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Erfahrungsbericht - Nicaragua

Autor: Karoline Langer
Projekt: ODESAR
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - Juli 2006


Liebe Freunde,

nun habt Ihr wirklich lang genug auf meinen Rundbrief warten müssen, dabei hatte ich doch versprochen, ganz regelmäßig über mein hiesiges Leben in der Arbeit und Feizeit zu berichten. Es ist viel passiert und ich hatte bislang eine überaus spannende Zeit in Nicaragua. Einiges ist allerdings ganz anders gekommen, als ich und wohl auch Ihr es erwartet haben mögt. Es gäbe so viel zu erzählen von diesem so bunten und vielseitig schönen Land, doch jetzt beschränke ich mich auf das, was mir wesentlich erscheint, um Euch an meinen hier gewonnenen Einblicken und Erfahrungen teilhaben zu lassen. Für diese Möglichkeit bin ich allen unglaublich dankbar, die mich sowohl finanziell als auch moralisch unterstützt haben!

Vor über vier Monaten stellte ich erstmalig meine beiden Füße auf nicaraguanischen Grund und Boden, atmete die stickige Backofenluft des Abends ein konnte kaum fassen, nun tatsächlich in Nicaragua angekommen zu sein. Eine Reise ins bekannte Unbekannte, ein Aufenthalt, auf den ich mich lange gedanklich, in Gesprächen, mit Büchern und Filmen vorbereitet hatte. Nach einem Flug von etwa 20 Stunden um die halbe Welt mit Zwischenstopps in Madrid und Miami war ich froh, dass das Ziel endlich erreicht war. Ich hatte das Glück gehabt, die sich hinziehende Zeit im Flugzeug nicht allein verbringen zu müssen, denn ich war in Madrid auf meine Reisebegleiterin Katharina getroffen, die für ein Jahr in einem Ökoprojekt an der Pazifikküste Nicaraguas lebt und arbeitet, um vor Ort Fátima grinst mich an und blickt mit erwartungsvollen wachen Augen in mein vor Entgeisterung erstarrtes Gesicht. „Du musst es in die Hand nehmen, dann wird der Funke auch auf dich überspringen. Oder hast du Angst? Es tut doch nichts!“ So greife ich nach einigem Zaudern doch kurzentschlossen erst einen, kurz darauf auch den zweiten dieser mir überdimensional gross erscheinenden giftgrünen Grashüpfer, die den wohlklingenden Namen esperanza, die Hoffnung, tragen. Wenn es tatsächlich stimmen sollte, dass durch den direkten Kontakt die Hoffnung in mir wachsen könne, dann will ich mich mal nicht lumpen lassen und halte tapfer aus, dass diese tropischen Geschöpfe krabbelnd von meinen Händen auf meine Arme wandern. Die anderen amüsieren sich köstlich und stecken mich mit ihrem Lachen an. Ich sitze in einem kleinen Häuschen auf dem nicaraguanischen Land, in das mich die Tochter der darin wohnenden Familie eingeladen hat. Bei Cola und ein paar Keksen werde ich als diejenige vorgestellt, die von nun an bis zum September des kommenden Jahres gemeinsam mit der im weiten Umkreis bekannten Umweltorganisation ODESAR arbeiten würde. Als ich beide esperanzas wieder vorsichtig auf den Boden setze, kommt einer der insgesamt zwölf Hunde, von denen der Rest irgendwo auf dem Hof an einem der wenigen schattigen Plätze döst, herangeprescht und beisst kräftig knackend in den Chitinpanzer eines der beiden Grashüpfer. Und was ist nun mit der Hoffnung, frage ich mich. Ist sie damit gestorben? Das Gewesene der vergangenen Monate in Nicaragua hat mich allzuoft an diese kurze Begebenheit erinnert und nachdenklich werden lassen.

