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Erfahrungsbericht - Kanada

Autor: Heike Albietz
Projekt: Mennonite - Voluntary - Service Haus
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - Dezember 2006


Fast drei Monate bin ich nun schon in Kanada. Drei Monate, die sich irgendwo im Zeitraum von Sekunden bis zur Ewigkeit bewegen. Manchmal kommt es mir so vor als ob ich erst gestern angekommen waere und manchmal als ob, dass schon immer “mein Leben” gewesen waere.
Ich versuche soviel wie moeglich von meiner Umwelt aufzunehmen aber oft bleibt es nur ein klaeglicher Versuch.
Toronto ist riesig und so facettenreich, dass es Jahre dauern wuerde um wirklich jede Facette zu entdecken und zu erkunden. Sprich: Unmoeglich.
Die Wolkenkratzer sind fuer mich magisch anziehend – fazinierend und bedrohlich zu gleich. Es gibt Tage da kann ich gar nicht genug davon bekommen einfach nur zu schauen, zu schauen und zu schauen.
Noch habe ich genug Gelegenheit mich draussen aufzuhalten, noch hat der beruehmt beruechtigte kanadische Winter Toronto nicht eingeholt. Die ersten Schneeflocken waren schon zu sehen. Sie verschwanden aber bald wieder, als ob sie nie dagewesen waeren. Nur eine Illusion?

Meine Mitbewohner

Wie die Schneeflocken waren auch die Menschen, die bis jetzt in “unserem” Mennonite -Voluntary -Service Haus ( kurz MVS–Haus oder Menno–Haus) gewohnt haben. Jeder Mensch war wie jede einzelne Schneeflocke etwas besonderes und doch war es unmoeglich sie festzuhalten

Als ich am 19. September nach 8 unendlichen Stunden im Flugzeug mit Koffern voller Erwartungen und Sorgen mein Ziel erreichte, wurde ich von Mitgliedern der mennontischen Gemeinde und Rachel, meiner neuen Mitbewohnerin in Empfang genommen.
Rachel ist 22 und Mennonitin. Sie ist eine begeisterte Klavierspielerin und auch wenn sie dies jetzt bescheiden verneinen wuerde, sie ist richtig gut. Sie studiert Musik an der Universitaet in Toronto. Fuer sie war das
Menno-Haus eine Zwischenstation. Aufgewachsen auf einer Farm drei Stunden von Toronto entfernt, versuchte sie nun hier Fuss zu fassen.
Wir wohnten nur einen Monat zusammen und sie hat nun ein schnuckeliges Haeuschen am anderen Ende der Stadt gefunden.
Rachel ist sehr vergesslich und sehr spontan, dass bescherte uns so einige lustige Situationen. Doch obwohl sie Mitte Oktober ausgezogen ist, sind wir immer noch in Kontakt.
Hildegard und Rudy waren die naechsten Schneeflocken, die in unser Haus herein schneiten. Durch den Alterunterschied von ca. 40 Jahren hatten wir mit vielen alltaeglichen Problemchen zu kaempfen z.B. “Wie laut darf der Fernseher sein ?” oder “Wie gruendlich muss geputzt werden ?” Anscheinend kommen wir von verschiedenen Planeten.
Hildegard hatte Spass am Backen und so fanden wir wenigstens ein gemeinsames Interesse indem wir Rezepte austauschten. Bald wird man also auch Linzertorte in British Columbia (Kanada) backen.
So muehsam die Zeit auch war, der Abschied von den beiden fiel nicht leicht. Ich denke wir haben alle aus der Situation gelernt und sind auch an ihr gewachsen. Und wer weiss, vielleicht bietet sich im naechsten Sommer die Gelegenheit die beiden in Vancouver zu besuchen.
Dale aus Pennsylania war bis jetzt unser “kuerzester”Mitbewohner. Er blieb exakt 10 Tage sicher nicht genug Zeit um jemanden richtig kennenzulernen. Doch mit seiner offnen, ja manchmal richtig wissbegierigen Art schafft er es die Wogen ein bisschen zu glaetten.

Eine Bahnhofshalle, die Ankommen und wieder Abschiednehmen bedeutet – unser Haus?
Christoph auch aus Deutschland und mit Eirene hier und ich als mit Taschentuecher winkende Menschen am Gleis? Und nach dem Abschiednehmen wieder die Ruhe aber auch die Leere im Haus.

