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Erfahrungsbericht - Nicaragua

Autor: Greta Bader
Projekt: ADIC (Asosación para el Desarollo Integral Comunitario)
Träger: EIRENE International 




Hier kannst du weitere Rundbriefe von Greta laden:

2. Rundbrief - August 2008 -> Download



1. Rundbrief - Mai 2008


Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen, liebe Freunde und Freundinnen, liebe Familie,

Nun bekommt Ihr also endlich meinen lang angekündigten Rundbrief. Zu erst einmal möchte ich mich ganz herzlich für Eure finanzielle und moralische Unterstützung bedanken, die mir diesen Freiwilligendienst überhaupt ermöglicht. Da ich nun auch von dem neuen Programm der Bundesregierung, genannt “weltwärts”, mitfinanziert werde, habe ich durch Eure Spenden einen Überschuss erwirtschaftet, den ich in das Projekt investieren werde-wie, muss ich noch entscheiden. Also unterstützt Ihr das Projekt nicht nur mit einer Freiwilligen, sondern bald auch mit Materialen. In diesem Rundbrief möchte ich Euch an meinen ersten Monaten in Nicaragua teilhaben lassen, an meinen ersten Eindrücken und Erlebnissen. Wenn ich alles beschreiben würde, was ich alleine in diesen drei Monaten erlebt habe, bräuchte ich wahrscheinlich doppelt so viele Seiten – daher musste ich mich auf das Wichtigste beschränken.

Ich hoffe Ihr seid genauso gespannt darauf, wie ich es war, bevor meine grosse Reise losging. Viel Spass!

Muchos saludos de Nicaragua,
Eure Greta


Inhalt
1. Aufbruch in eine neue Welt
2. Estelí
3. ADIC-eine kleine Organisation mit grossen Ambitionen
4. Arbeit mit den Chavalos
4.1 Hausaufgabenbetreuung
4.2 Ludoteca
4.3 Workshops
5. Eine Umweltmesse auf einer Kaffeeplantage oder wie ich zum ersten Mal einen Baum spielen durfte…
6. Sexueller Missbrauch - Prävention durch Aufklärung
7. Feminizide in Matagalpa - eine andere Dimension von Gewalt
8. Angekommen

1. Aufbruch in einen neue Welt


Am 30. Januar ging es dann also endlich los! Nach grossem Abschiedsschmerz von Familie, Freunden und Freund, schaffte ich es doch irgendwie ins Flugzeug. Während dem Flug konnte ich mich sogar einigermassen entspannen-nicht zuletzt weil ich mit einem anderen Freiwilligen reiste und so nicht alleine war. Wie soll ich dieses Gefühl beschreiben, als ich in Managua aus dem Flugzeug stieg und zum ersten Mal Nicaragua betrat, das Land, das für die nächsten anderthalb Jahre mein Zuhause werden sollte? War es Freude, Euphorie oder doch eher Angst? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem.

Als wir abgeholt wurden und mit dem Auto zur nächsten Unterkunft fuhren, merkte ich schnell, dass wir in einer anderen Welt gelandet waren: An jeder roten Ampel kamen Kinder in schmutzigen Kleidern angelaufen, die uns alles Mögliche verkaufen wollten oder versuchten die Windschautzscheibe zu putzen. Wir fuhren an Hütten vorbei, die fast nur aus Plastikplanen bestanden. Und überall lag Müll herum, sogar in den Bäumen hingen Plastiktüten. Da wurde mir erst richtig bewusst, dass ich vor einer grossen Herausforderung stand.

2. Estelí


Nach ein paar entspannten Tagen in Managua, die wir im Haus einer Entwicklungshelferin verbrachten, ging es dann weiter nach Estelí, wo ich für einen Monat in einer Gastfamilie aufgenommen wurde und zur Sprachschule ging.

