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Erfahrungsbericht - USA

Autor: Martin Anderson
Projekt: Catholic Worker House
Träger: EIRENE International 



Rundbrief - Mai 2007


Die Welt ruft nach Frieden Auch die USA?

Wir befinden uns im Sommer 2005. Hier hat mein Abenteuer in einem Supermarkt in Freising begonnen. Ich arbeitete dort als Ferienarbeiter mit Daniel Otten an der Kasse zusammen. Er hatte sein Abitur in dem Sommer beendet und war kurz vor seinem EIRENE – Ausreisekurs. Der Gedanke einen alternativen Zivildienst im Ausland zu machen hat mir von Anfang an gefallen und so berichtete ich dies meinen Eltern, die mich natuerlich auch sofort in meinem Vorhaben unterstuetzten. Nach einigen Telefonaten mit EIRENE – Internationalen Christlichen Friedensdienst e.V. nahm ich zu meinem Geburtstag an einem Infoseminar in Bade Meusel (Brandenburg) teil. Die Atmosphaere dort war grossartig, alles so familaer - ich musste mich einfach um eine Stelle bewerben. Leider liess sich EIRENE mit einer Antwort dann etwas Zeit und ich hatte dies schon nahezu abgeschrieben, bis ich dann einen Anruf erhielt. In diesem Gespraech fragten sie mich, ob ich meine Bewerbung fuer die naechste Periode im Winter weiterlaufen lassen moechte. Da ich dies unbedingt machen wollte sagte ich natuerlich zu und wartete erneut auf Antwort. Kurz nach dem erfolgreichem Abitur und waehrend einer kleinen Shopping–Tour rief man mich erneut an und lud mich zu einem Auswahlverfahrenstreffen in Neuwied bei Koeln ein. Dummerweise begann dieses Treffen am Tag meines Abiballs. Ich setzte meine Prioritaeten neu und sagte Friedemann Scheffler am Telefon zu. Auch wenn ich mit halben Gedanken bei der Abschlussfeier meiner Jahrgangsstufe war, gefiel mir das Auswahlverfahren, da selbst unter den potentiellen Freiwilligen (also die Konkurrenz) eine super Stimmung herrschte. Zwei Wochen danach bekam ich endlich den erloesenden Brief, indem mir EIRENE eine Stelle in den USA und eine Koorperation mit Brethren Volunteer Service (BVS) angeboten hat. Ich war so uebergluecklich und hatte damit auch die naechste Aufgabe fuer das folgende halbe Jahr gefunden – mein Abenteuer vorbereiten und gemeinsam mit EIRENE planen (und glaubt mir, dass ist gar nicht so einfach). Eine erneute Bewerbung fuer BVS mit einigen Referenzschreiben musste gemacht werden, die deutsche und amerikanische Buerokratie ueberwunden werden (Visum, neuer biometrischer Pass, Abklaeren mit Behoerden) und natuerlich auch mich persoenlich auf diesen nicht ganz so einfachen Schritt vorbereiten. Hierzu erfolgte kurz vor der Ausreise im Januar ein erneutes Seminar von EIRENE in Neuwied. Doch zuvor gab es eine gelungene Silvester–Abschieds-Party mit vielen Freunden in Freising, wo ich auch Daniel Otten (praktisch mein EIRENE–Ursprung) nochmal vor meinem Trip sah. Am 02.01.2007 ging es dann nach Eisenhuettenstadt, da ich mich auch dort von meinen Freunden verabschieden wollte. Ab dem 07.01.2007 stand fuer die folgenden zwei Wochen “AK ’07” (Ausreisekurs 2007) auf den Fahnen von 14 neuen EIRENE-Freiwilligen, die kurz davor waren in die gesamte Welt auszustreuen. Unter den 14 waren auch 3, die sich vornahmen ein wenig Frieden in die USA zu bringen. Juergen, Laurin und Ich konnten es kaum noch abwarten in das Flugzeug zu steigen. Unser Ausreisekurs fand in Neuwied / Kloster Arnstein statt, wo wir optimal auf unseren Dienst vorbereitet wurden. Wir gingen verschiedene Work–Shops durch, die uns fuer die unterschiedlich vorliegenden Situationen im Einsatzland sensibilisierten (Stressbewaeltigung, Sicherheitstraining, Arten von Kommunikation…). In der 2. Woche lernte wir auch unseren Paten Christof Hillejan (er war vor 2 Jahren im San Antonio Catholic Worker House) kennen, der uns einige Tipps im Umgang mit den Amerikanern gab. Beim traditionellen “Paten vs Freiwillige – Fussball” kamen auch die mueden Theorieknochen der letzten Woche wieder in Schwung – ein riesen Spass, auch wenn wir, aufgrund der Ueberzahl an Sportstudenten auf der gegnerischen Seite, leider nicht gewannen. Insgesamt war das ein spitzen Kurs im “Nest des Vertrauens”, da auch hier wieder die typische familiaere EIRENE - Atmosphaere vorlag. Und schon wieder musste man Tschuess zu liebgewonnenen Freunden sagen, mit denen man 2 Wochen total offen zusammenlebte und sich dadurch auch mehr als gut kennenlernte.

