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Erfahrungsbericht - USA

Autor: Anand Lehmann
Projekt: Tri-City Homeless Coalition
Träger: EIRENE International 

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Rundbrief - November 2006


Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen, Verwandte, Freunde und alle Leser,

seit knapp 4 Monaten bin ich jetzt schon in den USA und die Zeit verging wie im Flug, so dass ich schon gar nicht mehr einschätzen kann in welchem Jahr und Monat wir uns befinden. Die ersten Eindrücke und Erlebnisse, die ich seit meiner Ankunft hier in den USA hatte, habe ich nun niedergeschrieben und ich hoffe, dass Ihr eine ungefähre Vorstellung von und einen Einblick in meinen Freiwilligendienst bekommt. Für all die schönen Erfahrungen, die ich bisher machen durfte und hoffentlich noch machen werde, möchte ich mich nochmals bei allen meinen Unterstützern und Freunden herzlich bedanken. Ohne Euch wäre ich nicht hier und würde nicht diesen Rundbrief schreiben. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

Wie alles begann...

Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht mehr genau. Zurückblickend kann ich Euch jedoch wiedergeben, was mich in der Vergangenheit beeinflusst hat, diesen Dienst im Ausland anzutreten. Es war schon immer mein Wunsch und Vorhaben, einmal für ein Jahr ins Ausland zu gehen und die Welt von einer ganz anderen Sichtweise zu betrachten: „Einfach mal raus aus dem altem Heim des Zuhause und weg von dem Altbekannten, neue Länder und neue Kulturen entdecken, sich eine neue Sprache aneignen, neue Menschen kennenlernen, sich weiter entwickeln und sich ein eigenes Bild von einer fremden Nation machen. Hautnah die Lebensverhältnisse im Ausland erfahren und nicht nur bei ARD oder CNN die Welt aus einem „viereckigen Kasten“, dem Fernsehen betrachten.“ Desweiteren erfährt man auch immer wieder über Fernsehnachrichten, Radio, Zeitung, Medien etc. in welchem sozialen Notstand viele Menschen weltweit leben und wie sehr sie unter ihrer unglücklichen Situation leiden müssen. Für mich, war dies ein Denkanstoss und eine Aufforderung mich „aktiv“ für die soziale Gerechtigkeit ein zusetzten und zu versuchen, in dieser Richtung einen kleinen Beitrag zu leisten. So ist dann schließlich alles ins Rollen gekommen...

Meine Suche nach einem „Anderen Dienst im Ausland“ und schließlich der ernsthafte Entschluss einen solchen zu absolvieren begann für mich Mitte November letzten Jahres als ich den Großteil meiner Freizeit damit verbrachte im Internet Friedens/ Freiwilligendienst Organisationen ausfindig zu machen und mich mit dem Prozess und Ablauf des ganzen Dienstes vertraut zu machen. Die Ausgangsbedingungen waren bei den meisten Organisationen die Gleichen, d.h. eine schriftliche Bewerbung per Post absenden und hoffen dass man zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird.

EIRENE, eine christliche Friedensorganisation, deren Geschäftsstelle sich in Neuwied befindet, hatte jedoch eine unterschiedliche Ausgangsbedingung. Die Möglichkeit eine Bewerbung an EIRENE zu senden wurde einem erst dann geboten, wenn man an einem 3 tägigen Infoseminar teilnahm. Diese Idee fand ich sehr interessant. Dieses Seminar wurde von ehemaligen EIRENE Freiwilligen geführt, die einem genau über den Dienst im Ausland informierten und auch von ihren eigen Erlebnissen berichten konnten. Für mich hatte sich die Entscheidung einen Friedendienst mit EIRENE zu leisten nur noch verstärkt und nach meiner erfolgreichen Bewerbung mithilfe von Referenzen meiner damaligen Lehrer Herr H., Frau K. und unserem Pfarrer Herr B. sowie meines besten Freundes wurde ich dann zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich erinnere mich noch allzu gut daran, als ich während des Bewerberauswahlverfahrens erfuhr, dass nur noch 2 Freiwilligenplätze in den USA verfügbar waren, und umso größer waren dann meine Luftsprünge nach der Zusage, die ich einige Tage später per E-Mail erhielte. (siehe auch hier: http://www.eirene.org/freiwillige/fw.usa/index.html )

EIRENE Ausreisekurs im Juli 2006 ...