Die Gastfamilie bestand aus einem Ehepaar mit zwei Kindern (fünf und elf), und ich fühlte mich dort ganz wohl. Meine Gasteltern arbeiteten für den Bürgermeister und waren wie die grosse Mehrheit der Estelianer sehr sandinistisch eingestellt. Daher fand ich es sehr spannend mich mit ihnen zu unterhalten und ihre Sicht der Dinge kennenzulernen. Geradeden USA gegenüber äusserten sie sich sehr kritisch, was in Bezug auf die Geschichte Nicaraguas allerdings auch nicht so verwunderlich ist.

Unter der Woche hatten wir dann morgens von jeweils acht bis um zwölf Uhr Spanischunterricht. Die Sprachschule ist an das soziale Projekt Los Pipitos angeschlossen, ein Zentrum für behinderte Jugendliche, welches durch den Spanischunterricht mitfinanziert wird. Nachmittags hatten wir jede Menge Freizeit, um uns mit anderen Freiwilligen zu treffen oder ins Internetcafé zu gehen. Gerade in den ersten Wochen ging ich immersehr früh ins Bett. All diese neuen Eindrücke, die täglich auf mich einwirkten, mussten irgendwie verarbeitet werden: Die Sprache, die Gerüche, die Geräusche, dieUmgebung… alles war so fremd!

Bei der Sprachschule gefielen mir besonders gut die Ausflüge: Da Estelí als die Tabakhochburg gilt, besichtigten wir an einem Tag eine der vielen Tabakfabriken, in der wir mit den harten Arbeitsverhältnissen der Angestellten konfrontiertwurden, die zu Hunderten im Zwielicht von Neonröhren und bei stechendem Tabakgeruch arbeiten müssen, gehetzt, um das Arbeitspensum zu erfüllen. Ausserdem konnten wir das SOSKinderdorf besuchen, das inmitten eines ziemlich armen Barrios wie eine Oase wirkt.

Es waren gerade die letzten zwei Wochen meines Sprachunterrichts, die mir besonders viel Spass machten: zum einen, weil ich eine sehr temperamentvolle Lehrerin hatte, die mir viele bunte Lebensgeschichten erzählte und mir so die nicaraguanische Kultur näher brachte. Sie liess auch keine Gelegenheit aus, mich davor zu warnen, mich mit einem Nica einzulassen, da sie allesamt ausnahmslos untreu seien!

Zum anderen brachte mir der Einzelunterricht sehr viel, da alle Themen angesprochen werden konnten, die mich interessierten, wie zum Beispiel die Geschichte Nicaraguas, der Machismo und die therapeutische Abtreibung, die seit 2006 in Nicaragua verboten ist und bereits Dutzenden von Frauen das Leben gekostet hat.

3. ADIC - eine kleine Organisation mit grossen Ambitionen


Nach einem Monat ging ich dann meinen nächsten grossen Schritt: in die Stadt, in der ich leben würde, Matagalpa. Am Montag, den 3. März fand mein Einführungsgespräch bei ADIC statt. Natürlich war ich total aufgeregtschliesslich hatte ich so lange auf diesen Moment gewartet! Meine EIRENE-Betreuerin Inga und ich betraten eine relative kleine Einrichtung und wurden herzlich begrüsst. Anscheinend waren meine zukünftigen Kollegen genauso neugierig auf mich, wie ich auf sie.