Einige werden sich jetzt vielleicht fragen : “Was ist das EIRENE denn ueberhaupt nochmal, von dem Martin da immer erzaehlt?” Bevor ich ueber den Start in das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten berichte, moechte ich doch nochmal kurz diese Frage beantworten.

“EIRENE ist ein ökumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des sogenannten “Anderen Dienstes im Ausland” (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist. 1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gründern gehören die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versöhnungsbund und den EIRENE-Zweigen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den EIRENE-Mitgliedern zählen. In über 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und EntwicklungshelferInnen mit EIRENE in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig gewesen.”

Aus familaeren Gruenden bin ich nach dem AK nochmal nach Freising gefahren - erneute Verabschiedung von Familie und Freunden, dann nach Eisenhuettenstadt - erneutes Lebewohlsagen

Da ich meine Koffer natuerlich wieder zu spaet packte, war meine letzte Nacht in Deutschland nur knapp 2 Stunden lang. In der Frueh fuhr ich mit meiner Mutter nach Berlin, von wo aus mein Flieger nach Frankfurt ging. Erstaunlicherweise fiel mir der Abschied nicht so schwer wie zunaechst gedacht. Wahrscheinlich da ich mich in den vergangenden Wochen so oft verabschiedete und sicher auch, weil ich nun endlich in mein, bis dahin noch unbekanntes, Projekt wollte. Meinen Eltern fiel das Loslassen ihres juengsten Sohnes da schon etwas schwerer denke ich, aber so ist das Leben und ich war nur noch einige Stunden von meinem neuen Leben entfernt. Am frankfurter Airport erwies es sich eher als schwierig die anderen temporaeren Amerikaner zu finden. Zur Mittagszeit startete unser 11 Stunden Flug, auf den wir 3 uns schon so lange freuten. Die Vorfreude und die Anspannung war in meinem gesamten Koerper zu spueren, weshalb mir auch der extrem lange Flug nach Washington D.C. nicht so quaelend vorkam. Da hatten wir genuegend Zeit um uns Gedanken zu machen, was wir bei der gefuerchteten US–Einwanderungsbehoerde sagen. Ueberraschenderweise gaben uns die Beamten jeweils eine Aufenthaltsgenehmigung von nahezu einem Jahr, was sehr ungewoehnlich ist. Der etwas grimmige Beamte stellte mir zwar einige Fangfragen zu EIRENE und BVS, doch die souveraenen Antworten seines Gegenueber liessen ihn wohl die gute Sache in unserm Tun erkennen. Und nochmal hiess es “Ab in den Flieger!”, denn wir mussten noch irgendwie in Orlando, Florida ankommen. Da wir bereits einen Tag vorher in die USA geflogen sind, uebernachteten wir die erste Nacht in einem Motel. Unser erstes Essen auf amerikanischen Boden war, na…was vermutet ihr – richtig, McDonald’s! Hier stellten wir auch gleich direkt fest, dass es wohl nicht so gut fuer die Figur waere, wenn wir zu oft dort essen wuerden. Total erschoefft und Super–Size–Satt endete mein bisher laengster und aufregendster Tag (25 h), indem wir alle in unsere Motelbetten fielen und fuer die folgenden 11 Stunden nicht mehr ansprechbar waren. Um ca. 10.30 Uhr wurde ich dann wach, registrierte allerdings nicht, wie spaet es war. 10 Minuten spaeter gab auch Laurin seine ersten Kommentare ab, indem er mich fragte, wie spaet es denn sei. Noch waehrend ich ihm entspannt antwortete fiel mir auf, dass wir jetzt wohl ein kleines Problem haben. Wir wollten eigentlich um 10 Uhr aufstehen, da wir 11 Uhr auschecken sollten, nur keiner hoerte anscheinend den Wecker. Total hecktisch wurde auch Juergen wach und es begann “Zu Spaetes Kofferpacken #2”.

