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Erfahrungsbericht - Kanada

Autor: Johannes Hasselhoff
Projekt: MCC Thrift Store
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - November 2006


Liebe Freunde, Unterstützer, Bekannte und Verwandte. Wie froh bin ich doch, damals in Deutschland eine Digitalkamera mit einem Ultraweitobjektiv gekauft zu haben, denn dies ist genau das richtige Format um ein Land wie Canada bildlich zu charakterisieren. Hier ist alles weit. Angefangen bei den riesigen Entfernungen im gesamten Canada (12 Stunden Autofahrt in die nächste größere Stadt) über die großen Entfernungen in einer eher „kleineren“ Stadt wie Winnipeg (es hat ja nur 600.000 Einwohner, jedoch verteilt auf vielleicht eine Größe von München), die Breite und Längen der Straßen (keine Straße ist schmaler als zweispurig, die meisten sind vierspurig, und die vielen Größeren sind bis zu achtspurig. Man kann problemlos mit dem Auto eine halbe Stunde auf einer Straße fahren, ohne auch nur eine Kurve zu machen, oder abbiegen zu müssen) und die unendliche Weite des Himmels, der mich immer wieder erstaunen lässt in seiner blauen Klarheit und Unendlichkeit. Hätte Leonardo da Vinci Canada, und speziell Winnipeg, bereist, hätte er mit seinem Sfumatostil echte Schwierigkeiten bekommen, denn so etwas wie ein rauchiges Verblassen am Horizont gibt es hier nicht. Und auch die sich immer verändernden Wolkenkonstellationen die vor allem Abends in den schönsten Farben leuchten, versetzten mich immer wieder in Erstaunen und lassen mich dankbar sein für die tolle Zeit, die ich hier in Canada verbringen kann.

Und doch ist es nicht immer leicht hier zu sein. Vor allem mit meinem Arbeitsprojekt hatte ich in letzter Zeit große Schwierigkeiten. Die Arbeit in dem MCC Thrift Store hat mich, wie sich leider schnell herausstellte, nicht auslasten und befriedigen können. Dazu trugen mehrere Faktoren bei. Zum einen sah ich mich von meinen ursprünglichen Wunsch mit Kindern arbeiten zu können soweit wie nur möglich entfernt, da ich es hauptsächlich mit älteren Frauen zu tun hatte, die den Thrift Store auf ihre Weise führen wollten. Zum anderen gab es im Laden zu viele Freiwillige und zu wenig Arbeit, sodass mein Tag des öfteren nur darin bestand, hinter der Kasse zu stehen und Sudokus zu lösen, was für mich natürlich sehr unmotivierend war. Zudem allem kam noch ein Haufen Missverständnisse hinzu, von denen ich erst im Laufe der Zeit erfuhr. Das größte Missverständnis von allen war wohl, dass die Managerinnen des Ladens zwei Tage vor meiner Anreise noch gar nicht wussten dass ich komme, kurz davor schon eine neue Person für meine Stelle engagiert hatten, und mich daher nur aus schlechtem Gewissen genommen hatten. Von daher war auch meine Arbeitsbeschreibung -die ich von dem Verantwortlichen hier bekommen hatte, und die mich eigentlich als assistierenden Manager darstellte -hinfällig geworden.