Dies war sozusagen der offizielle Beginn meines christlichen Friedensdienstes bzw. des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ). Unser Ausreisekurs bestand aus 15 zukünftigen NORD-IRLAND-, USA- und BELGIEN-Freiwilligen, die aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands angereist kamen und innerhalb von 2 Wochen auf ihren „Auslandeinsatz“ vorbereit werden sollten. Alles verlief ab diesem Zeitpunkt für mich sehr schnell und zielorientiert auf meinen zukünftigen Auslandaufenthalt ab. Ich hatte grade mein Abitur hinter mir, war vom WM-Fieber hier in Deutschland angesteckt und sollte mich schon bald in irgendeinem Ort in den USA befinden. Demzufolge fiel es mir schwer, die Realität meines Vorhabens noch einmal vor Augen zu halten und umso wichtiger und notwendiger war dann dieser Ausreisekurs für mich.

Bei unserem Ausreiseseminar bearbeiteten wir in mehreren Gruppen verschiedene Themen, wie Interkulturelles Lernen, Gewaltfreiheit, Spiritualität, Entwicklungspolitik, Konflikte im Projekt und Selbstreflektion. Dabei beschäftigte ich mich besonders mit der amerikanischen Kultur, deren Mentalität sowie den Fettnäpfchen, in die man als Ausländer reintreten kann, plus, wie man diese vermeidet, um auch eine harmonische Verständigung untereinander herzustellen. Dank unserer Teamleiter hatten wir sehr viel Spaß und ich habe viele neue Freunde gewonnen!

Ankunft in den USA und BVS Orientation

Endlich war es soweit. Ich konnte es kaum glauben. Die ganze Prozedur mit dem Papierkram, also mein Visumsantrag, Auslandsversicherung, etc. hatte sich gelohnt. Ich stand nämlich vollgepackt mit 2 Koffern am Frankfurter Flughafen und wusste dass sich innerhalb von 9 Stunden Flug in einem für mich noch fremden Land sein werde und mein Leben ab diesem Zeitpunkt eine neue Richtung einnehmen wird.

Meine Trauer, mich von meiner Familie und Freunden zu verabschieden, hielte sich zu diesem Zeitpunkt noch in Grenzen, da ich erst einmal für 9 Tage meinen Bruder Selvan in Washington D.C. besuchen wollte, der sich zu dieser Zeit am Ende seines Freiwilligendienstes befand.

Aufgrund der strengen Sicherheitskontrollen an amerikanischen Flughäfen, war die Aufenthaltsdauer bzw. die Frist meines Visums noch ungewiss. Dies sollte nämlich direkt am Flughafen in Washington D.C. entschieden werden. Als ich dann schließlich in Washington D.C. ankam, trat ich meiner letzten Barriere gegenüber. Ich musste den sehr skeptischen Zollbeamten überzeugen, mir ein Visum für 12 Monate zugeben. Nach einigen Wortwechseln mit dem Zollbeamten über die Absicht meines Aufenthaltes und einigen Blickwechseln vom Passfoto zu mir und zurück, bekam ich dann ein Visum für 6 Monate. Ich brauchte mir darüber jedoch keine Gedanken machen, da mein Visum von meiner Partnerorganisation BVS in den USA ohne große Probleme auf 12 Monate verlängert werden kann. So dies ist nun ein geeigneter Moment, Euch noch mal aufzuklären was BVS eigentlich ist und was ich mit dieser Organisation zu tun habe.

BVS Orientation...

So hieß mein Orientierungskurs mit der Organisation BVS in New Windsor (nahe bei Baltimore). BVS steht für „Brethren Volunteer Service“ und ist eine christliche Friedensorganisation von der „Church of the Brethren“ (Brethren Kirche) in den Vereinigten Staaten. BVS ist eine Partnerorganisation von EIRENE und bietet weitgehend Sozialprojekte in den USA an. BVS kooperiert mit EIRENE und nimmt regelmäßig deutsche Freiwillige von EIRENE auf und gibt ihnen die Gelegenheit, in Sozialprojekten in den USA mitzuarbeiten. (siehe auch hier: http://www.brethren.org/genbd/bvs/alumni/Unit_270.html )

Ich musste also noch an einem Orientierungskurs teilnehmen, in dem dann endgültig entschieden wurde, welches Projekt ich erhalten werde. Bereits in Deutschland wurde mir schon eine Projektliste von möglichen Freiwilligenprojekten in den USA zugesandt, so dass ich mir meine Prioritäten aussuchen konnte.