Wir wurden dann von G. und H., von BVS (Brethren Volunteer Service), einer Partnerorganisation von EIRENE, abgeholt und fuhren in das ca. 30 Minuten entfernte Gotha, wo der naechste Vorbereitungskurs auf uns wartete. Im Camp Ithiel stuerzten wir uns direkt gleich auf die diversen Sportmoeglichkeiten, denn das schlechte Gewissen vom fettigen Essen war stehts in unserm Hinterkopf. Am Abend gingen wir in ein Restaurant, wo ein Kellner Laurin nach ca. 20 Minuten total aus dem Zusammenhang heraus fragte: “Do you come from the Czech Republic?”. Seine Antwort darauf war, “No, thank you – I’m full!”. Auch ich hatte einiges zu lernen: G. zeigte mir erstmal, nachdem ich mein Gericht schon fast verspeist hatte, wie man denn eigentlich Tacos isst (die Amerikaner sind riesen Fans von mexikanischem Essen, ich kann mich allerdings nicht so damit anfreunden). Ja, man merkt halt an mehreren Beispielen, dass wir drei keine Amerikaner sind und wohl aus Europa kommen :-)! Waehrend unserer Orientation wurden wir in 2 Gruppen eingeteilt (wir waren 8 neue BVS Freiwillige), die alternierend fuer die Mahlzeiten zustaendig waren. Zu der Essensverantwortlichkeit gehoerte auch, dass wir jede Woche zum sogenannten Food-Run gingen, wo wir Essen fuer die kommende Woche mit begrenzten Mitteln kauften ($2.50/Tag/Person). Das Einkaufen machte mir nun nicht so riesen Spass, da ich den Gespraechen in meiner Gruppe teilweise ueberhaupt nicht folgen konnte. Vielmehr war ich von den riesigen Supermaerkten und der enormen Produktvielfalt begeistert. Dies ist ueberhaupt ein Thema, was uns drei Deutschen gleich aufgefallen ist. Man sagt nicht umsonst “Big, Bigger, America!”. Hier ist alles voluminous – angefangen beim Fastfood und den gerade genannten Supermaerkten mit ihren Super-Size-Family-Produkten, ueber die unzaehligen Highways (welche uebereinander gebaut sind) und den darauf fahrenden Vehicels und natuerlich auch das Entertainment (um nur einiges zu nennen). Zum groessten Teil haben wir in den 3 Woche aehnliches erfahren, was wir schon in Deutschland mit EIRENE besprochen haben. Dieser Kurs war vielmehr eine Phase, um sich die ca. 100 verschiedenen Projekte von BVS anzuschauen und dann eine Entscheidung zu treffen, wohin man denn ueberhaupt will. Zu meinen Favoriten gehoerte einmal ein Obdachlosenprojekt in Atlanta, Georgia und eines in San Antonio, Texas.

Wir hatten in den 3 Wochen verschiedene Workdays, wo wir einmal im Camp den Fruehjahrsputz machten (Mitten im Winter), einmal in einer Foodbank arbeiteten und das andere Mal in Miami ein Haus fuer “Habitant for Humanity” mitbauten. Die Workdays empfand ich immer als gute Abwechlung zur Theorie und dem Versuchen Englisch zu verstehen, auch weil man hier wirklich einen Prozess erkennen konnte, andem wir beteiligt waren. Waehrend der Zeit in Miami lebten wir bei haitischen Familien von der Church of the Brethren, weshalb der Gottesdienst auch komplett in Franzoesisch war. Natuerlich waren wir auch am beruehmten Miami Beach und liessen uns die Sonne auf den Bauch strahlen – schon toll, in Florida seine Orientation zu haben :-)! In Fort Lauderdale sprachen wir ueber Videokonferenz mit einer Frau, die von dem Moerder ihres Vaters lebensgefaehrlich verletzt wurde und sich ueber mehrere Jahre fuer ihn und gegen die Todesstrafe vor Gericht einsetzte. Beeindruckende Frau und ein ueberlegenswertes Thema, bei dem ich selber noch nicht ganz weiss, was ich darueber denken soll.