Natürlich gab es auch sehr interessante Erfahrungen, die ich dort machte. Da ich ab und zu auch auf dem Truck aushalf und dort Möbel abholen und liefern konnte, bekam ich einen kleinen Einblick in das Privatleben von wirklich sehr armen Menschen, die hier in Winnipeg unter teilweise bestürzenden Umständen leben. Und auch im Laden ergab sich das eine oder andere sehr interessante Gespräch mit Menschen, welche schon sehr viel durchmachen mussten. Eine sehr interessante Unterhaltung hatte ich zum Beispiel mit einen älterem Mann, der offen zugab ein Alkoholiker zu sein, der jeden Tag versucht dem Alkohol fern zu bleiben, es dann aber doch nicht schafft, und immer und immer wieder eine Bar ansteuert, um sich dort zu betrinken. Aus diesem Grund hat er auch seine Frau und seine Tochter verloren, ist jedoch nicht imstande irgendetwas daran zu ändern. Als ich ihm einen Kaffee anbot, war er sehr gerührt und versprach mir für heute auf jeden Fall keinen Alkohol mehr zu trinken, um meinen Kaffee in Ehren zu halten. Ob er das allerdings geschafft hat, habe ich nie erfahren... Für solche Gespräche und Erfahrungen war ich stets dankbar, da sie mir zeigten, dass es doch einen Sinn hatte, dort zu arbeiten. Trotzdem war ich nicht glücklich darüber und bat L. um einen Arbeitswechsel. Auch die Damen in meinem Thrift Store erkannten, dass sie keine Arbeit für mich hatten und ich dort nicht glücklich war und teilten es L. mit. Nachdem ich zwei Tage dann zuhause war und nichts arbeiten konnte, fand sich vorletzte Woche eine Alternative, mit der ich bis jetzt sehr zufrieden bin. Zur Zeit arbeite ich bei zwei Organisationen, wo ich zwei sehr unterschiedliche Tätigkeiten ausübe, die mir eine sehr gute und sehr interessante Abwechslung in den Wochenalltag bringen und mich somit davor bewahren in einen unmotivierten Trott hineinzugeraten wie es im Thrift Store leider der Fall war. Die eine Organisation, bei der ich drei Tage in der Woche arbeite ist „Winnipeg Harvest“. Harvest ist ein großes Lagerhaus, wo gespendetes Essen gelagert und dann an Suppenküchen und andere Stellen geliefert wird, welche das Essen dann an bedürftige Menschen ausgeben. Meinem Wunsch mit Kindern oder zumindest mit hilfsbedürftigen Menschen zusammen zuarbeiten entspricht es eigentlich nicht, dennoch macht mir die Arbeit bei Harvest wirklich Spaß. Das liegt vor allem daran, dass es, nicht wie in dem Thrift Store, wirklich genug Arbeit gibt, immer etwas zu tun ist und so das verhasste „rumgammeln“ wegfällt. Zum anderen tut mir das Vertrauen gut, welches mir mein Chef entgegenbringt. Ich darf mit den Trucks durch Winnipeg fahren, auch mit den großen 5 Tonnern und auf verschneiten Straßen. Das macht wirklich Spaß und ist eine gute Gelegenheit Winnipeg besser kennen zu lernen. Und auch im Lagerhaus selbst kann man mich häufig mit dem Gabelstapler durch die Halle flitzen sehen. Da Harvest eine sehr große Firma ist, die jedoch kein Geld erwirtschaftet, ist sie von Spenden und freiwilliger Arbeit abhängig. Daher trifft man hier sehr viele, sehr unterschiedliche und interessante Menschen, mit denen man sich gut unterhalten kann. Vom armen Obdachlosen bis hin zum Air Force Piloten habe ich dort schon alles getroffen. Auch viele behinderte Menschen arbeiten bei Harvest und helfen das eingehende Essen zu sortieren, und das rausgehende Essen auf Paletten zu verpacken. Dennoch, obwohl mir die Arbeit dort riesigen Spaß macht, glaube ich, dass es für mich nicht gut wäre, dort fünf Tage die Woche zu arbeiten, da mir der soziale Aspekt trotz allem etwas fehlt. Daher freue ich mich sehr, dass ich noch bei einer zweiten Organisation arbeiten, und dort endlich das machen kann, was ich eigentlich immer machen wollte, nämlich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Jeden Montag und Mittwoch arbeite ich bei einem „Needs center for war affected Families“. Dort arbeite ich Nachmittags in einen „after school program“. Die Kinder und Jugendlichen, die dorthin kommen sind Immigranten aus Kriegsgebieten, also aus Afghanistan, Irak, Sudan etc.. Viele von ihnen sprechen nur schlechtes Englisch, und wir helfen ihnen bei ihren Hausaufgaben (sowohl in Mathe wie auch in Englisch), stellen ihnen genügend Computer zur Verfügung, mit denen sie im Internet surfen können und unterhalten sie mit Lernspielen und Lernprogrammen. Auch diese Arbeit macht mir wirklich sehr viel Spaß, vor allem weil die Kinder wirklich „very nice“ und liebenswürdig, und wahrlich auf unsere Hilfe angewiesen sind. Obwohl ich erst letzte Woche angefangen habe dort zu arbeiten, also bis jetzt nur zwei Tage dort war, habe ich das letzte Mal schon zusammen mit einem Jungen versucht, eine Bewerbung zu schreiben, da er unbedingt eine Arbeit finden möchte. Was für mich am Anfang recht einfach erschien, entpuppte sich als sehr schwierige Aufgabe. Denn einem Jungen, der nur schlecht Englisch versteht, klar zu machen, dass er seine Fähigkeiten und Freizeitbeschäftigungen (Rappen und Basketball) möglichst positiv verkaufen muss, ist wirklich nicht einfach. Auf meine Vorschläge kam immer die Antwort: „yeah, youra right“, selbst wenn offensichtlich war, dass er mich nicht verstanden hatte. Es fiel ihm sehr schwer von alleine darauf zu kommen, welche Vorteile es hat zu Rappen und Basketball zu spielen, und das einem Arbeitgeber richtig zu verkaufen. Und ich wollte die Bewerbung ja nicht für ihn schreiben, sondern ihm nur helfen, sie selbst zu schreiben. Zum Glück kam mir nach einiger Zeit ein anderer Freiwilliger zu Hilfe, der sich auch besser mit Bewerbungen hier in Winnipeg auskannte und dem Jungen (und auch mir) dann half zu einem akzeptablen Ergebnis zu kommen. Diese Arbeit machte mir erst so richtig bewusst, wie schwierig es diese Kinder (und ebenso deren Eltern) haben werden, hier eine richtige Arbeit zu finden. Und dass unsere Arbeit wirklich sehr wichtig und essentiell ist, um den Kindern hoffentlich eine gute und perspektivenvolle Zukunft zu verschaffen. Denn weder die Eltern können ihnen hier viel helfen, da sie meist auch kein oder nur wenig Englisch sprechen, noch wird ihnen in der Schule ausreichend geholfen. Und diese Kinder haben es wirklich verdient, dass ihnen geholfen wird.

