meinem Abitur vom 27.7.2005 bis zum 27.6.2006 meinen „Anderen Dienst im Ausland“ im Projekt La Maná abgeleistet. Ich war der erste Zivi, der das „Privileg“ hatte mit dem AKBV ein solches Vorhaben in Ecuador verwirklichen zu können und wurde somit als Pioneer auf die Reise geschickt. Im Folgenden werde ich meine persönlichen Einschätzungen zu Land & Leuten präsentieren, sowie meine Arbeit in den Projekten. Abschließend erzähle ich ein wenig über Erlebnisse, die mich speziell in diesem Jahr geprägt haben und welche für mich eine sehr große Bedeutung besitzen.

Land & Leute


Hier gibt es wie überall auf der Welt den Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Ein Großteil der Stadtbevölkerung lebt von Dienstleistungen, d.h. vor allem vom Verkauf von Früchten, Süßigkeiten, Essen, Kleidung, Schuhe putzen,…Und in Großstädten wie Quito oder Guayaquil bleibt es natürlich nicht aus, dass es auch einige Bettler gibt.

Ich selbst verbrachte dieses eine Jahr auf dem Land in dem Projekt „La Maná“ und somit im ständigen Kontakt mit der Landbevölkerung. Ganz im Gegensatz zur Stadt, wo ich alles als kühl und unpersönlich empfand empfingen mich die Menschen auf dem Land mit offenen Herzen und zeigten sich von Beginn an als äußerst hilfsbereit. Wie im „Campo“ üblich, lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft und die allgemeine Ansicht (die ich von vielen Deutschen hörte), dass die Bevölkerung in Armut lebt sehe ich auch größtenteils bestätigt (zumindest in finanzieller Hinsicht). Laut einer kürzlich erhobenen Statistik müssen mehr als 30% der Bevölkerung mit weniger als 60 Cent pro Tag auskommen. Das gesetzliche Mindesteinkommen von 180 Dollar wird oft von den Arbeitgebern übergangen. Diese sind in der Regel Großgrundbesitzer von Palmen-, Bananen- oder Tabakplantagen. Die Arbeiter werden aber nicht nur in ihrem Lohn hintergangen, sondern sehr häufig werden sie gezwungen Verträge zu unterschreiben, die ihnen das Recht entziehen gerichtlich gegen den Arbeitgeber vorzugehen bei gesundheitlichen Schädigungen (hervorgerufen u.a. durch Spritzund Düngechemikalien). Was mich dabei erstaunte: Trotz dieses harten und beschwerlichen Lebens spürte ich, dass die Menschen auf dem Land eine unbändige Lebensfreude haben. Meiner Meinung nach bewirkt diese positive Lebenseinstellung auch, dass man alles ein bisschen lockerer sieht als so mancher termingestresster Europäer und Hektik gilt dort als Fremdwort.

Wobei Ausnahmen ja die Regel bestätigen. Der Straßenverkehr ist für deutsches Empfinden von purer Hektik geprägt: Rasen, bei Rot über die Ampel, dem anderen die Vorfahrt nehmen,…
Wobei ich auch schon bei dem Hauptverkehrsmittel in Ecuador angelangt wäre, dem Bus. Für mich war fast jede Busfahrt ein besonderer Genuss, denn man erlebt immer was Neues und man lernt Land & Leute hautnah und unverfälscht kennen (das was so manchem herkömmlichen Touristen nicht vergönnt ist). Die Überlandbusse sind durchgängig mit Fernseher und DVD-Player ausgestattet und die Fahrt über wird man dann entweder von einem der sehr beliebten Actionfilme (allen voran „Rambo“) zugetextet, oder lautstark mit der Lieblings-CD des Busfahrers beschallt. So etwas wie Bushaltestellen gibt es zwar offiziell schon, aber sie sind eher unwichtig. Der Bus hält, wenn man die Hand am Straßenrand hebt und man steigt aus, indem man laut „Gracias!“ ruft. Das Lieblingsinstrument der Ecuadorianer im Verkehr ist mit großem Abstand die Hupe. Mit ihr drückt man Dank und Missfallen aus oder man hupt einfach mal, wenn man an einer hübschen Señorita vorbeifährt. Genauso unkonventionell wie die Fahrweise sind auch die Fahrzeiten der Busse. Oft wird einfach gewartet bis der Bus gut gefüllt ist, damit sich die Fahrt auch lohnt. Der Bus ist aber nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch ein zweiter Marktplatz. Von unzähligen zusteigenden Verkäufern wird von Batterien über Taschenlampen bis hin zu Medikamenten, Früchten, Süßigkeiten oder Wundermitteln alles angeboten was das Herz begehrt. Nicht selten kommt es vor, dass eine ganze Musikgruppe den Bus besteigt und ein Ständchen zum Besten gibt für ein paar Cents.