Mein Projekt

Ueber Ruhe und Leere kann ich mich bei St.Clair O’Connor (meiner Arbeitsstelle) nicht beklagen. SCOC ist eine Einrichtung, die vor 20 Jahren von Mennoniten fuer Senioren gegruendet wurde, Eine Begegnungsstaette, die aus einem kleinen Altenpflegeheim (25 Senioren), ca. 150 Appartments fuer Senioren aber auch fuer Familien mit Kindern, und einer Teestube besteht.
Wenn mir jemand vor meiner Abreise gesagt haette, was mich erwarten wuerde, ich glaube, ich haette ihn fuer verrueckt erklaert. Nicht weil ich nicht mit Senioren umgehen kann, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich es mir nicht vorstellen konnte,
Der Sprung ins kalte Wasser blieb mir nicht ersparte. Ich musste nun schwimmen.
Am ersten Tag hatte ich Marilyn, die Seelsorgerin von SCOC und die Hauptverantwortliche von MVS Toronto an meiner Seite. “Doch wie soll es morgen werden, wenn ich auf mich allein gestellt bin?” “Wie werden die Leute damit umgehen, dass ich aus Deutschland komme und die Sprache noch nicht perfekt beherrsche?”
Tausend Fragen schwirrten in meinem Kopf und je laenger ich darueber nachdachte umso unsicherer wurde ich. (Fast) ganz umsonst, so sollte sich herausstellen.
Im ADP (Adult Day Program) fuer Senioren mit Alzheimer in verschiedenen Stadien, wurde ich herzlich empfangen. Geschichten aus der Kindheit sprudelten nur so aus den Senioren heraus. Besonders ein aelterer Herr tat sich hervor mit seiner Geschichte von einem riesigen “Mama-Fisch”, der versuchte seine Kinder vor dem kleinen Harold (so der Name des aelteren Herren) zu verstecken und zu retten.
Diese Geschichte und die Frage :”Sie sprechen Deutsch?” bekam ich von diesem Tag an fast taeglich zu hoeren.
Fuer die anderen “Klienten” sehr anstrengend, fuer mich gut, da ich die Geschichte von mal zu mal besser verstand. Trotz dem schweren Schicksal Alzheimer wird im ADP sehr viel gelacht.
Das Programm findet in einem geschlossenen Raum statt. Zugang hat man nur durch einen speziellen Code. Denn obwohl die meisten Senioren sehr viel Spass haben und sie sich wohlfuehlen, kann es doch auch vorkommen, dass sie versuchen zu fluechten.
Durch rationelle Gruende findet man dann nur selten Zugang zu ihnen, da hilft nur Ablenkung: “Du hast aber heute eine schoenen Pullover an…”
Im ADP arbeite ich 4 mal die Woche. Die Struktur ist immer aehnlich; zuerst “Social Tea” um den Klienten Gelegenheit zu geben miteinander zu sprechen und Tee zu trinken. Vom Reden wird selten Gebrauch gemacht, kommunziert wird oft nur ueber die Betreuer und nicht miteinander. Danach wird gesungen, getanzt, gegolft oder gebowlt und gebastelt. Jeder und jeder der Gruppe (ca. 10-15 Klienten) wird nach seinen Moeglichkeiten gefoerdert. Zur Mittagszeit gibt es eine leichte Mahlzeit. Und spaetestens zu diesem Zeitpunkt wird klar, dass die Motivation und Aktivitaet der Klienten nachlaesst – Die Kraefte schwinden-.
Als Ausklang des Tages wird “UNO” gespielt oder aus der Zeitung vorgelesen.
Meine Aufgabe besteht darin Gespraeche zu fuehren, Spiele mitzugestalten, wenn noetig beim Essen oder beim Toilettengang zu helfen und einfach nur zu zuhoeren. Scheinbar einfache alltaegliche Dinge koennen fuer Alzheimerpatienten zur unbezwingbaren Huerde werden.
Marie von der ich den Eindruck hatte, dass sie sehr fit sei, ging mit mir ins Badezimmer und wusste nicht mehr wie man die Toilette benutzt oder sich die Haende waescht.
as ist das heimtueckische an der Krankheit, es gibt lichte Momente in denen sich die Menschen erinnern und es gibt Momente in denen alles fremd ist. Julio kommt aus Chile und sprach perfekt Englisch. Durch die Krankheit ist er wieder ins seine vertraute Sprache (Spanisch) aus der Kindheit zurueckgefallen. Er versteht nur Spanisch und spricht nur Spanisch, was die Kommunikation erheblich erschwert.
Seine Vertrauensperson bin ich, da er der Meinung ist, dass ich auch Spanisch spreche, was leider nicht der Fall ist und so versuche ich herauszufinden, was er sagen will, was oftmals auch gelingt.
Das “ADP” ist auch ein Sinnbild der Stadt Toronto – sehr, sehr multikulturell.