Jugendliche zu Touristenführern auszubilden, die bislang mit dem Verkauf am Strand gestohlener Schildkröteneier ihr Einkommen erwirtschaften. Während Katharina von ihrem Betreuer am Airport A.C. Sandino in Managua erwartet wurde, empfing mich am selben Ort der EIRENE-Länderkoordinator und eine Freiwillige, bei der ich für die ersten Tage unterkommen sollte. Katharina würde ich bald in Estelí wiedertreffen, wo wir beide einen Sprachkurs besuchen sollten, bevor wir uns endlich in den jeweiligen Projektbereich einarbeiten könnten. Die Autofahrt von dem am Stadtrand gelegenen Flughafen bis zu unserem Quartier führte durch die Hauptstrassen der großflächigen Metropole, die im Schein der wenigen Laternen wie ein riesiges Dorf auf mich wirkte. Etwa wie eine aus Resten zusammengenähte Patchworkdecke, die einen sich zwar zudecken und ruhen lassen kann, aber von Löchern übersäht, an vielen Stellen alsbald zu reissen scheint, leicht vergilbt, muffig und dabei vor allem bunt ist. Bei meiner Gastgeberin fühlte ich mich gut aufgehoben, Kerstin hatte sich aufgrund meines Kommens einige Tage frei genommen, um mit mir gemeinsam einige Vorstellungs- und Planungsrunden in verschiedenen Organisationsbüros und der deutschen Botschaft zu durchlaufen. Wir erzählten uns viel, ich stellte Fragen zum Leben in Nicaragua, zu ihrer Arbeit in einer Organisation, die mit behinderten Kindern arbeitet, sie zu den Verhältnissen in Deutschland und immer wieder zogen wir Vergleiche zwischen den Kulturen und Nationen.

Wir unternahmen gemeinsam mit Katharina kleinere Erkundungstouren, fuhren nach Granada, liefen über einen der großen Märkte Managuas und wagten uns mit dem Taxi in die Altstadt. Managua ist 1972 von einem Erdbeben so stark zerstört worden, dass die Stadt seitdem nicht wieder richtig aufgebaut wurde. So erklärt sich dann auch, warum Managua die einzige Hauptstadt der Welt ist, die fast keine Strassennamen hat, so dass man sich vornehmlich an den Windrichtungen und der Lage des Großen Managuasees orientiert. Am schlimmsten hatte es den historischen Stadtkern getroffen, der heute mit der immer noch eindrucksvollen Kathedrale gegenüber des modernen Regierungsgebäudes einen ziemlich verwaisten Eindruck bietet.Das Managua, was ich seit meiner Ankunft durch viele Stippvisiten kennenlernen konnte, ist jenes, welches sich mir hauptsächlich aus fahrenden Taxen eröffnen konnte. Als Durchreisende, die in kurzer Zeit viele reale Bilder passiert, die bisweilen so unglaublich erscheinen, an die man sich aber gleichzeitig zu gewöhnen versucht.

Zwar existiert ein öffentliches Busnetz, aber aus zwei mindestens zwei Gründen ist die Fortbewegung mit diesem Nahverkehrsmittel unsicher: Einen Fahrplan gibt es nicht, so dass man nie wirklich sagen kann, ob und wann der nächste Bus kommt. Ausserdem ermöglicht der enge Körperkontakt in den oft überfüllten Bussen Dieben ein gutes Geschäft. So erkenne ich aus dem Taxi inzwischen bestimmte Verkäufer, Zeitungsjungen oder bettelnde alte wie behinderte Personen wieder, die an den Ampelkreuzungen zwischen den stehenden Autos umherlaufen und damit ihrer Arbeit nachgehen, kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, an welchem Punkt der Metropole ich mich gerade befinde. Ich sehe einige martialisch vergitterte Häuser aus meinem Taxi, vielmehr noch eine Aneinanderreihung von Vierteln, deren Hütten aus Wellblech, Holz und Plastikplanen zusammengeschustert wurden. In diesen Vierteln bin ich aus guten Gründen nie gewesen, nur soweit eben, wie es der Einblick in die staubigen Strassen, die dort hineinführen, erlaubt.