Weg von der Straße und dem Bus hin zur kulinarischen Seite Ecuadors. Die Großstädte selbst sind schon in dem Sog der Globalisierung. So bekommt man Fast Food, Italienisch, Japanisch, Chinesisch…Das typische Mittagessen besteht allerdings aus einer Suppe (mit einem Stück Fleisch oder Innereien), dem Hauptgang (Huhn oder Rindfleisch mit Reis) und einem Glas Saft. Dieses Mittagangebot kann man schon ab $1,25 erstehen. Am Land ist es üblich morgens schon eine große Mahlzeit mit viel Reis und Fleisch (soweit vorhanden) zu vertilgen, damit man genügend Kraft und Ausdauer für den bevorstehenden Arbeitstag hat. Eine Delikatesse ist da dann schon das typische Cuy (zu deutsch: Meerschweinchen). Wobei ich gestehen muss, dass ich dieses rattenähnliche Etwas (es wird komplett mit Kopf serviert) kein einziges Mal probiert habe.

Einiges werdet ihr auch schon selbst über Ecuador gehört haben…spätestens nach den WMVorberichten in denen Ecuador als Gegner Deutschlands in der Gruppenphase vorgestellt wurde. Wovon ich allerdings noch einen kleinen Einblick geben möchte ist die Fußballbegeisterung, die in diesem Land herrscht. Wenn man bei uns sagte, dass der Fußball- Boom ausgebrochen war, dann ist der Ausdruck „absoluter Ausnahmezustand lauter irrer Fußballnarren“ für Ecuador noch völlig untertrieben. Um das ganze ein bisschen bildhaft zu machen erzähle ich euch von meinen Erlebnissen am Tag des Eröffnungsspiels, an dem zugleich Ecuador gegen Polen spielte. Ein Auszug aus meinem Tagebuch:
Morgens um 9 Uhr komme ich in der Kleinstadt an (in der ich für gewöhnlich meine Wochenende verbringe) und mich empfängt ein Meer aus Gelb, Rot und Blau, die Nationalfarben Ecuadors. Ob groß oder klein, jung oder alt, die ganze Bevölkerung trägt das Nationalmannschaft-Trikot (für 2 Dollar zu haben), Fahnen an den Häusern, Autos, Mopeds,…. Mit stolzgeschwellter Brust fiebern die Menschen dem ersten Spiel ihres Teams entgegen. Und was sich morgens um 9 Uhr abzeichnet, wird nach dem ersten Spiel, dem ersten Sieg (2:0 gegen Polen) Wirklichkeit. Nach dem Schlusspfiff löst sich die Anspannung, freudeschreiend tanzen wir durch die Strassen (ich mitten drin im Getümmel), liegen uns in den Armen und an jeder Straßenecke werde ich eingeladen, den Sieg gemeinsam zu feiern. Was bei dem neu-ernannten Nationalfeiertag (alle öffentlichen Institutionen wurden vom Präsidenten persönlich geschlossen und die Bevölkerung hatte arbeitsfrei) natürlich nicht fehlen darf ist eine Sieger-Karavanne. Die Hauptstrasse wird kurzerhand in eine riesige Fete umgewandelt. Mit bis zu 20 Personen auf der Ladefläche eines einzelnen Pick-Ups, Fahnen, Trikots, bemalten Gesichtern (auch die Hunde wurden davor nicht geschont) ziehen wir mehr als 2 Stunden hupender Weise die Hauptstrasse rauf und runter, und rauf und runter. Bis in die frühen Morgenstunden dauert die Fete und am nächsten Tag heißt es: rüsten für das nächste Spiel gegen Costa Rica! Ich werde diesen Tag in Erinnerung behalten, als einen Tag an dem ich mitten drin war, in der Verrücktheit einer Nation, einer positiven Verrücktheit. So sehr man an den “gewöhnlichen” Tagen das Leid und Elend dieses Landes spürt, spürte ich in diesem Moment, in dem sich alle in den Armen lagen, dass eine gemeinsame Welt möglich ist, ohne Rassismus und Menschenhass. Egal ob schwarz oder weiß, Latino oder Ausländer, der Fußball hat es geschafft (zumindest für einige Zeit) den tristen und durchaus rassistisch-geprägten Alltag zu durchbrechen und er hat das Bewusstsein der Menschen gestärkt, dass die Farbe oder Herkunft eines Menschen NIE seinen Wert bestimmen kann. Todos somos hermanos! („Alle sind wir Brüder untereinander!“) Und diese Euphorie setzte sich fort bis ins Achtelfinale gegen England, wo man unglücklich ausschied. Aber ein Land war stolz auf seine Mannschaft und man bereitete den WM-Helden einen unvergesslichen Empfang. Das kleine Ecuador hatte der Welt gezeigt, dass es Fußball spielen kann und sich vor den Großen nicht zu verstecken braucht.