Ich hoffe nun, dass ich die anfänglichen Startschwierigkeiten im Bezug auf meine Arbeit nun hinter mir habe und mich richtig in meine zwei abwechslungsreichen Arbeiten hineinarbeiten kann. Worauf ich mich wirklich schon sehr freue. Es ist ohne Zweifel eine gute Kombination zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, zwischen sozialer und logistischer, von der ich hoffentlich nicht schnell gelangweilt werde.

Im Bezug auf mein Privatleben hier in Canada hatte ich wirklich einen sehr angenehmen Start, der fast schon zu einfach für mich war. Aber natürlich werde ich mich darüber nicht beklagen. Der etwas enttäuschende Fakt in einer reinen deutschen Unit zu leben erwies sich als sehr bequem, da man sich wenigstens Zuhause nicht auf neue Kulturen und Sprachen einstellen musste. Allerdings ist dies ein Grund, warum ich nach Canada kam, von daher bin ich mit dieser Bequemlichkeit nicht ganz einverstanden und warte schon darauf, dass im Januar hoffentlich noch ein canadisches Mädchen hier in die Unit einzieht und etwas Farbe in unseren grauen deutschen Alltag bringt. Über das Leben in der Unit gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Jeder der schon einmal in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, weiß wie es aussieht. Jeder hat seine Aufgaben, die wöchentlich wechseln. Mit meinen drei anderen Mitbewohnern versteh ich mich recht gut, man kommt gut miteinander aus, größere Streitereien blieben bis jetzt zum Glück aus, und ich glaub wir sind auch alle vernünftig genug, das auch in Zukunft gut zu handhaben. Ein anderes Feld in Canada welches man als sehr „weit“ beschreiben kann das Wort „friend“. Man bekommt hier sehr schnell einen sehr weiten Freundeskreis da jeder super nett und offen ist, jedoch auch sehr oberflächlich. Meine Telefonnummernsammlung ist schon entsprechend groß, wobei ich die meisten nie anrufen werde, oder erwarte von ihnen angerufen zu werden. Trotz alle dem gibt es aber auch Menschen, zu denen ich schon eine tiefergehende Beziehung aufbauen konnte, etwas das über diese oberflächliche Freundschaft hinaus geht. Darüber bin ich wirklich sehr dankbar. Ein weiterer Grund, warum mein Start hier sehr erfreulich verlief, ist ein Umstand den wahrscheinlich nicht viele Freiwillen haben werden. Ich habe hier vier verwandte Familien, die ich vorher nicht kannte, die mich aber alle mit offen Armen aufgenommen haben. Meine Großmutter ist die Tante von drei Halbschwestern und einem Bruder, die alle vier nach dem Krieg hier nach Winnipeg emigrierten, und schon ihre Kinder und Enkelkinder haben. So habe ich also einige Verwandte hier, rechnet man Schwiegersöhne und –Töchter hinzu, kommt man bestimmt so auf 20 Personen. Es ist wirklich sehr interessant, sie alle kennen zu lernen. Leider ist keiner von ihnen in meinem Alter, die Kinder sind schon zu alt, und die Enkelkinder noch zu jung. Dennoch wurde ich von einer Tochter sogar schon zu einem Snowboardtrip in die Rocky Mountins eingeladen, was ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Es ist glaube ich selten, dass man so fern von zu Hause doch so viel über die eigene Familie kennen lernen kann. Das hat mich tief berührt. Ich habe hier Dinge über meine Großeltern erfahren, von denen ich zuvor nichts wusste. Manchmal muss man eben wirklich einen Schritt zurück gehen um das gesamte Bild sehen zu können. Ich freue mich auch jetzt schon darauf mit ihnen Weihnachten zu feiern, in der Ferne, und doch in der Familie.

Ich bin so froh hier sein zu können und alle diese Erfahrungen machen zu können.
Viele liebe Grüße Johannes

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