Seit Anfang des Jahres gibt es wiederaufgeflammte Unruhen zwischen der Polizei und den demonstrierenden Studenten, deren Forderungen sich theoretisch gegen die Preiserhöhung der Strom- und Gastarife wie im öffentlichen Verkehr wenden, praktisch aber der innewohnende Zorn seinen Ausdruck in bewaffneten Strassenschlachten und -blockaden sowie Inbrandsteckung von Bussen findet. Die tiefe Frustration der jungen Generation resultiert zum einen aus den dreisten Versprechungen der nicaraguanischen Elite, das Jahrhunderte fremdbestimmte Land mit einem Fingerschnips an die Töpfe von demokratisch gelebten Werten, Wohlstand, Unabhängigkeit heranzuführen, den Geschmack von Wrigley´s Spearmint und Dunkin Donut aufnehmen zu lassen und auf der anderen Seite dem täglichen Erleben, dass die Realität sich weiter davon entfernt. Es gibt nicht wirklich eine spürbare Kraft, die diese Unruhen beenden möchte, scheint es. Dabei existiert z.B. bereits ein Gesetzesvorschlag, durch den Subventionen in Höhe von 2,2 Mrd. US-$ für die Transportkooperativen beschlossen werden sollen. Der monatelange Aufschub, diesen Entwurf in der Nationalversammlung zu beraten und anschließend als Gesetz zu verabschieden verdeutlicht, wie gering das Interesse am Bedarf der Bevölkerung seitens der Politiker ist, die von Chauffeuren in polierten Geländewagen herumgefahren werden. Viel mehr dienen die Stimmen und Aktionen der Studentenproteste neben denen der Bus- und Ärztestreiks als gut einsetzbares Instrument bestimmter Parteipolitiker, die sich seit Monaten in der Wahlkampfphase befinden.

Nicaragua hat heute etwas über fünf Millionen Einwohner, von denen mindestens ein Viertel in der Hauptstadt leben. Damit ist Managua ein blühendes Beispiel für die ausgeprägte Landflucht in ganz Lateinamerika, wo sich Menschen mit dem Umzug vom Land in die großen Städte eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse erträumen, dort nach Arbeit suchen, um die zurückgelassene Familie zu unterstützen. Und auch mir scheint Managua der einzige Ort im Land zu sein, wo man „den Westen“ im Angesicht der Einkaufsmeilen und Fast-Food-Ketten förmlich riechen kann. Viele verdienen sich hier ihr Brot als Tagelöhner oder in den Textilfabriken des Landes, die sich in den Händen ausländischer Unternehmen befinden. Diese entlohnen ihre Arbeiter in den sogenannten „maquilas“ unter steuerfreien Wirtschaftskonditionen mit weniger als einem halben Dollar pro Stunde, um die Textilwaren anschließend als Massenimport auf den nordamerikanischen und europäischen Markt zu schleudern. Da es aber weder in Managua noch im Rest des Landes Industrie oder anderweitig Arbeit gibt, arbeiten und leben eine Million Nicaraguaner in Costa Rica oder den USA, wobei das von ihnen erwirtschaftete Kapital als monatliche Überweisungen an die Familienangehörigen in Nicaragua zu den höchsten ausländischen Kapitaltransfers zählt. Fast jeder und jede Nica, mit denen ich gesprochen habe, hat einen Bruder, eine Cousine, Kind oder Ehepartner irgendwo im Ausland. Auf diese Hilfsleistungen sind die Familien dringend angewiesen, lebt doch mehr als die Hälfte der nicaraguanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, ein Viertel gar in extremer Armut, was bedeutet, dass ihnen weniger als ein Dollar pro Kopf und Tag zur Verfügung steht. Mit einem jährlichen Bruottoinlandseinkommen von etwa 850 US-$ hat Nicaragua inzwischen sogar Haiti als ärmstes Land in Lateinamerika den Rang abgelaufen. Viele von denen, die in Nicaragua geblieben sind, überlegen ernsthaft, die Grenzen ihres Heimatlandes Richtung USA oder Europa legal oder illegal zu übertreten, da sie für sich selbst keine Zukunft in diesem zweifellos zerrütteten Land sehen oder weil es ihnen die wirtschaftliche Situation der Familie abverlangt.