Zuerst wurde ich dem Team vorgestellt und dann hatten wir das Einführungsgespräch mit meiner neuen Chefin-die hier liebevoll Blanquita genannt wird- und meiner Contraparte Arlen, also meiner internen Betreuerin, die mir auf Anhieb symphatisch war. ADIC (Asosación para el Desarollo Integral Comunitario) ist eine kleine Organisation für die Gemeindeentwicklung Matagalpas. Auf mehreren Ebenen versucht diese Nichtregierungsorganisation die Lebensbedingungen der Menschen von derzeit sieben Gemeinden und dreizehn Barrios zu verbessern. So gibt es die Bereiche Umwelt und Gesundheit, Kinder- und Jugendarbeit, Frauengruppen und politische Partizipation. Dementsprechend vielfältig ist mein Aufgabenbereich, auch wenn ich v.a. im Bereich Kinder und Jugendlicharbeit eingesetzt werde. Allerdings gibt es auch immer wieder Anlässe, z.Bsp. Kampagnen oder Veranstaltungen, bei denen das ganze Team in die Vorbereitung miteinbezogen wird. So durfte ich schon gleich in der ersten Woche mit meinen Kollegen Banner mit feministischen Slogans bemalen, anlässlich des internationalen Frauentages am 8.Mai.

4. Arbeit mit den “Chavalos”


4.1. Hausaufgabenbetreuung

Am zweiten Tag wurde ich dann den Chavalos (Nicañol für “Kinder”) bei der Hausaufgabenbetreuung vorgestellt. Sie sahen mich mit grossen Augen an-gerade als sogenannte Chela, also als weisse Ausländerin, erweckte ich sehr viel Neugierde.
Dienstags und Donnerstags kommen jeweils am Morgen und am Nachmittag Kinder aus all den Barrios von Matagalpa in das Auditorium von ADIC. Dieses ist mit Schulbüchern, Lexika, Stiften aber auch mit Spielen ausgestattet.

Bei dem sog. Reforzamiento Escolar, wurde mir schnell bewusst, dass die nicaraguanische Auffassung von Pädagogik und Bildung sich grundlegend von der unserigen unterscheidet.
So bekommen die Kinder oft eher stupide Aufgaben auf, wie zum Beispiel die Zahlen von eins bis tausend aufschreiben (!) oder Texte abschreiben. Mir fiel auch auf, dass meine Kollegin oft die Lösungen vorsagt oder sogar Bilder für sie abpaust. Sie lernen also kaum selbstständig zu denken und sehen mich dann oft verblüfft an, wenn ich versuche ihnen etwas zu erklären und anschliessend eine Lösung erwarte. Allerdings wundert mich das Verhalten meiner Kollegin in der Zwischenzeit gar nicht mehr so sehr, da es alleine tatsächlich sehr schwierig ist, bei einer Gruppe von einem Dutzend Kindern, auf jedes einzelne einzugehen. Dies bekam ich ziemlich schnell selbst zu spüren, als ich dann nach ein paar Wochen die Hausaufgabenbetreuung öfter alleine machen musste, da meine Kollegin in einer anderen Gemeinde einspringen musste. Anfangs war es gar nicht so schwierig, da die Kinder zu Beginn eher ruhig und schüchtern waren. Aber beim zweiten bzw. dritten Mal, versuchten sie natürlich meine Grenzen auszutesten, was für Kinder ja ganz normal ist. Mit anderen Worten: statt Hausaufgaben, machten sie nur noch was sie wollten! Viele der Kinder, gerade die kleineren, sind auch hyperaktiv und brauchen viel Aufmerksamkeit. Oft sind sie gar nicht in der Lage die Hausaufgaben selbst zu machen. Also gelang es mir natürlich kaum, mich in ihrer Sprache, als Ausländerin, durchzusetzen. In der Zwischenzeit gelingt es mir allerdings besser, weil ich mich auch bemühe den nicaraguanischen Tonfall etwas nachzuahmen. So kann ich sie besser zurechtweisen, aber auch mehr mit ihnen scherzen, was in der Beziehung zu Kindern sehr wichtig ist. Auf der Strasse werde ich dann immer fröhlich mit “Hola Profe” begrüsst, was soviel heisst wie “Hallo Lehrerin!”. Schon komisch, wenn ich mir überlege, dass ich vor einem Jahr selbst noch in der Schule sass…