In unsere Orientation-Phase fiel auch die Zeit vom Superbowl. Unser BVS-Boss D. draengte foermlich darauf ihn anzuschauen, von dem wir natuerlich nicht abgeneigt waren. Eine super Erfahrung mit super viel Werbung und super viel Essen – Amerika halt (Entertainment und Essen macht alles spannend). Danach verspuerte ich gleich das Beduerfnis selbst American Football zu spielen. Ich denke nur, dafuer muesste ich noch etwas an Masse zunehmen. Auf Grund dessen beschraenkte ich mich vorerst darauf, zu lernen, wie man den Football denn ueberhaupt zu werfen hat.

Sehr oft spielten wir am Abend lustige Gemeinschaftsspiele wie Extrem-Verstecken (einer versteckt sich irgendwo im gesamten Haus und alle anderen muessen ihn bei mondheller Dunkelheit suchen – ein riesen Spass) oder Kombinationen aus verschiedenen Spielen, die zusammen noch mehr amuesierten.

Ihr merkt schon, wir hatten eine Menge Spass waehrend der 3 Wochen (waere optimal fuer die Spass-Truppe aus Deutschland :-) ), weshalb der naechste Abschied erneut schwer fiel. Nun mussten wir auch den Drei-Deutsche-Kreis sprengen und uns auch untereinander verabschieden. In den vergangenden 5 Wochen haben Juergen, Laurin und ich so viel erlebt und erfahren, dass es schon etwas komisch war zu sagen, “See ya in a year!” Doch jeder von uns wollte auch endlich in das Projekt seiner Wahl. Juergen arbeitet nun in dem unaussprechbaren Staat Massachusetts mit behinderten Menschen auf einer Farm zusammen. Doch wohin bin ich gegangen? Einige werden es ja schon wissen, alle Anderen erfahren es im folgenden Abschnitt.

Am Ende haben Laurin und ich uns spontan entschieden zusammen in das selbe Projekt nach San Antonio zu gehen. Wir arbeiten hier im San Antonio Catholic Worker House vorwiegend mit obdachlosen Familien zusammen und oeffnen 4 Mal in der Woche eine Suppenkueche fuer jeden Beduerftigen.

Am San Antonio International Airport wartete J., der House-Coordinator, bereits auf “the small and the tall one from Germany”, wie uns G. bei ihm beschrieben hat. Meine ersten Eindruecke von San Antonio waren nicht so toll. Auf der Fahrt in unser Wohnhaus erschien mir San Antonio als triste, dunkle, dreckige und weit von meinen Vorstellungen entfernte Stadt. Das Haus in dem wir wohnen verstaerkte meine Meinung nur noch mehr. Es ist ein altes, kaputtes Haus, wo sich Dreck und Staub “Guten Tag” sagen und wir Maeuse und Kakerlaken als Haustiere halten. “Und das soll jetzt mein neues Zuhause sein?”, dachte ich mir und konnte aehnliche Gedanken auch bei Laurin erkennen. Ja, das ist mein neues Zuhause, denn ich hab gemerkt, mit etwas Motivation, kann man viel erreichen. Unsere Zimmer waren bereits nach einigen Tagen komplett umgestaltet und wir haben es geschafft ein wenig Ordnung in das Choas der beiden Amerikaner zu bringen. Der Anfang war ziemlich entspannt, da wir immer ausschlafen konnten und irgendwann rueber ins Catholic Worker House gingen, was auf der anderen Seite der Strasse liegt, und die Outside-Volunteers (wir nennen sie hier DOOR-Volunteers, aufgrund eines Programmes der mennonitischen Kirche) von ganz Amerika betreuen durften. Dabei mussten wir lediglich nur so tun, als ob wir eine Ahnung haetten, was sie machen sollen und alles ein wenig supervisen. Was uns auch sehr geholfen hat war der Besuch von Pascale Reinke (eine ehemalige EIRENE Catholic Wokerin von vor 2 Jahren). Ihr Bruder macht zur Zeit auch seinen Freiwilligendienst in den USA und da entschied sie sich fuer 2 Wochen an ihren alten Arbeitsplatz zurueckzukommen. Sie war in der Zeit unsere Uebersetzerin fuer unser undeutliches Englisch und hat uns, neben einigen Insider-Infos, auch viele Dinge erklaert, die wir sonst wohl erst nach einigen Wochen mitbekommen haetten.