Ebenfalls in den Vereingten Staaten hat auch der Ehemann von Marlén, Vater ihrer vier Kinder, Arbeit gefunden. Von dort aus schickt er jeden Monat Geld, das einzige, was die Familie von ihm seit fünf Jahren mit Regelmäßigkeit zu sehen vermag. Als ich Managua Richtung Estelí verlasse, habe ich noch keine Ahnung, wie das Leben in einer Gastfamilie wohl für mich laufen wird. Vier Wochen habe ich in einem kleinen Zimmer des Hauses gewohnt, ging morgens nach dem Frühstück mit Katharina in der Hitze der Morgensonne die Panamericana entlang; diese ewig lange Transitstrasse, die von Mexiko nach Feuerland führt. Hier oben im Norden des Landes, in der bergigen Region lag einer der sandinistischen Herde in der Zeit der Revolution 1982 bis 1990 und es finden sich noch heute überall an der Hauptverkehrsstrasse und in der Stadt Wandbilder, die vom Widerstand gegen die Kräfte der von den USA finanziell und logistisch getragenen Contras sowie von dem Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit erzählen. Zeitweilen scheinen diese sogenannten murals die einzigen zu sein, die an die auch international bedeutende sandinitische Revolution erinnern. Zu viele leere Versprechungen der machtgierigen Politiker sowie der harte alltägliche Überlebenskampf so vieler haben die Menschen hier müde, resigniert und misstrauisch werden lassen. Ich habe für mich feststellen können, dass die gerade auch in Deutschland anhaltende Vorstellung eines noch immer revolutionären Nicaraguas tatsächlich reine Illusion ist. Zwar sind die Sandinisten nach wie vor eine sehr starke Kraft im Land, doch vermischen sich einerseits sehr hetrerogene Gruppen und Wertvorstellungen in ihr, die die Partei sich hat spalten lassen. Andererseits lassen sich der Name des einflussreichsten Mannes im Land, Daniel Ortega mit dem unbedingten Willen, Reformen für die Bevölkerung durch- und vor allem umzusetzen, nicht mehr miteinander vereinbaren, zu sehr haben sich ehemalige Führer der Sandinistischen Revolution im Machtsumpf des politischen Establishments verfangen. Für vier Wochen besuchte ich als Sprachanfängerin die Spanischschule, die an ein Behindertenzentrum angeschlossen ist, in dem körperlich und geistigbehinderte Jugendliche in Werkstätten, einer Bäckerei oder der Küche arbeiten. Mit den Lehrerinnen, die vor der Anstellung in der Sprachschule allesamt arbeitslos waren, haben wir nicht nur Frontalunterricht gemacht. Immer wieder waren in den Kurs Ausflüge integriert, so dass wir - Landeskunde betreibend - eine Zigarrenfabrik, eine Tabakplantage, einen Ökobauern, ein alternatives Gesundheitszentrum und andere spannende Projekte besuchen konnten. Estelí ist das Zentrum für den nicaraguanischen Tabakanbau sowie dessen Verarbeitung und sehen zu können, welche Pozesse Tabakpflanzen durchlaufen müssen, bevor diese zu hochwertigen US-Exportzigarren verarbeitet werden, war schon irgendwie besonders. Oder auf dem Markt die einzelnen Früchte und Gemüsesorten kennen wie benennen zu lernen, festzustellen, dass es so vielzählige Arten von Bananen gibt, dass ich sie bis heute nicht auseinanderhalten kann, auch das versprühte fernab vom herkömmlichen Karibiktourismus einen gewissen natürlich-tropischen Charme.

Mit den erworbenen spanischen Grundkenntnissen gewappnet, hatte ich dann auch genug von der „Schulzeit“ und wollte endlich in das Projekt und einer wirklichen Tätigkeit nachgehen, das Leben und die Menschen auf dem Land kennenlernen. Der Name der Organisation ODESAR steht durch das Engagement seiner Mitarbeiter und Partizipanten für die ländliche Entwicklung, die Rehabilitation und den Schutz der Ressourcen. Insbesondere wird mit diesem Ansatz versucht, die Lebensbedingungen der großen Teils indigenen Landbevölkerung durch ökologisch angepasste Produktion zu verbessern, um auf diese Weise Einkommenserhöhungen der marginalisierten Bauern zu erreichen. Integriert sind in diesem Schwerpunkt zum einen zivilgesellschaftliche Maßnahmen, das Gemeinwesen durch den Aufbau und die Stärkung tragfähiger Gemeindekomitees fortzuentwickeln, zum anderen in workshops das Selbstbewusstsein der in einer stark männerdominierten Gesellschaft lebenden Frauen zu fördern und gerade sie in praktischen Belangen zu unterstützen, um für sie langfristig eine gleichberechtigte Teilhabe an wirtschaftlichem und sozialem Leben zu ermöglichen. Oft habe ich erleben können, dass die Frauen so schüchtern sind, dass sie mit nur mit einiger Überredungskunst dazu bereit sind, verlegen ihren Namen zu nennen. Andererseits - und dies scheint ein erheblicher Genderbeitrag von ODESAR zu sein - habe ich viele mit der Organistaion zusammenarbeitende Landfrauen kennengelernt, die selbstbewusst auftreten und auch gut und gern leitende Aufgaben übernehmen. So bildet ODESAR Frauen wie Männer zu PromotorInnen aus, die ihr in Kursen erworbenes theoretisches und praktisches Wissen im Bereich diversifizierter Landwirtschaft an andere campesinos weitergeben. Immer wieder sind es die kleinen Schritte, die jeden Einzelnen und somit das gesamte Projekt voranbringen und damit einen nicht zu unterschätzenden Effekt auf dem nicaraguanischen Land erreichen.