4.2 Ludoteca

Wenn man mit Kindern arbeitet, darf natürlich auch das Spielen nicht zu kurz kommen. So veranstaltet ADIC jeden Monat eine sogenannte “Ludoteca”, also ein Tag, an dem den Kindern Spiele beigebracht werden und sie selbstständig spielen dürfen. So führten Arlen und ich dieses Mal ein Brettspiel zum Thema Katastrophen ein, in dem die Kinder Fragen über die Umwelt beantworten mussten und wie man sich in Katastrophenfällen zu verhalten hat. In kleineren Gruppen wurden verschiedene Spiele gespielt und die Kinder konnten alles ausprobieren. Besonders lustig war es mit den Kindern Twister zu spielen- es wurde viel gekeucht und gelacht! Zum Schluss spielten wir mit der ganzen Gruppe ein Spiel, in der meine Kollegin als Sonne und ich als Mond uns gegenüber standen und die Kinder einfingen, die ihre Kreise um uns zogen.

4.2. Workshops

Besonders spannend finde ich die Reflektionsarbeit, die ADIC u.a. bei Kindern und Jugendlichen leistet. Ich habe bis jetzt drei Workshops über Selbstbewusstsein unterstüztin Matagalpa, in San Nicolas und in Adic-Venancia. Adic-Venancia wurde nach dem Hurrikan Mitch etwas weiter ausserhalb von der Stadt aufgebaut, nachdem viele ärmere Familien, die am Fluss lebten, ihre Häuser verloren hatten. In ADIC-Venancia kamen über zwanzig Kinder, das Interesse war sehr gross. Arlen überraschte mich dann gleich erstmal damit, die Aufwärmübung zu machen : Tiere spielen ! Ich erklärte ihnen so gut es ging die Übung und meinte dann: “Okay, jetzt sind wir Katzen-miau!” Fünfundzwanizig Augenpaare sahenmich gross an, aber dann machten die Kinder tatsächlich richtig mit! Als ich den Pinguin vormachte, wurde ich allerdings nur verständnislos angestarrt…
An sich machte es jedoch Spass, so mit den Kindern Kontakt aufzunehmen. Nach der Übung mussten sie aufzählen, was ihnen alles zum Thema Selbstbewusstsein einfiel. Arlen erklärte ihnen, was niedriges und was hohes Selbstsbewusstsein bedeutet und warum es wichtig ist, sich selbst zu respektieren, so wie man ist. Danach mussten sie auf einem Blatt Papier zuerst sich selbst malen und dann aufschreiben, was ihnen an sich gefiel, was nicht, wie sie gerne sein würden… Auf diese Weise konnten sie gut über sich selber reflektieren, ohne sich vor den anderen bloss zu stellen. Als der Workshop zu Ende war, wurde ich dann erstmal gründlich mit Fragen gelöchert-als Deutsche ist man hier halt sehr sehr exotisch! “Gibt es in Deutschland Fernseher?” “Bist du wirklich mit einem Flugzeug geflogen?” “Habt ihr da auch Kühe?” Als ich ihnen dann auch noch erzählte, dass es in Deutschland vor kurzem geschneit hatte, fielen sie aus allen Wolken. “Schneit es da immer?” Am Ende wurde ich dann sehr herzlich verabschiedet und gefragt, wann ich denn wiederkäme. Ich war völlig überwältigt von dieser Offenheit und Herzlichkeit.

5. Eine Umweltmesse auf einer Kaffeplantage oder wie ich zum ersten Mal einen Baum spielen durfte ...



Ein wichtiger Bestandteil von ADIC ist die Arbeit im Bereich Umweltschutz. Ende März bereiteten wir eine kleine Umweltveranstaltung auf einer Kaffeplantage vor, um den Arbeitern dort zum einen mehr Umweltbewusstsein zu vermitteln und zum anderen Werbung für die sogenannten “cocinas peluceras” zu machen. Diese kleinen Kochkessel sind energiesparend und verbrauchen statt Holz, Kaffeeschalen.