Fuer mich ist dieser Dienst hier im Catholic Worker House nur ein kleiner Schritt, umsogroesser ist er allerdings fuer die Menschlichkeit. Es heisst nicht umsonst Friedensdienst, den ich hier mache. Wir Freiwilligen in der gesamten Welt leisten einen Betrag dazu, dass unsere Welt friendlicher mit weniger Leid wird. Laurin und ich gehoeren hier in San Antonio sozusagen zu einem Teil der Hoffnung, die die Obdachlosen benoetigen und sie davor schuetzen zu resignieren. Ich bin froh, dass ich diese Moeglichkeit anstelle des Militaerdienstes gewaehlt habe und somit nicht unbedingt in die Situation kommen muss eine Waffe gegen einen Menschen zu richten.

Was mache ich hier eigentlich?

Wir haben verschiedene Aufgabenbereiche, die woechentlich zwischen uns Freiwilligen (zur Zeit sind wir 4) wechseln.

Familienbetreuung: Wir nehmen momentan bis maximal 4 Familen (eine Familie bedeutet, mindestens ein Elternpaar mit Kind) auf, die im Catholic Worker House eine temporaere Unterkunft finden koennen. Jeder von uns hat eine Familie fuer die er zustaendig ist und fuer die man Hauptansprechpartner ist. Gemeinsam mit ihnen haben wir jede Woche ein grosses Family meeting und zusaetzlich einzelne Meetings, wo wir woechentlich Probleme besprechen und neue Ziele setzen. Diese Ziele dienen der Motivation und dem Ansporn, in ein eingenes selbststaendiges Leben zurueckzufinden. Dementsprechend sind die Ziele haeufig ein Arbeit zu finden, das Kind wieder in einen regelmaessigen Schulalltag zu integrieren, Behoerdensachen zu erledigen oder eine eigene Wohnung zu finden. Desweiteren kochen wir werktags fuer die Familien das Abendessen, welches wir dann alle gemeinsam essen. Das Kochen wechselt jeden Tag, sodass jeder mindestens einmal in der Woche verantwortlich ist.

Soup kitchen: Seit einigen Wochen oeffnen wir jetzt auch 4 Mal in der Woche die Suppenkueche (da wir ja jetzt mehr FW sind). Jeder Beduerftige findet hier neben einem Donut-Fruehstueck ab 8.30 Uhr auch eine warme Mahlzeit zum Mittag und natuerlich auch Gespraechspartner und Zuhoerer fuer ihre Geschichten. Die Anzahl unserer Gaeste variert zwischen 40 und 70. Diese starken Schwankungen haengen mit dem Monatsanfang zusammen, wenn viele ihre staatliche Unterstuetzung erhalten haben. In der Soup-line ist es aehnlich wie bei der Essensverantwortlichkeit am Abend. Jeder ist einmal in der Woche der Kuechenchef und entscheidet was gekocht wird und wer welche Aufgaben zu erfuellen hat.