ODESAR hat seinen zentralen Sitz in der Kreisstadt Matagalpa, hat desweiteren gut funktionierende equipos in den Gemeinden im ländlichen Umland, so auch in San Dionisio. In dem 4000-Seelen-Dorf arbeitet ODESAR seit vielen Jahren und hat sich hier zu einem integralen Bestandteil fortentwickelt. Da die Menschen in den umliegenden Siedlungen im Gegensatz zu den Dorfbewohnern jedoch aufgrund der noch bescheideneren Lebensumstände auf besondere Unterstützung angewiesen sind, findet die Projektarbeit speziell bei und mit diesen Bedürftigen statt. Die angesprochenen Gender- und Bildungsarbeit wird gestützt von den Komponenten Organisationsberatung und –förderung, technischer Beratung und Produktionsförderung. Mein Arbeitsbereich, die Umwelterziehung der Jugendlichen, ist desweiteren ein immanenter Bestandteil von ODESAR, um mit diversen Aktivitäten zu erreichen, dass die Jugendlichen als nächste Generation der Subsistenzwirtschafter die Argrarproduktion im Einklang mit der Umwelt sichern können. In diese Projektkomponente wurde ich neben den übrigen insbesondere eingearbeitet, habe meinen Kollegen Freddy anfangs auf seinen Wegen begleitet und über die Schulter geschaut. In Schulen oder den von Spendengeldern ODESAR´s gebauten Gemeindehäusern besprechen wir Themen rund um das Thema Umweltschutz und Umweltverschmutzung. Da es in den einzelnen Gemeinden oft keinen Strom und schon erst recht keine materielle Ausstattung gibt, arbeiten wir zur besseren Veranschaulichung einfach und gut mit Papier, Textmarker und Tesafilm und geben den Schülern zum Notieren Hefte und Stifte, die sie oder ihre Familien zumeist nicht in der Lage sind zu finanzieren.


Methodisch und praktisch wird unter starker Partizipation der Jugendlichen in Baumschulen das erworbene Wissen angewandt. Besonders motivierte Jungen und Mädchen arbeiten verstärkt mit ODESAR zusammen, haben Wissen in Kursen erworben, welches sie als MentorInnen an andere SchülerInnen weitergeben können. Es geht in der Jugendarbeit vor allem auch um die Organisation der Jugendlichen untereinander, so dass Musik-, Theater- und Tanzgruppen das Programm flankieren.