Kurz vor Beginn dieser Orientation merkte ich, dass es jetzt ernster wurde und ich zum ersten Mal mit einer Gruppe von Amerikanern die nächsten 3 Wochen verbringen werde. Zum Glück hatte ich auch deutsche Unterstützung mit mir, da noch Benedikt, Rieke und Hanae, also 3 weitere Freiwillige von EIRENE an dieser Orientation teilnahmen und sicherlich war es hilfreich für mich. Da die Orientation von der Brethren Church durchgeführt wurde, fiel mir der christliche Aspekt und die religiöse Haltung, in welcher dieses Seminar geführt wurde, als Erstes auf. Besonders viele Teilnehmer in meiner Altersgruppe waren an diesem Seminar beteiligt und die Meisten waren auch sehr gläubig. Mir fiel zum Beispiel auf, dass man bei Gesprächen als Deutscher sehr genau aufpassen müsste, was man sagt und wie man etwas sagt. Viele reagierten nämlich erschrocken, wenn uns mal das eine oder andere Schimpfwort aus dem Mund rutschte, welches für unsere Ohren überhaupt nicht schlimm klang. Wir mussten uns also erst einmal an diese neue sprachliche Umstellung gewöhnen, aber ich merkte dann wieder, wie schnell man doch in die englische Sprache rein kommt und mit welcher sprachlichen Freiheit eine Unterhaltung möglich war.

Die Amerikaner waren zudem sehr verständnisvoll bei Gesprächen mit uns Deutschen und gaben uns alle Zeit der Welt, um uns richtig auszudrücken, was natürlich eine enorme Erleichterung für mich war und dazu beigetragen hat, dass ich mich besser in die Gruppe integriert fühlte. Des weiteren muss ich noch erwähnen, dass ich anfangs der amerikanischen überfreundlichen Begrüßung und den liebevollen Dankesworte nach einer gewissen Zeit überdrüssig wurde. Wenn man rund um die Uhr Sprüche zu hören bekommt wie :“Heeeeyy how are youuuu“, oder “Ooohh thank you very much, that is soo nice of you!“, dann klingt das für uns Deutsche ein wenig übertrieben. Anyway, der Schwerpunkt dieser Orientation war, uns das Leben in „communities (Gemeinschaften)“ und „simple life“ näher zu bringen. Beispielsweise wurden wir in Foodgroups ( Kochgruppen) eingeteilt und mussten 2 mal die Woche für die gesamte Truppe eine Mahlzeit kochen. Dabei wurde jeder Kochgruppe ein Geldlimit gesetzt. Einmal die Woche durften wir zum Supermarkt und mussten mit etwa 1 $ Dollar pro Person für ca. 30 Personen eine Mahlzeit kaufen. Erstaunlicherweise hat diese Einkaufsmethode auch geklappt.

Nach 2 Wochen schliesslich wurde dann ein 4-tägiger Ausflug zu einem Obdachlosenheim in Baltimore unternommen. Das Obdachlosenheim befindet sich inmitten eines nicht ungefährlichen Ghettoviertels wo überwiegend Afro-Amerikaner leben. Dort bekam ich die ersten wirklichen Eindrücke und Lebensverhältnisse von Obdachlosen zu sehen, die vorwiegend wegen Drogenkonsum sozial abgesunken sind und nun versuchen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Des weiteren hatten wir während der Orientation die Gelegenheit uns mit den Projekten zu beschäftigen, die uns interessierten. In einem Obdachlosenheim zu arbeiten, war meine Präferenz und letztendlich ging mein Wunsch in Erfüllung, als ich schließlich einen Projektplatz bei „Tri-City Homeless Coalition“ in Fremont, Kalifornien erhielte.

Mein Projekt...