Office Work: Die Bueroarbeit umfasst im wesentlichen die Herausgabe von Kleidung und nuetzlichen alltaeglichen Utensilien (z.B. Seife, Shampoo, Rasierer, Zahnpasta und Zahnbuerste…) an die Obdachlosen. Weiterhin ist man verantwortlich fuer die kleineren anfallenden Bueroarbeiten, wie dem Abhoeren des Anrufbeantworters und dem Zurueckrufen, sowie dem Sortieren der Post. Bevor wir eine Familie aufnehmen, fuehren wir zunaechst ein telefonisches Interview und spaeter ein weiteres persoenliches vor Ort.

weitere Aufgaben:

Recycling: Es ist nahezu unvorstellbar, aber einige Amerikaner haben doch einen Sinn fuer Umweltschutz (Stichwort Kyoto-Protokoll). Wir sammeln jede Woche alles moegliche zusammen und bringen es einmal in der Woche an das andere Ende der Stadt zu einem Recycling Unternehmen.

Diggin’ Soup: Dies ist wohl eine der nicht so angenehmen Aufgaben von uns. Wir sammeln naemlich nicht nur Woche fuer Woche recyclebare Sachen, sondern werfen auch die Bioabfaelle separat weg. Wenn die Abfalleimer voll sind gehen wir auf das praechtig wachsende Feld (einige Meter weg von unserm Wohnhaus), buddeln ein riesiges Loch und kippen dort das oft bereits lebende und zum Wuergen anregende, alte “Essen” rein *lecker*!

Whole Foods: Ein riesiger Supermarkt spendet uns jeden Montag einige Tueten voll Essen, vorwiegend ist es Brot und Donuts. Die Aufgabe besteht darin, einfach nur die Sachen abzuholen und im Catholic Worker House einen geeigneten Platz in den Kuehlschraenken zu finden. Das uebrig bleibende Brot (wir benoetigen oft nicht alles) bringen wir dann zu einem anderen Obdachlosen-Shelter, ebenfalls Eastside von San Antonio.

Workdays: Einmal im Monat arbeiten wir samstags unter anderem an unserm neuen Day House weiter, was in naher Zukunft mal die Soup-line Area sein soll. Weiterhin fallen Arbeiten auf dem Grundstueck an, wie Unkraut entfernen sowie kleinere Reparaturen. Dabei haben wir in der Regel stets Outside Volunteers, wie Collegestudenten, die uns bei unserer Arbeit unterstuetzen.

Und dann halt noch andere kleinere Aufgaben, die bei den bereits genannten mit inbegriffen sind, wie Volunteer meetings, Essen kaufen, Kleidung sortieren, Interviews vorbereiten, beim Ein- und Auszug helfen.

Langsam merke ich auch, dass ich in den USA angekommen bin. Hierzu gibt es bisher 2 einschneidene Erlebnisse, die fuer Andere eventuell normal erscheinen moegen, fuer mich allerdings schon etwas Besonderes waren. Zum einen mein erstes Essen auf amerikanischen Boden. Laurin, Juergen und ich waren total ausgelaugt von dem langen Tag und wollten eigentlich nur noch ins Bett fallen. Allerdings zwingte uns der Hunger fuer eine weitere Stunde munter und aufmerksam zu sein. Da sassen wir nun bei McDonald’s und ich biss in den (eigentlich nicht so lecker aussehenden) Burger und war einfach nur froh. Ein kleiner Schauer ueberkam mich und ich fuehlte tausende von Glueckshormonen durch meinen Koerper sausen. Die andere Situation war erst vor einigen wenigen Wochen. Ich holte mit J. die Montagsspenden von einem Supermarkt ab und J. lud mich im Anschluss noch auf einen Café ein. Auf der Rueckfahrt hockte ich mit meinem heissen Café-to-Go in unserm Chevrolet mitten auf dem sechsspurigem Highway, Countrymusik ertoente aus dem Radio und die San Antonio Skyline erhebte sich aus der aufgehenden Sonne - einfach nur genial!

Sport steht bei uns hier nahezu taeglich auf dem Plan. Ich gehe regelmaessig zur University of the Incarnate Word, wo wir kostenlos die Sportangebote nutzen koennen und so oft es geht auch zum Trinity College, wo ich mit S. hin und wieder beim Frisbee (ja, das ist ein richtiger Sport) mitspiele. Es ist echt der Wahnsinn, was die Universitaeten hier in den USA beim Thema Sport zu bieten haben. Jede Universitaet hat ihr eigenes Fitnesscenter, Schwimmbad, Baseball-, Footballfield, Tennis-, Fussball- und Basketballplatz. Letzeres macht mir besonders Spass, da man hier auch hin und wieder die Chance hat, mit den Auswahlspielern der Universitaet zu spielen und vielleicht sogar das Ein oder Andere zu lernen. Wenn man sich das so ueberlegt, was die Universitaeten ihren Studenten zum Ausgleich bieten, kann man eventuelle auch verstehen, warum die normalen Studiengebuehren hier bei $5000 pro Semester liegen.

