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Erfahrungsbericht - Rumänien

Autor: Heidi Nitzsche
Projekt: Chance for Life
Träger: EIRENE International 

Du hast fragen? Schreibe Heidi Nitzsche eine Email!



Rundbrief - März 2005


Buna ziua, Guten Tag …

Da ist er - mein erster Rundbrief. Er hat schon viel erlebt! Einige Teile habe ich aus Versehen geloescht. Er fuhr per Disskette durch halb Bukarest und jetzt schicke ich ihn uebers Internet oder per Post direkt in Deine/ Ihre Wohnung. Und ich packe auch ein paar Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher (natuerlich auf rumaenisch) dazu. Der Fruehling hat mich heute auf dem Weg zur Arbeit begleitet. Ich hoffe, er ist auch in Deutschland angekommen!

Querbeet beschreibe ich meine ersten Eindruecke und Erlebnisse in Rumaenien. Pickt Euch einfach heraus, was Euch interessiert.

1. Arbeit

A) Placement CenterVidra - "Nu imi place scoala!"

B) Forumtheater - "Hai-di, hop- top, in capitala…!"

2. Wohnen - Stuckdecke und Eckbadewanne

3. Sprache - " Ich muesse fahren ganze weit ueber."

4. Hunde

5. Kultur

A) Wie in der DDR …

B) Maennerfreundschaften und rosa Handtuecher…

6. Leben


1. Arbeit

A) Placement Center Vidra - "Nu imi place scoala!" (Mir gefaellt die Schule nicht!)

Das hat Michel an die Tafel geschrieben. Er hat freitags keine Lust auf Lernen. Michel wohnt im Vidra Placement Center. Das Kinderheim, in dem 46 HIV-infizierte und AIDS-kranke Kinder wohnen, befindet sich in Vidra, eine Autostunde von Bukarest entfernt. Unser Projekt "Chance for Life" betreut 12 dieser Kinder. Momentan unterrichten 2 Lehrerinnen die grosse und die juengere Gruppe in Mathematik, Rumaenisch und Geschichte. Ehrenamtliche Mitarbeiter unterstuetzen die Kinder bei ihren Aufgaben und beschaeftigen sie 1-2 Stunden bis zur Mittagszeit. Ich fahre fast taeglich nach Vidra, spiele und bastle mit den Kindern oder unterrichte Englisch. Mit meinen knappen Rumaenischkenntnissen macht das Spieleerklaeren besonders viel Spass…. Oft nehme ich auch an Ausfluegen, Theaterbesuchen oder dergleichen teil. Ich bin fuer die Kinder da und versuche ihren Beduerfnissen entgegen zukommen, soweit ich das kann. Sie brauchen Ermutigungen und Wertschaetzung. Durch ihr Aufwachsen im Krankenhaus und im Heim zeigen alle Kinder mittlere bis starke Verhaltensauffaelligkeiten.

Mihai, z.B. flippt voellig aus, als das Bild, was ich ihm malen sollte, nicht seinen Vorstellungen entsprach. Er zerreisst es, wirft es aus dem Fenster und zertritt seine Walkmankopfhoerer. Elena ist haeufig traurig und still. Gestern berichtete sie mir aber voller Begeisterung, dass sie sich soooo sehr auf unseren Circusbesuch freut. "Imi place scoala". Mir, Heidi, gefaellt die Arbeit in der Schule, weil sie mich herausfordert, erlernte Interventionsmoeglichkeiten anzuwenden, weil die Kinder auch lustig und nett sind … und weil ich sie mag.

Beim ersten Besuch im Vidra Center spuerte ich einen dicken Klos im Hals. Ich ging durch das gruene Eisentor und musste beim Pfoertner meinen Personalausweis abgeben. Das Haus hat unverstaendlicherwiese im Obergeschoss Gitter an den Fenstern und im Aufenthaltsraum stehen nur ein paar abgenutzte "DDR-Stuehle". Ein Junge zeigte mir sein Zimmer: weisse Waende und drei Doppelstockbetten; keine Bilder, keine persoenlichen Dinge. In einem Maedchenzimmer sah es etwas wohnlicher aus. Poster von EMINEM schmueckten die Wand. Draussen auf dem Hof rannten fuenf Strassenhunde umher. Die Kinder kuemmern sich um sie.

Im Kinderheim Vidra aufzuwachsen, bedeutet fuer die Kinder, Isolation von "normalen Leben" anderer Teenager in Familien und in der Stadt. In dem kleinen Dorf Vidra ist fuer mich jedoch auch das schoene "andere, laendliche Rumaenien" erlebbar! Sauberere Luft als in der Bukarester Innenstadt gibt es hier auf jeden Fall. Waherend ich darauf warte, mich in ein Maxitaxi nach Bukarest zu quetschen, sehe ich oft beladene Pferdewagen ueber die Pflasterstrasse fahren.