„Tri-City Homeless Coalition“ ist eine gemeinnützige Organisation in Fremont, Kalifornien, und bemüht sich seit ihrer Gründung im Jahre 1987 die Obdachlosigkeit in „Alemada County“ (Landkreis Alemada) abzubauen. Heutzutage gehört diese Organisation zu den bekanntesten und angesehensten Hilfsorganisationen in der „San Francisco Bay“ (Bucht von San Francisco) und tritt immer wieder mit neuen Projektideen in die Schlagzeilen der lokalen Zeitung. Im Jahr 1993 wurde das Obdachlosenheim „Sunrise Village“ gegründet, wo ich nun als „Shelter Counselor“ tätig bin. Was das ist, erkläre ich gleich. Das Obdachlosenheim „Sunrise Village“ versucht Obdachlose von der Strasse aufzufangen, sie wieder zu stabilisieren und ihnen einen Anschluss oder auch einen Neuanfang in ihrem Leben zu ermöglichen. Hierzu leistet „Sunrise Village“ bestimmte Hilfestellungen und professionellen Service für jeden einzelnen Bewohner dieses Heimes. Es bietet nicht nur eine Unterkunft an, sondern auch verschiedene Kurse und Programme zu einem sozialen Zusammenleben und zur Weiterbildung. Beispielsweise wird von den „Residents“ (Bewohnern), verlangt, dass sie an einer wöchentlichen Gemeinschaftsbesprechung teilnehmen, in welcher aktuelle Informationen und Themen, die gerade vorliegen, diskutiert und besprochen werden. Außerdem müssen Bewohner mit einem Drogenhintergrund insbesondere mit Alkoholsucht, an einem Drogenentzugskurs teilnehmen. Hinzu kommt, dass jede einzelne Person eine Berufs-, und Finanzberatung sowie Unterkunftsvermittlung erhält. Für Eltern wird auch Erziehungs-beratung und Kinderbetreuung dargeboten. Da „Tri- City Homeless Coaltiton“ mit einer Heilanstalt namens “Tri-City Health Center“ zusammenarbeitet, ist auch für psychologische Betreuung und Beratung gesorgt. Des weiteren haben Bewohner den Zugang zu Telefon, Fax und Computer, was eine große Unterstützung ist, um einen neuen Beruf zu finden. Zusätzlich erhalten die Bewohner kostenfrei Busfahrkarten, um nach Jobs zu suchen.

„Sunrise Village“ ist ein Obdachlosenheim für Singles und Familien und bietet eine vorübergehende Unterkunft von 3 Monaten an. Einige Obdachlosen verbringen die vollständige Zeit hier und andere wiederum verschwinden schon nach einem Tag oder einigen Wochen. Außerdem sind Singles und Familien getrennt untergebracht und haben eigene Wohnbereiche. Beide Seiten haben einen Gemeinschaftsraum, einen Speisesaal, und einen Innenhof. Der grundlegende Unterschied ist, dass Singles in Dorms (Schlafsäle) wohnen und Familien ihre eigenen Eingang von Sunrise Village Zimmer mit WCs haben. Singles besitzen eigene „alcoves“ (Nischen), wo sie neben ihrem Bett noch ein „closet“ (Kleiderschrank) und einen Nachttisch mit Pinnwand besitzen.

Insgesamt hat dieses Obdachlosenheim eine Kapazität von 60 Betten für Singles, die in zwei Männer-Schlafsäle und zwei Frauen-Schlafsäle eingeteilt sind, und 10 Schlafräume für Familien. Besetzungsmangel haben wir keinen, denn wir bekommen jeden Tag ununterbrochen Telefonanrufe von Interessenten, und wenn wir „ausgebucht“ sind, leben hier ca. 100 Personen! Um Essens- oder Nahrungsmangel braucht sich hier auch niemand Sorgen zu manchen, da wir dank netter und hilfsbereiter Freiwilligengruppen, zwei Mahlzeiten, also Mittag- und Abendessen, zubereitet und serviert bekommen. Wir haben deshalb keinen Koch oder sonstige Küchenangestellte. Am Wochenende wird sogar „Hot breakfast", also meistens, pan cakes mit sirup, Spiegeleier, french toast oder auch Bratwürste serviert. Natürlich kann ich jederzeit an allen Mahlzeiten teilnehmen und mich von den Pflegeprodukten wie Zahnpasta und Duschgel, die wir im Heim besitzen, bedienen, was ich auch regelmäßig tue, da ich ja hier nur ein geringes Taschengeld bekomme.

Unser Büro und Arbeitsbereich befindet sich sozusagen in der Mitte zwischen der Familien und Single Seite. Neben meiner Stelle als „Shelter counselor“, verfügen wir auch über „case manager“, die sich konkret mit einzelnen Bewohnern beschäftigen und auch für die „Intakes“ (Aufnahme von neuen Obdachlosen) verantwortlich sind. Des weiteren besteht unser Personal noch aus einem „Children Program Coordinator“, einem „Kitchen Coordinator“, einem „Outreach Direktor“ sowie einem „Program Direktor“. Die Funktionen von den gerade genannten Positionen, werde ich im nächsten Rundbrief noch genauer beschreiben und vorstellen.