Dennoch, etwas objektiver betrachtet, hat der Fußball nur so einen hohen Stellenwert, weil die Menschen ihre Ängste und das Leid des Alltags für einige Stunden vergessen können. Ihre Wünsche und Hoffnungen projizieren sie auf ihre Lieblingsmannschaft oder die Nationalmannschaft und deren Erfolg entscheidet nicht selten über die eigene Stimmungslage. Dieses Phänomen lässt sich durchaus auch in unserer Gesellschaft beobachten, mir persönlich ist es aber viel stärker in dem sozial- und bildungsschwachen Ecuador aufgefallen.

Wobei wir beim Thema Bildung und deren Folgen angelangt wären. Das System sieht eine zweistufige Grunderziehung vor: 6 Jahre Grundschule und 6 Jahre Colegio. Da die Colegios sich ausschließlich in den Städten befinden, ist es vielen Land-Kindern nicht mehr möglich diese weiterführende Schule zu besuchen. Dies liegt vor allem an den fehlenden finanziellen Mitteln der Eltern, welche die Kinder als zusätzliche Arbeitskraft zum Verdienen des Lebensunterhaltes „einsetzen“ statt noch zusätzlich Geld für die Schule zu erübrigen. Aus einer mangelhaften Bildung ergeben sich zwangsläufig Nachteile für den Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft. So konnte ich in Ecuador zum Beispiel ganz krass den Klassenunterschied (der teilweise sogar in Rassismus ausartete) beobachten. Die Unterklasse nimmt die Befehle der Oberklasse ohne Wenn und Aber entgegen. Widerstand gegen die Ausbeutung und Versklavung ist nicht möglich, da die Bevölkerung in den seltensten Fällen über ihre Rechte Bescheid weiß. Der so genannte Teufelskreislauf, dem die gesamte Unterschicht ausgesetzt ist. Man wird in seine „Kaste“ hineingeboren und ein Entfliehen scheint ausweglos. Viele versuchen es dennoch mit der Landflucht in die Städte und mit einer Emigration nach Spanien, doch nur wenige haben wirklich Erfolg und können ihren Lebens- und Bildungsstandard verbessern.

So weh diese Erkenntnis tut, aber in Ecuador regiert der Rassismus. Die Weißen, welche nur 10% der Bevölkerung ausmachen, beherrschen fast die komplette Politik, das Militär und die Wirtschaft. Das eigentlich für Südamerika sehr fortschrittliche Gesetzeswerk wird durch Korruption fortlaufend hintergangen (Ecuador liegt in der Korruptionstabelle auf Rang 2 in der Welt) und das ungebildete Volk wird durch Propaganda und Fehlinformationen manipuliert. Die Gleichung: Schlechte Bildung des Volkes + Propaganda = Erfolg der herrschend Schicht beweißt immer wieder ihre Gültigkeit. Oftmals liegen den Präsidenten das eigene Wohl und das Machtgefühl mehr am Herzen als das eigene Volk. Somit ist es nicht erstaunlich, dass das Volk sich doch irgendwann wehrt und den Präsidenten wieder einmal stürzt. So schon geschehen mit vier Präsidenten in den letzten Jahren.