B) Forumtheater -"Hai-di, hop- top, in capitala…"

Nein, ich bin hier nicht gemeint. "Los, hop-hop, in die Hauptstadt..." ist in einem Schauspielskript zu lesen. Fuenf Teenager aus Vidra und vier Jugendliche aus anderen NGOrganisationen spielen zusammen Forum-Theater. Angeleitet werden sie von zwei Schauspielerinnen aus dem "Ion Creanga" Kindertheater. Ich begleite sie 2-3 mal woechentlich zu den Proben. Was meint Forumtheater? Direkt nach der Aufuehrung in Schulen und oeffentlichen Plaetzen diskutieren die Akteure mit dem Publikum ueber das Gesehene. Die Zuschauer koennen sich aktiv einbringen und ihre bessere Loesungsvariante spielen. Unser Forumtheater thematisiert "Diskriminierung gegenueber Rumaenen aus Moldavien"(Nordoestliche Region in Rumaenien). Unsere Zeit ist zwar mit haufigen Proben gefuellt, aber die Kids haben Spass daran. Sie entdecken neue Talente. Marcia staunt, wie gut sie pantomimisch "Schminken" darstellen kann.

Wie die Arbeit mit den Kindern in Vidra begonnen hat, welche Ziele "Chance for Life" damit verfolgt und welche Veraenderungen passieren werden; all das habe ich schon fleisig fuer unseren Newsletter ins Deutsche uebersetzt. Leider funktioniert dieser Teil der Homepage grad nicht! Alle Interessenten sollten dennoch unsere Seite besuchen: www.chanceforlife.ro.

2. Wohnen - Stuckdecke und Eckbadewanne

Nie haette ich erwartet, dass wir in Rumaenien so komfortabel leben wuerden. Wir wohnen im Block, wie ca. 65% aller Bukarester. Aber wir haben weisse Waende, Stuck an der Decke und Eckbadewanne! Zusammen mit Maria, einer rumaenischen Studentin und Fritjof, ebenfalls Eirenefreiwilliger, erfreu ich mich gemuetlicher WG-Gespraeche, unerledigter Putzplaene und Obermieter, die taeglich Muell aus dem Fenster werfen. In Bukarests Hauptstadt kann man natuerlich auch anders wohnen. Ich habe schon Studentenwohnheime besucht mit Eisenbett und Gaskocher auf dem Fussboden, oder eine 2-Zimmer-Studenten-WG, die sich 8 Personen teilen. Ich war in grossen hellen Wohnungen, ebenso wie in Lehmhuetten auf dem Feld, ausserhalb der Stadt. Dort holen die Romafrauen ihr Trinkwasser vom Wasserhahn auf der Strasse. Ueberall in der Stadt kann ich alte Menschen oder (Strassen)Kinder treffen, die auf dem Buergersteig oder auf der Parkbank "wohnen".

3. Sprache " Ich muesse fahren ganze weit ueber."

So sieht derzeit mein Niveau der Kommunikation aus! Ich liebe die rumaenische Sprache, sie klingt in meinen Ohren wie eine Mischung aus Italienisch und Russisch. Sitze ich in der U-bahn, dann nutze ich haufig die Zeit zum Vokabellernen. Aber ich bin noch ziemlich am Anfang. Hauefig "lausche ich hochkonzentriert" auf die Unterhaltungen, um den Sinn zu verstehen. Die "muendliche Sprache" erscheint mir so bedeutend wie kaum zuvor. Manchmal bin ich stolz, viel verstanden zu haben, andermal regt es mich auf, "daneben" zu sitzen. Dann ich fuehle mich, als nehme ich nicht wirklich am Alltagsgeschehen teil. Wenn meine Kids, die Nase ruempfen, weil ich wiedermal die falsche Grammatik angewendet habe, kann ich nicht immer locker drueber lachen! Manchmal zaehle ich heimlich bis zehn, bis ich Mut habe, an der Haltestelle jemanden nach dem Weg zu fragen.

4. Hunde

Ach noe, ich habe keine Angst vor Hunden! Aber mein Respekt vor ihnen hat stark zugenommen. Erstens gibt es hier in Bukarest anscheinend tausende Strassenkoeter, die gern Passanten anklaeffen. Zweitens hatte ich gleich zu Beginn meiner Zeit ein praegendes Erlebnis mit Hunden: Beim Sonntagsspaziergang mit Sarah, Eirenefreiwillige in Fagaras, wanderten wir unwissend auf einem Privatgelaende. Zwei grosse Koeter verscheuchten uns mit Klaeffen und ca.10 Bissen in Sarahs Waden! Wir hatten Glueck im Unglueck. Sofort kam eine Nachbarfamilie zu Hilfe. Der Vater desinfizierte Sarahs Wunde mit Tuica (selbstgebrannter Schnaps). Nachmittags lernte ich noch das Fagaraser Krankenhaus kennen, wo Sarah eine Spritze bekam. Seit diesem Sonntag schlage ich grosse Boegen um Strassenhunde!