Vor einigen Wochen haben wir einen kleinen Vortrag in einer katholischen Schule gehalten, wobei wir das Catholic Worker House repraesentierten. Als Dankeschoen schenkte uns die Lehrerin Tikets fuer ein NBA Game der San Antonio Spurs. Wir waren mittlerweile bereits 2 Mal bei “unserer Mannschaft” und haben eifrig mitgefiebert. Das erste Mal hatten wir $225/Person-Karten und sassen deshalb auch in der vierten Reihe. Das war ein so geniales Erlebnis! Wir konnten nahezu verstehen, was der Coach in den Timeouts zu seinen Spielern sagte und was Tim Duncan und Tony Parker darauf antworteten. Zum perfekten Tag haette nur noch ein Treffen mit Parker’s Verlobten Eva Longoria gefehlt :-). Das war wirklich super, aber auch hier hat man gesehen, dass in den USA alles nur auf Entertainment und Konsum hinauslaeuft. Ich will jetzt nicht sagen, dass das schlecht ist (macht ja alles Spass), allerdings ist dies wirklich etwas, was einem sofort auffaellt.

Es ist auch noch garnicht so lange her (es war die Zeit, als Pascale hier war), als wir voellig ueberrascht vor einem Plakat in der Trinity-Mensa stehen blieben, welches die Aufschrift hatte :” Former german chancellor Gerhard Schroeder comes!”. Es war unglaublich, da muessen wir nach San Antonio gehen um einen Vortrag von unserm Altkanzler zu hoeren. Natuerlich gingen wir hin und lauschten seiner (teilweise in Englisch, teilweise in Deutsch) Rede ueber den Klimawechsel und den Gefahren eines weiteren Krieges im Iran. Laurin und ich koennen nun sogar sagen, dass wir eine kleine Konservation mit ihm gefuehrt haben. Am Ende ging er bei uns vorbei und wir begruessten ihn mit “Hallo Herr Schroeder!”, worauf auch er ueberrascht “Hallo!” sagte – toll!

Leider habe ich bisher allerdings nicht nur gute Erlebnisse gehabt. Gleich in der 2. Woche unseres neuen Lebens in San Antonio ist E. G. verstorben. Sie war nicht nur eine der Mitgruenderinnen des Catholic Worker Houses in San Antonio, sondern auch eine der ersten Freiwilligen. Sie war sozusagen die Mutter des ganzen hier und fuer viele eine kaum wegzudenkender Freund. Ich habe leider nie die Chance gehabt sie zu treffen, doch von vielen Erzaehlungen muss sie eine beeindruckende Frau gewesen sein, die sich aus vollster Ueberzeugung all die Jahre fuer das Catholic Worker House engagierte. Sie war unter anderem fuer die psychische Betreuung der Freiwilligen da und half wann immer sie konnte in der Soup-line aus. Es ist schon erstaunlich – obwohl ich diese Frau nie getroffen habe, ihr nie in die Augen schaute und nie ein Wort mit ihr gewechselt habe, hat mich die Beerdigung doch tief in der Seele beruehrt und mir kam nicht nur eine Traene, als ich die Erinnerungsgeschichten von ihr, ihrer Familie und deren gesamtes Engagement hoerte. Es scheint, als ob ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Catholic Worker House und dessen Community identifizierte und mich als einen Teil des Ganzen sah, der den Schmerz gemeinsam teilt.

Moege E. in Frieden ruhen und ihre Seele einen Platz in Gottes Reich finden!