Mein Fazit aus einem Jahr Land & Leute ist eindeutig:
Ich habe dieses Land mit samt seiner Bevölkerung lieben gelernt und ich habe leiden gelernt, indem ich hautnah tagtäglich das Elend und das Schicksaal vieler miterleben musste.

Arbeiten im Projekt


In meinem Jahr in Ecuador arbeitete ich in verschiedenen Projekten mit und entwickelte gegen Ende meines Aufenthalts ein eigenes mit der Organisation vor Ort. In diesem Projekt halfen dann auch die deutschen Zivis in den folgenden Jahren mit.

Zusammen mit Xiomara, der Chefin der ecuadorianischen Organisation führte ich abwechselnd immer wieder eintägige Workshops an vier Landschulen der Umgebung durch. Ziel der Arbeit war eine alternative Erziehung, die den Kindern vor allem mehr Selbstbewusstsein gibt und ihren Horizont erweitern soll. Die miserable Schulbildung und die Autorität der Lehrer, welche sogar teilweise noch die Kinder schlagen, machen genau diese Arbeit sehrwertvoll für die Niños.



In diesen Workshops versuchten wir u.a. das Interesse der Kinder an Kunst zu wecken. Beispielsweise erarbeiteten wir mit den Kindern Handpuppen, die sie völlig individuell gestalten konnten (sprich bemalen, anziehen, Haarfrisur,…). Mit den fertigen Handpuppen entwarfen wir in Kleingruppen anschließend verschiedene kleine Theaterstücke, die am Ende der Arbeitphase vor der gesamten Klasse aufgeführt wurden. In einem anderen Workshop gestalteten wir mit den Kindern schuleigene Gemüsegärten. Ziel war es die Kinder über eine gesunde und ausgeglichene Ernährung spielerisch zu informieren, da die Essensgewohnheiten eines durchschnittlichen Ecuadorianers weder gesund noch ausgeglichen sind (Gemüse und Salat z.B. ist bei den meisten Leuten unbeliebt und „kommt nicht ins Haus“). Den Kindern machte es riesigen Spaß die verschiedenen Samen zu sähen und die teilweise beschwerliche Pflege (Gießen, Unkraut zupfen,…) wurde am Ende durch die Ernte von Tomaten, Salat, Gurken, etc. belohnt.

An weiteren Projekttagen stellten wir den Kindern verschiedene Instrumente vor. Sie hatten die Möglichkeit Rasseln, Trommeln, Flöten, Gitarre und auch meine Trompete einmal selbst auszuprobieren. Damit das ganze nicht in ein heilloses Durcheinander ausartete, setzten wir uns gemeinsam zum Ziel ein einfaches und eingängiges Folklore Lied zu erarbeiten. Und es war erstaunlich welchen Prozess manche Schüler in Rhythmik und Taktgefühl an nur einem Tag Workshop durchliefen. Viele hatten zum ersten Mal ein Musikinstrument in der Hand…und der Spaß den sie dabei hatten war unverkennbar. Dabei fiel mir vor allem auf, welch große Schauspieler, Sänger und Maler unter den Kindern waren. Im Alltag (zu Hause, Schule,…) dürfen sie selten ihre Kreativität ausleben, da Kunst gesellschaftlich nur einen sehr niedrigen Stellenwert besitzt. In unseren Workshops hingegen blühten sie förmlich auf.