Mir wurde ganz deutlich, dass wir mit einem nicht nur für Nicaragua wichtigen Thema arbeiten, auch, weil es ganz einfach um gegenseitig aktives Interesse geht. Die benachteiligte Landbevölkerung hat nur wenige Interessensvertretungen, obwohl sie prozentual den größten Anteil an der nicaraguanischen Bevölkerung ausmacht. Natürlich wirke ich als chela, wie man weisse Frauen hier nennt, auf viele der Jugendlichen wie ein Magnet, da doch selten jemand entlang kommt, der so anders aussieht und sich anders gibt, als es hier üblich ist. 40 km von der Stadt Matagalpa entfernt, liegt die Gemeinde San Dionisio inmitten einer unwegigen wie hügeligen Region abseits des mir bekannten modernen Lebens wie eine in sich geschlossene Welt, für etliche die einzig bekannte. Schnell hat sich in die entlegendste Siedlung herumgesprochen, dass eine junge Weisse mit drei Ohrringen in einem und einem Ring im anderen Ohr, durch den man hindurchgucken kann, von nun an als vollwertiges Mitglied in der equipo von ODESAR in San Dionisio arbeitet. Und ich sehe das nicht als Oberflächlichkeit, sondern viel mehr als eine Art Beitrag, diese Menschen dazu zu bewegen, im Projekt vorbeizuschauen und sich anzuhören, was ODESAR in der Lage ist, auch für sie zu tun. Geht es also darum, die Jugendlichen zusammenzubringen, ihnen mit Interesse offen gegenüberzutreten, sich einzulassen auf ihre Wünsche, dann kann ich festhalten, dass ich eine sonderbar starke Anziehung auf sie ausübe. So kommen zur folkloristischen Tanzwerkstatt eben doppelt oder dreifach so viele Jugendliche bloss weil sie gehört haben, dass ich vorbeischauen werde, um mit ihnen einen Tanz einzustudieren. Mit professionellem Fachwissen braucht allerdings niemand versuchen, sich zu profilieren, das ist mit Sicherheit ein nicht funktionierender und falscher Ansatz. Was zählt sind Improvisation und Kontinuität, Aufgeschlossenheit und Geduld. Viel Geduld. In den vergangenen drei Monaten habe ich demenstsprechend viel kennengelernt, was das Wirken einer Organisation wie ODESAR betrifft, habe an den Zusammenkünften der Bauern, Landfrauen und Jugendlichen ebenso teilgenommen wie ich an der Vorbreitung wie Umsetzung an diesen und an workshops und Markttagen beteiligt gewesen bin. Darüberhinaus habe ich geplant, neben Fussball- und Volleyballtraining insbesondere mit den Mädchen auch einen Englischkurs für SchülerInnen zu geben. Die Armut in diesem Land ist an allen Orten unverkennbar, doch gibt es selbst darin nochmal wirklich gravierende Unterschiede. Eine EIRENE-Freiwillige hat dies mit dem Begriff „Welten-switchen“ ziemlich gut auf den Punkt bringen können, der ihr oft Probleme bereite. Während sich in den Städten der Alltag gut bestreiten lässt, alles Notwendige zu bekommen ist und abgesehen von einigen Stromausfällen eine einigermaßen funktionierende Infrastruktur existiert, muss die Landbevölkerung doch sehr viel mehr entbehren. Täglich gehe ich auf meinem Arbeitsweg damit um, zwischen den Welten herumzuspringen. Morgens und abends fahre ich in einem Bus auf einer ruckeligen Schotterpiste zwischen ihnen hin und her und sehe, wie different die Lebensumstände sind, obwohl die räumliche Distanz gar nicht groß ist. Plötzlich sind fließendes Wasser und zureichende Stromversorgung eher die Ausnahme als die Regel, da sehe ich Kinder, die ihre eigenen Kinder mit sich herumtragen, mit der großen Familie in einfachsten Holz- oder Lehmhütten wohnen, sehe von Mangel- und Fehlernährung ausgezehrte und kranke Menschen, von denen gut die Hälfte nicht lesen oder schreiben können. Nie aber würde jemand hier sein Leid zur Schau tragen, sich darüber beklagen, täglich dieselbe Essensmahlzeit Reis und Bohnen einnehmen zu müssen oder in längst zerschlissenen Badelatschen bzw. barfuß herumzulaufen, weil der Geldbeutel nicht mehr hergibt.


Es ist ein kleiner Beitrag ODESAR´s, der anhaltenden Unterentwicklung als Folge der Kolonialisierung und Ausbeutung des Südens durch den Norden in Kombination mit hausgemachten Problemen mit Idealismus entgegenzuwirken. Teilen der Landbevölkerung wird durch das Projekt die Möglichkeit gegeben, unabhängig von den ausländischen Argarsubventionen etwas eigenes zustande zu bringen. ODESAR vergibt Kleinkredite und Landtitel, damit man sich auf einem Stückchen Land eine Partelle mit diversifizierten landwirtschaftlichen Produkten anbauen kann, oder sich Vieh anzuschaffen, um die Existenz zu sichern. Gleichzeitig wird zu vermitteln versucht, das das Abholzen der Bäume ebenso wie die Brandrodung den Lebensraum schädigt und somit die Quelle von Rohstoffen und Subsistenzsicherung versiegt. Viel schwieriger, als Gelder aufzutun, damit den Leuten selbstverantwortlich Eigenkapital zur Verfügung gestellt werden kann, ist es, in den Köpfen etwas zu verändern, manifestierte Denkweisen aufzubrechen und umzulenken, nachwirkendes Vertrauen in die Sinnhaftigkeit ökologischen Anbaus zu erlangen.