Außerdem versucht „Tri-city Homeless Coalition“ auch mit anderen Hilfsprojekten, eine Unterkunft für die Obdachlosen zu bieten. Während der Wintertagen beispielsweise, auch wenn es unglaubwürdig klingen mag, soll es hier in Kalifornien tüchtig regnen, und Nebelwolken gehören dann zum Alltag. Zu dieser Zeit, wenn dann auch noch die Weihnachtszeit näher rückt, beginnt die „Hochsaison“ für die Obdachlosenheime hier in dieser Region und freie Betten sind nur noch sehr selten zu finden!

Aufgrund dieses Ausnahmezustandes, wurde kürzlich ein neues Projekt mit dem Namen, “Winter Relief Program“ gestartet, das eine Bleibe für Obdachlose in Kirchen anbietet und somit „Obdachlosenheim Bewerbern“, die in den vollen Obdachlosenheimen keinen Platz finden können, versucht aus der Zwangslage zu helfen.

Meine Aufgaben

Mein offizieller Arbeitsplatz befindet sich an der „Front desk“ (Rezeption) im Eingangsfoyer dieses Heimes. „Shelter Counselor“ ist mein Jobtitel und bedeutet soviel wie, „Berater und Helfer für Obdachlose“. Ich bin die erste Ansprechperson für Neuankömmlinge (also Unterkunftssuchende), Bewohner und auch für andere Besucher, die tagtäglich zur Rezeption kommen und Fragen stellen. Immer wieder erkläre ich zum Beispiel den Bewohnern unsere Hausregeln und die Anforderungen, die wir von ihnen erwarten. Zum Beispiel muss jeder Bewohner jeden Tag „chores“ (Hausarbeiten) erledigen, die weitgehend aus Reinigungsarbeiten verschiedener Bereiche wie Küche, Speisesaal oder Toiletten, bestehen. Dazu erstelle ich unter anderem eine wöchentliche „chore-list“, also ein Hausarbeitenplan, die jede Person in eine bestimmte Hausarbeit zuweist. Meine Pflicht ist es zudem, zu überprüfen, dass alle Bewohner ihre „Hausaufgaben“ bzw. „chores“ auch wirklich sorgfältig erledigen. An meinem Arbeitsplatz, d.h. an der Rezeption, sind vielerlei Haushaltsprodukte, wie Toilettenpapier, Reinigungsmittel, Waschtücher und Mülltüten gelagert, die vorwiegend für die „chores“ benutzt werden. Außerdem verfügen wir über eine große Palette von Pflegeprodukten wie Shampoo, Zahnbürsten, Seife oder auch Medizin, die an die Bewohner ausgeben.

Unsere Arbeitszeiten sind in Schichtdienste unterteilt und jeder von uns arbeitet 8 Stunden am Tag. Meine Arbeitstage sind momentan von Dienstag bis Samstag und an diesen Tagen arbeite ich Dienstags und Samstags von 7 bis 15 Uhr, Mittwochs von 15 bis 23 Uhr, Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und Freitag von 13 bis 21 Uhr. Demzufolge ist meine Woche sehr abwechslungsreich und jeder Tag ist anders und man lernt immer wieder was neues dazu. Ich persönlich bevorzuge die Morgenschicht, da ich dann nach Arbeitsschluss noch etwas Freizeit habe und anderen Beschäftigungen nachgehen kann.

Auch wenn sich mein Arbeitstag sehr strukturiert und geregelt anhört, habe ich nicht das Gefühl jeden Tag das Gleiche zu tun. Man sieht immer wieder Menschen kommen und gehen. Man redet mit ihnen, lernt sie kennen, und nach einer Zeit verabschiedet man sich wieder. Es passieren unvorsehbare Dinge, denn mein Arbeitstag kann manchmal total hektisch sein, wenn ununterbrochen das Telefon klingelt und ich mich unter Zeitdruck befinde, andererseits kann mein Tag auch sehr ruhig und friedlich ablaufen, so dass ich mir dann auch mal Zeit nehmen kann, um mir die außergewöhnlichen Lebensgeschichten einzelner Obdachlosen anzuhören. Da ich einen guten Draht zu Kindern habe, genieße ich es auch, mit den Kindern im Innenhof zu spielen und wenn man dann Mein Kollege M. und ich ihre lachenden und fröhlichen Gesichter sieht, vergisst man für einen kurzen Moment, dass man sich eigentlich in einem Obdachlosenheim befindet.