Schon zu Beginn meines Aufenthaltes stellte ich die mangelnden sanitären Einrichtungen in den Schulen fest. Daher entschloss ich mich einen Teil des von mir in Deutschland gesammelten Spendengeldes für den Bau neuer Schultoiletten zu verwenden. Zusammen mit der Hilfe von einem Handwerksmeister und den Eltern der Schulkinder setzten wir unser Vorhaben in die Tat um. Anders als in Deutschland helfen die Eltern bei solchen Vorhaben nicht in finanzielle Hinsicht, sondern durch ihre Arbeitskraft. Da sie nicht über viel Geld verfügen, können sie „nur“ ihre Zeit und körperliche Arbeit anbieten, was zu meinem Erstaunen auch sehr gut klappte. Die Arbeitsmoral war hoch, die Zusammenarbeit gut und mit dem Ergebnis waren auch alle mehr als zufrieden. Und das Wichtigste: Die Niños haben jetzt gute, hygienische sanitäre Anlagen.

Einer meiner Aufgaben (die ich mir selber auch gesetzt hatte) war es den Bildungsstandard an den Orten im Umkreis unseres Projektstützpunktes zu verbessern. Unter anderem bot ich in einer Ortschaft einen Englisch-Kurs an. Dieser wurde zunächst begeistert aufgenommen. Die anfängliche Begeisterung schlug aber dann teilweise in Zermürbung um, da für viele die englische Aussprache und Grammatik sehr hohe Hürden darstellten. Zudem stellte sich heraus, dass Englisch für viele nur eine „Spielerei“ war, die sie in ihrem Campesino-Alltagsleben nicht verwenden konnten und somit andere Sachen mit laufender Kursdauer eine höhere Präferenz hatten. Ein bisschen enttäuscht, aber nicht entmutigt verlagerte ich deshalb meine Sprachstunden in die Stadt La Maná, in der ich kostenlosen Einzelunterricht an Freunde und Bekannte erteilte. Dieser war dann auch von Erfolg gekrönt und es machte richtig Spaß mein Wissen weitergeben zu können und das Alles ohne schulischen Stress, sondern bei entspannter freundschaftlicher Atmosphäre. Der Sprachunterricht beschränkte sich aber natürlich nicht nur auf Englisch, sondern vor allem auch der Deutsch-Unterricht war sehr gefragt. Die Aussicht auf einen Jugendaustausch mit Deutschland bestärkte viele Jugendlichen in ihrem Interesse die Sprache zu erlernen.

Ein Großteil meiner Arbeit bveschäftigte sich natürlich aber auch rund um die „Reserva Montaña Sagrada“. Für mich als ersten Zivi in diesem Projekt stellte sich zunächst einmal die Aufgabe der „Wohnplatzbeschaffung“. Zu deutsch, es war noch keine zufriedenstellende Schlafmöglichkeit für einen Zivi vorhanden und so machten wir uns an den Bau eines weiteren Holzhauses (das Andere bewohnten die Projektmitglieder Patricio, Samantha, Azul und Hernan). Dieses beherbergt mittlerweile Xiomara, die Chefin der ecuadorianischen Organisation, und es gibt auch ein Zimmer für den jeweiligen deutschen Jugendlichen. Erschwert wurde die Arbeit von den natürlichen Umständen, d.h. das komplette Material (Holzbalken, Bretter, Zement, Sand,…) musste mit Pferden oder auf unseren Rücken auf den Berg transportiert werden, Regenzeit, südländisch-entspannte Arbeitseinstellung,…. Dass dabei mancher Schweißtropfen zu Boden fiel kann man sich sicherlich vorstellen. Zusätzlich fallen auch immer wieder Reparatur- und Erweiterungsarbeiten rund um die zwei Projekthäuser an. So wurden zum Beispiel das „Freiluft-Klo“, die „Freiluft-Waschküche“, der Hühnerstall und die „Freiluft-Abstellkammer“ rundum renoviert und zu dem noch zwei „Freiluft-Duschen“ gebaut. Zu den alltäglichen Arbeiten zählten unter anderem auch noch das Brennholz suchen und hacken im Wald, das Kürzen des Gebüsches um die Häuser mit der Machete (großes Buschmesser), aber natürlich auch das Kochen auf einer Feuerstelle oder die Handwäsche seiner (oft von der Schwüle verschwitzten) Kleidung. Im zweiten Teil meines Aufenthalts entwickelten wir schrittweise das jetzige Projekt und damit kam auch eine Menge Arbeit auf uns zu. Das komplette Projekthaus wurde renoviert sowie neu angestrichen und die Umgebung entsprechend unseren Vorstellung gestaltet (weitere Gebiete um das Haus erschlossen + gesäubert, Blumen gepflanzt,…). Außerdem musste ein einstündiger Erlebnis-Lehrpfad durch die Reserva neu angelegt werden, beziehungsweise ein Weg aus der hügeligen und steilen Landschaft herausgearbeitet und befestigt werden. Zu guter Letzt sammelten wir Informationsmaterial über Flora und Fauna der Region um für die kommenden Aufgaben kompetent gerüstet zu sein. Unter anderem beinhaltete dies Studien der Universitäten, Wissen der Einheimischen,…