Ich erlebe Nicaragua als wunderschön und unglaublich facettenreich, gastfreundlich und offenherzig denen gegenüber, die es erfahren möchten. Es ist ein herzlich warmes Land. Doch ich erlebe dieses Land auch als niederschmetternd blockiert, ich suche nach Zeichen der Hoffnung und es fällt mir persönlich schwer, solche zu finden. Dafür bin ich hier, denke ich, weil ich doch einen Teil beitragen wollte. Hoffnung sähen. Zeichen setzen. Engagement und Zuversicht einfließen lassen. Weil Nicaragua doch schon in der Vergangenheit die Stärke bewiesen hat, sich erfolgreich gegen Unrecht und Willkür aufzulehnen, neue Wege zu gehen und aus sich selbst heraus zu wachsen. Von Beginn an fiel es mir schwer, mich an die sozialen und wirtschaftlichen Umstände hier zu gewöhnen, anzukommen und mich einzuleben. Von Beginn an hatte ich mit Heimweh zu kämpfen, wollte mir selbst mehr Zeit geben und nahm mir vor, geduldiger mit mir selbst zu sein. Doch je länger ich hier bin, desto deutlicher werden die Gegensätze in diesem Land, die mich stellenweise so sehr berühren, dass es mir schwerfällt, sie als Gegebenheiten anzuerkennen, mit denen sich hier jeder und jede auseinanderzusetzen hat. Wie kann ich verständlich machen, wie es ist und in einem wirkt, ständig zwischen all den in diesem Land bestehenden Welten zu wechseln? Ich bin nicht hierhergekommen, um mich nach einem kurzweilig erscheinenden Aufenthalt wieder dahin aufzumachen, wo ich mich verschließen könnte gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Doch bin ich auch nicht hierhergekommen, um auszuhalten, was ich an gesammelten Bildern und Erfahrungen nicht begreifen kann. So werde ich Mitte Juli nach langer Überlegung zurückkehren nach Deutschland und von da aus den Kontakt zu meinem hiesigen Projekt und den mir Liebgewonnenen halten. Es war der Versuch, fern meines sicheren Netzes in Deutschland einen neuen Weg einzuschlagen, der zudem sinnvoll und nützlich ist. Ich habe erkennen müssen, dass es unglaublich viel Kraft und Mut erfordert, hier seinen Alltag zu bestreiten und damit scheine ich mir zum jetzigen Zeitpunkt etwas zu viel zugetraut zu haben. Das Ungleichgewicht dazwischen, was mich zum Hierbleiben überzeugen könnte und den Dingen, die ich sehnlichst vermisse, hat mich schließlich zu der Überzeugung gelangen lassen, Nicaragua zu verlassen. Ich habe mich oft genug gefragt, ob ich im Vorfeld zu naiv gewesen sei in bezug auf das, was mich hier in Nicaragua erwarten würde. Ziemlich schnell aber bin ich zu dem Schluss gelangt, dass eine noch so gute Vorbereitung einen nicht auf gelebete Realität zumindest in Nicaragua einstimmen kann. Ich habe im Ohr, was ich in einem Buch vor geraumer Zeit gelesen habe: „Es gibt die Vorstellung und es gibt die Wirklichkeit und zwischen beidem ist einfach zu viel Platz.“

Es fällt mir schwer, mit Rationalität zum Ausdruck zu bringen, warum ich das Gefühl habe, hier und jetzt an einem falschen Ort zu sein. Es wirkt auf mich selbst wie die nebulöse Kulmulation verschiedener Umstände, die sich wie ein Puzzle klar zu dem zusammensetzen lassen, was sich am ehesten mit innerem Unwohlsein beschreiben lässt. Gleichzeitig habe ich eine einmalige Zeit hier verbracht, werde nachdrücklich davon geprägt sein und zehren. Wenn auch vieles leider dafür spricht, den Namen dieses Landes mit den Worten Lethargie und Resignation in Einklang zu bringen, so habe ich dennoch die nicaraguanische Leichtigkeit zu leben, in jedem Fall zu schätzen gelernt. Nicaragua ist Musik schiefer Töne, eigenwillig und melancholisch, fröhlich und intensiv, einnehmend und lebendig. Musik, um Musik zu sein, die von dort kommt, wo sie einen auch trifft – im Herzen. Ich bin gern dazu bereit, Euch, so Ihr es denn wollt, nach und nach noch mehr zu erzählen in Gesprächen und Briefen, weil ich hoffte, Ihr könntet mich verstehen in meiner Entscheidung, die tatsächlich keine leichte war. Ich habe nun Eindrücke und Bilder in mir, die von all meinen Sinnen intensiv aufgenommen, doch lang noch nicht verarbeitet sind.

Nicaraguanische Impressionen







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