Freizeit

Nach einer 8std. Arbeitsschicht bin ich meistens erst einmal etwas erschöpft und kehre dann zu unserem Apartment zurück, wo ich derzeit mit einer weiteren Freiwilligen von BVS, eine Amerikanerin, zusammenlebe. Sie heißt Meredith und sie war mit mir auf der gleichen Orientation und arbeitet mit mir auch bei „Tri-City Homeless coalition“ als case managerin in unserem Obdachlosenheim. Zu zweit teilen wir uns momentan eine schönes 5 Zimmer Apartment, das mit allem ausgestattet ist was, man so braucht. Wir haben einen Fernseher mit DVD-Player und einen alten Laptop mit „Wireless-lan“, dessen Internetzugang wir zurzeit kostenlos vom Nachbar empfangen. Hier gibt es 3 Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Essbereich sowie 2 Toiletten. Ich habe mein eigenes Zimmer mit Bett, Kleiderschrank, Schreibtisch und einem Fernseher. Außerdem steht uns ein Van bzw. Großraumwagen zur Verfügung, mit dem wir jeden morgen zur Arbeit fahren müssen, das ungefähr 10 min Autofahrt beträgt.

Die Stadt Fremont befindet sich direkt an der Westküste, also am pazifischen Ozean, und ist nicht weit von San Francisco entfernt. Fremont ist eine sehr ruhige und friedliche Stadt, wo von „street life“ keine Spur ist. Was man hier vorwiegend zu Gesicht bekommt sind aufgemotzte und große Trucks sowie teure Autos auf breiten Strassen und unzählige Fastfood restaurants und typisch amerikanische Einkaufszentren. Da sich Fremont inmitten der San Franciso Bay befindet, hatte ich schon des öfteren die Gelegenheit nach San Francisco, Oakland oder San Jose zu kommen, welche man sozusagen als Nachbarstädte bezeichnen könnte und wo es vieles zu erleben gibt.

Schlusswort

Als meine Freunde und Unterstützer mich vor einiger Zeit noch fragten, was ich denn genau in den USA machen werde, musste ich meistens kurz überlegen, um eine klare Antwort zugeben, und ich versuchte irgendwie zu beschreiben, dass ich Obdachlosen helfen möchte. Dass dies dann nun wirklich wahr wurde, lag nicht in meinen Händen, und ich hätte auch nicht gedacht, dass ich hier in Fremont landen würde. Ich hatte zu Beginn noch verschiedene Projekte im Kopf und schließlich habe ich mich dann für dieses Obdachlosenheim entschieden, wo ich bislang eine aufregende Zeit habe.

Kurz vor meinem Dienstantritt bei „Tri-City Homeless Coalition“ war ich noch etwas skeptisch und dachte, dass es vielleicht langweilig werden konnte, wenn man den ganzen Tag nur an der Rezeption sitzt und Telefonanrufe beantworten muss. Genau das Gegenteil hat sich dann nach meiner Ankunft gezeigt. Meistens bin ich rund um die Uhr auf den Füssen und muss mal dort und da hingehen oder mit diesem oder jenem reden. Ich habe sehr viel Kontakt mit den Obdachlosen, manchmal auch etwas zu viel und dann muss ich aufpassen, dass man einem nicht zu nahe tritt.

Mir wurde von Beginn an, eine große Verantwortung und Autorität übertragen, da ich auf einmal fremden und meist älteren Menschen Anweisungen geben musste und eine gewisse Aufseherrolle übernahm. Von Obdachlosen bekam ich immer wieder zugerufen: „Thanks Sir“ oder „Thanks Boss“. Mir war es etwas unangenehm so angesprochen zu werden, aber mit der Zeit musste ich mich dran gewöhnen, und wenn die Obachlosen sich wieder auf die gleiche Art und Weise bei mir bedanken so sage ich nun zu ihnen : „You are welcome Sir“

Hoffentlich konnte ich euch allen endlich etwas verdeutlichen und beschreiben wie sich so mein Leben als Freiwilliger in den USA abspielt und ich bin dankbar dafür, dass ich diesen Dienst hier leisten kann.

Bis bald und viele Grüße aus Kalifornien, Eurer Anand

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