Mitten in diese Arbeiten mit den Kindern und rund um die Reserva, kam uns zudem der Bau eines Wasserkraftwerkes nahe unserer Gemeinde dazwischen. Ein riesiges Problem ergab sich, da wir nach näherer Untersuchung des bereits begonnenen Baus feststellten, dass die betreffende Baufirma gegen sämtliche Vorschriften und Gesetze verstieß und in der Konsequenz den für die Gemeinden der Umgebung lebensnotwendigen Fluss „bedrohte“ (= austrocknen lassen würde). Die Bewohner wurden vom Bauunternehmen nur mangelnd bzw. gar nicht über diese verheerenden Folgen aufgeklärt und es wurden zudem zahlreiche Bestechungsversuche an zuständige Politiker, aber auch an Gemeindebewohner unternommen.



In einem Fall wollte sich das besagte Unternehmen die Gunst eines Dorfes mit einem Sack Bonbons erkaufen! Hört sich für deutsche Ohren unglaublich an, entspricht aber (leider!) der Wahrheit; möglich durch den niedrigen Bildungsstandart der Bevölkerung und der damit verbundenen Naivität. In Informationsveranstaltungen und persönlichen Gesprächen machten wir daraufhin die Bewohner der betroffenen Dörfer auf die unmittelbaren und längerfristigen Konsequenzen dieses Bauprojektes aufmerksam und erhielten dabei auch Unterstützung von anerkannten Umweltorganisationen und Experten. Mittlerweile ist ein Großteil der Bevölkerung gegen die Fertigstellung des Baus. Wie sich dieses Projekt aber letztendlich entwickelt, kann man zur Zeit noch nicht sagen, da zudem die Baufirma ihr Budget in Sachen „finanzieller Überzeugungsarbeit“ wesentlich aufgestockt hat.

Und dies ist nur als ein Beispiel der ökologischen Aufklärungsarbeit aufgeführt, die ich zusammen mit der Organisation und vielen Freunden in der Region La Maná betrieben habe.

Persönliches


Was hat mich jetzt in diesem einen Jahr in Ecuador besonders geprägt und was werde ich so schnell nicht wieder vergessen?

Zunächst einmal würde ich bei dieser Frage meine Tropenkrankheit aufführen. Fast ein halbes Jahr lang schlug ich mich der sogenannten Leishmania herum und diese hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes „flach gelegt“. Im Dschungel gibt es nämlich nicht nur die allseits bekannte Malaria oder das Dengue Fieber, sondern eben auch ein Mosquito, das den Leishmania-Erreger überträgt. Dank der Unterstützung meiner Gastfamilie und meiner Freunde habe ich aber diese Krankheit gut überstanden und strotze danach nur so vor Tatendrang. Eine weitere Erkenntnis die ich aus der Sache mitnahm ist, dass ich ein öffentliches Krankenhaus in Ecuador (wie auch in ganz Südamerika bzw. in 3.Welt-Ländern) in Zukunft meiden möchte. Einen Sozialstaat gibt es in diesem Land nicht und die große Mehrheit der Bevölkerung kann sich keine private Krankenversicherung leisten. Somit sind die vom Staat finanzierten öffentlichen „Krankenhäuser“ hoffnungslos überfüllt, das Personal oft überfordert und unwillig (weil auch schlecht bezahlt) und die Geräte und Behandlungsmethoden mehr als fragwürdig.