Mein Internationaler Fuehrerschein, den ich kurz vor der Ausreise noch in Deutschland gemacht habe, bringt mir hier in den USA leider nicht viel. Aufgrund unserer Autoversicherung, die keine auslaendischen Fuehrerscheine akzeptiert, musste ich erneut den texanischen machen. Die Pruefung war ein Kinderspiel. Es ist tatsaechlich so, wie man es immer hoert – ich musste einen 26 Fragen-Katalog am Computer bearbeiten und mich im Anschluss in unser Projektauto setzen und auf den Pruefer warten. Der kontrollierte kurz die technische Fahrtauglichkeit und die Versicherung des Autos und dann ging es los zur 5 Minuten-Praxis-Pruefung. Diese bestand aus einem Fahren in der Nachbarschaft, einem seitlichen Einparken und einigen anderen kleinen Manoevern, wie der Gefahrenbremsung, und dem Rueckwaertsfahren. Nach dem erfolgreichen Bestehen wurde noch ein Spontanfoto von mir gemacht, Fingerabdruecke genommen und dann wurde ich auf die amerikanischen Strassen losgelassen. Seit dem erkunde ich San Antonio jetzt auch mit dem Auto und muss sagen, dass sich jeden Tag neue Strassenkombinationen in meinem Kopf verankern. Diese Stadt ist eine, bei der man tatsaechlich ueber 45 Minuten in eine Richtung fahren kann und immernoch in San Antonio ist. Es ist erstaunlich, wie riesig diese Stadt ist, obwohl sie lediglich “nur” 1,3 Mio Einwohner hat. Die Strassenregeln sind hier in den USA schon ein wenig anders als in Deutschland. Hier gibt es zwar auch die Rechts-vor-Links Regel, allerdings wird es im Alltag so gehandhabt, dass derjenige als Erster fahren kann, der auch der Erste an der Kreuzung ist. Auf den Highways herrscht eine aehnliche konfuse Unordnung – es stoert hier keinen, wenn rechts ueberholt wird und man damit nicht nur mit dem eigenen Leben spekuliert. Dies ist teilweise ein wenig verunsichernt und man sollte hier schon eher 3 oder 4 Mal kontollieren, wenn man ein Strassenmanoever macht.

Als Freiwilliger in einem Catholic Worker House und vorallem aber auch als Christ, ist es fuer mich selbstverstaendlich in die Kirche zu gehen. Bei E. Beerdigung haben wir J. kennengelernt, der bereits seit mehreren Jahren das Catholic Worker House mit den anfallenden Telefon- und Internetkosten unterstuetzt. Er zeigte mir verschiedene katholische Kirchen in San Antonio und wir gehen meistens gemeinsam an feierlichen Tagen, wie der Osterzeit, in eine katholische Kirche. Am Ostersonntag waren wir beispielsweise in der aeltesten noch aktiven Kathedrale Nordamerikas (Cathedral of San Fernando). Wir 4 Freiwilligen gehen ansonsten haeufig in die mennonitische Kirchengemeinde von San Antonio, die aehnlich zu den Brethren ist. Es ist unglaublich wie sich die Gemeindemitglieder untereinander unterstuetzen und fuereinander da sind (Laurin hat beispielsweise letzte Woche Corn Rows von einem Friseur bei uns bekommen und wir alle drei passten als Dankeschoen einen Nachmittag auf seine Kinder auf). Nun kommt mein erster Rundbrief aus den Vereinigten Staaten von Amerika auch schon zum Ende. Ich moechte mich bei meinen Unterstuetzern, die aus privatem, beruflichen und politischen Ebenen kommen bedanken. Ich freue mich riesig ueber Ihre Unterstuetzung, ohne Sie waere mein Dienst wohl nicht moeglich gewesen. Danke fuer Ihr Interesse an meinem Dienst und nun auch an meinen Berichten. Viele liebe Gruesse aus dem San Antonio Catholic Worker House

Euer Martin / Martin Anderson

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht:

Raphael schrieb am 28.10.08 um 23:53 Uhr:
Hallo,
habe eine frage zu deinem aufenthalt in den USA. Hast du dort viel mit einheimischen Menschen zutun? Oder sind dort viele Deutsche und oder Menschen aus anderen Nationen?

Würde mich sehr freuen, wenn du mir back schreiben könntest:
Bitte Antwort an:*deleted*

Vielen dank im vorhinaus und liebe Grüße
Raphael

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