In das Projekt sind auch die Arbeitgeber eingebunden, die ihren Angestellten die Kochkessel zu einem sehr günstigen Preis verkaufen und ihnen die Säcke mit Kaffeeschalen schenken, die bei der Produktion als Abfall übrig bleiben. So wird der Abholzung vorgebeugt, die in Matagalpa ein ernsthaftes Problem dastellt und auch zur Erwärmung der Umgebung beiträgt. Mit diesen Kesseln müssen die Familien nicht mehr Unmengen von Holz verbrauchen, um ihr Essen zu kochen und die Kinder müssen auch kein schweres Brennholz mehrherumschleppen.
Dieses Programm der sogenannten “cocinas peluceras” wird seit ein paar Jahren auch von den Vereinten Nationen unterstützt.

Wir bereiteten für die Veranstaltung ein kleines Theaterstück über das Thema Abholzung vor, und ich durfte die Hintergrundkulisse gestalten. Auf ein grosses Banner malte ich eine abgeholzte, kahle Fläche und daneben, als Kontrast, einen Wald. Da ich diese Arbeit innerhalb von zwei Tagen fertig haben musste, musste ich während der Hausaufgabenbetreuung daran malen. So kamen immer wieder ein paar neugierige Kinder, die mir dabei zuschauten. Darunter war auch ein schüchterner 13-Jähriger, der nichts zu tun hatte. Ganz spontan fragte ich ihn dann, ob er nicht Lust habe, den Himmel zu malen. Er sah mich völlig überrascht an, schien sich aber zu freuen. So zeigte ich ihm, wie man aus Blau und Weiss ein zartes Himmelblau mischt und er machte seine Arbeit sehr sorgfältig. Schliesslich stellte sich ein Mädchen in seinem Alter dazu, ebenfalls ganz schüchtern, und ich bat sie, die Wolken zu malen. Sie lehnte zuerst ab und meinte, sie könne keine Wolken malen. Aber dann zeigte ich ihr, wie einfach es war und ermutigte sie. Mir wurde klar, dass sie es nicht gewohnt waren, Verantwortung zu übernehmen und dadurch wenig Selbstvertrauen zeigten. Schliesslich war es ein ganz besonderes Erlebnis, den beiden dabei zuzusehen, wie sie in ihrer neuen Aufgabe regelrecht aufgingen. Das Mädchen malte dann sogar noch Vögel in den Himmel.

Am nächsten Tag bauten wir dann auf einer der vielen Kaffeplantagen, die ein wenig ausserhalb von der Stadt liegen, Zelte auf, mit Informationen zu Umweltverschmutzung und Umweltschutz und den Kochkesseln. Bei dem Theaterstück selbst kam mir dann auch noch die Ehre zuteil, zusammen mit den anderen Mädchen Bäume zu spielen. Wir bekamen Kaffeesäcke übergezogen mit Löchern für Augen und Nase, sowie jeweils zwei äste Grünzeug in die Hände gedrückt. Ich muss zugeben, dass ich mir dabei nicht ganz unlächerlich vorkamvorallem als wir dann noch von ein paar Baumfällern (gespielt von meinen Kollegen) gefällt wurden! Allerdings kam das Stück bei den Arbeitern der Kaffeeplantage sehr gut an, es wurde viel gelacht, und es war auch gerade diese Einfachheit der Inszenierung, die die Nachricht so verständlich machte: Wenn die Abholzung nicht aufhört, vertrocknen die Flüsse und Leben wird unmöglich. Nach dem Stück wurde ein kleines Forum eröffnet, in dem die Leute ihre Meinung zu dem Stück und der Umweltproblematik äussern durften. Dabei fiel immer wieder das Stichwort Klimawandel, der sich auch in Matagalpa immer stärker bemerkbar macht, sei es durch häufigeren Regen in der Trockenzeit oder schweren Stürmen und überschwemmungen in der Regenzeit.