Ein weiteres Erlebnis, das mir im Kopf geblieben ist sind die Aufstände im Februar und März 2006 in ganz Ecuador. Zu dieser Zeit wollte die Regierung ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnen, kurz TLC genannt. Was ich dabei an Fehlinformationen durch die Regierung, politischer Propaganda der üblen Sorte und Unterdrückung der Meinungsfreiheit miterlebt habe hat mich entsetzt. Um einen objektiven Experten zu diesem Thema zu zitieren: „Der einzige Gewinner bei diesem Vertrag ist die USA und der Verlierer ist die untere Schicht Ecuadors!“ Welche aber 90% der Gesamtbevölkerung darstellt.

Folgerichtig demonstrierten die Betroffenen (vor allem Indigenas) für ihre Rechte und ihre gefährdete Zukunft. Die einzige Antwort, die sie bekamen waren Knüppel und Rauchbomben von Polizisten, abgefeuert in friedliche Demonstrationen und eine öffentliche Hetzkampagne von Seiten der Regierung. In mehr als 7 Provinzen wurde vom Präsidenten der Notstand ausgerufen und somit jegliche aggressive Handlungsweise der Polizei und des Militärs gegenüber der Bevölkerung legitimiert. Es kam zu Straßenblockaden, Straßenschlachten und Tote gab es ebenfalls zu beklagen. Das einzig positiv, was ich aus diesen Erlebnissen mitnehme ist, dass es sich lohnt für seine Rechte zu kämpfen. Denn schlussendlich nahm die Regierung der Vereinigten Staaten Abstand von diesem Freihandelsvertrag. Die Bevölkerung Ecuadors hätte eine Unterschrift des Präsidenten entgegen ihres Willens nicht geduldet und vermutliche wäre es zu einem Präsidentensturz gekommen. Der offensichtliche Versuch der Manipulation einer ganzen Bevölkerung, die Polizei und das Militär als Machtinstrument des Präsidenten, die ausschließlich subjektive Berichterstattung und der „Gestank von Korruption“, den ich an jeder Ecke roch haben sich tief in meinen Kopf gefressen.

Doch es bleiben nicht nur negative Erinnerung zurück. Ganz im Gegenteil. Im Carnaval zeigt jeder Ecuadorianer sein wahres Ich. Man kann den ecuadorianischen zwar nicht mit dem aus Rio de Janeiro vergleichen, aber an guter Laune und Spaß steht er jenem in Brasilien bestimmt nicht nach. Das ganze Volk tanzt, lacht und verbreitet überall positive Stimmung auf den Straßen. Das schöne daran ist, das Jung mit Alt, Alt mit Jung GEMEINSAM feiern und vier Tage lang (arbeitsfrei für jeden) alles auf den Kopf stellen. Speziell an Ecuador ist der Tick mit dem Wasser. Wer vor die Haustüre tritt mit trockenen Kleidern weiß zu 100% dass er spätestens drei Häuser weiter von oben bis unten klatsch nass ist. (Da es aber durchschnittlich 25 Grad hat, macht einem das nicht viel aus). Im obligatorischen Faschingsumzug tanzen dann mehr als zwei Stunden zig verschiedene Gruppen aus dem ganzen Land. Indigenas, Mestizen, Schwarze, Weiße…..alle machen mit und feiern bis tief in die Morgenstunden auf den Strassen.

Zurückblickend erinnere ich mich gerne an die Fröhlichkeit und die Herzlichkeit der Menschen. Nie werde ich die Abende vergessen an denen ich mit meinen Freunden zusammen musizierte und Einblick erhielt in die ecuadorianische Kultur. Ich verbrachte dieses Jahr mit einem bunt gemischten Haufen, der mir ans Herz gewachsen ist und bei dem ich mich bedanken möchte für ein tolles Jahr.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Alina schrieb am 05.04.11 um 21:53 Uhr:
Danke für diesen sehr ausführlichen, sehr persönlichen Erfahrungsbericht. Auch die vielen Hintergrundinformationen, die du hast miteinfließen lassen, sind für mich sehr wertvoll. Also vielen Dank nochmal :)

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