Die restliche Zeit des Tages verbringe ich damit Senioren, die sehr alleine sind im “Nursing Home” (das Altenpflegeheim) zu besuchen und den Bewohnern dort das Abendessen zu bringen und servieren.
Ich habe bis jetzt noch keinen Tag erlebt an dem sich nicht mindestens ein Bewohner ueber das Essen beklagt hat. Es gab aber auch noch keinen Tag an dem ich nicht ein “Dankeschoen” oder ein Laecheln empfangen habe. Besonders Alice (101 Jahre) erfreut mich fast taeglich mit ihrem gelispelten “Jingle Bells” Solange das Gespraech nicht auf Deutschland kommt, sind wir die besten Freunde. Sie muss bittere Erfahrungen im zweiten Weltkrieg gemacht haben.

Ansonsten stehe ich, wenn jemand mitbekommt, dass ich aus Deutschland komme schnell im Mittelpunkt. Man wird zu einer Art Trophae von der jeder gerne ein bisschen haben moechte. Fuer mich oft sehr unangenehm und anstrengend.
Gleichzeit ist es aber auch eine Chance zu zeigen, dass Deutschland nicht nur aus Lederhose, Schwarzwaelder Kirsch, Struktur und zweiten Weltkrieg besteht, sondern aus viel viel mehr.

Ich fuehle mich wohl in meinem Projekt. Das Gefuehl gebraucht zu werden und diese Hilfe auch geben zu koennen, erfuellt mich mit einer inneren Zufriedenheit. Jeden Tag geschehen soviele schoene, aber auch traurige Dinge bei SCOC, dass ich gar nicht weiss wie ich sieh hier unterbringen soll.

Einen Moment die Augen schliessen und ich sehe vor mir: Lucy (91Jahre) und mich den Christbaum schmuecken. Ich sehe ihre Zufriedenheit und ich sehr die Traenen in Annes (97Jahre) Augen als ich mit ihr deutsche Weihnachtslieder aus ihrer Kindheit singe.
Diese Momente geben mir Kraft fuer die traurigen Momente z.B. wenn ich versuche Marion beim “Bingo”-Spiel zu helfen und sie meine Hilfe nicht annehmen will und richtig wuetend wird oder wenn Jessie, den ganzen Tag singt, da ihre eigene Stimme noch das einzige ist, was sie wahrnimmt. Sie ist im letzten Alzheimer-Stadium.
In diesen Situation fuehlt man sich hilflos und machtlos. Da ist es gut, dass die restlichen Betreuer auch Zeit finden darueber zu reden und Fragen meinerseits klaeren koennen.

Die Gemeinde

Auch die mennonitische Gemeinde ist sehr um Christophs und mein Wohl besorgt. Die ersten Tage haben sie unseren Kuehlschrank gefuellt, was auch bitter notwendig war. Als die Heizung ausfiel und wir im Haus angenehme Temperaturen von 12 Grad hatten, kamen sie mit Decken und kleinen Heizer.
Danforth Mennonite Church (Danforth ist die Strasse an der die Kirche steht) ist eine sehr kleine Gemeinde, die aus ca 100 Mitglieder besteht.
Gastfreundschaft und Freundlichkeit wird gross geschrieben und so koennen wir uns manchmal kaum vor Einladungen retten.
Der sonntaegliche Gottesdienst war fuer mich anfangs fremd. Doch nachdem ich Zugang dazu gefunden habe und schaetze ich die emotionale Atmosphaere, Jeder kann offen ueber seine Sorgen und Aengste sprechen und man betet gemeinsam.
Materielle Dinge wie aufwendige Dekoration in der Kirche und Rituale sucht man hier vergebens, was zaehlt, ist das Miteinander und der Glaube.

Was vielleicht noch erwaehneswert ist, ist das “Mennonite-Game”. Fuer mich als “Aussenstehende“ sehr lustig anzusehen. Das Spiel kommt dann in Gang, wenn zwei Mennoniten, die sich noch nicht kennen, aufeinandertreffen. Aus einem harmlosen “Smalltalk” entsteht das Suchen nach einem gemeinsamen Verwandten oder Bekannten. Dieses Spiel wird so lange durchgefuehrt bis auch wirklich eine Verbindung hergestellt werden kann.

Ich wuensche euch allen wunderschoene Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr.
Vielen Dank an meine Familie und Freunde und natuerlich an meine Unterstuetzer und Eirene fuer diese einmalige Chance.

Heike Albietz

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