Währenddessen wurde ein Spielbrett für die Erwachsenen aufgebaut, in dem sie Fragen zum Thema Umwelt beantworten mussten, z.Bsp. was organischer Abfall ist und was man mit ihm machen kann. Es war beeindruckend zu sehen, wie ADIC mit einer so fröhlichen Veranstaltung, einfachen Leuten ohne viel Bildung, eine so ernste Nachricht nahe bringen kann und an ihre Verantwortung apelliert, ohne sich über sie zu stellen-wie die Leute es von der Politik gewohnt sind. Stattdessen gelingt es dieser kleinen Organisation durch einen familiären Rahmen, Vertrauen zu schaffen.

6. Sexueller Missbrauch - Prävention durch Aufklärung


In den vergangenen Wochen wurden vier Fälle von Kindesmissbrauch in der Gemeinde ADIC-Venancia gemeldet, drei davon mit dem selben Täter, einem 18-Jährigen Jungen. Alles Kinder, mit denen wir gearbeitet hatten...

Anlässlich dessen zeigten wir den Kindern in Matagalpa einen Film über sexuellen Missbrauch, in dem ihnen anhand einer Puppengeschichte mit Affen vermittelt wurde, das die Täter oft Verwandte und Bekannte sind (in diesem Fall der Onkel) und wie sie ihre Opfer in die Falle locken. In einem ziemlich lustigen Zeichentrick tanzten Genitalien herum und sangen in einem Lied, von dem ich später einen Ohrwurm hatte, dass niemand sie ohne Einverständnis berühren darf. Das Schmunzeln verging mir allerdings schnell, als wir den Film anschliessend mit den Kindern diskutierten: Es war einfach nur erschreckend, wie vielen von ihnen sexueller Missbrauch schon ein Begriff war. Fast jeder konnte von irgendwelchen Fällen in ihren Umgebungen berichten, ein paar sogar aus ihrem direkten Umfeld. Zwei Kinder meinten, sie seien selbst schon Gefahr gelaufen, missbraucht zu werden.

In ADIC-Venancia führten wir ein Workshop zu dem Thema durch, was mit Blick auf die letzten Ereignisse dringend nötig war. Ich malte auf einem Karton zwei Kinder, machte einzeln die Kleider sowie drei kleine Schildchen, auf denen „privat“ stand. Diese mussten die Kinder dann auf die Intimbereiche der Figuren kleben, um sich erstmal darüber bewusst zu werden, wo diese liegen. Auf diese Art machten wir ihnen bewusst, dass absolut niemand sie dort berühren darf, ob bekannt oder unbekannt. Wir diskutierten mit ihnen, wie der typische Täter aussieht, und kamen mit ihnen zu dem Schluss, dass es diesen nicht gibt-wodurch es eben noch wichtiger ist, bestimmte Gefahrensituationen zu erkennen.

7. Feminizide in Matagalpa


Heute habe ich Blumen und Besuch empfangen,
Es ist nicht mein Geburtstag und auch nicht Valentinstag,
Heute ist ein besonderer Tag,
Heute ist der Tag meiner Beerdigung.

(Zitat vom Flugblatt des Red de Mujeres)

Allein in diesem Jahr sind in Nicaragua bereits neunzehn Frauen ermordet worden. Davon sechs in Matagalpa und der Umgebung: Frauen, die nach langjähriger Misshandlung zu Tode geschlagen wurden, fast alle von ihrem Ehemann oder Lebensgefährten. Gerade mal ein Verdächtiger sitzt in Untersuchungshaft: Die Kinder mussten mit ansehen, wie er ihre Mutter zu Tode prügelte.

Anlässlich der ersten fünf Morde und dieser Dimension der Gewalt, organisierte der Red de Mujeres del Norte, ein Verbund von Organsiationen, die mit Frauen zusammenarbeiten, eine Kundgebung auf dem Parque Morazán. Am Sonntag vor der Demonstration kam der sechste Mord hinzu.