5. Kultur ...

A) Wie in der DDR …

Im Internet wird Bukarest (1, 94 Mio Einw. (2001); 7% erwerbslos; 13% unter 15 J.) als das "Paris des Balkans" beschrieben. Ich war noch nie in Paris und kann keine Vergleiche anstellen. Solche Unmengen an Wohnblocks, Mitte der 80er Jahre erbaut, existieren in Paris sicherlich nicht. Die U-bahnstationen, die Spielplatzgeraete, die Statuen von "Helden der Arbeit…etc.", die Reklamebuchstaben an einigen Geschaeften erinnern mich in ihrem "Design" stark an DDR-Flair. Die Hoeflichkeit, Kleidungsstil, Putzfimmel der Frauen mittleren Alters - genauso habe ich auch die DDR-Mitbuerger meiner Kindertage in Erinnerung. Gleichzeitig treffe ich aber auch auf die neue westliche Konsumwelt. Mehr und mehr (auslaendische) Supermaerkte wie "carrefour", und bald auch "Kaufland" spriesen aus dem Boden. Outfit und Verhalten der Grossstaedter unterscheiden sich auf dem ersten Blick kaum von anderen europaeischen Metropolen.

B) Maennerfreundschaften und rosa Handtuecher

Als Auslaender erscheint mir dennoch vieles fremd. Ich beobachte viel, um besser verstehen zu koennen. So faellt mir z.B. auf, dass hier Maenner in der Oeffentlichkeit viel haeufiger unter sich sind als in Deutschland: In Gruppen zum Biertrinken und Schachspielen, zu zweit in der Stadt oder in oeffentlichen Verkehrsmitteln. Mir scheint sie pflegen Maennerfreundschaften intensiver als in Deutschland. Im taeglichen Leben aendert sich mein bisheriges Bild ueber "die" Rumaenen. Anders als erwartet, habe ich z.B. sehr selten unter Unpuenktlichkeit leiden muessen.

An einem orthodoxen Gottesdienst habe ich vor zwei Wochen teilgenommen. Sehr viel verstanden habe ich nicht, aber die Kirchgaenger beobachtet: Viele alte Frauen, oder Muetter mit einer Horde Kinder, … .Nach dem Gottesdienst koennen sich die"Beduerftigen", Lebensmittel aussuchen, die alle Kirchbesucher zusammengetragen haben. Allzuviel weiss ich noch nicht ueber die orthodoxe Froemmigkeit. Die rosa Handtuecher haben mich z. B. verwundert: Traditionell zieht die Trauergemeinde hinter dem Sarg her, der auf einem Auto oder Pferdewagen transportiert wird. Alle Autospiegel sind mit einem rosa Handtuch verbunden. Ich vermutete, dass das der "billige"Ersatz fuer den Trauerfloor sei. Eine Kollegin erklaerte mir jedoch, dass die Trauergemeinde ihr Gesicht in einem beosnderem Wasser waescht. Dafuer brauchen sie die rosa Handtuecher. Aha!

6. Leben

Die Menschen.

Sei es in der Strassenbahn, mit einem Fremden, der mir begeistert erzaehlt, dass seine Freunde auch in Deutschland sind - im Gefaengniss; Seien es Gleichaltrige, mit denen ich mein Interesse fuer Kunst und Theater teile oder die alte Dame auf dem Dorf Vidra, die mir von ihren Garten erzaehlt - ich mag die Rumaenen! (ausser den Typ, der mein Handy gestohlen hat!!!) Sie strahlen Lebensfreude und Lebendigkeit aus.

Das Essen.

Mamaliga cu Smantana (Maisbrei mit saure Sosse) Salate de Vinete, (Auberginensalat), selbstgemachter Wein… Hm, foarte bine. Am meisten geniesse ich es ueber Maerkte zu schlendern. Dort haben die Haendlern Gemuese und Obst zu kunstvollen Pyramiden aufschlichtet. Mit dieser Farbenvielfalt und Natuerlichkeit kann keine Supermarktathmosphere konkurrieren.

Als Auslaender.

Im Kreise meiner Kollegen und deren Freunde, der Kids auf Arbeit, Marias Freunden und Leuten aus den Gemeinden, die ich besucht habe, wurde ich herzlich aufgenommen. Die Rumaenen sind Auslaendern gegeueber sehr offen und sehr interessiert. Jeder kennt hier Friedrich Nietsche (auch die Dame auf dem Amt, die meinen Visum deswegen aber auch nicht schneller bearbeitet!!!).Viele moechten wissen, wie das Leben in Deutschland verlaeuft. Ich kann es ihnen erzaehlen und dabei merke ich, dass mein distanziertes Verhaeltnis zur deutschen Nationalitaet abnimmt.

Weil ich bisher nur die rumaenische "BILD" die "Libertate" gelesen, kann ich noch nicht viel ueber politische oder internationale Ereignisse schreiben. Ich sehe nur taeglich die Werbeplakate. Kandidaten mit Shampooflaschen bewerben sich fuer das Buergermeisteramt. (Sinngemaesser Werbespruch: 'Wuerden wir alles Geld, was wir fuer Steuern zahlen in den Strassenbau investieren, koennten wir sie mit Shampoo reinigen!')

Seid lieb gegruesst von

Haidi

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