Meine Kollegin Maritza, die bei ADIC im Bereich Frauenrechte zuständig ist, und ich bereiteten Schilder vor, auf denen Gerechtigkeit für die ermordeten Frauen eingefordert wurde. Zusammen mit dem Adic-Team und Maritzas Frauengruppen aus den verschiedenen Barrios und Gemeinden, zogen wir dann auf den Platz, wo sich nach und nach immer mehr Leute versammelten. Durch Lautsprecher ertönte eindringliche Musik und immer wieder ergriffen Frauen das Mikro, um die Morde zu verurteilen und der Wut der Frauen, über ihre gewaltsame Unterdrückung, Ausdruck zu verleihen. Unter den Demonstranten waren auch Familienangehörige und Freunde der Opfer. Währenddessen verteilten wir Flugblätter, auf denen die Namen der ermordeten Frauen und der Tatverdächtigen standen, sowie das Zitat von oben. Diese Stimmung der Wut und der Solidarität unter den Frauen war absolut überwältigend-viele von ihnen waren selbst Opfer einer langen und gewaltsamen Unterdrückung gewesen, wie ich durch einige Gespräche herausfand. Der Red de Mujeres kündigte an, die Kundgebung jeden Donnerstag stattfinden zu lassen, bis die Mörder gefasst sind und rief die Bürger von Matagalpa dazu auf, gegen die Gewalt gegen Frauen Stellung zu beziehen. Tatsächlich waren bei der letzten Kundgebung auch deutlich mehr Männer dabei, als bei der letzten.

8. Angekommen


Nach drei Monaten in Nicaragua, und zwei davon in Matagalpa, kann ich noch nicht sagen, dass ich hier schon wirklich zu Hause bin. Aber ich bin angekommen und wundere mich nicht mehr jeden Morgen darüber, dass ich in Nicaragua bin. Auch meine Sprache hat sich bereits merklich verbessert, wodurch ich mich auch langsam besser im Team integriere. Hin und wieder kann ich schon mit meinen Kollegen scherzen, auch wenn ich ihre Witze oft nicht verstehe-aber nicht nur wegen der Sprache! Momentan wohne ich bei meiner Chefin, mit der ich mich sehr gut verstehe und ihrer Tochter, die zu einer guten Freundin geworden ist. Ich fühle mich bei ihnen sehr wohl und bin in der Zwischenzeit auch in alltägliche Rituale eingeweiht, wie die abendliche Telenovela, die zur nicaraguanischen Kultur dazu gehört wie Gallo Pinto (Reis mit Bohnen). Oft finde ich es ziemlich anstrengend, als europäische Ausländerin in Matagalpa herumzulaufen, extrem aufzufallen und dabei ständig von anzüglichen Bemerkungen und Anmachen der Männer belästigt zu werden. Dafür schätze ich die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die einem hier im alltäglichen Umgang entgegengebracht wird: In einer Pulpería (kleine Lebensmittelgeschäfte, die es hier wie Sand am Meer gibt) wird man oft „mi amor“ („Herzchen“) genannt. Und es macht Spass, in einem der alten amerikanischen Schulbusse zu reisen, die oft nur über Schotterstrassen ruckeln und in denen man mit den typischen Rancheras oder Musik aus den 80iger Jahren bedröhnt wird-vorausgesetzt man hat einen Sitzplatz! Meistens sind solche Fahrten auch schon die Gespräche mit den anderen Nicas wert. Natürlich ging es mir auch schon schlecht und ich hatte Heimweh, aber dann geschah immer irgendetwas, dass mich wieder ermutigt hat, um weiterzumachen. Ich sehe diese anderthalb Jahre nach wie vor als grosse Chance an. Ich habe jede Menge Zeit um mich hier noch richtig einzuleben.

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